Underworld – Blutfeind

Greg Cox
Underworld – Blutfeind

Originaltitel: Underworld – Blood Enemy (New York : Pocket Books 2004)
Übersetzung: Jan Dinter
Deutsche Erstausgabe: März 2006 (Panini Verlag/Horror TB Nr. 1343)
346 S.
ISBN-13: 978-3-8332-1343-4

Titel bei Amazon.de
Titel bei Booklooker.de


Das geschieht:

Seit Jahrhunderten tobt ein erbitterter Krieg zwischen Vampiren und Werwölfen. Zwei moderne Episoden dieser Auseinandersetzung schildern die Filme „Underworld“ und „Underworld: Evolution“, während “Underworld – Blutfeind” vom Ursprung des Krieges erzählt:

Einst lebten Vampire und Menschen im mühsam gewahrten Frieden. Die zwar unsterblichen und mit unglaublichen Kräften begabten aber zahlenmäßig unterlegenen Vampire hüteten sich, ihre menschlichen Nachbarn durch die Auferlegung eines allzu großen Blutzolls aufzubringen. Leider hielt sich eine dritte Partei nicht an diese Spielregel: Die Lycaner oder Werwölfe lebten als wilde Tierwesen in den Wäldern, aus deren Schutz sie immer wieder die Siedlungen der Menschen überfielen und für blutigen Terror sorgten. Die Vampire versuchten solche Übergriffe zu stoppen, indem sie einerseits selbst Jagd auf die Lycaner machten und die Überlebenden andererseits versklavten. Einige konnten ‚zivilisiert‘ werden.

Anfang des 13. Jahrhunderts gehört Lucian zu ihnen. Seit zwei Jahrhunderten dient er der Lady Ilona auf Schloss Corvinus in den Karpaten. Sie gehört zum Hochadel der Vampire und ist mit dem Ältesten Marcus liiert, der in Kürze die Oberherrschaft über sein Volk übernehmen wird. Lucian ist wohlgelitten auf Corvinus, doch er gilt trotzdem als Wesen zweiter Klasse. Deshalb verbirgt er sorgfältig seine Liebe zur schönen Sonja, der Tochter Ilonas.

Wider Erwarten kommen sich die beiden näher, als der Mönch Ambrosius Ilonas Tross überfallen lässt, der den Schutz des Schlosses verlässt. Lucian und Sonja sind unter den Wenigen, die entkommen. Als eines Tages Marcus Wind von dieser verbotenen Liebe bekommt, ist seine Strafe grausam. Der schwer verletzt entkommene Lucian gelobt ihm und allen Vampiren Rache …

Unterirdisches Grusel-Epos

Die Existenz des „Underworld“-Franchises ist ein eigenartiges Phänomen, denn es stützt sich auf einen wirren Auftaktfilm und seine noch schlimmeren Fortsetzungen. Sie bieten eindimensionale, inhaltlich aus deutlich besseren Filmen zusammengeklaubte, im epileptischen MTV-Stil geschnittene Horror-Action. Der tricktechnische Overkill, die dick aufgetragene ‚Coolness‘ der harthölzernen Darsteller sowie Kate Beckinsale im hautengen Lederdress haben jedoch ihre Fans gefunden, denen mit einer breiten Palette diversen Schnickschnacks noch ein bisschen mehr Geld aus der Tasche gezogen werden soll.

Dazu gehören „tie-ins“, Romane zu den Filmen, die aufgrund der flachen Handlung zwar wenig Inhalt vermuten lassen aber andererseits ein wenig Sinn in die turbulenten Kloppereien zwischen Vampiren und Werwölfen bringen könnten. Die Niederschrift übernahm Greg Cox, ein Veteran auf dem Schlachtfeld des Film-Romans, der den Versuch unternahm, die dürren „Underworld“-Geschichtchen zu dicken Buchschwarten aufzuschäumen.

Die vergleichsweise enttäuschenden Kassenerträge des zweiten Teils schienen der Saga einen Pfahl ins Herz zu treiben, doch Franchises sind widerstandsfähiger als Vampire. 2009 kam ein dritter Film ins Kino (dem 2012 und 2016 weitere Fortsetzungen folgten). Die Story dürfte denen, die den Roman „Underworld: Blutfeind“ gelesen haben, recht bekannt vorkommen: Greg Cox hatte bereit 2004 seine Version der Vorgeschichte des Krieges zwischen Vampiren und Werwölfen geschrieben. Das Drehbuch des späteren Films unterschied sich nur in Details von diesem „tie-in“, das auf diese Weise zur Vorlage eines Prequels wurde, das Cox 2009 als „Underworld: Aufstand der Lycaner“ noch einmal neu schrieb: Ein dickes Fell muss man haben, um im „tie-in“-Geschäft Geld verdienen zu können …

Es war (leider nicht nur) einmal …

Wie es sich für einen guten „tie-in“-Fabrikanten gehört, hielt sich Cox bereits 2004 an den „Underworld“-Kanon. Die Handlung der ersten beiden Filme verlegte er aus der Gegenwart in die Vergangenheit. Er ging dabei von der zutreffenden Prämisse aus, dass sich Vampire und Werwölfe einst bitter zerstritten haben müssen. Komplexe Darstellungen widersprechen der simplen Konstruktion des „Underworld“-Universums. Deshalb wählte Cox eine tragische Liebesgeschichte mit viel Dramatik und Verrat, denn das funktioniert auch auf bescheidenem Niveau immer & fast automatisch.

Cox belastet uns „Blutfehde“ nicht mit historischen Fakten; die Geschichte spielt um 1200 „in den Karpaten“. Die Vergangenheit ist hier nur eine weitere Schablone, aus der bewährte Klischees gestanzt werden. Cox ist dabei Profi genug, sein Garn ohne Knotenbildung abzuspulen. Die triviale, mit dicken Strichen weniger gezeichnete als angedeutete Story setzen das Kino im Kopf der „Underworld“-Leser in Gang. Für diejenigen, die sexy Selene und die Straßenschlachten zwischen Vampiren und Werwölfen im 21. Jahrhundert vermissen, hat Cox einen in der Gegenwart spielenden Handlungsstrang entworfen, der auch sie zufrieden stellt.

Damit hat Greg Cox nüchtern betrachtet seinen Job getan. Die geschäftsmäßige, beinahe zynische Kaltschnäuzigkeit, mit der das Produkt auf seine Verbraucher zugeschnitten wird, mag diejenigen, die wirklich gute Horrorromane kennen bzw. zu erkennen vermögen, verblüffen und erschrecken. Für dieses Publikum wurde „Underworld: Blutfeind“ jedoch nicht geschrieben.

Fell & Fänge, vereint durch die Liebe

Romeo & Julia treten dieses Mal in unorthodoxen Gestalten auf, sind aber trotzdem leicht zu identifizieren: Der schmucke Werwolf liebt das schöne Vampir-Mädchen, aber ach, es trennen sie buchstäblich Welten: Lucian ist ein Sklave, für den sich seine Herren hin und wieder ein Wort des Lobes abringen, Sonja gehört nicht nur zum vampirischen Hochadel, sondern ist auch die Tochter von Marcus, einem Vampir-Ältesten, der sein untotes Volk als strenger Herrscher führt.

Lucian steht darüber hinaus zwischen den Stühlen, weil er als Lycaner einen Job hat, der ihm zunehmend zu schaffen macht: Er führt die Vampire in die Lager der ‚wilden‘ Werwölfe, die anschließend ausgerottet oder in die Sklaverei verschleppt werden. Darin ist er gut, aber wenn Lucian das Elend sieht, das die Vampire mit seiner Hilfe über die Lycaner bringen, fragt er sich dramatisch, wer er ist, den seine Herren nicht nur ‚zivilisiert‘, sondern auch manipuliert haben.

Der Funke der Rebellion wäre sicherlich noch lange nicht aufgeflammt, hätte die schöne Sonja ihn eines Tages nicht erhört. Damit bringt sie ihren Vater und alle übrigen Vampire gegen sich auf, rüttelt sie doch an einem grundsätzlichen Tabu ihres Volkes: Eine Vermischung der Rassen darf nicht stattfinden! Selbst Nikolai, Markus‘ Sohn, gilt als dekadent, weil er sich mit menschlichen Liebesdienerinnen umgibt. Doch die Lycaner stehen sogar noch tiefer in der Hierarchie; sie gelten als halb tierische Kreaturen, weil sie sich bei Vollmond in Wölfe verwandeln, die nicht mehr vom Verstand geleitet, sondern von Instinkten beherrscht werden.

Platter Horror in einfachen Worten

Als die Liaison öffentlich wird, hat Lucian sich entschieden und weigert sich, in der ihm zugewiesenen Rolle zu verharren. Er wird seine Strafe nicht akzeptieren. Intelligent und entschlossen schlägt er sich auf die Seite derer, die allein ihn gegen die Vampire schützen können: Lucian – ein mondsüchtiger Spartakus – wird zum Herrn und Lehrer der Werwölfe, die sich unter seiner Führung der Macht bewusst werden, die sie zum gleichwertigen Gegner der Vampire werden lässt.

Wem das zu komplex und psychologisch anspruchsvoll erscheint, sei beruhigt: Es wird literarisch auf Kurzrasenniveau präsentiert und mit sämtlichen Klischees bestückt, die sich der Horrorfan denken (oder über die er sich ärgern) kann. Die angestaubte Konstellation bietet Raum für weitere Pappkameraden. Selbstverständlich sind sowohl Marcus als auch Victor – der ihm auf den Thron folgt wird – engstirnige Gewaltherrscher, die zudem den Einflüsterungen tückischer Verräter zugänglich sind. Falls das Alter wirklich Weisheit bringt, hat sie einen weiten Bogen um unsere Vampir-Fürsten geschlagen.

Dies gilt ebenso für die Lycaner, obwohl Lucian sie erst ordentlich schleifen muss, damit sie sich in der ihnen zugewiesenen Gegner-Rolle nicht völlig blamieren. Ketzerisch ist die Frage, wieso beide Parteien nach 800 Kriegsjahren keinen Schritt weitergekommen sind; ketzerisch deshalb, weil sie einen tieferen Sinn im „Underworld“-Geschehen vorgäbe, den diese Saga ganz sicher -den Fans sei es garantiert! – nicht gibt.

Autor

Greg Cox (geb. 1959) gehört zu den Autoren, die sich mit Haut und Haaren dem Verfassen sog. „tie-ins“ verschrieben haben: Er schreibt sehr erfolgreich Romane zu Filmen und Fernsehserien, die zum jeweiligen Franchise gehören und mit ihren Erträgen zum Gesamtgewinn beitragen. Literarische Qualität ist in diesem Umfeld eher ein Schimpfwort. Weitaus wichtiger ist die rasche Produktion und pünktliche Lieferung eines Titels, der zum Film- oder Serienstart im Buchladen liegen muss. Dort bleibt er nicht lange, denn die Halbwertzeit eines „tie-in“-Romans ist kurz und ist in der Regel mit der Zeitspanne identisch, die ein Film im Kino und eine TV-Show im Fernsehen läuft.

Cox erfüllt auch die zweite Anforderung eines ‚tie-in‘-Routiniers: Er findet den ‚Ton‘ der jeweiligen Filme, den er in seine Bücher überträgt. Die Leser entdecken, was sie an den Vorlagen schätzen, und nehmen dabei in Kauf, dass sie nie mit wirklich Originellem konfrontiert werden, weil das Franchise ein Verharren im Status quo fordert: Mögliche Entwicklungen sollen dem Film vorbehalten bleiben, der die höheren Einkünfte garantiert.

Seit anderthalb Jahrzehnten schreibt Cox spannende aber anspruchslose Geschichten zu Blockbustern wie „Daredevil“, „Underworld“ oder „Ghostrider“. Im TV-Segment gehört er zu den Stammautoren der „Star-Trek“-Serien, die er nach ihrem Auslaufen um halbwegs eigenständige Fortsetzungen bereichert. Zu den Fernsehserien, die Cox in Buchform aufleben ließ, gehören „Roswell“ und „Alias“. Storys lieferte er zu Sammelbänden mit neuen Abenteuern von „Xena“ und „Buffy“.

Grex Cox lebt in Oxford, US-Staat Pennsylvania. Über sein umfangreiches Werk informiert er auf seiner Website.

Copyright © 2012/2017 by Michael Drewniok (md)

Titel bei Amazon.de
Titel bei Booklooker.de

AVP – Alien vs. Predator

Resistance: Ein Sturm zieht auf

Dawn of the Dead

Die Frau in Schwarz

sfbentry

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.