Allisons Haus

Jeffrey Konvitz
Allisons Haus

Originaltitel: The Sentinel (New York : Simon & Schuster 1974)
Übersetzung: Ilse Winger
Deutsche Erstausgabe [unter dem Titel „Allisons Haus“]: 1976 (Paul Zsolnay Verlag)
326 S.
ISBN-13: 978-3-552-02823-4
Neuausgabe [unter dem Titel „Allisons Haus“]: 1978 (Rowohlt Verlag/RoRoRo 4248)
218 S.
ISBN-13: 978-3-499-14248-2
Lizenzausgabe für diverse dt. Buchclubs [unter dem Titel „Tor zur Hölle“]: 1976
320 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

Das psychisch labile Fotomodell Allison Parker kehrt nach New York City zurück, nachdem sie vier Monate den verhassten Vater bis zu dessen Tod gepflegt hatte. Mit ihrem Lebensgefährten, dem Anwalt Michael Farmer, möchte sie nicht gemeinsam in einer Wohnung leben. Allison sucht sich ein eigenes Appartement, das sie in einem alten, aber gepflegten Backsteingebäude an der 89. Straße findet.

Die Freude über die schöne Unterkunft wird durch die seltsamen Nachbarn gestört. Friedlich ist Pater Matthew Halliran, der senil, blind und taub in seiner Wohnung dahinvegetiert. Nett findet Allison den ältlichen Mr. Charon, unheimlich sind ihr dagegen Gerde und Sandra, zwei aggressive Lesben, die auch von den übrigen Mietern geschnitten werden. Zu denen gehören die schweigsame Mrs. Clark sowie die fettleibigen Zwillingsschwestern Emma und Lillian Klotkin, die Mr. Charon Allison im Rahmen einer kleinen Party vorstellt.

Während Allison beruflich schnell wieder Fuß fasst, lässt ihre Gesundheit sie im Stich. Ohnmachtsfälle suchen sie heim, und sie meint Schritte in den leeren Appartements ihres Wohnhauses zu hören. Michael ist keine Hilfe, denn er glaubt an eine Nervenkrankheit. Bestätigt sieht er sich darin, als sich herausstellt, dass Allison und Pater Halliran die einzigen Bewohner des Hauses sind, Mr. Charon und die übrigen Mieter also gar nicht existieren.

Allisons Wahnvorstellungen verstärken sich. Eines Nachts glaubt sie, von ihren aus dem Grab gestiegenen Vater heimgesucht zu werden, den sie in ihrer Angst ersticht. Die Polizei findet keine Leiche, aber Inspektor Glatz reißt den Fall an sich, als er von Michael erfährt: Vor Jahren hat er ihn verdächtigt, seine Ehefrau ermordet zu haben. Beweisen konnte Glatz es nie, und als er Michael keinen Frieden ließ, wurde er degradiert und versetzt. Jetzt sieht Glatz den Tag der Rache gekommen …

Alter Teufel in moderner Welt

Roman Polanski hat es spätestens 1968 mit „Rosemary’s Baby“ aufgedeckt: Satan lockt heute nicht mehr geistesarme Landeier mit Bocksfuß und Hörnern auf Abwege (und in die Hölle), sondern ist längst in der modernen Gegenwart angekommen. Mit einer Tücke, die auch den misstrauischen Stadtmenschen einlullt, setzt er seine Übeltaten unvermindert fort. Da „Rosemary’s Baby“ überaus erfolgreich war, variierten in den nächsten Jahren weitere Filme das Thema. „Der Exorzist“ (1973) und „Das Omen“ (1976) wurden echte Blockbuster, und selbstverständlich reagierte auch das B-Kino begeistert auf den Input aus dem runderneuerten Reich des Bösen.

Die Unterhaltungsliteratur griff das Motiv ebenfalls auf. Der „urban horror“ war hier als Subgenre bereits älter, der Teufel und das Grauen schon lange nicht mehr auf einsame Landhäuser, Friedhöfe oder andere verwunschene Stätten angewiesen. Der Horror hatte sich jedoch nur vorsichtig in die Städte gewagt; Dämonen schienen fehl am Platz in einer Welt zu sein, die sowohl am Tag als auch in der Nacht auf Hochtouren läuft.

Jeffrey Konvitz beweist in „Allisons Haus“ (bzw. „Tor zur Hölle“, wie das Buch für die deutsche Neuausgabe umgetitelt wurde), dass sich Alt und Neu ausgezeichnet kombinieren lassen. Als Buch (und als Film; dazu s. u.) ist dieser Roman im Vergleich zu den eingangs genannten Werken in Vergessenheit geraten, obwohl er ein wichtiger Beiträgen zum „urban horror“ ist.

Auch der Gegner schläft nicht

Während der vom Bösen getroffene Stadtmensch lange Zeit nicht glauben kann, was oder wer ihm da im Genick sitzt, ist die Kirche schon weiter. Gern als konservative und unbewegliche Institution gescholten, bietet die Zeitlosigkeit ihrer Struktur den besten Schutz gegen den Teufel und seine Scharen. Seit es sie gibt, geht die Kirche gegen ihre höllischen Feinde vor. Den seit Jahrhunderten währenden Kampf führt sie auch in der Gegenwart aber inzwischen unter Ausschluss einer Öffentlichkeit weiter, die nur noch singulär an die Existenz des leibhaftigen Bösen glauben mag.konvitz-tor-zur-hoelle-cover

Das Vorhandensein eines Portals zwischen der realen Welt und der Hölle, das stets sorgfältig bewacht sein will, weil von ‚unten‘ unerfreuliche Kreaturen ins Freie drängen, wird von Konvitz klug in das städtische Umfeld transponiert. Während der Teufel auf psychologische Kriegführung setzt, bedient sich die Kirche der Manipulation. Dabei werden auf beiden Seiten alle Register gezogen. Die Gegner gleichen einander nicht nur in der Wahl ihrer Mittel.

Die traditionellen Hüter der städtischen Ordnung bleiben dagegen außen vor. Wie in „Der Exorzist“ oder „Das Omen“ ist die Polizei mit der Akzeptanz übernatürlichen Wirkens überfordert. Inspektor Glatz begreift erst sehr spät und dann nur ansatzweise, was in dem alten Backsteinhaus vorgeht, in dem Allison ihrem Schicksal begegnet. Bis es soweit ist, spult er sein erlerntes Ermittlungsprogramm ab und setzt seine Privatfehde mit Michael Farmer fort. Irgendwann gibt er auf; diesen Fall wird er nicht aufklären, weil er rational nicht zu lösen ist. Die Wahrheit, auf die Glatz keinen Zugriff hat, wird im Kirchenarchiv verschwinden.

Der furchtbare Weg der Erkenntnis

Während Glatz zwar unzufrieden aber wenigstens unbeschadet zurückbleibt, bezahlen Allison und Michael den hohen Preis für ein Wissen, das sie notgedrungen überfordert. Vor allem Allison hat nie eine Chance. Warum dies so ist, wird von Konvitz sinnreich entwickelt; es wäre verlockend aber ungerecht, das an dieser Stelle aufzulösen. Klar wird wiederum: Die Schlichen der Kirche sind mindestens ebenso ausgeklügelt wie die des Teufels.

Allison ist als Fotomodell der Inbegriff mondänen Chics und schon deshalb kaum die ideale Wächterin am Höllenportal. Genau dies ist der Eindruck, den Konvitz erwecken will. Der Schockeffekt tritt im „urban horror“ gern gedoppelt auf: Erst wird dem Leser die schockierende Wahrheit enthüllt, dann gehen die ahnungslosen Figuren auf eine Höllenfahrt.

Michael ist die Verkörperung der Ratio. Während Allison die Linie schon überquert hat, bleibt er unerbittlich vernünftig: Kein Beweis, kein Teufel! Wie wir Leser erst spät (und erneut klug von Konvitz eingefädelt) erfahren, hat er seine Gründe, an die Macht des Beweises zu glauben. Wie ein Detektiv geht Michael das Problem an, hat als kluger Mensch aber gleichzeitig DIE grundsätzliche Erklärung für Allisons Verhalten parat: Der Schrecken ist eingebildet und entspringt einem wohl kranken Hirn. Hier spricht die Wissenschaft, die den Teufel und andere Kreaturen des Jenseits‘ ins Reich des Aberglaubens verbannt hat.

Mehr als drei Jahrzehnte später bleibt „The Sentinel“ eine in ihren zeitgenössischen Details leicht angestaubte aber immer noch spannende Geschichte mit konsequent düsterem Finale. (1979 folgte eine – aufgrund des Erfolgs vermutlich unvermeidbare – Fortsetzung: „The Guardian“.)

„The Sentinel“ – der Film zum Buch

Der große Erfolg des Buches ließ Hollywood zugreifen, zumal sich inhaltlich ähnliche Filme wie „Rosemary’s Baby“, „Der Exorzist“ oder „Das Omen“ als ungemein erfolgreich, sprich profitträchtig erwiesen hatten. Jeffrey Konvitz selbst schrieb das Drehbuch zum „Sentinel“-Film, der 1977 unter der Regie von Michael Winner entstand.

Dieser in Deutschland „Hexensabbat“ betitelte Streifen gehört zu den Kuriosa der Filmgeschichte. Winner war ein Regisseur mit erstaunlichen handwerklichen Fähigkeiten und einer Vorliebe für drastische Inszenierungen. In den 1970er und frühen 80er Jahre wurde im Zuge der (kurzen) Liberalisierung, die im US-Film unter der Bezeichnung „New Hollywood“ subsummiert wird, der Einsatz krasser Effekte auch im Mainstream-Kino möglich. Es entstanden Filme, die nur wenige Jahre später so keineswegs mehr möglich gewesen wären bzw. ins B-Movie-Getto abgedrängt wurden.konvitz-tor-zur-hoelle-sentinel-filmplakat-1977-dt

„The Sentinel“ gehört zu den seltsamen Grenzgängern dieser interessanten Phase. Der Film ist sorgfältig mit allen beachtlichen Mitteln, über die das klassische Hollywood verfügt, in Szene gesetzt. Die Liste der Darsteller liest sich wie ein „Who’s Who“ der Filmhistorie: John Carradine, Ava Gardner, Eli Wallach, Christopher Walken, Burgess Meredith, Martin Balsam, Beverly D’Angelo, José Ferrer, Arthur Kennedy … Die Liste ist keineswegs vollständig.

Gleichzeitig setzt Winner Gewalt und Sex mit einer Wucht ein, die man in einem Film mit dieser Besetzung nie vermuten würde. Berüchtigt wurde u. a. seine Entscheidung, die lebenden Toten, die aus dem Höllenportal stürmen, durch körperlich tatsächlich behinderte und entstellte Menschen mimen zu lassen. Insgesamt entstand ein Film, der zwar sein Alter nicht verleugnen kann, aber ob seiner gleichzeitig gelackten und ‚schmutzigen‘, unter die Oberfläche (und Haut) dringenden Machart und der daraus resultierenden Wirkung noch heute Unbehagen einflößt.

Autor

Jeffrey Konvitz wurde 1944 in New York geboren. Er studierte Jura, begann aber schon früh Romane und Drehbücher zu schreiben. Sein größter Erfolg wurde 1974 der Horrorroman „The Sentinel“, der drei Jahre später verfilmt wurde. Bereits in den 1980er Jahren beendete Konvitz seine Schriftstellerlaufbahn. Er verlegte sich auf die Produktion von Spielfilmen. Zu denen dank seiner Tätigkeit möglich gewordenen Filmen gehören Machwerke wie „Cyborg 2“ (1993) oder „2001 – A Space Travesty“ (2000), aber auch solide Thriller wie „The Flock“ (2007).

Copyright © 2009/2016 by Michael Drewniok (md)

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