Im Kabinett des Todes

Stephen King
Im Kabinett des Todes
Düstere Geschichten

(sfbentry)
Originaltitel: Everything’s Eventual (New York : Scribner 2002)
Übersetzung: Wulf Bergner, Joachim Körber, Hedda Pänke, Jochen Schwarzer, Jochen Stremmel
Deutsche Erstausgabe (geb.): 2003 (Ullstein Verlag)
585 S.
ISBN-10: 3-550-08413-7
Neuausgabe: 2004 (Ullstein Verlag/TB Nr. 25838)
585 S.
ISBN-10: 3-548-25838-7
Neuausgabe: Dezember 2013 (Heyne Verlag/TB Nr. 43734)
592 S.
ISBN-13: 978-3-453-43734-0
eBook: Dezember 2013 (Heyne Verlag)
933 KB
ISBN-13: 978-3-641-12449-6
Hörbuch-Download: Juni 2014 (Random House Audio)
ca. 1050 min. (ungekürzt; gelesen von David Nathan)
ISBN-13: 978-3-8371-2640-2

Titel bei Amazon.de
Titel bei Buch24.de
Titel bei eBook.de
Titel bei Booklooker.de


Inhalt

14 Geschichten; beileibe nicht ‚nur‘ Horror, sondern auch Kurzprosa, die von Menschen in der Krise erzählt – Ausnahmesituationen, die im Übernatürlich ebenso wurzeln können wie im Alltagsleben:

Einleitung: Wenn man sich einer fast ausgestorbenen Kunstform widmet (Introduction: Practicing the [Almost] Lost Art): Kings übliches Requiem für die moderne Kurzgeschichte.

Autopsieraum vier (Autopsy Room Four, 1997), S. 21-52: Der Biss einer exotischen Schlange lähmt einen ganz und gar durchschnittlichen Golfspieler, der hilflos die Vorbereitungen zu seiner Autopsie verfolgen muss.

Der Mann im schwarzen Anzug (The Man in the Black Suit, 1994), S. 53-86: Eines schönen Sommertags trifft ein kleiner Junge im Wald den Teufel – und der ist sehr hungrig.

Alles, was du liebst, wird dir genommen (All That You Love Will Be Carried Away, 2001), S. 87-104: In einem einsamen Motelzimmer zieht ein Mann Bilanz; vom Ergebnis wird abhängen, ob er weiterleben will.

Der Tod des Jack Hamilton (The Death of Jack Hamilton, 2001), S. 105-144: Das klägliche Ende der Dillinger-Bande 1934, erzählt vom letzten Überlebenden.

Im Kabinett des Todes (In the Deathroom), S. 145-178: In einem südamerikanischen Folterkeller läuft das Verhör gänzlich anders als sich die Inquisitoren es dachten.

Die Kleinen Schwestern von Eluria (The Little Sisters of Eluria, 1998), S. 179-260, entpuppen sich als mühsam Menschenform wahrende Vampire, die den von Mutanten verletzten Revolvermann Roland von Gilead in ihrem ‚Hospital‘ pflegen bzw. für eine Blutsaugerorgie mästen.

Alles endgültig (Everything’s Eventual, 1997), S. 261-328: Ein vom Schicksal gebeutelter Underdog entpuppt sich als Mutant, der im Auftrag der Regierung zahlreiche Attentate begeht, bis er entdeckt, dass ihn seine vermeintlichen Wohltäter ebenso ausnutzen wie seine Feinde.

L. T.s Theorie der Kuscheltiere (L. T.‘s Theory of Pets, 1997), S. 329-358: Die ebenso quälende wie erheiternde Schlussphase einer scheiternden Ehe, gespiegelt im Verhalten der Haustiere unserer Kontrahenten und gekrönt durch den überraschenden Auftritt eines Axtmörders.

Der Straßenvirus zieht nach Norden (The Road Virus Heads North), S. 359-392: Das letzte Bild eines selbstmörderischen Künstlers bildet die Untaten eines wahnsinnigen Serienmörders ab.

Lunch im Gotham Café (Lunch at the Gotham Café, 1995), S. 393-438: Noch eine gescheiterte Ehe; die streitenden Parteien sprechen sich ausgerechnet in einem Restaurant aus, in dem ein just ein Kellner den Verstand verliert.

Dieses Gefühl, das man nur auf Französisch ausdrücken kann (That Feeling, You Can Only Say What It Is in French, 1998), S. 439-462: Die gelangweilte Gattin hat den Eindruck, bereits zu kennen, was sich in ihren zweiten Flitterwochen abspielen wird, und dieses dejá vu stellt sich nicht ohne Grund ein.

1408 (1408), S. 463-514: Mitten in New York ist ein Hotelzimmer, in dem es umgeht, einfach lächerlich, denkt sich der Journalist, der sich trotz inständiger Warnungen nicht von einem Besuch abhalten lässt. Der dauert nur 70 Minuten, wird aber den Rest seines Lebens entscheidend beeinflussen.

Achterbahn (Riding the Bullet, 2000), S. 515-566: In dunkler Nacht zwingt ein dämonischer Bote den jungen Studenten zu einer Entscheidung: Wen soll er mit sich ins Jenseits nehmen – ihn oder seine kranke Mutter? Die Zeit drängt, denn sonst holt er sie sich beide.

Der Glüggsbringer (Luckey Quarter, 1995), S. 567-582: In einem schäbigen Motelzimmer findet die Putzfrau einen wahren Glückstaler, der ihr Leben zum Besseren wenden kann – oder auch nicht.

Einsamer Kampf für den kurzen Horror

Im Vorwort zur vorliegenden Sammlung, der fünften ihrer Art in einem Vierteljahrhundert. klagt der Verfasser wie üblich (zu Recht) über den Verfall der Kurzgeschichte, die in der Literaturindustrie der Gegenwart ein Schattendasein fristet, obwohl nicht jede gute Idee für einen ganzen Roman taugt. Glücklicherweise gedenkt King seinen Prominenten-Status weiterhin auszunutzen, der Kurzgeschichte ein Forum zu bieten. Ob er dies wirklich quasi im Alleingang schafft, bleibt hier unkommentiert. Amüsant sind auf jeden Fall Kings ausführliche Erinnerungen an den „Achterbahn“-Rummel um seine erste per Internet vermarktete Geschichte.

Dann wird es ernst, King legt los – und der Leser ist gut beraten, sich vor Augen zu führen, dass solche Kollektionen Geschichten sammeln, die ursprünglich einzeln erschienen. Manchmal fügten sie sich ein einen vorgegebenen thematischen Rahmen ein, oft entstanden sie exklusiv für Zeitungen und erheben keinen besonderen literarischen Anspruch außer den für einen Tag zu unterhalten, bevor der Fisch des nächsten darin eingewickelt wird.

„Autopsieraum vier“ füllt diese Theorie sogleich ernüchternd mit Leben: eine wie so oft von King schwungvoll geschriebene Geschichte, nach deren Lektüre man sich jedoch fragt: Was soll das? Die Handlung folgt allseits bekannten Bahnen, der Ausgang steht fest (obwohl ein wirklich hübscher Schlussgag das Ganze krönt), King gibt es selbst in seinem Kommentar zu.

Ein Wunderhorn mit flachem Boden

Sogleich versöhnt er uns mit „Der Mann im schwarzen Anzug“. Auch hier nichts Neues in Maine, aber wie eigentlich immer leistet King Großes, wenn er das Übernatürliche mit einem Kind konfrontiert. Die völlige Irrealität der Begegnung mit dem Teufel trägt ihren Teil zur Wirkung dieser Geschichte bei (die übrigens zu Kings angeblichem Erstaunen 1995 den O. Henry Award sowie einen World Fantasy Award gewann).

„Alles, was du liebst, wird dir genommen“ ist ‚normale‘ Literatur und bietet eine Handlung ohne Besuch von Drüben. Auch wenn es große Teile der Kritik immer noch nicht glauben wollen, ist Stephen King schon längst kein reiner Horror-Schriftsteller mehr, sondern vielmehr ein Geschichtenerzähler, der auch ohne Geister zu unterhalten und zu schockieren weiß so wie hier mit seiner ganz einfachen Geschichte vom Mann, der seines Lebens überdrüssig ist.

„Der Tod des Jack Hamilton“ ist ein fiktiver Rückblick in die Geschichte. Nicht nur King fasziniert die unbarmherzige US-Vergangenheit zum Zeitpunkt der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren, die den Auftritt der letzten echten Desperados sahen: Bonnie & Clyde, Babyface Nelson, Ma Barker und ihre Gang – und John Dillinger, Verbrecher, deren Taten verklärt wurden, doch deren kurze Leben stets gewaltsam endeten, wie King auf grausam eindringliche Weise zu verdeutlichen weiß.

Zwischendurch erschreckend geschwächelt

Dann wieder ein Windei: „Im Kabinett des Todes“, eine durchaus beklemmende, aber sinnfreie Remmidemmi-Story, die in einer zum Klischee geronnenen Situation endlich einmal das Gute siegen lässt – auf US-amerikanische Art, d. h. unter Einsatz noch handfesterer Gewalt, als die Schurken sie anwenden.

Die schlechteste Story der Sammlung: „Die kleinen Schwestern von Eluria“, ein lieblos abgespultes Post-Doomsday-Fantasy-Garn ohne auch nur eine Idee, breit ausgewalzt bis ins spannungsarmen Finale, ein weiterer Nagel zum Sarg der ebenso endlosen wie langweiligen Saga vom Dunklen Turm.

„Alles endgültig“ ist dagegen eine für King typische Geschichte, die sich bekannter Klischees bedient, doch diese in einem neuen Licht darstellt. Der Autor ist dann in Hochform, wenn er absolute Durchschnittsmenschen darstellt. Hier ist es ein Proll, der seine Geschichte in ganz einfachen Worten erzählt; ein Lohnsklave, der im Leben stets übersehen wird. King lässt ihn allmählich erwachen und eindrucksvoll erkennen, dass er eine Abhängigkeit gegen eine andere eingetauscht hat.

Die Hölle im Heim

„L. T.s Theorie der Kuscheltiere“ ist eine kleine, böse, lustige Geschichte vom absolut logischen Ende einer Ehe – eine bemerkenswerte Bestandsaufnahme des Kleinkriegs, der sich an Nichtigkeiten entzündet und in Gang gehalten wird. Das Ende ist tragisch und kommt überraschend. Das gilt ebenso für Kings zweites Ehedrama. „Lunch im Gotham Café“ ist wesentlich grimmiger und beeindruckt durch die schlüssige Erklärung dafür, wie banale Lästigkeiten, die einem ausgeglichenen Menschen gar nicht auffallen, sich addieren und einen mörderischen Amokläufer produzieren können.

„Der Straßenvirus zieht nach Norden“ ist eine simple Horrorgeschichte – schnell, spannend, böse. King läuft hier zur bekannten, heutzutage oft vermissten Hochform auf. Er setzt dies mit „1408“ fort und steigert sich mit dieser klassischen Spukhaus-Story sogar noch beträchtlich. Nach geschickt geschürter Anfangsspannung geht es innerhalb der verfluchten Mauern zur Sache, und King belehrt den schnell eines Besseren, der glaubt, nur Andeutungen machten eine gute Gespenstergeschichte aus!

„Achterbahn“ erlebte mehr Aufmerksamkeit, als dieser durchaus intensiven, aber wahrlich nicht originellen Geschichte zukommt, weil King sie als Versuchsballon für seine Veröffentlichungsversuche per Internet einsetzte (s. o.). Nachdem der Hype verflogen ist, bleibt eine ganz normale Story mit starken Momenten, die sich um die menschliche Ohnmacht im Angesicht des Todes drehen.

„Der Glüggsbringer“ ist leider ein schwacher Ausklang; die Geschichte vom Relikt aus übernatürlicher Hand und den unerwarteten Folgen, die sein Einsatz durch seinen Finder zeitigt, haben wir schon oft und vor allem besser gelesen. Aber wenigstens verschont uns der Meister dieses Mal mit Berichten aus dem College-Baseball …

Autor

Normalerweise lasse ich an dieser Stelle ein Autorenporträt folgen. Wenn ich ein Werk von Stephen King vorstelle, pflege ich dies zu unterlassen, wie man auch keine Eulen nach Athen trägt. Der überaus beliebte Schriftsteller ist im Internet umfassend vertreten. Nur zwei Websites – die eine aus den USA, die andere aus Deutschland – seien stellvertretend genannt:  Sie bieten aktuelle Informationen, viel Background und zahlreiche Links.

Kurzkritik für Ungeduldige: 14 Geschichten; beileibe nicht ‚nur‘ Horror, sondern auch Kurzprosa, die von Menschen in der Krise erzählt – Ausnahmesituationen, die im Übernatürlich ebenso wurzeln können wie im Alltagsleben. Neben den üblichen Highlights findet sich Mittelmaß und einiges Überflüssiges. Stets überzeugt jedoch King mit seiner besonderen Gabe, die Banalitäten & Befindlichkeiten der US-amerikanischen Unterschicht und Mittelklasse mit fast dreidimensionaler Qualität widerzuspiegeln.

[md]

Titel bei Amazon.de
Titel bei Buch24.de
Titel bei eBook.de
Titel bei Booklooker.de

Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.