Hellfrost – Spielerhandbuch

Paul “Wiggy” Wade-Williams & Snowy
Hellfrost – Spielerhandbuch

(sfbentry)

Prometheus Games (2010)
Chefredaktion: Sascha Schnitzer
Übersetzung: Sascha Schnitzer, Jörg Theobald, David Grashoff
Lektorat: Henrike Buhr, Sascha Schnitzer
Illustrationen: Chris Kuhlmann
Seiten: 148 farbig
ISBN 9783941077270
www.prometheusgames.de

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Bei „Hellfrost“ handelt es sich um ein nordisch-germanisches Fantasy-Setting für das Rollenspiel „Savage Worlds“. Im Zentrum steht dabei der Kontinent Rassilon, der vom Weltenfrost überzogen ist. Im Jahr 2010 hat Prometheus Games das dazugehörige Spielerhandbuch übersetzt und veröffentlicht.

Die Settingregeln wurde vom Originalverlag Triple Ace Games übrigens dreigeteilt herausgegeben. Das ist eine Änderung zur üblichen Publikationspolitik bei „Savage Worlds“, denn normalerweise wird ein grundlegendes Settingbuch herausgebracht und damit – in Verbindung mit dem Grundregelwerk – hat der Leser eine vollständige Kampagnenwelt. „Hellfrost“ geht hier einen anderen Weg und dem ist Prometheus Games mit seiner Übersetzung gefolgt.

Leider setzte die Produktlinie nach Veröffentlichung des Spielerhandbuchs erst einmal aus. So fehlen noch das „Hellfrost – Bestiarium“ und der „Hellfrost – Weltenatlas“. Beide Bücher sollen voraussichtlich 2012 auf den Markt kommen. Bereits erhältlich ist allerdings schon das Abenteuer „Die Höhle des Ungezieferkönigs“ (2012). Zudem liegt bereits eine neue Edition des Grundregelwerks vor: „Savage Worlds: Gentlemen’s Edition – Revised“ (SW:GER). Stellt sich die Frage, inwieweit die kommenden Hellfrost-Settingbücher auf das neue Regelwerk eingehen.

Doch was war der Grund für die lange Pause beim deutschen „Hellfrost“? Nun, die ganze Wahrheit ist sicherlich nur dem Verlag bekannt, aber schlussendlich dürfe es die lausige Umsetzung des Buchs gewesen sein, die viel negative Kritik einheimste und bei Kunden schlecht ankam. Immerhin schien das Spielerhandbuch 2010 mit der heißen Nadel gestrickt und ohne echte Kontrolle auf den deutschsprachigen Markt geworfen worden zu sein. Dabei ist „Hellfrost“ an sich ein spannendes Setting, dass sich vom bereits veröffentlichten „Sundered Skies“ stark unterscheidet. Somit wäre es für den Verlag ohne weiteres möglich zwei starke Fantasy-Settings nebenher zu bedienen. Aber was ist an dem Spielerhandbuch so lausig?

Auf den ersten Blick ist es das Format. Die bisherigen Bücher erschienen alle im Kleinformat (zirka B5). Eine sehr handliche Sache, die von den meisten Fans gerne angenommen wurde. Das „Hellfrost – Spielerhandbuch“ kommt dagegen im Normalformat (zirka B4) daher – also ein Bruch in der Linie und vor allem für Sammler eine Katastrophe. Die Argumentation des Verlags warum dieser Schritt gegangen wurde, stieß in der Savage-Worlds-Gemeinschaft auf Unglauben.

Zudem bietet das Spielerhandbuch zwar einen kleinen Überblick über die Welt Rassilon und es enthält auch alles, was zum Erschaffen eines Charakters nötig ist, aber ohne Bestiarium und Weltenatlas bleibt es ein unspielbares Buch. 2010 gab es auch kein Abenteuer zum Buch, so dass selbst ein Testspiel unmöglich war, um die Atmosphäre von „Hellfrost“ zu erleben. Die Aussicht ein Hellfrost-Abenteuer selbst zu schreiben und sich nur der Standardkreaturen aus dem Grundregelwerk zu bedienen, wirkte auf manche Spieler ebenfalls abschreckend.

Dabei macht die Charaktererschaffung großen Spaß, denn hier wird schon angedeutet, wie farbig und vielschichtig ein Abenteuer sein kann. Immerhin gibt es sechs Rassen, von denen die meisten auf die eisige Kälte des Setting ausgelegt sind. Allen voran Frostblüter und Frostzwerge. Oftmals stehen die Regeln sogar in Verbindung mit den vorherrschenden Temperaturen. Dazu gibt es übrigens eine Tabelle, in der die Angaben auch in Fahrenheit gemacht werden. Nur eine der Kuriositäten des deutschen Buchs, ist der Deutsche doch Grad Celsius gewohnt..

Die Spielgruppe kann mit Hilfe des Spielerhandbuchs problemlos fantastische Charaktere erschaffen. Neben den Rassen gibt es neue Handicaps und Talente. Allerdings vertauscht der Verlag leider gerne mal die beiden Worte. Nur einer der Beweise für ein sehr schlampiges Lektorat. Das ganze Buch strotzt vor Fehlern. Und zwar in einem solchen Ausmaß, dass sie jedem auffallen. Bei vielen der Fehlern drängt sich der Verdacht auf, dass sie vermeidbar waren, indem sich einfach mal ein Außenstehender die Texte durchliest.

Die neuen Handicaps und Talente sind jedenfalls auf das Setting zugeschnitten. Sie betreffen dabei auch den Massenkampf und sind ein Anzeichen dafür, dass in „Hellfrost“ auch große Schlachten geschlagen werden. Immerhin können die Spielercharaktere auch an Ehre gewinnen und damit besondere Vorteile erkaufen. Ehre ist von großer Wichtigkeit in dieser Spielwelt und trägt zum außergewöhnliche Spielgefühl mit bei.

Das wird auch durch die Magie unterstützt, die in „Hellfrost“ ohne Magiepunkte auskommt. Das klingt erst einmal sehr gut, aber natürlich gibt es auch Nachteile. So können sich Priester erschöpfen und müssen sich streng an ihre Glaubensgrundsätze halten, während arkane Magiewirker Opfer des sogenannten Sogs werden können. Im schlimmsten Falle verlieren sie durch den Sog ihre Fähigkeit zum Zaubern. Zudem beeinflusst der Weltenfrost sämtliche Feuerzauber. Magie ist in „Hellfrost“ von sehr großer Bedeutung. Und so gibt es etliche unterschiedliche arkane Hintergründe und Magieformen. Dadurch ist das Buch auch für die Spieler aufschlussreich, die sich nur über alternative Magieregeln in „Savage Worlds“ informieren wollen.

Neben den ganzen arkanen Hintergründen, befinden sich viele neue Zauber im Spielerhandbuch. Sehr viele, um genau zu sein. Bei der Masse an neuen Sprüchen ist es allerdings zweifelhaft, ob sie wirklich gebraucht werden. Manche sind einfach nur eine Ausprägung von Standardzaubern. Allerdings gibt es nun einige Sprüche die abseits des Kampfes eingesetzt werden, sozusagen Alltagsmagie. Eine nette Idee die zeigt, dass „Hellfrost“ keine reine Kampf-Fantasy ist, sondern auch viel Wert auf Rollenspiel und soziales Miteinander legt.

Neben der Magie wird auch den Religionen viel Platz eingeräumt. Die Autoren stellen sehr viele Götter im Detail vor, erklären die Funktion eines Schutzgottes und es gibt sogar die Möglichkeit, um göttliche Hilfe zu bitten. Letzteres ist eine spannende und hilfreiche Sache, wird im Buch aber vollkommen falsch erklärt. Offensichtlich wurden hier nämlich die Worte „Runde“ und „Spielsitzung“ miteinander verwechselt.

Ein weiteres großes Kapitel sind die Organisationen, die in „Hellfrost“ vorkommen und denen die Spielercharaktere beitreten können – falls gewünscht. Hier wird eine große Bandbreite geboten, die auch für Gegenspieler zum Einsatz kommen kann.

Weitere Abschnitte des Spielerbuches beschäftigen sich mit settingspezifischen Regeln. So wird auf das Gelände und die Bewegung eingegangen, es gibt feste Regeln für die Temperaturen, Wetter, Wergeld und weitere Kleinigkeiten. Für einen ersten Überblick über „Hellfrost“ und den Kontinent Rassilon mehr als ausreichend. Doch um zu spielen, da fehlt es halt an den anderen Büchern.

Die Qualität der Übersetzung ist ebenfalls ziemlich lausig – oder einfach mit Flüchtigkeitsfehlern gespickt. Die Grammatik scheint oftmals aus der direkten Übersetzung zu stammen. Überhaupt machen die Texte den Eindruck, als wäre das Rohmanuskript in den Druck gegangen, nachdem es sich der Sohn des Nachbarn mal in der Straßenbahn durchgelesen hat.

Die Begrifflichkeiten selbst sind natürlich Geschmackssache, vor allem, da „Hellfrost“ ein sehr spezielles Vokabular benutzt. Viele der Begriffe sind bereits im deutschen Sprachgebrauch irgendwie verankert. Vieles hätte vielleicht besser übersetzt oder einfach aus dem Keller der deutschen Sprache hervorgekramt werden sollen.

„Hellfrost“ selbst ist ein überaus spannender und vielschichtiger Spielhintergrund und es wäre der deutschen Übersetzung ein besserer Start zu wünschen gewesen. So bleibt unter dem Strich ein unfertig anmutendes Buch übrig, das an allen Ecken und Kanten knirscht. Um ehrlich zu sein, das „Hellfrost – Spielerhandbuch“ hat eigentlich einen Reboot verdient. In der vorliegenden Fassung gehört es eher auf dem Ramschtisch. Aber das wäre ja vielleicht mal was: „Hellfrost“ bei ALDI oder LIDL.

Copyright © 2012 by Günther Lietz

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