Abfahrt Pelham 1 Uhr 23

John Godey
Abfahrt Pelham 1 Uhr 23

Originaltitel: The Taking of Pelham One Two Three (New York : G. P. Putnam’s Sons 1973)
Übersetzung: Wulf Bergner
Deutsche Erstausgabe (geb.): 1973 (Scherz Verlag)
310 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1975 (Rowohlt Verlag/RoRoRo 11899)
204 S.
ISBN-13: 978-3-499-11899-9
Neuausgabe: 1980 (Scherz Verlag/Scherz-classic-Krimi 748)
175 S.
ISBN-10: 3-502-50748-1

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Das geschieht:

Als Ex-Söldner Ryder den ehemaligen U-Bahn-Fahrer Longman kennenlernt, ist dies der Auftakt eines ebenso verwegenen wie skrupellosen Verbrechens. Die beiden Männer beschließen die Entführung einer New Yorker U-Bahn! Was zunächst wie eine denkbar dämliche Idee klingt, wird in der Umsetzung zum Coup: Niemand rechnet mit einer solchen Tat, weshalb es keine entsprechenden Sicherheitsmaßnahmen gibt.

Leitstelle und U-Bahn-Polizei reagieren deshalb ungläubig, als Ryder und Longman sowie ihre beiden Kumpane Steever und Welcome mit Maschinenpistolen bewaffnet die U-Bahn Pelham 1-2-3 entern: Wie wollen sie in einem schienengebundenen Fahrzeug flüchten? Doch die Gangster haben an alles gedacht. Nicht die U-Bahn, sondern die Insassen sind ihnen wichtig. 16 Frauen und Männer werden als Geiseln gefangen gehalten. Unter der Erde kann sich niemand unbemerkt Pelham 1-2-3 nähern.

1 Million Dollar sollen der Bande binnen einer Stunde ausgehändigt werden; man werde sonst damit beginnen, die Geiseln zu erschießen. Dass dies keine leere Drohung ist, beweist der Tod eines wütenden Angestellten, der die Gangster zu Rede stellen will. Der enge Zeitrahmen verhindert zudem planvolle Aktionen der Polizei.

Über und unter der Erde wächst die Spannung. Die Medien haben rasch Wind von der Entführung bekommen. Da die Stadt pleite ist, wollen die Politiker die U-Bahn stürmen lassen, fürchten aber die Reaktion der Öffentlichkeit. Viel zu lange streitet man sich und sucht nach Alternativen, die es nicht gibt. Ryder weigert sich zu verhandeln. Die Nerven liegen blank: Die Geiseln lassen sich zunehmend schwerer kontrollieren, die Gangster sind untereinander uneins, die Polizei will angreifen. Allerdings kennt die Bande einen Trick, der ihnen trotzdem die Flucht ermöglichen soll …

Überfall auf die Postkutsche – moderne Version

Romane wie „Abfahrt Pelham 1 Uhr 23“ rufen beim schon älteren Leser Wehmut hervor: Früher war manches eben doch besser. Heute muss man jedenfalls lange und meist vergeblich nach einem Thriller suchen, der so auf das Wesentliche konzentriert bleibt. Viel zu ausgiebig wird der Spannung inzwischen Seifenschaum untergemischt. Auch in dieser Hinsicht zeigt John Godey, wie man es besser macht: Das Zwischenmenschliche kommt in seinem Buch keineswegs zu kurz. Es bleibt aber der Story untergeordnet oder besser: Es steht in ihrem Dienst und erläutert manches, das ohne entsprechende Information Fragen aufwerfen würde.

Cover der dt. Erstausgabe

„Abfahrt Pelham 1 Uhr 23“ ist ein ungemein zeitgenössischer Thriller. Der Plot würde heute nicht mehr funktionieren. Schon damals war es eine kuriose Idee, eine U-Bahn zu entführen, aber es hätte so, wie Godey es dank ausgiebiger Recherche in Szene setzt, wohl funktioniert. Spätestens seit Nine/Eleven ist daran nicht mehr zu denken; die Sicherheitsmaßnahmen lassen es nicht mehr zu. Doch die Handlung spielt Anfang der 1970er Jahre, als Computer noch Wandschrankgröße besaßen und ebenso leistungskräftig waren. Hightech beschränkt sich deshalb auf das Funkgerät im Führerstand der U-Bahn, und selbst das ist neu; weiterhin stehen entlang der Strecken Festnetz-Telefone bereit, zu denen ein schiffbrüchiger U-Bahn-Fahrer im Notfall und in unterirdischer Dunkelheit wandern kann.

An ein ferngesteuertes Abschalten von Pelham 1-2-3 ist jedenfalls nicht zu denken. Auf diese Weise wird ein Problem zur kriminellen Möglichkeit: Ein U-Bahn-Waggon lässt sich von wenigen Männern kontrollieren und isolieren. Unter der Erde ist es schwierig, Entführer wie Ryder & Co. auszuräuchern, wenn man Geiselleben schonen will. In diesem Punkt ist dieses Verbrechen sehr modern: Die U-Bahn selbst ist nicht wichtig, und einen (Geld-) Schatz transportiert sie nicht. Es geht um die Insassen, die einen Wert darstellen, oder – um in Godeys zynischem Ton zu bleiben – eine Verhandlungsmasse darstellen.

Menschlichkeit als Illusion

Tatsächlich würde die Mehrheit jener, die nicht im Waggon gefangen sind, das Problem gern ignorieren. Die Stadt hat kein Geld, die Polizei will Härte demonstrieren, die Medien hoffen auf ein blutiges Spektakel, die Politiker würden am liebsten abtauchen. Selbst die Bürger sind keineswegs geschlossen auf der Seite der Entführten, zumal „Nigger“, „Spics“, „Hippies“ und „Jidden“ unter ihnen sind: Um 1970 waren noch nicht Pechvogel-Mitbürger mit Islam-Hintergrund oder angeblich heuschreckenschwarmgleich über die USA einfallende Mexikaner die Primärziele rassistischer Vorurteile. Dazwischen lässt Godey militante ‚Bürgerrechtler‘ zu Wort kommen, die gegen die Obrigkeit wettern und offen zum Mord an allen „Schweinen“ aufrufen, die Gesetz und Ordnung aufrechterhalten. Die daraus resultierte Sinnfreiheit solcher vor allem sich selbst feiernden Gruppen weiß Godey mit trockenem aber beißendem Witz offenzulegen: „Falls Brüder aus Puertorico in diesem Zug sind, verlangen wir, dass die Stadt ihnen für alle körperlichen und seelischen Verletzungen eine Entschädigung zahlt … Und falls es sich herausstellt, dass einige der Entführer puertoricanische Brüder sind, fordern die Young Dukes volle Amnestie für sie“

Cover der Neuausgabe 1975

Umgekehrt gehörten Brutalität und Korruption zum Polizei-Alltag. Grundlegend ausgemistet und umstrukturiert wurde erst Jahre später. Godey lässt zwei altgediente Kämpen über die guten, alten Zeiten räsonieren, als sie ungestraft mit ihren Schlagstöcken die Schädel streikender Arbeiter (= „Kommunisten“) spalten durften.

Solidarität existiert nach Godey in New York City nicht. Selbst untereinander stehen sich die Entführten keineswegs bei. Sie streiten oder hoffen, dass die Aufmerksamkeit der Gangster sich auf den Nachbarn richtet. Selbst ein bewaffneter Undercover-Cop unter ihnen greift nicht ein, weil er überleben will. In der Leitzentrale setzt ein Polizist einem U-Bahn-Angestellten seine Pistole an den Kopf, als dieser nicht spuren will. Der Oberbürgermeister – von Godey stets ironisch „Seine Ehren“ genannt – verkriecht sich in seinem Bett. Das Lösegeld wird beinahe nicht rechtzeitig übergeben, weil Banker seine Herausgabe ohne Genehmigungen, Rückfragen und Gewährleistungen verweigern. Generell ist der Ton rau; Rücksicht und Mitgefühl werden nur vorgetäuscht, wenn Kameras und Mikrofone auftauchen. Als die Entführten endlich frei sind, laufen sie auseinander und setzen ihr Leben fort, nachdem sie ihre Befreier beschimpft und Klagen angekündigt haben.

Katastrophe im Kaleidoskop

Godey strukturiert seine Geschichte formal wie ein Drehbuch, wobei er sich am Genre Katastrophenfilm orientiert. Um 1970 kamen entsprechende Blockbuster in Serie in die Kinos: „Airport“ (1970), „Earthquake“ (1974, „Erdbeben“), „The Towering Inferno“ (1974, „Flammendes Inferno“), „Rollercoaster“ (1977, „Achterbahn“), „Airport 77“ (1977, „Verschollen im Bermuda-Dreieck“), „Meteor“ (1979), „Avalanche Express“ (1979, Lawinenexpress): Spektakulär, laut und bunt ging es her, während sich vor der Kamera das alte und junge Hollywood in Kompaniestärken tummelte.

Der Autor bedient sich einschlägiger Genre-Traditionen. So nimmt er sich die Zeit, uns die Hauptfiguren vorzustellen. Ihre Viten bleiben kurz, aber es wird klar, wieso sich jede Figur zum Zeitpunkt der Entführung an den ereignisrelevanten Orten aufhält. „Abfahrt Pelham 1 Uhr 23“ gliedert sich in zahlreiche kurze Kapitel, wobei der Erzähler von Figur zu Figur ‚springt‘. Ungeachtet dieser Episodenhaftigkeit bleibt die Story dicht und geschlossen: Die Struktur passt sich dem Geschehen an.

Identifikationsfiguren gibt es nicht. Godey achtet sorgfältig darauf, dass auch oder gerade die ‚Guten‘ fehlbar sind. Gleichzeitig vermeidet er es, die Gangster als das pure Böse zu verteufeln. Vor allem Ryder und Longman sind kontrollierte bzw. schwache aber interessante Charaktere. Dass der große Coup schließlich scheitert, ist keinem einsamen Helden zu verdanken. Godey setzt auf den Zufall, den er allerdings so plausibel heraufbeschwört, dass er sich als unausweichliches Ereignis präsentiert. Bis ins Finale, dem ein großartiger Epilog folgt, hält der Verfasser die zahlreichen Fäden fest in der Hand. „Abfahrt Pelham 1 Uhr 23“ erzählt sicher eine ‚schmutzige‘ Geschichte und ist ähnlich misanthrop wie der 1972 entstandene Selbstjustiz-Thriller „Death Wish“ („Der Vigilant“) von Brian Garfield (1974 als „Ein Mann sieht rot“ verfilmt). Nichtsdestotrotz ist dieser Roman ein Exempel für Spannungs-Ökonomie geblieben.

„Abfahrt Pelham 1 Uhr 23“ im Film

„The Taking of Pelham One Two Three“ ist inhaltlich wie formal die ideale Vorlage für eine filmische Umsetzung. Es dauerte deshalb nur ein Jahr, bis genau dies geschah. „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3“ lautet der deutsche Titel des Kinofilms, den Joseph Sargent 1974 nach einem Drehbuch von Peter Stone in Szene setzte. Sargent war ein Routinier, der hier eine seiner seltenen Sternstunden erlebte. Das Script hält sich zum eigenen Vorteil dicht an den Roman, die Regie ist präzise, die Kamera holt aus der U-Bahn-Kulisse das Optimale heraus. Hinzu kommen ausgezeichnete Schauspieler, die jenseits reiner Action psychologisch sauber gezeichnete Profile aufweisen. Als eiskalter Ryder brilliert Robert Shaw, als ängstlicher Longman Martin Balsam. In einer gegenüber der Vorlage deutlich erweiterten Rolle bietet ihnen Walter Matthau als U-Bahn-Polizist Garber die Stirn und beweist jenseits seines normalerweise abgefragten Talents als Komiker dramatische Qualitäten.

„Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3“ gilt als Klassiker des Thriller-Kinos. Dem Film gelingt das seltene Kunststück, die ohnehin spannende Romanvorlage durch eigene Ideen aufzuwerten; vor allem das Finale ist ein Meisterstück. Demgegenüber stellt die TV-Umsetzung von 1998 – in Deutschland bekam sie den Dumm-Dumm-Titel „U-Bahn-Inferno: Terroristen im Zug“ – das Psycho-Duell zwischen Garber (Edward James Olmos) und „Mr. Blue“ (Vincent D’Onofrio), dem Anführer der Gangster, in den Vordergrund.

2009 inszenierte Tony Scott „Die Entführung der U-Bahn Pelham 123“. Dieses Mal standen sich Denzel Washington und John Travolta als Garber bzw. Ryder gegenüber. Scott-typisch stand spektakuläre Action im Vordergrund, während jenseits des handwerklichen Aufwands vor allem Travolta übermenschliche Bosheit demonstrierte. Die Vorlage wurde teilweise modernisiert, da die Entführung einer U-Bahn im 21. Jahrhundert ein definitiv sinnloses Verbrechen darstellt. Entstanden ist ein unterhaltsamer Thriller, der die Vorlage von 1974 in keiner Sekunde erreichen kann.

Autor

John Godey war das Pseudonym von Morton Freedgood, der am 20. Juli 1912 in New York City, Stadtteil Brooklyn, geboren wurde. Nach College und Studium begann er früh zu schreiben und veröffentlichte sowohl Artikel als auch Kurzgeschichten in Zeitschriften und Magazinen sowie Hörspiele für das Radio. Hauptberuflich arbeitete Freedgood in den Public-Relations-Abteilungen verschiedener Filmstudios. Während des Zweiten Weltkriegs diente er als Infanterist.

Nach seiner Rückkehr ins Zivilleben veröffentlichte Freedgood 1947 zwei Romane. Er beschloss seinen Geburtsnamen für ernsthafte Literatur zu verwenden. Für Unterhaltungsromane, die ihm den Lebensunterhalt sicherten, wählte Freedgood das Pseudonym „John Godey“ (nach dem Magazin „Godey‘s Lady‘s Book“, erschienen 1830-1878). Unter diesem Pseudonym veröffentlichte er Kriminalromane und Thriller, von denen drei – „A Thrill a Minute with Jack Albany“ als „Never a Dull Moment“ (1968), „The Taking of Pelham 1-2-3“ (1974, 1998, 2009) und „The Three Worlds of Johnny Handsome“ (1989) – verfilmt wurden

In den 1980er Jahren setzte sich Freedgood zur Ruhe. Im Alter von 93 Jahren starb er am 16. April 2006 in West New York, US-Staat New Jersey.

Copyright © 2017 by Michael Drewniok (md)

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