Silfur – Die Nacht der silbernen Augen

Nina Blazon
Silfur – Die Nacht der silbernen Augen

cbt-Verlag, München, 03/2016
HC mit Schutzumschlag, Kinder-/Jugendbuch, Urban Fantasy, Drama, 9783570163665, 476/1699
Titelgestaltung von Geviert, Grafik & Typografie unter Verwendung eines Motivs von Shutterstock (Vitalii
Tiagunov, Tropper 2000, nomadphoto, Robyn Mackenzie)
Illustrationen im Innenteil von Felicitas Horstschäfer
Autorenfoto von Random House/Isabelle Grubert

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Silfur - Die Nacht der silbernen Augen

Fabio und Tom verbringen mit ihren Eltern die Ferien in Island. Sie wohnen im Haus von Björg und deren Tochter Elín, die sich beide für diesen Zeitraum bei Onkel Gunnar einquartiert haben – sehr zum Verdruss von Elín, die es überhaupt nicht leiden kann, dass jemand in ihrem Zimmer schläft und womöglich ihre Sachen durchwühlt. Prompt geraten die Kinder aneinander, und es beginnt eine wilde Jagd, denn Elín beklaut Fabio, und Tom wiederum bringt etwas von ihr in seinen Besitz.

An der Schnitzeljagd haben vor allem Elín und Tom riesigen Spaß. Fabio, der zwar älter, aber kleiner und überhaupt nicht sportlich ist, wird schon bald von den anderen zurückgelassen. Ein kleiner Trost ist die Freundschaft zu Hansen, einem um einige Jahre älteren Jungen aus der Nachbarschaft, der sich um seine kranke Schwester kümmert. Ihm vertraut Fabio sogar sein Geheimnis an:

Er kann Elfen sehen! Diese haben sich unter die Menschen gemischt, werden jedoch nicht von ihnen wahrgenommen, und nutzen ganz selbstverständlich moderne Technik wie Handy und Internet. Hansen glaubt ihm und erzählt, dass er vor einigen Jahren ein Mädchen gesehen hat, das von Elfen entführt wurde und das er vergeblich zu befreien versucht hatte. Außerdem warnt er Fabio eindringlich vor den magischen Wesen, denn sie stellen für Menschen eine Bedrohung dar.

Dass dies keine leeren Worte sind, merkt Fabio schon bald, als die Elfen herausfinden, dass sie für ihn nicht unsichtbar sind und er ihnen nachspioniert. Nachdem sie ihm sehr unsanft deutlich machten, dass er sich nicht in Dinge einmischen soll, die ihn nichts angehen, wachsen seine Sorgen sowohl um die eigene als auch um Elíns Familie, denn diese zog sich vor Jahren den Zorn der Elfen zu. Um sie von dem Fluch zu befreien, geht Fabio so manches Risiko ein und deckt große Geheimnisse auf. Aber ausgerechnet als er Hansens Hilfe dringend benötigt, ist dieser spurlos verschwunden.

Soweit die äußere, sehr spannende Handlung, die vor der mythischen Kulisse Islands angesiedelt ist. Die genauen Beschreibungen lassen den Schluss zu, dass Nina Blazon vor Ort recherchiert und einige Worte der Landessprache aufgeschnappt hat. Schade, dass es keinen Anhang gibt, in dem neben der Bedeutung auch die Aussprache berücksichtigt wird.

Teils glauben die Isländer an die Existenz von Fabelwesen, teils zweifeln sie diese an. In der Geschichte sind sie real, und jemand, der nicht glauben wollte, begeht einen Fehler, auf den viele Missverständnisse folgen, die im Laufe der Jahre zu weiteren tragischen Konsequenzen führen. Nach der Offenlegung der zurückliegenden Ereignisse sind neuerliche Veränderungen nicht aufzuhalten, doch glücklicherweise sind sie positiv.

Sowohl im Fantasypart als auch in der inneren Handlung steht Fabio im Mittelpunkt. Obwohl er zwei Jahre älter ist als Tom, wird er stets wegen seiner Größe für dessen Zwillingsbruder gehalten, worunter er sehr leidet. Sein persönliches Drama eskaliert, als er zufällig ein Gespräch seiner Eltern belauscht, durch das er erfährt, dass sie befürchten, er könne kleinwüchsig sein (dass die Hauptfigur ein Kleinwüchsiger ist, ist neu und erst sein „Game of Thrones“ dank des Sympathieträgers Tyrion möglich; das hat nicht mal „Willow“ geschafft) und sich noch stärker in Fantasiewelten – er ist begeisterter Gamer – flüchten, weil sich nicht mehr verbergen lässt, dass Tom Fabio nicht nur körperlich überholt hat, sondern außerdem ein Überflieger ist, der ein Jahr früher eingeschult wurde, nun eine Klasse überspringen wird und dadurch in dieselbe Klasse kommt wie Fabio, wodurch die Demütigung noch größer würde.

Für Fabio bricht tatsächlich eine Welt zusammen. Dabei ist es nicht einmal Neid auf den Superbruder, den er für seinen besten Freund hielt, sondern die Erkenntnis, betrogen worden zu sein, und das ausgerechnet von Tom, denn dieser hat das alles gewusst und sich stets zurückgehalten, um seine Überlegenheit vor Fabio zu verheimlichen. Es ist dann überraschenderweise Elín, die Fabio hilft, aus dem Tief herauszufinden, denn auch sie ist ein Außenseiter, weshalb sie seine Probleme bestens versteht.

Das gilt zweifellos auch für den Leser. Er oder sie säße nicht mit diesem Buch in einer gemütlichen Ecke, wäre er/sie wie „der tolle Tom“ ein Supersportler und mit vielen Freunden immer draußen zum Toben. Wer einem Buch den Vorzug gibt, gehört i. d. R. zur Gruppe derer, die beim sportlichen Wettstreit schlechter abschneiden und deshalb fast immer außen vor bleiben, sodass sie frühzeitig andere Interessen entwickeln, denen man auch allein nachgehen kann (z. B. Lesen, Online-Games). Es gelingt der Autorin sehr gut, diesen Kummer über den Spott und das Ausgeschlossen sein zu beschreiben.

Dennoch wird Fabio nicht ganz in die Ecke gedrängt, wie das im realen Leben für gewöhnlich der Fall ist, denn nachdem er sich mit Elín versöhnt und sich mit Tom ausgesprochen hat, sind alle drei die besten Freunde und versuchen, aufeinander Rücksicht zu nehmen. Auch das findet man bei Kindern zwischen 10 und 12 Jahren eher noch nicht. Das Trio wirkt für sein Alter oft viel zu reif. Nebenbei stellt Fabio fest, dass Tom keineswegs perfekt ist, da es Dinge gibt, vor denen er sich fürchtet und ihm nicht immer alles gelingt. Elfen kann bloß Fabio sehen, und er vermag, das große Ganze zu erkennen.

Das heißt im Klartext, auch wenn man in der Schule keine besonders guten Zensuren hat, ist man deswegen nicht dumm, zumal Noten ohnehin nicht alles sind. Viele Begabungen werden vom Schulsystem grundsätzlich nicht erfasst, erst später erkannt und erweisen sich im Berufsleben als nützlich. Außerdem haben es im Falle von Fabio und Tom die Eltern in der Hand, Tom an einer anderen Schule oder wenigstens in einer anderen Klasse unterzubringen, um den ständigen direkten Vergleich beiden zu ersparen – in einer Großstadt wie Frankfurt sollte das anders als auf dem Land kein Problem sein. Hier wird viel Lärm um nichts gemacht.

Viele Bücher von Nina Blazon strahlen eher eine etwas düstere Atmosphäre aus und sind an Leser ab dem Teenager-Alter adressiert. Mit „Silfur“ – die Bedeutung des Titels wird im Buch erklärt – spricht sie auch die etwas jüngeren an, Leseratten ab etwa 10 Jahre, die spannende Geister- und Elfengeschichten schätzen. Infolgedessen ist die Stimmung durchaus heiter zu nennen, insbesondere dann, wenn die Jungen über die ungewohnten isländischen Namen und Speisen lästern.

Die magischen Wesen mögen gefährlich sein, erweisen sich dann jedoch als nicht gar so böse, wie behauptet. Fabio gerät in heikle Situationen, kann sich aber immer wieder aus diesen befreien oder erhält Hilfe, sodass er einige Seiten weiter bereits wieder glimpflich davon gekommen ist und kleinere Kinder aufatmen können.

Im Rahmen der Ereignisse wächst der unterschätzte Fabio, wobei die Freundschaft zu Tom, Elín, Hansen und den anderen seine Triebfeder ist. Sein Mut und seine Weitsicht lassen seinen kleinen Wuchs vergessen, und letztendlich zollen ihm alle den verdienten Respekt.

Bis dahin und der Auflösung sämtlicher Rätsel nimmt man Anteil an Freud‘ und Leid der Hauptfigur, entdeckt zusammen mit Fabio die geheimnisvolle Welt der Elfen und möchte den Band erst aus der Hand legen, nachdem die letzte Seite umgeblättert wurde. Ein tolles Buch, vielleicht sogar das derzeit schönste von Nina Blazon, das man durchaus zu den All Age-Titeln zählen darf.

Copyright © 2016 by Irene Salzmann (IS)

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