Die Untoten von Veridon

Tim Akers
Die Untoten von Veridon

(sfbentry)
Originaltitel: The Dead of Veridon (Oxford : Solaris Books/Rebellion Publishing Ltd. 2011)
Übersetzung: Michael Krug
Deutsche Erstveröffentlichung: Dezember 2012 (Bastei-Lübbe-Verlag/Fantasy 20686)
334 S.
ISBN-13: 978-3-404-20686-5
Als eBook: Oktober 2012 (Lübbe Digital)
560 KB
ISBN-13: 978-3-8387-1940-5

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Das geschieht:

Obwohl er zu einer der prominenten Gründerfamilien der Hafenstadt Veridon gehört, ist Jacob Burn tief gefallen. Von seinem Vater, Mitglied des mächtigen Rates, wurde er verstoßen. Zum Kleinkriminellen heruntergekommen, hat es Burns sich sogar mit dem Gaunerkönig von Veridon, verdorben. In Gesellschaft seines eher waghalsigen als intelligenten Gefährten Grau Anderson schlägt sich Burn mit obskuren, stets gefährlichen Aufträgen durch, die niemand sonst übernehmen will. Aktueller Kunde ist der mysteriöse Erfinder Ezekiel Cranich. Für ihn soll Burn eine Ladung an die Fehn liefern. Diese seltsamen Symbionten beleben die Leichen derer, die im Wasser des Flussdeltas ertrinken, an dem Veridon errichtet wurde.

Wie er es befürchtet hat, wird Burn betrogen: Der Inhalt der Lieferung lässt die Fehn zu mordgierigen Zombies mutieren, die aus dem Wasser steigen und über die Bürger von Veridon herfallen. Für das daraus resultierende Blutbad wird Burn verantwortlich gemacht und eingesperrt. Ausgerechnet die Ratsfrau Angela Tomb, die nach einer missglückten Intrige nur noch mit Maschinenhilfe überleben kann, holt ihn aus dem Gefängnis – eine ‚Gefälligkeit‘, die selbstverständlich mit einer Gegenleistung zu entgelten ist.

Burn identifiziert Cranich als ein Mitglied der „Schöpfergilde“, die noch vor dem Rat über Veridon herrschte. Cranichs Sippe fiel einem grausamen Strafritual zum Opfer, für das der letzte Überlebende nun Rache fordert. Dank jahrzehntelanger Vorbereitung und unheimlicher Verbündeter ist Cranich stark genug, sich nicht nur mit dem Rat, sondern auch mit Veridons „Kirche des Algorithmus‘“ anzulegen. Er plant die Auslöschung der herrschenden Oberschicht, weiß aber nicht, dass er selbst nur noch Strohmann einer uralten Kreatur ist, die in einem Kerker tief unter den Mauern von Veridon auf die Gelegenheit für eigene Rache lauert …

Retro-Fantasy fast ohne Steampunk-Dämpfe

Veridon ist eine angenehm erdferne Fantasy-Welt. Zwar sind die Ähnlichkeiten zu einer irdischen Großstadt des frühen 19. Jahrhunderts deutlich. Autor Akers schäumt jedoch keineswegs Phantastik-Routinen auf, für die längst eine Schublade mit der Aufschrift „Steam-Punk“ existiert. Dieses Etikett wurde ursprünglich für eine Science Fiction geprägt, die in den Zukünften ‚alternativer‘ Vergangenheiten schwelgt, in denen keine Flugzeuge, sondern gewaltige Luftschiffe den Himmel beherrschen und die notwendige Energie per Dampfmaschine erzeugt wird.

Die Fantasy griff dieses Konzept auf; es bot sich als Ergänzung typischer Spannungselemente nicht nur an, sondern passte auch sonst ins Genre. Also zogen die erwähnten Luftschiffe jetzt auch an den Himmeln mehr oder weniger exotischer Welten ihre Bahnen, während auf dem Boden keine Wissenschaftler, sondern Magier, Ungeheuer und andere Grusel-Gestalten ihr unterhaltsames Unwesen trieben: Der Fantasy wird gern ein Quäntchen Horror beigemischt.

Auf den Dampf möchte Akers nicht verzichten. Retro-Hightech mag ein Widerspruch in sich darstellen, doch zweifellos ist sie attraktiv. Akers geht einen Schritt weiter: Die im Klappentext erwähnten „Zombies“ werden nicht durch Dampf in Gang gehalten, sondern per Nanotechnik ins ‚Leben‘ zurückgerufen.

Magisch aber nicht zauberhaft

Veridon ist ein fremdartiges Pflaster. Im zweiten Teil einer offensichtlich geplanten Serie kristallisiert sich heraus, dass Veridon wohl nicht identisch mit einer ‚alternativen‘ Erde ist. Den Fluss herunter treiben Relikte, die von der „Kirche des Algorithmus‘“ als Bruchstücke einer Technik erkannt werden, die den Menschen verlorengegangen ist. Möglicherweise ist Veridon Teil einer fremdplanetaren Kolonie und wurde im Rahmen einer irdischen Zukunft besiedelt, die in Vergessenheit geraten ist.

Technik ist der Welt von Veridon überhaupt näher als Magie. Sie wird in einer Weise genutzt, die – siehe die oben erwähnten ‚Zombies‘ – auf den ersten Blick an Zauberei erinnert. Ignoriert man die fantasyastischen Kulissen, werden Elemente der Science Fiction erkennbar. Besonders aufschlussreich ist in dieser Hinsicht der abermalige Auftritt des „Engels“ Camilla, der wie ein Cyborg wirkt.

Das gegenwärtige Veridon ist eine Stadt, die von den Menschen beherrscht wird. Dahinter scheint immer wieder eine düstere Vergangenheit durch, die der „Anansi“ Wilson mehrfach zur Sprache bringt. Er gehört einer intelligenten, spinnenähnlichen Spezies an, die offensichtlich zur ursprünglichen Bevölkerung des Planeten zählt. Die Anansi wurden von den Menschen bzw. ihren „Celestianern“ genannten Ahnen – „coelestis“ ist ein lateinisches Adjektiv und bedeutet „von himmlischer Ab- oder Herkunft“ – verdrängt und offensiv ausgerottet, was Wilson zum Außenseiter auf seiner eigenen Heimatwelt stempelt.

Das universelle Spiel um Macht

Die einst fremde Welt ist den Menschen inzwischen so zur Heimat geworden, dass sie kaum noch Gedanken an ihre Exotik verlieren. Mit Seltsamkeiten wie den Fehn hat man sich arrangiert. Handel und Handwerk florieren, die unpolitische „Kirche des Algorithmus‘“ beschäftigt sich in erster Linie mit eigenen Plänen und beansprucht keine Führerrolle. Ganz anders denkt der Rat von Veridon übernommen, dessen Mitglieder in einem nie wirklich durchschaubaren Kleinkrieg um die Macht in der Stadt verwickelt sind.

Ständig wechselnde Bündnisse, Verrat und Intrigen bestimmen den Alltag in einem Maß, das echte Regierungsarbeit beinahe unmöglich macht: Autor Tim Akers versteht es, eine daraus resultierende Gegenwart zu schildern, in deren Regelwerk große Nischen gerissen wurden. Hier haben sich Parallel-Gesellschaften angesiedelt, die abseits von Rat und Kirche geduldet werden, solange sie beiden Institutionen nicht allzu deutlich in die Quere kommen.

Diverse Nischen blieben jedoch unbeachtet und sind Brachen oder Lücken geblieben. Hier konnte Ezekiel Cranich eindringen und sich festsetzen, um Rache zu nehmen. Zusätzliche Tarnung erfuhr er durch die freiwillige Hilfe der Familie Tomb, die seine Existenz vor den anderen Ratsfamilien geheim hielt. Veridons Mächtige haben ihren Untergang damit selbst verschuldet – eine Entwicklung, die geschickt in die Handlung integriert wird, um dieser einen weiteren Twist in eine vom Leser unerwartete Richtung zu verleihen.

Undurchschaubare Intrigen & Geheimnisse

Der Plot ist durchaus komplex. Hinter jedem gelösten Geheimnis tritt ein neues Rätsel oder eine böse Überraschung hervor. Ständig werden die Karten neu gemischt. So ist es möglich, dass Hauptfigur Jacob Burn vom Dieb und Verfemten zum Terroristen und Gefangenen und wenig später zum Ratsmitglied und Anführer eines bewaffneten Stoßtrupps zur Rettung Veridons werden kann.

Nicht immer beugt sich Burn dem Sog der Ereignisse. Er ist ein Held, der sich sträubt, zum Retter zu werden. Auf seine Weise passt er so perfekt zu den übrigen Figuren, die alle Geheimnisse hegen. Nicht einmal die Geschichte von Veridon ist offiziell. Man hat sie so sorgfältig ‚gereinigt‘, dass sie sogar den Nachfahren derer, die dafür verantwortlich zeichnen, unbekannt geworden ist. Veridon gleicht nicht nur im Stadtbild einer Zwiebel mit ihren zahlreichen Schichten. Die Lüge ist dem Rat und der Kirche zur zweiten Natur geworden. So heftig klammern sie sich an ihre Privilegien, dass sie ihre Menschlichkeit notfalls aufgeben und mit nur halb verstandenen Maschinen zu beinahe unsterblichen Cyborgs verschmelzen.

Burn kann sich dem nicht völlig entziehen, was ihn als Charakter interessant macht. Ohne den Schleier von Täuschung und Hinterlist bleibt ausgerechnet Wilson, der unmenschliche Spinnenmann. Er ist stets bestrebt, den Dingen auf den Grund zu gehen. Stärker noch als die ‚echten‘ Wissenschaftler hat er sich von vorgefassten Meinungen und Dogmen freigemacht. Mit den obskuren Relikten einer geschönten Vergangenheit vermag er sich deshalb vorurteilsfrei auseinanderzusetzen.

Vieles bleibt weiterhin offen in und über Veridon. Der interessierte Leser muss gleichwohl Geduld aufbringen. Anders als viele seiner schreibenden Kolleginnen und Kollegen walzt Akers die Geschichte/n seiner Welt nicht zur unendlichen Serie aus, die er in tausendseitigen Episoden mindestens jährlich auf den Buchmarkt wirft, solange es ein Publikum dafür gibt. Eine Fortsetzung der Veridon-Saga steht derzeit in den Sternen; Akers hat sich stattdessen einer ganz anderen Fantasy-Story gewidmet.

Autor

Tim Akers wurde am 12. Dezember 1972 als Sohn eines Theologen im US-Staat North Carolina geboren. Eigene Studienjahre verbrachte er in Chicago, wo er noch heute lebt. Nach eigener Aussage begann er Anfang der 2000er Jahre ernsthaft und mit dem Ziel zu schreiben, seinen Lebensunterhalt als Schriftsteller zu verdienen. Dies ist Akers noch nicht gelungen, seit er 2009 mit „Das Herz von Veridon“, dem ersten Band der „Burn-Cycle“-Serie debütierte, weshalb der Autor hauptberuflich weiterhin in der Datenverarbeitung tätig ist.

Tim Akers Blog

[md]

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