Abraham Lincoln – Vampirjäger

Seth Grahame-Smith
Abraham Lincoln – Vampirjäger

Originaltitel: Abraham Lincoln – Vampire Hunter (New York : Grand Central Publishing 2010)
Übersetzung: Carolin Müller
Deutsche Erstausgabe: Juni 2011 (Heyne Verlag/TB Nr. 52832)
485 S.
ISBN-13: 978-3-453-52832-1
eBook: Juni 2011 (Heyne Verlag)
2012 KB
ISBN: 978-3-641-05969-9

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Das geschieht:

Seit es Menschen gibt, existieren auch Vampire. Sie sind weltweit vergleichsweise selten und halten sich zurück, um ihre Beute nicht aufzustören. Da sie sich mit den Jahren sogar an das Licht der Sonne gewöhnen, können sie unter den Menschen leben, wo sie in ihren langen Leben große Vermögen anhäufen und eher mit Existenzüberdruss als mit holzpflockbewehrten van Helsings kämpfen müssen. Allerdings gibt es immer wieder Quertreiber, bei denen Blutdurst mit Mordlust und Machtgier einhergeht. Sie sind sogar ihren Artgenossen ein Graus, da sie die unerwünschte Aufmerksamkeit der Menschen auf sich ziehen.

Anfang des 19. Jahrhunderts stirbt im Staat Indiana der noch jungen Vereinigten Staaten die Mutter eines Farmer-Jungen namens Abraham Lincoln. Dieser schwört nicht nur dem verantwortlichen Blutsauger, sondern allen Vampiren Rache und Ausrottung. Mit der ihm eigenen Entschlossenheit geht Lincoln seinen Weg. Hilfe wird ihm ausgerechnet vom Erzfeind zuteil: Der Vampir Henry Sturgess wird sein Mentor und lehrt Lincoln, was er über die Blutsauger wissen sollte. Der junge Mann verlässt die heimische Farm, wird Händler und geht später in die Politik. Dort macht er sich einen Namen als kluger und entscheidungsfreudiger Mann mit großen Führungsqualitäten. Im Jahre 1861 wird Lincoln 16. Präsident der Vereinigten Staaten.

Immer wieder ist er in diesen Jahren auf Vampire gestoßen, die längst die US-Politik unterwandert haben. Vor allem in den US-Südstaaten sind sie aktiv und beuten die ihnen hilflos ausgelieferten Sklaven als Arbeits- und Blutvieh aus. Hier will Lincoln ansetzen, um den Vampiren die Existenzgrundlage zu nehmen. Doch diese erklären ihm und den Nordstaaten buchstäblich den Krieg. Dieser dauert vier Jahre und wird mehr Blut kosten als sämtliche Vampir-Attacken der Vergangenheit, aber er muss geführt werden, denn Lincoln weiß, dass die Kreaturen längst planen, die USA vollständig unter ihr Joch zu zwingen …

Blutsauger-Prominenz in alternativen Welten

„Mash-up“ lässt sich am besten mit „Verknüpfung“ übersetzen. Gemeint ist die möglichst nahtlose Kombination fiktiver Ereignisse mit (historischen) Fakten und Personen. Das Ergebnis kann – der hier zu besprechende Roman belegt es – bei gutem Gelingen ungemein reizvoll ausfallen: Zum Vergnügen am spannenden Geschehen addiert sich der Spaß an einer einfallsreich verfremdeten Vergangenheit, wobei nicht selten Originalquellen – hier sind es vor allem Lincolns autobiografische Notizen – zum Einsatz kommen.

Seth Grahame-Smiths Name genießt unter den Autoren, die sich der Mash-up-Technik bedienen, einen guten Klang. Dabei ist er weder der Erfinder noch der Großmeister dieser Verquickung; zumindest letztes Prädikat gebührt wohl Kim Newman, der in seiner „Anno-Dracula“-Serie (ab 1992) die gesamte jüngere Zivilisationsgeschichte im Spiegel einer von Blutsaugern dominierten ‚Realität‘ uminterpretiert und ein wahres „Who’s Who“ entsprechend untoter Prominenz kreiert. Auch Abraham Lincoln tritt nicht zum ersten Mal in einem Mash-up auf. S. P. Somtow ließ ihn 1997 in „Darker Angels“ (dt. „Dunkle Angel“) u. a. unter Zombies geraten.

Newman geht sogar einen Schritt weiter als Grahame-Smith, da er auch Figuren der Kunst- und Literaturgeschichte auftreten lässt. Dies griff Grahame-Smith 2009 in „Pride and Prejudice and Zombies” (dt. „Stolz und Vorurteil und Zombies”) auf, indem er den literarischen Kosmos der Jane Austen durch Elemente des harten Horrors ‚ergänzte‘. Bereits hier trachtete der Verfasser danach, den Tenor der Vorlage möglichst exakt zu treffen.

Kunst & Geschichte als Steinbruch des Grauens

„Stolz und Vorurteil und Zombies” wurde ein Bestseller und ließ wie zu erwarten eine Unzahl schreibender Trittbrettfahrer Morgenluft wittern. Die Literaturgeschichte wurde nach geeigneten oder wenigstens unterhaltsam unerwarteten Kandidaten, die gegen Zombies, Vampire u. a. Schreckensgestalten zu Felde ziehen könnten, förmlich durchgesiebt. Der Monster-Mash-up wurde ähnlich wie die Vampir-Schmonzette zum eigenen phantastischen Subgenre; auch in Deutschland sprangen entsprechende Autoren hurtig mit landsleutiger Prominenz auf diesen Zug auf.

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Dabei ist das Spektrum, innerhalb dessen Mash-up-Spannung erzeugt werden kann, denkbar schmal. In der Regel beschränkt es sich auf die Konfrontation der belegten Realität mit dem fiktiven Grauen. Anders ausgedrückt: Wer einen Mash-up-Roman gelesen hat, weiß im Grunde, wie dieser Hase läuft. Stärker als in anderen Subgenres bleibt die Handlung Variation. „Abraham Lincoln – Vampirjäger“ ist dafür in doppelter Hinsicht ein gutes Beispiel. Grahame-Smith exerziert die Grundlagen des Mash-ups durch, und ihm ist dabei ein lesenswerter Roman gelungen, der „Stolz und Vorurteil und Zombies” im Unterhaltungswert deutlich hinter sich lässt.

Im Spiel mit der Realität

Womöglich liegt dies daran, dass Grahame-Smith mit der Geschichte als Knetmasse besser zurechtkommt als mit der großen Literatur. „Abraham Lincoln …“ stützt sich nicht nur auf historische Fakten, sondern auch auf entsprechende Fach- bzw. Sachliteratur. Hinzu kommt die Manipulation zeitgenössischer Quellen wie Tagebuchaufzeichnungen, Zeitungsberichte oder Buchzitate, aber auch Kupferstiche und Fotos, die Grahame-Smith oft gar nicht oder nur marginal verändert. Stattdessen reißt er sie aus ihrem ursprünglichen faktischen Zusammenhang und sortiert sie dort in seine Handlung ein, wo sie diese trügerisch aber überzeugend authentisch ‚bestätigen‘.

Weil ihm dieses Patchwork gelingt, wird weniger deutlich, dass Grahame-Smith gleichzeitig und nicht unbedingt zum Nutzen seiner Story an die Wirklichkeit gebunden ist. Ehrgeizig will er so nahe wie möglich an Lincolns Vita bleiben. Doch das Leben des US-Präsidenten bietet zumindest dem Horror-Fan des 21. Jahrhunderts wenig Rasanz oder plakativen Grusel. Über weite Strecken ist „Abraham Lincoln …“ eine „Coming-of-Age“-Geschichte der zwar besonderen aber gemächlichen Art. Den größeren Spaß dürften historisch interessierte oder mit der historischen Materie vertraute Leser haben, doch warum dürfen diese nicht auch einmal im Vorteil sein …?

Der richtige Mann für den Job

Eine gute Nase hatte Grahame-Smith mit der Wahl seiner Hauptfigur; dies nicht nur deshalb, weil Lincoln mit Bram Stokers Vampirjäger van Helsing den Vornamen teilt, sondern auch, weil „Honest Abe“ wohl tatsächlich ein Held war, der nie ein Held sein wollte. Damit ‚passt‘ Lincolns Vita sehr gut in das Konzept des Verfassers. Sie folgt so vielen in der Unterhaltung eingesetzten Klischees, dass man ihr kaum Glauben schenken könnte, wäre sie nicht belegt. Bis er ins Rampenlicht der Weltgeschichte trat, war Lincolns Leben hart und abenteuerlich. Gleichzeitig war er ein charakterfester Mann, der sich US-Präsident, Vampirjäger und Romanfigur gleichermaßen eignet.

Dabei sind kleine Schwächen verzeihlich, denn sie verstärken den Sympathiefaktor. Also darf Lincoln hin und wieder ein Gläschen zu viel heben oder sich prügeln. Selbst die Liebe kommt nicht zu kurz, denn Lincoln war kein weltfremder ‚Führer‘, sondern ein Mensch. Dies bestätigen sogar oder erst recht einer Verklärung schädliche Tatsachen. So war der historische Lincoln zwar ein moralischer Gegner der Sklaverei, deren schriftlich fixierte Rechtmäßigkeit er jedoch zunächst und zumindest aus politischen Gründen achtete.

Die Geschichtsschreibung gehört dem Sieger, lautet ein altes Historiker-Sprichwort. Zwar wird sie immer lückenhafter wird, je weiter man zeitlich zurückgeht. Das 19. Jahrhundert und das Leben eines Mannes wie Abraham Lincoln sind freilich gut dokumentiert. Grahame-Smith fand reiche Beute, die er für sein Werk ummünzen konnte. Erst in Lincolns späteren Jahren fiel es ihm sichtlich schwerer, Lücken bzw. Freiräume zu finden, in die er das Leben des Präsidenten als Vampirjäger einpassen konnte. Die bisher dichte, auf Lincoln zentrierte Handlung wird sprunghaft, und die Hauptfigur driftet an den Rand.

Vampire unter uns

Während Grahame-Smith ein bis auf das letzte Viertel überzeugender Romanheld Lincoln gelingt, bleibt sein Schattenreich der Vampire blass. Diese Blutsauger wirken wie den „Vampire Chronicles“ einer Anne Rice entsprungen. Zwar stehen sie ein wenig fester auf dem Boden ihrer fiktiven Realität, doch legen vor allem die älteren Exemplare – und hier exemplarisch Lincolns väterlicher Vampir-Freund Henry Sturgess – viel dekadenten Weltschmerz an den Tag, den sie immerhin nicht mehr meiden müssen: Grahame-Smith postuliert Vampire, die quasi eine Art oder Unterart des Menschen darstellen und sich deshalb ihrer Umgebung anpassen können. Folgerichtig lässt sie die Konfrontation mit christlichen Symbolen kalt. Dafür kann man sie, die keineswegs ‚untot‘ sind, ohne Einsatz von Holzpfahl oder Silberkugel erschlagen, erschießen oder auf andere Weise zu Tode bringen, was Grahame-Smith für plakative Splatter-Szenen nutzt.

Viel guten Leserwillen benötigt der Verfasser für seinen Entwurf vampirisch ferngesteuerter Südstaaten. Es fällt schwer zu glauben, dass sich jene US-Bürger, die den Ureinwohnern des Kontinentes beinahe den Garaus machten, in die Nachbarschaft blutsaugender Unholde fügen würden. Die seltsame Teilnahmslosigkeit setzt sich bis in die hohe Politik fort. Nach Grahame-Smith weiß man in Washington durchaus von den Vampiren, lässt sie aber gewähren, obwohl sie als Hintermänner aktueller Unruhen feststehen. Ausgerechnet die ‚guten‘ Sauger müssen selbst dafür sorgen, dass die USA ein (vampir-) freies Land bleiben: Nein, dies ist ein Brocken, den der Leser nicht schluckt.

Ansonsten steht sich Grahame-Smith anfänglich mit einem überflüssigen und sinnarm in die Länge gezogenen Prolog im Weg, der schildert, wie ihm die geheimen Lincoln-Tagebücher zugespielt wurden. Dafür gelingt dem Verfasser der Epilog, obwohl der finale Twist keine echte Überraschung darstellt. Ungeachtet solcher Marginalien bereitet Lincolns Höllenritt durch eine andere Vergangenheit großes Vergnügen. Wenn jetzt bloß keine Fortsetzung kommt!

Anmerkung:

Nach einem Drehbuch von Seth Grahame-Smith und Simon Kinberg („X-Man – Der letzte Widerstand“, 2006; „Sherlock Holmes“, 2009) entstand 2012 unter der Regie von Timur Bekmambetov („Wächter der Nacht“, 2004; „Wächter des Tages“, 2006) der Film nach dem Roman. Benjamin Walker spielt die Hauptrolle in „Abraham Lincoln: Vampire Hunter“, der mit dem Blick auf den größten gemeinsamen Zuschauer-Nenner als knallig-krawalliger Action-Horror-Schinken à la „Van Helsing“ oder „The Wolfman“ gestaltet wurde.

Autor

Seth Grahame-Smith heißt eigentlich Seth Jared Greenberg und wurde am 4. Januar 1976 in Rockville Centre im US-Staat New York geboren. Er wuchs in Connecticut auf, wo er die Bethel High School in der gleichnamigen Kleinstadt besuchte. Später studierte Greenberg Filmwissenschaften am Emerson College, einer privaten Hochschule in Boston.

Nach seinem Abschluss ging Greenberg nach Los Angeles. Dort etablierte er sich unter dem Pseudonym „Seth Grahame-Smith“ als Drehbuchautor und Produzent. Unter anderem betreute er kurzlebige TV-Serien wie „Vendettas“ (2002) oder die Doku-Reihe „History’s Mysteries“ und schuf die erfolglose Sitcom „Clark and Michael“ (2006) sowie „The Hard Times of RJ Berger“ (2010/11).

Als Schriftsteller debütierte Grahame-Smith 2005 mit dem Pseudo-Sachbuch „The Big Book of Porn: A Penetrating Look at the World of Dirty Movies” (dt. „Das große Porno-Buch“). Weitere ‚ulkige‘ Als-ob-Dokumentationen für den auf solche Ex-und-hopp-Literatur spezialisierten Verlag Quirk Books folgten. Dessen Herausgeber schlug Grahame-Smith die Niederschrift eines „Mash-up“-Horror-Romans vor: „Pride and Prejudice and Zombies“ zog Jane Austens Literatur-Klassiker „Stolz und Vorurteil“ (1813) durch den Kakao und entwickelte sich unerwartet zu einem internationalen Bestseller. 2010 ließ Grahame-Smith „Abraham Lincoln – Vampir Hunter“ (dt. „Abraham Lincoln – Vampirjäger“) folgen; er schrieb auch am Drehbuch zum Film (2012) mit, während er 2015 bei der Verfilmung von „Stolz und Vorurteil & Zombies“ außen vor blieb. Für die Comic-Mini-Serie „Marvel Zombies Return“ textete Grahame-Smith 2009 die Episode „Hulk“.

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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