Straße der Verdammnis

Donald R. Bensen (Hg.)
Straße der Verdammnis
Die besten Stories aus UNKNOWN, dem berühmten Fantasy-Magazin

Originalausgabe: The Unknown (New York : Pyramid Books 1963)
Übersetzung: Lore Strassl u. Susi Matthaey
Dt. Erstausgabe:  Oktober 1979 (Erich Pabel Verlag/Terra Fantasy 66)
161 S.
[keine ISBN]

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Inhalt:

Zwischen 1939 und 1943 widmete sich das US-Magazin „Unknown“ der humorvollen Mystery Fiction. Sieben dieser angejahrten aber weiterhin unterhaltsamen Storys werden hier gesammelt:

– Hugh Walker: Vorwort, S. 7-9

– Henry Kuttner: Der fehlgeleitete Heiligenschein (The Misguided Halo, 1939), S. 10-33: Mr. Young erhält irrtümlich einen Heiligenschein, der seine Spießbürger-Welt gründlich durcheinanderbringt, woraufhin er ungeschickt zu ‚sündigen‘ versucht, um den lästigen Kopfschmuck loszuwerden.

– Lyon Sprague de Camp: Der knorrige Mann (The Gnarly Man, 1939), S. 34-62: Ein Besucher aus der Steinzeit entkommt wieder einmal den tückischen Schlichen seiner modernen Nachfahren.

– Theodore Sturgeon: Gestern war Montag (Yesterday Was Monday, 1941), S. 63-85: Ausgerechnet der tumbe Automechaniker Harry gerät ins Getriebe des Universums, wo sich die Menschenwelt als gigantische Theaterkulisse entpuppt.

– Anthony Boucher: Snulbug (Snulbug, 1941), S. 86-105: Um zu Geld zu kommen, beschwört Bill einen Dämon aus der Hölle, doch Snulbug ist vor allem dreist sowie ziemlich mickrig geraten.

– Robert Arthur: Straße der Verdammnis (Mr. Jinx, 1941), S. 106-126: Schwarzmagier Jinx setzt diverse Gangsterbanden unter Druck, hat aber zu seinem Pech (und als ausgeprägter Chauvinist) nicht die trickreiche Millie auf dem Radar.

– Frederic Brown: Armageddon (Armageddon, 1941), S. 127-133: Der kleine Herbie vereitelt den Weltuntergang – mit seiner Wasserpistole.

– Horace L. Gold: Eine verflixt trockene Angelegenheit (Trouble with Water, 1939), S. 134-161: Mr. Greenberg will angeln, fängt aber nur einen Wasserkobold, den er in seinem Zorn beleidigt, um dafür mit einem bizarren Fluch belegt zu werden.

Alltag trifft auf Twilight Zone

Nur auf 39 Ausgaben brachte es „Unknown“, eines jener zahlreichen „Pulp“-Magazine, die seit den 1920er Jahren die US-Leser mit phantastischen Geschichten und Romanen in Fortsetzungen versorgten. Zuerst 1939 erschienen, waren es keineswegs fehlende Qualitäten, die „Unknown“ im Oktober 1943 den Garaus machten, sondern die Nazis im Bund mit den Japanern: Wie viele andere Magazine fiel auch „Unknown“ der kriegsbedingten Rationierung von Papier zum Opfer.

Für solide Unterhaltungsstärke sorgte bis dahin niemand Geringerer als John W. Campbell, Jr. (1910-1971), der sein gutes Auge für gelungene Phantastik bereits seit 1937 als Herausgeber des legendären Magazins „Astounding Science Fiction“ unter Beweis stellte. Campbell – der selbst SF-Autor und ein Genre-Purist war – suchte nach einer Möglichkeit, jener Phantastik eine Spielwiese zu schaffen, die heute als „Urban Fantasy“ bekannt ist.

Typisch ist der Einbruch des Übernatürlichen in eine betont realistisch geschilderte Welt. Hier hat es nichts zu suchen, hier ist man auf seine Repräsentanten nicht vorbereitet. Der Konflikt zwischen den Sphären sorgt für einen (meist harmlosen) Witz, den mancher Autor mit Meisterschaft zum Leben erwecken konnte: Dies war ein Schatz, den Herausgeber Donald Roynald Bensen (1927-1997) bergen wollte. In zwei Bänden präsentierte er 1963 und 1964 „Unknown“-Storys, die seiner Auffassung nach den beschriebenen Geist am besten in Worte zu fassen wussten.

Das Jenseits ist seltsam (vertraut)

Es sind die ‚kleinen Leute‘, die in diesen Geschichten nicht unbedingt heimgesucht, sondern überfordert werden; Arbeiter und Angestellte ohne große Geistesgaben, die sich mehr oder weniger zufrieden in ihren meist ereignisarmen Leben eingerichtet haben. Mit dem Übernatürlichen haben sie deshalb wenig bis gar nichts am Hut (den man zum Erscheinungsdatum dieser Storys in der Öffentlichkeit zu tragen pflegte).

Dazu passt eine Überwelt, die kaum etwas von dem erhabenen Grauen verströmt, mit dem es die Meister des ‚ernsthaften‘ Horrors aufladen. Henry Kuttner (1915-1958) schildert einen unerfahrenen Engel, dem ein folgenschwerer Irrtum unterläuft. Theodore Sturgeon (d. i. Edward Hamilton Waldo, 1918-1985) entwirft das Bild eines Universums, hinter dessen Kulissen sowohl Engel als auch Dämonen vor allem tüchtig schuften müssen und bereit sind, sich vor einem unverhofften menschlichen Besucher darüber zu beklagen. Anthony Boucher (d. i.  William Anthony Parker White, 1911-1968) präsentiert ein Teufelchen, das es gern gemütlich hat, nicht auf Seelenfang aus ist und sich darüber ärgert, wieder einmal von einem Menschen heraufbeschworen zu werden, der keine Ahnung hat, das sich Wunscherfüllung nicht erzwingen lässt. Horace Leonard Gold (1914-1996) stellt uns den bedauernswerten Mr. Greenberg vor, der unter seiner herrischen Gattin eindeutig stärker leidet als unter einem Kobold-Fluch à la König Midas: Keifende Eheweiber und kuschende Pantoffelhelden waren schon um 1940 unverzichtbare Gestalten des klassischen Flachwitzes.

Nur marginal ernsthafter erzählt Lyon Sprague de Camp (1907-2000) die Geschichte eines Neandertalers, dem ein Zufall zu ewigem Leben verhalf. Die Komik entsteht vor allem aus der Tatsache, dass dies den Betroffenen zu einem Leben im Schatten der Welthistorie verurteilt: Als er sich jetzt (= in der Gegenwart des Jahres 1939) outet, gerät er prompt in die Mühlen der modernen Welt, deren Bewohner ihn als Versuchsobjekt, Pressesensation oder gar als aufregend archaischen Ehemann (!) sezieren bzw. ausschlachten bzw. missbrauchen wollen.

Das Böse gerät ins Stolpern

Frederic Brown (1906-1972) lässt Satan persönlich durchaus bedrohlich die Weltherrschaft übernehmen – um ihm so banal wie möglich in letzter Sekunde einen Strich durch die Rechnung zu machen. Robert A. Arthur, Jr. (1909-1969) konfrontiert seine Protagonisten mit einem erzbösen Magier, der sich alle Mühe gibt, seine Opfer in Angst und Schrecken zu versetzen. Der Leser amüsiert sich dabei aufgrund der (zeitgenössisch) ‚komischen‘ Volte, die (ausgerechnet) eine Frau die Lücke im Panzer des schier unüberwindlichen Gegners entdecken lässt: Mr. Jinx ist eitel und lässt sich über diese Schiene ins Abseits befördern. Der Lohn bleibt nicht aus: Millie kann heiraten.

Fast möchte man sie bedauern, denn das Leben der übernatürlichen Nachbarn ist ebenso mühsam und reich an Beschwernissen wie das unsere. Sie kennen ungeduldige Vorgesetzte, Überstunden und Termindruck, selbst wenn es um hehre Dinge wie das Wetter geht. Auch Dämonen sind zudem nur Menschen. Sie wollen ihre Ruhe und möglichst keinen Ärger. Das ist die Quintessenz der meisten dieser Storys. Die Wesen des Himmels, der Hölle oder der Zwischenwelt haben letztlich mehr mit den von ihnen gepiesackten Erdbewohnern gemein, als uns Überlieferungen und Legenden verraten. Deshalb wundert es nicht, dass es nach anfänglichem Streit in der Regel zu einer Versöhnung oder wenigstens Einigung kommt.

Wo das nicht möglich ist – Satan neigt nicht zur Fraternisierung -, kommt den finster veranlagten Überwesen der Zufall in die Quere. Darin liegt ein Trost, der sich dem Leser mitteilen soll: Das Böse ist keineswegs allmächtig, sondern kann überwunden bzw. überlistet werden; nicht selten stellt es sich selbst ein Bein, sodass man sich – anders als in der Realität jenseits des Buchrückens – über seine Vertreter amüsieren kann.

Im Land der normierten Unterhaltung

Hierzulande darf allerdings nur halblaut gelacht werden. Bis 1980 wurden Genre-Taschenbücher – also Krimis, SF, Horror u. a. ‚triviale‘ = wertlose Unterhaltungsliteratur – fast ausnahmslos seitennormiert. Auf diese Weise ließ sich bei einer fixierten Auflage problemlos vorab kalkulieren, wieviel Papier gekauft und bedruckt werden musste. Der Wunsch des Lesers nach einer eingedeutschten Komplettfassung, wie sie auch der Autor favorisierte, zählte nicht. Waren die Originale zu umfangreich, wurden notfalls Kapitel umgeschrieben, gekürzt oder gänzlich gestrichen. Wer außer den wenigen Zeitgenossen, die das Original kannten, erfuhr dies in einer Welt ohne Internet oder beschwerte sich darüber?

Da konnte man in diesem unseren Lande froh sein, dass Storysammlungen ‚nur‘ durch das Weglassen von Geschichten auf die gewünschte Seitenzahl getrimmt wurden. Ebenfalls über Bord ging in der Regel aus Verlegersicht unwichtiges Beiwerk. In unserem Fall besteht es aus einem Vorwort von Isaac Asimov und einer Einleitung von Herausgeber D. R. Bensen. Immerhin gibt es ein neues Vorwort, in dem Hugh Walker (= Hubert Strassl) mit damals kargen Hintergrundinformationen half, diese Sammlung und ihre Autoren in der Welt der Phantastik zu verorten. Außerdem gibt’s ein Cover, das so heutzutage wohl kaum noch möglich wäre …

Verzichten müssen wir auf diese Storys:

– Nelson S. Bond (1908-2006): Prescience (1941)
– Fritz Leiber (1910-1992): The Bleak Shore (1940)
– Malcolm Jameson (1891-1945): Doubled and Redoubled (1941)
– Manly Wade Wellman (1903-1986): When It Was Moonlight (1940)

Nur wenige Jahre später war die Seitennormierung Geschichte. Nicht unbedingt die Proteste der Leser, sondern einige Verlage selbst bereiteten der unwürdigen Praxis ein Ende. Selbst hartnäckige Vertreter mussten nachziehen. Wenn heute überhaupt noch normiert wird, wurden die Texte im Wissen darum geschrieben und nicht nachträglich entstellt.

Copyright © 2015/2017 by Michael Drewniok (md)

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