Ärger im Bellona-Club

Dorothy L. Sayers
Ärger im Bellona-Club

(Lord-Peter-Wimsey-Serie, Bd. 4)

Originaltitel: The Unpleasentness at the Bellona Club (London : Ernest Benn 1928/New York : Harper & Row 1928)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Es geschah im Bellona-Club“): 1951 (Nest Verlag/Die Krähenbücher 133)
Übersetzung: Hilde-Maria Martens
306 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe (gekürzt): 1998 (Goldmann Verlag/Goldmann Krimi 202)
285 S.
ISBN-10: 3-442-00202-8
Ungekürzte Neuausgabe (geb.): Juli 1980 (Wunderlich Verlag)
Übersetzung: Otto Bayer
301 S.
ISBN-10: 3-8052-0211-3
Neuausgabe: 1983 (Rowohlt Verlag/RoRoRo 5179)
254 S.
ISBN-13: 978-3-499-15179-8
eBook: Dezember 2015 (Rowohlt Verlag/Rowohlt eBook)
516 KB
ISBN-13: 978-3-644-22161-1

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Das geschieht:

Der alte General Arthur Fentiman besitzt nicht nur die Rücksichtslosigkeit, im Salon des ehrwürdigen Bellona-Clubs zu London das Zeitliche zu segnen. Sein Tod ruft außerdem die Justiz auf den Plan, denn beinahe zeitgleich verblich Lady Felicity Dormer, Arthurs Schwester, die ebenfalls betagt sowie ungemein vermögend war. Mindestens eine halbe Million Pfund sind im Topf, doch wer wird sie erben? Das Geld der Lady sollte an den Bruder fallen und würde nunmehr an dessen überlebenden Nachkommen, die Enkel und Brüder George und Robert Fentiman, gehen. Ist der General jedoch vor seiner Schwester gestorben, erbt Ann Dorland, Lady Felicitys Gesellschafterin und Quasi-Tochter.

Die beiden Erben-Fraktionen sind zu keinem gütlichen Vergleich bereit. Um die delikate Angelegenheit ohne Erregung öffentlichen Aufsehens zu klären, bittet Mr. Murbles, Familienanwalt der Fentimans, Lord Peter Wimsey um Hilfe. Dieser gehört zum britischen Hochadel und ist Mitglied des Bellona-Clubs. Außerdem gilt er als bekannter und erfolgreicher Hobby-Ermittler, der sich in der Tat zutraut diskret festzustellen, wann genau General Fentiman starb.

Das „Wann“ ist freilich gar nicht so wichtig, die Frage nach dem „Wie“ schiebt sich stattdessen in den Vordergrund: Der alte General starb weder zum bisher angenommenen Zeitpunkt noch ohne meuchelnde Nachhilfe. Zum Schrecken aller Beteiligten wird aus einem juristischen Dilemma ein ungeklärter Mordfall. Die Erben avancieren zu Verdächtigen, die Polizei schaltet sich ein, und die Presse wird aufmerksam. Glücklicherweise ist Charles Parker, Kriminalinspektor bei Scotland Yard, ein alter Freund Peter Wimseys, der deshalb seine Nachforschungen fortsetzen und sogar intensivieren kann. Eile tut Not, denn die Aktivitäten der meist alibischwachen Verdächtigen könnten den womöglich erfolgreichen Versuch des Täters oder der Täterin belegen, seine oder ihre Spuren endgültig zu verwischen …

Zeiten ändern sich

1928 scheint die britische Welt zumindest in der Welt der Londoner Clubs noch in Ordnung zu sein. Hier findet man einen sicheren Hafen, in den man sich vor den Stürmen des Alltags- und Ehelebens flüchten und von servilen Bediensteten bauchpinseln lassen kann. Gefürchtete Feinde in Gestalt adelsfreier oder nicht militärischer Emporkömmlinge, neugieriger Reporter sowie emanzipierter Frauen bleiben ausgesperrt. Man ist buchstäblich unter sich und kultiviert in beruhigender Langeweile Animositäten und Feindseligkeiten.

Bei näherer Betrachtung ist die Zeit aber auch im Bellona-Club nicht stehengeblieben. Dies betrifft nicht nur die von Autorin Sayers herausgestellte Präsenz kriegsversehrter Mitglieder und Club-Angestellter, sondern auch den zwar gern verschwiegenen aber nicht wirklich ignorierbaren Druck der Gegenwart. Auch und gerade die Oberschichtler müssen sich nach der Decke strecken. Seit dem Ende des I. Weltkriegs zwingt man sie, die einst in Privilegien schwelgten, sogar Einkommenssteuern zu zahlen! Hochrangige Offiziere wurden außer Dienst gestellt und auf karge Pensionen gesetzt. Das Geld ist so knapp, dass manchmal darüber gesprochen werden muss; für einen Gentleman der alten Schule der Gipfel der Schmach, wie George Fentiman in einem unkontrollierten Gefühlsausbruch deutlich macht.

So ist es möglich, dass eine Oase wie der Bellona-Club als Kulisse für einen schnöden Erbschaftsbetrug missbraucht wird. Wer die tief eingeschliffenen Gewohnheiten der Mitglieder und Angestellten kennt, kann fast risikolos mit einer Leiche hantieren. Die ostentativ zur Schau gestellte Club-Gleichgültigkeit erleichtert die Tat. Hinzu kommt umgekehrt der clubkollektive Drang, die eigentlich zuständige Polizei auszusperren. Die Zeremonie und der Schein sind allemal wichtiger als die Realität. Ein Club kann daher durch einen Skandal seinen Ruf verlieren und auf diese Weise zerstört werden.

Eine unerwartete Wendung

General Fentimans Tod, zunächst nur ein ärgerlicher Zwischenfall, wird paradoxerweise deshalb zum Skandal, weil der um Klärung gebetene Peter Wimsey zwar von hohem Adel ist, ohne jedoch die daraus resultierende Vorrechte über das Gesetz zu stellen. Er ist ‚einer der Jungs‘ und tief dort in die Oberschicht eingebettet, wo diese Einfluss und Vermögen wahren konnte. Doch der Kriminalist gewinnt stets die Oberhand über den Lord. Da er ‚nur‘ der zweite Sohn seines Vaters ist, besteht für Wimsey kaum die Gefahr, den ohnehin ungeliebten Titel des Herzogs von Denver übernehmen zu müssen. Er hat daher das Geld, die Muße sowie die intellektuelle Ausstattung, seinem Hobby – der Schurkenjagd – zu frönen.

Nur Wimsey, der Insider, entdeckt, dass sich hinter Arthur Fentimans Tod mehr als ein juristisches Planspiel verbirgt. Bereits die stringente und jederzeit nachvollziehbare Aufklärung eines komplizierten Erbbetrugs ist eine literarische Meisterleistung. Sayers gelingt ein Plot, der zwar komplex aber nicht überkonstruiert ist: So wie beschrieben hätte der Betrug tatsächlich funktionieren können.

Für angenehme Verwirrung sorgt die Erkenntnis, dass bei Entlarvung der Schuldigen gerade die Hälfte des Romans gelesen ist. Hinter dem Erbstreit kommt plötzlich und unerwartet ein ‚richtiges‘ Verbrechen zum Vorschein. War der Ton bisher leicht, wird es nun zunehmend dramatischer. Dorothy Sayers begnügte sich bereits in ihren frühen Schriftstellerjahren nicht mit dem Entwurf gut geschürzter Krimi-Plots. Anders als die Mehrheit jener Autoren, die mit ihr das goldene Zeitalter des klassischen „Whodunits“ prägten, legte sie Wert auf eine psychologische Unterfütterung des Geschehens.

Scharfe Kehre, das Tempo zieht an

Der Mensch ist bei Sayers kein Zahnrad im Getriebe eines Verbrechens, das wie eine gut geölte Maschine aber ohne Schmierung durch Emotionen funktioniert. Sie hatte begriffen, dass Handlungen eine psychologische Vorgeschichte haben. Davon sind Detektiv wie Gauner gleichermaßen betroffen. Da Sayers diese Ursachen überzeugend ins Leben rufen konnte, bleiben ihre Romane aktuell: Sie bieten mehr als Rätselnüsse.

Lord Peter Wimsey ist eine interessante Figur; er besteht aus „Nerven und Nase“, wie ihn ein fiktiver Verwandter treffend in einer ebenso fiktiven Kurzbiografie beschreibt, die Sayers ihrem Serienhelden 1926 verfasste bzw. 1935 ergänzte. Auf der einen Seite ist Wimsey ein begeisterter Schurkenjäger, auf der anderen ein Mensch mit charakterlichen Stärken und Schwächen, der immer wieder mit der ihn in Seelennot stürzenden Erkenntnis konfrontiert wird, dass am Ende seiner stimulierenden Ermittlungsarbeit der Galgentod eines überführten Mörders steht. Eine andere unerfreuliche Nebenwirkung ist der Zwiespalt, als intimer Freund eines hochrangigen Scotland-Yard-Beamten in Gefahr zu geraten, zum ehrlosen Spitzel abzugleiten.

Die daraus resultierenden Konflikte kennen die meisten der ‚klassischen‘ Krimi-Detektive nicht, zumal es schwierig ist, die Balance zwischen Figurenzeichnung und Seifenoper zu halten. Sayers ist selbst ins Rutschen geraten, als sie Lord Peter in eine schwierige, sich über mehrere Romane erstreckende Liebesgeschichte verwickelte. In „Ärger im Bellona-Club“ deutet sich der Hang, den Krimi zugunsten der Nebenhandlung auszusetzen, bereits an.

Autobiografische Spiegelungen

In diesem Zusammenhang muss freilich berücksichtigt werden, dass Sayers das emotionale Element wirklich wichtig war. Sie wusste darüber hinaus, worüber sie schrieb. Die in Liebesangelegenheiten ungeschickte und enttäuschte Ann Dorland erinnert an ihre geistige Mutter. Auch Dorothy Sayers tat sich schwer mit Männern. Ihre erste große Liebesbeziehung ging sie 1921 mit dem Schriftsteller John Cournos (1881-1966) ein. Sie endete tragisch und erinnert sehr an den Schiffbruch, den die unerfahrene Ann Dorland mit einem fiktiven aber treulosen und manipulativen Maler erlitt.

Über die Problematik überlebender aber durch Traumata gezeichneter Soldaten des I. Weltkriegs wusste Sayers Bescheid, nachdem sie 1926 Captain Oswald Atherton Fleming, einen schottischen Journalisten, geheiratet hatte. Schon vorher hatte sie Lord Peter Wimsey selbst mit einer entsprechenden Neurose geschlagen, was sie in weitere Romanen der Serie thematisierte.

Das Frauenbild, mit dem wir in „Ärger im Bellona-Club“ konfrontiert werden, stellt eine sorgfältig austarierte Mischung aus weiblichem Selbstbewusstsein und zeitgenössischer Zurückhaltung dar. Obwohl Sayers eine gebildete und selbstständige Frau war, achtete sie die Konventionen. Eine Feministin war sie keineswegs, sondern realistisch darum bemüht, ihren Standpunkt deutlich zu machen, ohne anders gesonnene Leser zu irritieren oder abzuschrecken.

Die Wahl eines Mannes als Hauptfigur ist eine der daraus resultierenden Konzessionen: Nur ein Lord Peter Wimsey kann sich innerhalb aller gesellschaftlichen Milieus wie ein Fisch (und ein wenig zu glatt, wie bereits zeitgenössische Kritiker anmerkten) im Wasser bewegen. Immerhin ist er anders als Sherlock Holmes oder Hercule Poirot freilich weder ein Frauenverächter noch ignoriert er die Frauen. In diesem Punkt ist Wimsey so modern, wie es der zeitgenössische (Kriminal-) Roman ermöglichte. In Kombination mit dem ausgefeilten Talent einer Krimi-Autorin auf dem Höhepunkt ihrer Fähigkeiten sichert dies ein Lektürevergnügen auf hohem Niveau bei höchstmöglichem Unterhaltungswert.

Anmerkung

„Ärger im Bellona-Club“ wurde von der BBC 1972 als vierteilige Mini-Serie verfilmt. Die Rolle des Peter Wimsey spielte Ian Carmichael (1920-2010), der dem neugierigen Lord zwischen 1971 und 1975 insgesamt fünfmal sein Gesicht lieh und damit Fernsehgeschichte schrieb.

Autorin

Dorothy Leigh Sayers wurde am 13. Juni 1893 in als Tochter eines Kaplans und Chorschuldirektors in der Universitätsstadt Oxford geboren. Sie war sowohl intelligent als auch entschlossen, was ihr als einer der ersten Frauen ihrer Zeit ein Universitäts-Studium ermöglichte. Sayers studierte ab 1912 am Somerville College zu Oxford klassische und moderne Sprachen. Dort schloss sie 1920 mit der Bestnote „summa cum laude“ ab.

Beruflich versuchte sich Sayers im Anschluss als Lehrerin und (kurz) als Buchhändlerin, bevor ab 1922 als Texterin in der Londoner Werbeagentur S. H. Benson; eine Tätigkeit, die sie bis 1933 ausübte. In diese Jahre fielen zwei unglückliche Liebesbeziehungen und die uneheliche Geburt eines Sohnes, dessen Existenz Sayers stets sorgfältig geheim hielt. 1926 heiratete sie den Journalisten Oswald Atherton Fleming; die Ehe verlief unglücklich und endete mit Flemings Tod im Jahre 1950.

Mit religiösen Gedichten war Sayers bereits 1916 literarisch aktiv geworden. Vier Jahre später begann sie mit den Vorarbeiten zu einem Kriminalroman – ein Genre, in dem Publikumszuspruch und literarischer Anspruch durchaus zusammenfließen können, wie Sayers selbst ab 1923 bewies. In diesem Jahr erschien „Who‘s Body“ (dt. „Der Tote in der Badewanne“/„Ein Toter zu wenig“), gleichzeitig der Auftakt zu einer ungemein erfolgreichen Serie um den Edelmann und Privatdetektiv Lord Peter Wimsey, die Sayers 1938 nach dem elften Band beendete.

Die Romanautorin kehrte nach dem II. Weltkrieg zu ihren akademischen Wurzeln zurück. Sayers schrieb stark religiös geprägte, gleichnishafte Theaterstücke und Essays, hinzu kommt eine (kommentierte) Übersetzung von Dantes „Divina Commedia“, die sie 1949 begann und die erst 1962 (postum) abgeschlossen wurde, nachdem Sayers – die nie wieder einen Kriminalroman schrieb – am 17. Dezember 1957 an einem Schlaganfall gestorben war.

Es gibt viele Dorothy-L.-Sayers-Websites, die oft miteinander verlinkt sind. An dieser Stelle sei daher nur diese deutsche Adresse genannt.

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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