Konzerndossier

Tobias Hamelmann (Deutsche Chefredaktion)
Konzerndossier

(sfbentry)

Quellenbuch zu Shadowrun
Pegasus Press Hardcover (2011)
256 Seiten, Lesebändchen
ISBN 978-3-941976-14-6
Übersetzung: Falk Behr, Manuel Krainer, André Wiesler
Lektorat: Peer Bieber, Gerrit Czeplie, Tobias Hamelmann, Jan Helke, Benjamin Plaga, Michael Rösner, Stephanie von Treyer, Jens Ulrich
Coverbild: Arndt Drechsler

Bei Buch24.de

HF

Mit dem „Konzerndossier“ präsentiert Pegasus ein Quellenbuch, das eigentlich in keinem Regal eines Shadowrunners fehlen sollte. Immerhin werden hier die kapitalen Konzern-Gegenspieler unter die Lupe genommen und in Einzelteile zerpflückt. Wer da draußen unbedingt mit den Kons spielen will, der sollte sich gut vorbereiten.

RTFM

Laut Inhalt gibt es insgesamt sechzehn Kapitel im Quellenbuch. Das klingt im ersten Augenblick nach viel, aber jedem der zehn Megakons wurde ein eigenes Kapitel spendiert, während die Konzerne aus der zweiten Reihe in einem einzigen Kapitel zusammengefasst werden. Aber okay, die Megakons haben es ja auch verdient.

Den Einstieg macht wie üblich der Jackpoint, der wie ein Netzknoten aufgemacht ist. Allgemein präsentiert sich das Quellenbuch, bis auf den letzten Abschnitt, als Ingame-Informationsquelle des Jahres 2072. Alles garniert mit dem schönen Shadowtalk, der Shadworun so einzigartig macht. Hier gibt es also Erfahrungsberichte fiktiver Personen, die mit Kommentaren von fiktiven Hackern unterfüttert werden. Das sorgt für einen einzigartigen Style.

Der Leser – und somit potenzielle Runner – bekommt handfeste Informationen aus allen Bereichen der Konzerne in die Hand. Erst einmal gibt es eine Erklärung, was Großkonzerne und Megakonzerne überhaupt sind, wie sie entstanden, sich allgemein positionieren und wessen Gerichtsbarkeit sie unterliegen. Hier werden die Informationen aus dem Grundregelwerk aufgegriffen und ordentlich vertieft. Das sind massig Informationen, die vor allem dem Playtalk der Charaktere dienlich sind und es dem Spielleiter ermöglichen, authentische Gesellschafts- und Gesellschafterstrukturen zu kreieren.

Ziemlich spannend ist für Spieler auch das Kapitel „Konzernleben“, in dem detailliert nachzulesen ist, was eine Konzerndrohne so alles erwartet und wie die Erwartungen des Konzerns an seine Mitarbeiter sind. Erst einmal natürlich pauschalisiert, denn jeder der Konzerne hat seine Eigenarten, die ins tägliche Leben einfließen. Ob medizinische Versorgung, Datenschutz im Privaten und die Frage, ob ein Lohnsklave überhaupt noch Privat ist, über Eigentumsrechte und Ausbildung, bis hin zu Beziehungen, Ehen und anderen strategischen Beziehungen; hier wird alles geboten.

Erschreckend an den letzten beiden Kapiteln: Was in Shadowrun als wirtschaftliche Dystopie aufgebaut wird, hat uns im Jahre 2012 in der Realität teilweise bereits erreicht. Das sorgt für einen leicht morbiden Beigeschmack, vor allem Anbetracht der Occupy-Bewegung. Davon abgesehen, wartet „Konzerndossier“ mit handfesten Hintergrundinformationen zur sechsten (Konzern-)Welt auf.

Nach diesem Überblick, geht es ans Eingemachte. Die zehn Triple-A-Konzerne (AAA) werden alphabetisch vorgestellt. Ares, Aztech, EVO, Horizon, Mitsuhama, NeoNet, Renraku, Saeder-Krupp (FU Big L), Shiawase und Wuxing. Waren die Konzerne bisher eher farblos und scheinbar austauschbar, bekommen sie nun ordentlich Profil verpasst. Da kann ein Spielleiter richtig Gas geben und seine Abenteuer und Kampagnen authentisch gestalten. Natürlich sind es viel zu viele Informationen, um sie alle im Kopf zu behalten. Aber das ein oder andere Detail am Spieltisch fallen zu lassen, auf die Konzernpolitik beim Schreiben eines Abenteuers zu achten, dass ist problemlos möglich und macht verdammt viel Spaß.

Wie bereits erwähnt, die kleineren Konzerne sind noch immer ein Machtfaktor, werden aber in einem Kapitel zusammengefasst. Dazu gehören Aegis, Amalgamated, Chalmers & Cole, Lone Star, Mærsk Inc., Manadyne, Monobe International, Proteus, Universal Omnitech und Zeta-ImpChem. Hier werden die Informationen zu den Konzernen natürlich komprimiert dargestellt, was aber kein Problem ist. Immerhin sind alle Konzerne groß genug, um sich eigene Spielplätze zu schaffen. Und je mehr Lücken, um so mehr Ecken in denen Spielgruppen agieren können.

Anstatt es bei einer reinen Übersetzung zu lassen, hat Pegasus natürlich ordentlich am Buch gearbeitet und die eigene Duftnone hinterlassen. Dazu gehört natürlich das Kapitel „Konzerne in der ADL“. Die Pegasus-Autoren nehmen hier Bezug auf die Wirtschaft nach dem Crash 2.0, machen die Positionen der AAA-Kons klar und geben Hintergrundinformationen über hauseigene Kons heraus: AG Chemie, Proteus und Frankfurter Bakenverein. Aber auch BuMoNa, DeMeKo, Ruhrmetall und Zenit finden Erwähnung. Um das Kapitel abzurunden, gibt es auch noch ein paar knappe Worte zu den Eurokonzernen und der europäischen Wirtschaft nach dem Crash. Aus Sicht eines Schattenläufers der ADL eine hilfreiche Sache.

Bisher war alles Hintergrundinformation. Im letzten Kapitel von „Konzerndossier“ verschiebt sich nun der Fokus ein wenig, hin zu den Spielinformationen. Die kommen allerdings ohne Werte oder Regeln daher, sind für Shadowrun-Spielleiter aber Sahne – selbst ohne Konzentration auf Konzernjobs.

Hier gibt es handfestes Wissen in Bezug auf Identitäten, Befehlsketten, Belohnungen, Connections und vieles mehr. Die Kirschen auf der Torte sind allerdings die Abschnitte über alle Arten von Anstellungen und Standardoperationen. Damit ploppen Ideen für Abenteuer nur so auf. Erstklassig!

BTW

„Konzerndossier“ lässt sich übrigens auch hervorragend ohne das Rollenspiel nutzen, um tiefer in die Romanwelten einzutauchen. Immerhin kommt auch jedes Kapitel mit einer einleitenden Kurzgeschichte daher, die zudem mit den Informationstexten verknüpft sind. Das beweist das Kapitel zu Horizon sehr eindrucksvoll. In der Kurzgeschichte (Seite 86) geht es nämlich um einen Runner namens Sunshine, der Informationen über Horizon einholen soll und dem die Leute einfach viel zu nett sind. Laut Shadowtalk sind diese Leute sogar viel netter, als das es wahr sein könnte. Ein Eintrag im Shadowtalk (Seite 96) stammt nun von eben jenem Sunshine, der nach seinem Weggang von Horizon eine Mail von einem gewissen G.C. bekommt. AFAIK ist damit wohl Gary Cline gemeint, der Vorsitzende des Horizon-Projekts. Der Inhalt dieser Mail ist einfach der Brüller und zeigt, was für einen tollen Humor die Shadowrun-Autoren haben.

n1

Allgemein sind alle Texte toll geschrieben, ordentlich übersetzt und gut gelayoutet. Überhaupt kommt das Layout sehr locker daher und bietet viel Abwechslung. Dadurch bleibt die Lesespannung erhalten. Leider gibt es keinen Index. Wer schnell etwas nachschlagen muss, sollte sich im Buch auskennen.

Das Quellenbuch selbst kommt im üblichen Quellenbuch-Blauton daher, hat ein praktisches goldenes Lesebändchen und zeigt auf der Titelseite eine Illustration von Arndt Drechsler, dessen Arbeit immer wieder schön anzuschauen ist. So auch hier, allerdings mit einigen Abstrichen in der B-Note. Das dürfte aber der Verlag verbockt haben. Denn neben der Titelillustration, kommen auch viele der Innenillustrationen ziemlich dunkel daher. Dadurch gehen einige Details verloren. Was die Innenillustrationen in schwarzweiß angeht, so sind sie eindeutig Geschmackssache. Immerhin gibt es mehrere unterschiedliche Stile, so, dass für jeden etwas dabei ist.

Die Fehler halten sich in Grenzen, hier hat das Lektorat gute Arbeit geleistet. Am auffälligsten dürfte sein, dass im Impressum der Name „Michael Rösner“ mit großem I geschrieben wurde: „MIchael Rösner“.

tl;dr

Ein schönes Buch, informativ und auch unterhaltsam. Optimal für ganze Spielgruppen, nur minimale Schwachpunkte und eine klare Empfehlung. GJ @ Pegasus!

CU

Copyright © 2012 by Günther Lietz, all rights reserved

HF – Have fun
RTFM – Read the fucking manual
FU – Fuck you
BTW – By The Way
AFAIK – As Far As I Know
n1 – Nice one
tl;dr – too long; didn’t read
GJ – good job
CU – See You

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