Die neuen Herrscher

Lyon Sprague de Camp/P. Schuyler Miller
Die neuen Herrscher

Originaltitel: Genus Homo (im Magazin: Super Science Fiction Stories 03/1941; als Buch: Reading/Pennsylvania : Fantasy Press 1950)
Deutsche Erstausgabe: 1961 (Arthur Moewig Verlag/Terra Sonderband 40)
Übersetzung: N. N.
95 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1980 (Erich Pabel Verlag/Utopia Classics 13)
Übersetzung: Horst Hoffmann
Cover: Nikolai Lutohin
161 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

Auf einer Busfahrt durch den US-Staat Pennsylvania werden 28 Menschen gänzlich unterschiedlicher Herkunft während einer Tunnelfahrt Opfer eines Autounfalls. Einer der Passagiere transportierte im Gepäck ein neu entwickeltes Gas, das beim Aufprall entweicht und alle Insassen in eine Art Winterschlaf versetzt, der mehr als eine Million Jahre dauert.

Als sie erwachen und sich zur Oberfläche durchkämpfen, finden sich die Männer und Frauen auf einer gänzlich veränderten Erde wieder. Unberührte und schier unendliche Wälder umgeben sie, und bewohnt werden diese von seltsamen Kreaturen. Riesen-Fledermäuse, bärengroße Nagetiere oder halbintelligente Ratten sind immerhin friedlich, während groteske Räuber schnell die Anzahl der überraschten und entsetzten Neuankömmlinge vermindern.

Nach internen Auseinandersetzungen raufen sich die Überlebenden zusammen. Sie arrangieren sich mit ihrer Situation ab, konstruieren Waffen, lernen Beute zu machen und sich zu verteidigen. Außerdem suchen sie nach einem Ort, an dem sie, die in einer menschenfreien Zukunft gestrandet sind, sich niederlassen und ein neues Leben beginnen können.

Aber die Gruppe ist durchaus nicht unbemerkt geblieben: Zwar ist die menschliche Zivilisation untergegangen, doch andere, intelligent gewordene Wesen sind an ihre Stelle getreten: Affen, die zunächst nicht gewillt sind, die ‚Konkurrenz‘ aus der Vergangenheit freundlich aufzunehmen. Die Menschen drohen zwischen den Schrecken der Wildnis und den neuen Herrschern der Erde aufgerieben zu werden. Um dies zu verhindern und ihren Platz in dieser seltsamen Welt zu finden, müssen sie sich etwas einfallen lassen …

Der Mensch als Episode der Weltgeschichte

1967 drehte Franklin J. Schaffner für das Hollywood-Studio „20th Century Fox“ und mit Charlton Heston in der Hauptrolle den Film „Planet of the Apes“ (dt. „Der Planet der Affen“) – ein Klassiker nicht nur des Science-Fiction-Films, sondern auch ein Blockbuster, der vier weitere Teil erfuhr, im Fernsehen fortgesetzt und 2001 neu verfilmt wurde. Als Romanvorlage für das Drehbuch von Michael Wilson und Rod Serling diente „La planète des singes“, ein Roman des französischen Schriftstellers Pierre Boulle (1912-1994), der 1963 veröffentlicht wurde.

Allerdings weisen Roman und Film eher oberflächliche Ähnlichkeiten auf. Boulles Werk gilt als gelungene Analogie, die am Beispiel einer von Affen dominierten Zukunft ironisch die durch menschliches Versagen gekennzeichnete Gegenwart widerspiegelt. Tatsächlich wirkt der Film von 1968 ‚realistischer‘ und sehr ‚amerikanisch‘; die Analogie weicht dem Abenteuer, und der Besucher aus der Vergangenheit meistert mit viel Entschlossenheit, Pioniergeist und Waffengewalt sein Schicksal in einer vor allem feindlich wirkenden Welt.

Von vornherein einem bodenständigen Plot folgten L. Sprague de Camp und P. Schuyler Miller lange vor Boulle in ihrem Roman „Die neuen Herrscher“. 1941 erschien dieser erstmals in Ausgabe Nr. 7 des Magazins „Super Science Stories“, neun Jahre später wurde die Buch-Erstauflage veröffentlicht. Es gibt Übereinstimmungen zwischen de Camp/Miller und Boulle. Stimmungsmäßig erinnern „Die neuen Herrscher“ sogar stärker an den späteren Erfolgsfilm. Von einem Plagiat kann und möchte man jedoch keinesfalls sprechen, sondern von einer Erscheinung, die in der Biologie Konvergenz genannt wird: Ideen entstehen manchmal unabhängig voneinander und können zu frappant ähnlichen Ergebnissen führen.

Buntes Abenteuer vor bedrohlichem Hintergrund

„Die neuen Herrscher“ sind keine Literatur, sondern ‚nur‘ Unterhaltung. De Camp & Miller spannen ihr Garn ursprünglich für eines der unzähligen „Pulps“, die in den USA das Pendant zum deutschen Groschenheft darstellten. Die Story ist deshalb vor allem rasant, zerfällt aber in zwei eher schlecht als recht miteinander verbundene Abschnitte, was der Magazin-Herkunft geschuldet ist: „Die neuen Herrscher“ mussten Fortsetzung für Fortsetzung einen separaten Spannungsbogen bieten. Die daraus resultierende Struktur ließ sich der Geschichte für die Buch-Veröffentlichung nicht mehr austreiben.

Die Figurenzeichnung bedient sich intensiv zeitgenössischer Klischees. Männer sind im Kern harte Kerle, und Frauen sorgen sich auch in einer mutationsbevölkerten Zukunft vor allem um ihren guten Ruf und suchen nach Mr. Right. Allerdings kann und muss differenziert werden. De Camp & Miller erzählen einerseits gekonnt eine spannende Geschichte, während sie andererseits keineswegs auf Subtext verzichten: „Die neuen Herrscher“ entstanden in einer düsteren Epoche der US-amerikanischen Geschichte. Im Frühjahr 1941 begann sich abzuzeichnen, dass der Eintritt der bisher neutralen USA in den II. Weltkrieg nur mehr eine Frage der Zeit war. Noch war keineswegs klar, wie dieser ausgehen würde; in Europa waren die Nazis, in Asien die Japaner auf dem Vormarsch: Sie konnten die neuen Herrscher der realen Welt werden!

1941 waren die seltsam veränderten Kreaturen der Zukunft die üblichen Monster: Schreckgespenster, die der Unterhaltung dienten. 1950 wirkte dieser Aspekt deutlich finsterer: Die inzwischen erfundene und bereits eingesetzte Atombombe konnte nicht nur den Feind vernichten, sondern drohte sich schon gegen ihren Meister zu wenden. Wenn Ungeheuer in der Populärkultur nunmehr ihr Unwesen trieben, waren sie durch radioaktive Strahlung entstandene Mutanten, und sie suchten nicht selten eine Welt heim, in der die Menschheit sich ausgerottet hatte.

Pioniergeist plus Wissenschaft

Was auch als Warnung vor einer ihre Grenzen allzu unbekümmert auslotenden Wissenschaft verstanden wurde, blieb von de Camp & Miller ungehört. Die Frage nach der Ursache des Untergangs bleibt offen. Die Überlebenden sehen ihr Heil in genau jener Wissenschaft, der sie ihr Schicksal und die Erde ihre Zukunft ‚verdankt‘. In dem Bus, der quasi durch die Zeit fällt, waren diverse Forscher auf der Fahrt zu einem Kongress. Bei einem Unfall entwich einem das (nur in der Trivial-SF ohne Nebeneffekte) wirksame Gas, das den Jahrhunderttausende währenden Schlaf verursachte.

Cover der dt. Erstausgabe

In der zivilisationslosen Zukunft nehmen zunächst Männer der Tat das Heft in die Hand. Sie sorgen dafür, dass die Gruppe sich die Mägen füllen und sich bewaffnen kann. Aber als die intelligenten Affen sie in ihren Zoo sperren, ist der Punkt gekommen, an dem die Intelligenz obsiegt: Nicht Ausbruch oder Kampf bringen den Menschen die Freiheit, sondern der wissenschaftlich dargebotene Beweis, dass Menschen keine Tiere sind.

Die Wissenschaftler der Gruppe schließen sich dafür mit T’Kluggl, dem Lehrer, und Tsugg Oof, dem Historiker, kurz. Die Kraft des Wissens überwindet durchaus existierende Vorurteile. De Camp & Miller sind in diesem Punkt wesentlich optimistischer und wohl auch naiver als Pierre Boulle und die Schöpfer Autor des „Planet-der-Affen“-Films. Eine Bewährungsprobe der vorsichtig begonnenen Ko-Existenz unterbleibt. De Camp & Miller ersetzen sie durch unterhaltsame Action und schmieden sie im Feuer einer kameradschaftlich geschlagenen Schlacht gegen gemeinsame Feinde, was letzte Vorbehalte ausräumt.

Die feindlichen Pfenmll sind erbarmungslose Eroberer und Invasoren. Der Gedanke liegt nahe, dass de Camp & Miller 1941 Nazis und Japaner und 1950 Sowjetrussen und Chinesen als mutierte Paviane auftreten ließen. Freilich dürften solche Intentionen unterbewusst und durch die zeitgenössischen Verhältnisse bedingt eingeflossen sein: „Die neuen Herrscher“ sind kein verschlüsseltes Manifest, sind weder Mahnung noch Warnung, sondern Lesefutter mit interessanten Untertönen.

Autoren

Lyon Sprague de Camp wurde am 27 November 1907 in New York City geboren. Der studierte Ingenieur gehört zu den Science Fiction- und Fantasy-Schriftstellern, die im sogenannten „Golden Age“ vor dem II. Weltkrieg ihre Karriere begannen; „The Isolinguals“, de Camps erste Story, erschien 1937 in der September-Ausgabe des legendären Magazins „Astounding Science Fiction“. In den folgenden Jahrzehnten entstanden Kurzgeschichten und Romane, in denen de Camp einen im Genre seltenen Sinn für echten Humor unter Beweis stellte.

De Camp beschränkte sich als Verfasser nie auf Science Fiction und Fantasy. Er stand fest im ‚richtigen‘ Leben, für dessen Mechanismen er sich leidenschaftlich interessierte. Sein Interesse richtete sich auf so unterschiedliche Gebiete wie Sozialgeschichte, Technik oder Mythologie. De Camp verfasste populärwissenschaftliche und gern gelesene Sachbücher über solche und andere Themen, die er sich nicht nur am Schreibtisch, sondern auf zahlreichen Reisen erarbeitete. Freilich gab es auch einen de Camp, der über angeblich ‚unmögliche‘ menschliche Leistungen der Vorgeschichte und eventuelle Hilfestellungen durch archäologisch oder historisch leider nicht aufgefallene Supermächte spekulierte.

Schon 1966 wurde L. Sprague de Camp als Ehrengast der „World Science Fiction Convention“ empfangen, 1978 mit einem „Nebula Award“ für sein Werk ausgezeichnet. 1997 gewann er im Alter von 90 Jahren einen „Hugo Award“ für seine Autobiografie „Time and Chance“. Nach einem langen, bis zuletzt aktiven und produktiven Leben starb Lyon Sprague de Camp wenige Tage vor seinem 93. Geburtstag am 6. November 2000. Über sein umfangreiches Werk informiert u. a. diese Fan-Site.

Peter Schuyler Miller (*21. Februar 1912) wuchs in der ländlich abgelegenen und gebirgigen Region des Mohawk Valley auf. Früh interessierte er sich für die Geschichte dieses Landes. Er entwickelte sich zu einem versierten Amateur-Archäologen und trat der „New York State Archaeological Association“ bei. Hauptberuflich war Miller in den 1940er Jahren für den Energiekonzern „General Electric“ tätig. 1952 wechselte er zur „Fisher Scientific Company“ in Pittsburgh, wo er bis zu seinem frühen Tod arbeitete.

Ab 1930 schrieb Miller Science-Fiction-Storys für die „Pulp“-Magazine dieser Ära. Seine Geschichten boten unterhaltsamen Lesestoff; zu den Großen des Genres gehörte Miller nie. Wesentlich stärker war sein Einfluss als Rezensent und Bibliograph. Schon bevor die SF salonfähig wurde, sammelte Miller entsprechende Hintergrundinformationen. Für seine Leistungen als Rezensent wurde er 1963 mit einem „Hugo Award“ ausgezeichnet. Am 13. Oktober 1974 ist P. Schuyler Miller im Verlauf einer seiner geliebten archäologischen Studienreisen gestorben.

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