Elfenhügel

feist_elfenhugel_cover-2003Raymond Feist
Elfenhügel

Originaltitel: Faerie Tale (New York : Doubleday 1988)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Der Märchenhügel“): Dezember 1991 (Bastei-Lübbe-Verlag/Allgemeine Reihe Nr. 13356)
Übersetzung: Indira Wirths-Kosub
478 S.
ISBN-13: 978-3-404-13356-7
Weitere Ausgabe: November 2000 (Bastei-Lübbe-Verlag/Bibliothek der Phantastischen Literatur Nr. 28325)
Übersetzung: Indira Wirths-Kosub
573 S.
ISBN-13: 978-3-404-28325-5
Derzeit letzte Ausgabe: 2003 (Bastei-Lübbe-Verlag/Fantasy-TB Nr. 20461)
Übersetzung: Ulf Ritgen
701 S.
ISBN-13: 978-3-404-20461-8
(sfbentry)

Das geschieht:

Pittsville, wir kommen! – die Familie Hastings nämlich: Vater Phil, geachteter Schriftsteller, aber außerdem Drehbuch-Autor für rabaukige Hollywood-Blockbuster; Mutter Gloria, einst Schauspielerin ebendort, aber längst Hausfrau & Mutter und glücklich am heimischen Herd, wo ihre Familie sie am liebsten sieht; Sean & Patrick, die achtjährigen Zwillinge, laut aber lieb, sowie Gabrielle, rollig erblühte Teenager-Tochter Phils aus einer ersten Ehe (gescheitert, weil die verworfene Ex ihre Karriere mehr liebte als die Familie, weshalb sie von ihrem Kind auch verstoßen wurde – recht so!).

Haben wir noch jemanden vergessen? Richtig! Bad Luck, der nicht besonders kluge, aber ulkige & tapfere Labrador-Familienhund, und Ernie, der Kater, komplettieren das Fleisch gewordene Quintett uramerikanischer Tugenden, das gerade dorthin gezogen ist, wo es noch ländlich und ehrlich zugeht. Phil ist des lockeren Hollywood-Daseins überdrüssig geworden. Nachdem er ordentlich abkassiert hat, besinnt sich auf seine schriftstellerischen Wurzeln und sucht sich ein ruhig gelegenes Haus, um dort endlich wieder ein Buch zu schreiben.

Doch es spukt tüchtig in und um Old Kessler Place, unter der alten Trollbrücke und auf dem Erlkönig-Hügel. Der alte Barney Doyle hat’s zuerst gesehen, und da er in Irland geboren (und deshalb einem guten Schluck nicht abgeneigt) ist, weiß er sofort, was vorgeht: Die Weiße Königin der Feen hat sich mit ihrem übernatürlichen Hofstaat heuer in Pittsville niedergelassen! Jeweils in der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November schlägt dieser irgendwo auf der Welt sein Lager auf, um dort seinen übernatürlichen Geschäften nachzugehen. Weil dabei schon mal ein Fenster zum Diesseits offen steht, stolpert immer wieder überraschtes Menschenvolk in die Feenrunde, was ihm meist nicht gut bekommt.

Dieses Mal ist es sogar schlimmer als sonst, denn der finster gesonnene „Leuchtende Mann“ hat das auf die Nacht beschränkte Spukdasein satt. Menschen und Elfen lebten einst in wenig friedlicher Nachbarschaft auf dieser Welt, bis nach einem schrecklichen Krieg erstere letztere ins Exil (bzw. in die Märchenbücher) zwangen. Besiegelt wurde der Vertrag durch ein Pfand in Gestalt eines gewaltigen Goldschatzes, der mit dem Hofstaat reist und folglich in diesem Jahr auf dem Erlkönig-Hügel verborgen wurde. Der Leuchtende Mann lenkt listig die Aufmerksamkeit der Hastings auf diesen Hort, die ihn tatsächlich aus dem Erdreich buddeln. Dadurch gilt der Vertrag als gebrochen, was dem Leuchtenden Mann das Recht gibt, seine Herrschaft auf das Diesseits auszudehnen.

Unterstützt von seinem gruseligen Helfershelfer, dem Bösen Ding, will der böse König die Hastings aus dem Weg räumen. Ganz souveräner Fürst der Finsternis, raschelt er zunächst Unheil verkündend im Unterholz, killt dann die Katze und entführt schließlich, als trotzdem niemand recht von ihm Notiz nehmen mag, einen der Zwillinge, um ihn gegen einen Wechselbalg auszutauschen. Dass man so keineswegs mit echten Amerikanern umspringen kann, muss der Erlkönig auf die harte Tour lernen, als Zwilling Zwei und der erboste Vater im Geisterreich auftauchen, um ihn und seine Spießgesellen Mores zu lehren …

Holzhammer-Fantasy der plumpen Art

… und wenn sie nicht gestorben sind, dann wird es langsam Zeit, wie einst ein bekannter deutscher Komiker kalauerte, der inzwischen ebenso scheintot wie der Erlkönig ist. Mythen sind empfindliche Pflänzchen, die nur auf Humus, aber nicht auf Mist gedeihen. Da Raymond E. Feist den Unterschied nicht zu kennen scheint, wuchert seine „Elfenhügel“-Mär schnell zu einem entarteten Bastard aus Brachial-Fantastik, Rotkäppchen-Grusel und Seifenoper heran, der den Leser in Verdruss und Langeweile zu ersticken droht.

Dabei ist die Ausgangsidee zwar simpel aber bewährt: Man wandle auf den Spuren William Shakespeares und inszeniere dessen „Mittsommernachtstraum“ in modernen Kulissen. Feen, Elfen, Kobolde und andere Märchenwesen mit der realen Welt zu konfrontieren, funktioniert immer noch – wenn man mit einem Mindestmaß Talent und Inspiration gesegnet ist. Beides geht Feist offensichtlich ab. Sollte das wundern bei einem Mann, dessen Ruhm und Ruf sich auf ein ebenso endloses wie mittelmäßiges Tolkien-Abklatsch-Fantasy-Epos namens „Midkemia“ gründet?

Dabei sind die fantastischen Elemente dem Verfasser noch am besten gelungen. Als das Hastings-Rollkommando das Elfenreich erreicht, merkt man Feist die Erleichterung an, wieder vertrautes literarisches Terrain erreicht zu haben. Die hier spielenden Szenen sprühen zwar ebenfalls nicht vor Originalität, aber sie überzeugen wenigstens und verraten vor allem endlich, wieso Feist ein so beliebter Autor von Unterhaltungsromanen war.

Aber bis es soweit ist, muss der Leser ein weites, bitteres Ödland durchqueren. Der „Elfenhügel“ erhebt sich nicht in der völlig dem Hier & Jetzt enthobenen Fantasy-Welt Midkemias, sondern in der Welt der Gegenwart (bzw. des Jahres 1988). Damit begibt sich Feist freiwillig aufs Glatteis, denn er muss hier, wo sich seine Leser mindestens genauso gut auskennen wie er, der Realität deutlich stärker Tribut zollen als dem Wunschdenken.

Fiese Elfen gegen unsympathische Flachgeister

Die Kritik entzündet sich vor allem an der Personenzeichnung entzünden. Feist ist US-Amerikaner; ein Punkt, den es sehr wohl zu berücksichtigen gilt, weil er erklärt, was primär den lesenden Europäer irritiert. Gut lässt sich das z. B. am ‚deutschen‘ Handlungsstrang der Geschichte erläutern. Den Elfenspuk und die Einhaltung des Friedens überwacht nämlich ein uralter Geheimbund freimaurerischer Tempelritter-Illuminaten. Der ist zuletzt in ‚Süddeutschland‘ aktiv geworden, und das muss man in Anführungsstrichen schreiben, denn Feists Vision von Deutschland im Jahre 1905 ist die eines grotesk-pseudomittelalterlichen Märchenlandes, bevölkert von furchtsamen, abergläubischen Bauern, die von der in diesem Landstrich zwei Jahre nach dem ersten Motorflug der Gebrüder Wright immer noch aktiven Inquisition brutal verfolgt werden, als sie damit beginnen, den Alten Göttern Menschenopfer zu bringen … Kommentar wohl überflüssig.

Während die Menschen zum Millionen über den Großen Teich reisten, blieben die Elfen lieber in Europa. Sie wussten schon, wieso sie dies taten. „Heim ist, wo das Herz ist“, heißt ein Sprichwort, aber nicht nur Al Bundy selig hat es in „…, wo der Horror ist“ abgewandelt. Feist versagt spektakulär, wo Steven Spielberg und Stephen King trotz allen Kitsches regelmäßig an unser Herz rühren: in der Beschreibung jenes seltsamen, ebenso fragilen wie unverwüstlichen, schrecklichen, wunderbaren, unersetzlichen Phänomens, das wir „Familie“ nennen.

Schlimmer? Aber immer!

Die Hastings sind keine Familie. Sie passen gut in die Reagan-Ära der 1980er Jahre, verkörpern sie doch jenes grässliche Zerrbild (mitsamt treudoofem Hund), wie es bevorzugt konservative Politiker, reaktionäre Kirchenfürsten oder psychisch derangierte Tugendbolde propagieren. Man fiebert und bangt nicht mit den Hastings, sondern wünscht ihnen schon sehr bald einige kräftige Trolle mit scharfen Schwertern auf den Hals. Unter der Schlangenhaut aus Affenliebe und Leutseligkeit treten eine oberflächliche, engstirnige Gesinnung und die unbarmherzige Diktatur des manisch Tüchtigen zu Tage. Wenn das Elfengold geborgen wird, bewundert man nicht seine Schönheit, sondern taxiert Münze für Münze nach Dollar und Cent. Phil Hastings hält gern weitschweifige Predigten gegen Hollywood-Babylon, das er zum Frommen seiner Familie und um der hehren Kunst willen verlassen hat, um im Finale fürstlich bezahlt für einen weiteren IQ-Null-Blockbuster dorthin zurückzueilen. Der zum schäumenden Wechselbalg zitierte Wunderarzt erläutert den gebrochenen aber zahlungskräftigen Eltern sachlich, wie sie den scheinbar wahnsinnig und damit wertlos gewordenen Sohn in einem weit entfernten Pflegeheim entsorgen können.

Solche Passagen lassen sich oft finden in diesem an Ärgernissen reichem Werk, aber den einsamen Gipfel der Lächerlichkeit erklimmt Feist mit der Schilderung eines Tête-à-têtes zwischen Gabrielle, der überreifen Hastings-Tochter, und Puck, dem fröhlich-geilen Luft- und Lustgeist. Zweifellos als Höhepunkt knisternder Erotik gedacht, produziert der Verfasser einen schier endlosen Schwall schwülstig-verklemmter Schweinigeleien, der peinlich gekrönt wird durch den abrupten Abbruch des Liebesspiels, als es endlich ernst wird: Im Mutterland der frömmlerischen Doppelmoral muss sich auch ein Puck mit Petting begnügen, wenn ihm ein anständiges Mädchen gegenüberliegt. Spätestens diese Szene rundet den unerfreulichen Eindruck ab, gar zu viel kostbare Lebenszeit dem Versuch geopfert zu haben, eine ziemlich taube Lektüre-Nuss zum Keimen zu bringen.

[md]

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