Die Vampire

die-vampire1Kim Newman
Die Vampire
Anno Dracula, The Bloody Red Baron, Dracula Cha Cha Cha

GB, 1992/1995/1998
Heyne Verlag, München, 4/2009,
TB, Horror, Dark Fantasy
ISBN 9783453532960
Aus dem Englischen von Thomas Mohr und Frank Böhmert
Titelillustration von Arndt Drechsler

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„Anno Dracula“:
London, 1888. Dracula ist es, entgegen der Schilderungen im gleichnamigen Roman von Bram Stoker, gelungen, Abraham van Helsing und Jonathan Harker zu töten, Mina zur Blutsaugerin zu machen und die Herrschaft über England anzutreten. Kurzerhand macht er Königin Viktoria zu seiner Braut und zieht als neuer Prinzgemahl in den Buckingham Palast ein. Dadurch treten viele Vampire aus ihrem Schattendasein ins Licht der Öffentlichkeit. Gerade im Elendsviertel Whitechapel trägt der Vampirismus traurige Blüten. Untote Huren lassen Freier für ein paar Schlucke Blutes ihre Körper benutzen; Pfählungen, durchgeführt von Draculas Leibwächtern, der karpatischen Garde, sind an der Tagesordnung. Im nebligen Dunst der Londoner Nächte geht ein grausamer Jäger auf Beutezug. Mit einem Silberskalpell schlitzt er den Vampirhuren die Leiber auf. Sein Name: Jack the Ripper. Viele mächtige Vampirälteste fürchten um eine wichtige Einnahmequelle und wenden sich an den Meisterspion Charles Beauregard vom Diogenes Club. Gemeinsam mit der bezaubernden Vampirin Genevieve begibt sich Beauregard auf eine abenteuerliche Jagd…

„Der Rote Baron“:
Frankreich/Deutschland, 1918. Charles Beauregard und Genevieve ist es gelungen, Dracula aus London zu vertreiben. Geschlagen, aber nicht besiegt, ist der ehemalige Prinzgemahl nach Deutschland geflüchtet und hat sich dort mit Kaiser Wilhelm verbündet. Er hofft, mit Hilfe des Deutschen Reichs seinen Traum von der Weltherrschaft verwirklichen zu können. Seine entscheidende Waffe im Krieg ist der Rote Baron, Manfred von Richthofen, und sein fliegender Zirkus. Eine Rotte mächtiger Vampire, die allesamt zur Gestaltwandlung fähig sind. Charles Beauregard ist mittlerweile einer der führenden Köpfe des Diogenes Clubs und beauftragt seinen Untergebenen Edwin Winthrop, den Feind auszuspionieren und von Richthofen zu Fall zu bringen. Auch Charles’ Jugendfreundin, die Reporterin Katherine Reed, eine neugeborene Vampirin, hat sich nach Frankreich begeben, um als Kriegsberichterstatterin vor Ort zu sein, wenn der Baron vernichtet wird und Dracula fällt. Doch ist Vlad Tepes wirklich so leicht zu bezwingen?

„Dracula Cha-cha-cha“:
Rom, 1959. Graf Dracula beabsichtig, Prinzessin Asa Vajda von Moldawien in Rom zu ehelichen. Zu diesem Anlass weilen auch der gealterte Charles Beauregard, an der Schwelle des Todes stehend, und seine einstige Gefährtin Genevieve in der Ewigen Stadt. Der Diogenes Club wittert hier die einmalige Chance, den tyrannischen Blutsauger endgültig zu beseitigen. Ausführendes Organ soll der britische Geheimagent Hamish Bond sein. Auch Kathie Reed ist nach Rom gekommen und stolpert sogleich in einen neuen Skandal. Ein scharlachroter Henker, in Begleitung eines kleinen Mädchens ermordet wahllos die ältesten Vampire. Genevieve gerät prompt ins Visier des Killers, und Kathie Reed bleibt nichts anderes übrig als eine alte Rivalin um Hilfe zu bitten: Penelope Churchward, Charles ehemalige Verlobte…

Alternative Szenarien, in denen bekannte Ereignisse einen anderen Verlauf nehmen, sind beliebte Spielarten der phantastischen Literatur. Insbesondere im „Star Trek“-Universum erfreut sich das Paralleluniversum seit Jahren einer wachsenden Fangemeinde. Kim Newman hat sich den Spaß erlaubt und einfach das Ende des berühmtesten Vampirromans aller Zeiten umgeschrieben. Dracula wird zum Despoten und zwingt England unter die Knute einer fürchterlichen Herrschaft. Damit beginnt Newman eine fulminante Trilogie, in der Dracula zwar nie offenkundig in den Vordergrund tritt, aber als graue Eminenz immer vorhanden und sein Einfluss als latente Bedrohung deutlich spürbar ist. Erstmals sind alle drei Romane in einem Band erhältlich und entführen den Leser auf 1280 (!) Seiten in drei Epochen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Zumal Newman in jedem der drei Bücher unterschiedliche Handlungsorte wählt und allein dadurch schon für eine Menge Abwechslung sorgt.

Die Fülle an Charakteren, denen der Leser im Laufe der Lektüre begegnet, ist enorm, und es ist schlicht und ergreifend sagenhaft, wie es der Autor geschafft hat, die einzelnen Personen zu beschreiben, ihnen Leben einzuhauchen und ihren Weg durch die Geschichte zu verfolgen, ohne sich in Widersprüche zu verstricken. Dabei begegnet der Leser einer unüberschaubaren Zahl an Charakteren aus Historie und Fiktion. Neben Dracula selbst sind dies beispielsweise Professor Moriarty (während dessen Erzfeind Sherlock Holmes in einem Konzentrationslager inhaftiert ist), Inspektor Lestrade, Dr. Jekyll, Oscar Wilde, Florence Stoker, Ruthven (der Untote aus Polidoris weltberühmter Kurzgeschichte „Der Vampir“) u. v. a. mehr. Hier ist der im Vorteil, der sich in der Literatur des ausgehenden 19. Jahrhunderts ein wenig auskennt.

Auch Draculas alternative Erscheinungsformen in den unterschiedlichsten Filmen erscheinen in den Romanen als eigenständige Figuren, häufig nur am Rande, zuweilen aber auch in einer wichtigen Rolle. Graf Orlock, der hagere Untote aus Murnaus „Nosferatu“, wird bei Newman zum wahnsinnigen Vampir-General, der als Kommandant des Towers eingesetzt wird, wo Vampire inhaftiert werden, die Dracula in die Quere gekommen sind. Auch Baron Meinster („Dracula und seine Bräute“) und Graf von Karnstein („Carmilla“) geben sich ein Stelldichein. Wen Hamish Bond im dritten Roman „Dracula Cha-cha-cha“ darstellen soll, ist wohl kein Geheimnis, und selbst die zwielichtige Geheimorganisation ‚Smersch’ hat einen nicht unwesentlichen Platz in der Handlung erhalten. In Ian Flemmings „James „Bond-Romanen hat diese Vereinigung dem britischen Agenten mehrfach das Leben erschwert.

Das Buch ist von der ersten bis zur letzten Seite eine Entdeckungsreise, auf der man auf jeder Seite etwas Neues findet. Dabei wechselt der Schriftsteller auch gerne mal die Perspektive oder komplett die jeweilige Hauptfigur. Obwohl bei „Anno Dracula“ die Tagebuchaufzeichnungen von Jack Seward, wie in Bram Stokers Roman, in der Ich-Form erscheinen, sind die eigentlichen Helden des Romans Genevieve und Charles Beauregard, während Katherine Reed eine eher unbedeutende Randfigur bleibt. Im zweiten Teil, „Der rote Baron“, ändert sich der Fokus schlagartig. Genevieve weilt in den Vereinigten Staaten von Amerika, und Charles Beauregard wird zum Drahtzieher im Hintergrund, während Kathie Reed in den Mittelpunkt des Geschehens rückt. An ihrer Seite wird Charles’ Nachfolger Edwin Winthrop zum männlichen Hauptdarsteller, der allerdings im dritten und letzten Teil der Trilogie nur am Rand erwähnt wird. Hier konzentriert sich Newman mehr auf die beiden Frauen Katherine Reed und Genevieve. Auch Penelope Churchward aus dem ersten Teil, erhält eine zentrale Rolle, während Charles Beauregard am Ende seines Lebenswegs angelangt ist und nur noch kleine Auftritte erhält.

Obwohl Dracula der rote Faden ist, der sich durch die drei Bücher schlängelt, sind seine persönlichen Auftritte rar gesät und stellen besondere Ereignisse dar. Dadurch bleibt die Figur des Grafen immer geheimnisvoll, unheimlich und faszinierend. Newmans Schreibstil ist flüssig, aber anspruchsvoll. Der Autor hat sich mit der Charakterisierung der Figuren sehr viel Mühe gegeben und die Beziehungen im Lauf der Jahrzehnte glaubwürdig und realistisch geschildert. Insbesondere das Wesen der Vampire wurde sehr eindringlich und schlüssig beschrieben; angefangen bei den verunsicherten, eher schwachen Neugeborenen, bis hin zu den in Jahrhunderten verrohten Ältesten, ausgestattet mit unglaublichen Fähigkeiten, wie beispielsweise der Gestaltwandlung.

Kim Newman ist es gelungen, den Spannungsbogen kontinuierlich zu steigern und in atemberaubenden Finalen gipfeln zu lassen. Nach der Lektüre dieses Mammutwerks ist man mit den lebendig geschilderten Figuren derart vertraut, dass einem schon ein wenig die Wehmut befällt, wenn man das Buch zuklappt und Abschied nimmt. Kim Newmans Vampir-Epos ist für die düstere Phantastik das, was „Der Herr der Ringe“ für die klassische Fantasy darstellt – und nicht weniger eine aufwändige Verfilmung wert. Arndt Drechsler schuf für das fantasievolle Vampirspektakel ein stimmungsvolles Titelbild, das nicht überladen wirkt und den Roman auf angemessene Art und Weise präsentiert. Das Papier ist hochwertig, und die Klebebindung sehr stabil, so dass das Buch auch nach dem Lesen nicht auseinander zu fallen droht. „Die Vampire“ ist faszinierend, vielschichtig und mitreißend. Kim Newmans Trilogie ist eines der anspruchsvollsten und unterhaltsamsten Epen der düsteren Phantastik und ein Muss für jeden Vampir-Fan.

Florian Hilleberg (FH)

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