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neuauflage

Blair Witch: Die Bekenntnisse des Rustin Parr

Erstellt von Michael Drewniok am Freitag 14. Oktober 2011

David A. Stern
Blair Witch: Die Bekenntnisse des Rustin Parr

(sfbentry)
Originaltitel: Blair Witch: The Secret Confession of Rustin Parr (New York : Pocket Books, a division of Simon and Schuster 2000)
Übersetzung: Helmut Splinter
Deutsche Erstausgabe: Oktober 2000 (Wilhelm Goldmann Verlag Nr. 44974)
160 S.
ISBN-13: 978-3-442-44974-3

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Das geschieht:

Der Journalist David Stern wird an das Krankenbett seines Freundes Dominick Cazale gerufen. Der Lehrer, Bürgerrechtler und Sozialarbeiter ist ein geachteter Mann, der noch im Alter von 85 Jahren die Menschen zu beeindrucken weiß. Jetzt hat er sich und seine geliebte Ehefrau Mary mit Benzin übergossen und angezündet; eine Tragödie, die Cazales Freunde und die Polizei vor ein Rätsel stellt.

Stern weiß freilich etwas, das Aufschluss geben könnte: Cazale war einst Priester. 1939 wurde er in das Städtchen Burkittsville im neuenglischen Maryland versetzt. Dort lebte er sich ein und war wie viele historisch interessierte Menschen vor ihm fasziniert von der Legende um die Hexe von Blair. 1785 von den Bürgern des gleichnamigen Dorfes (auf dessen Ruinen Burkittsville errichtet wurde) verdammt und in die tiefen Wälder der Black Hills vertrieben, soll sie bittere Rache geübt, die Kinder ihrer Peiniger verschleppt und im Rahmen furchtbarer magischer Rituale getötet haben, bis die entsetzten Bewohner Blair verließen und ihre Stadt aufgaben.

Die Hexe von Blair aber lebte weiter: als böser Geist mit Macht über Zeit und Raum, der sogar in die Körper unglücklicher Menschen fahren kann, die in seinen Bannkreis geraten. Im Jahre 1941 war es der Sonderling Rustin Parr, der das Pech hatte, den Weg der Hexe zu kreuzen. In seiner einsamen Hütte im Wald ermordete er sieben Kinder und stellte sich dann der Polizei. Cazale war es, der ihm in der Nacht vor der Hinrichtung die Beichte abnahm und dabei eine ganz andere Geschichte vernahm: Der zwölfjährige Kyle Brody, scheinbar das potenzielle achte Opfer, das dem Wahnsinn nahe in Parrs Folter- und Mordhöhle gefunden wurde, sei in Wahrheit der Täter gewesen – und gleichzeitig auch nur ein Werkzeug der Hexe, die in ihm einen neuen Wirtskörper gefunden habe.

Wer hätte ihm diese Schauermär geglaubt? Der junge Cazale schwieg. Sechs Jahrzehnte später reiste er mit seiner Gattin noch einmal nach Burkittsville, um Nachforschungen anzustellen – eine verhängnisvolle Entscheidung, denn die Hexe von Blair ist noch präsent und nutzt die Gelegenheit, ihren Wirkungskreis auf die Welt außerhalb der Black Hills auszudehnen …

Sie kam, hexte – und verschwand spurlos

Dies ist in groben Zügen die Geschichte, die David Stern, der in dieser fiktiven Geschichte als sein eigener Protagonist auftritt, mit einiger Mühe ‚rekonstruiert‘. Überraschung: Was ihm dabei auf jeden Fall gelingt, ist ein fabelhafter kleiner Gruselschocker, der als gar nicht simples „Buch zum Film“ außerordentlich fein ersonnen und umgesetzt wurde. Vielleicht liegt es an der außergewöhnlichen Entstehungsgeschichte der „Blair Witch“-Saga. Heute mag man kaum glauben, mit welcher Macht sie 1999 über ein Millionen-Publikum kam: ein besonders hell aber kurz aufleuchtender Blitzerfolg der jüngeren Vergangenheit, an den sich kaum jemand mehr erinnern kann (oder mag), nachdem die Erfolgshysterie längst abgeklungen ist.

Doch siehe da, die Hexe von Blair ist eine Figur mit verblüffender Präsenz. Sie kann sich auch außerhalb des künstlich entfesselten Medien-Gewitters sehr gut behaupten. Das sollte nicht wirklich überraschen, da ihr Auftauchen mit liebevoller Sorgfalt vorbereitet worden war. Es waren ein paar findige US-Köpfe (an deren Namen sich heute auch niemand mehr erinnert), die kurz vor der Jahrtausendwende damit begannen, eine aufwändig gestaltete Website zu kreieren, die über das angebliche Verschwinden dreier Filmstudenten in den Black Hills Anno 1994 berichtete, nachdem sie bei ihren Vor-Ort-Recherchen über die Hexe von Blair offensichtlich mehr Erfolg gehabt hatten, als ihnen zu wünschen gewesen wäre.

Es war einmal … eine Franchise-Hexe

Mit fiktiven Zeitungsberichten, Polizeiprotokollen, Fotos und ähnlichen, dank bereits damals geeigneter Software täuschend echt herzustellenden Dokumenten wurde dieses fiktive Drama inklusive eines historischen Rückblicks auf zweieinhalb Jahrhunderte Burkittsville bzw. Blair als „Mockumentary“ so mitreißend echt in Szene gesetzt, dass schon zu diesem frühen Zeitpunkt die Armen im Geiste von seiner Realität überzeugt werden konnten.

Einige im Wald bei Burkittsville aufgefundene Videokassetten, angeblich das Vermächtnis des unglücklichen Trios, mündeten konsequent im „Blair Witch Project“-Kinofilm von 1999, der genau dieses verwackelte Material einer hingerissenen Öffentlichkeit präsentierte. Der Rest ist Geschichte: allein in den USA wurde ein Einspielergebnis in dreistelliger Millionenhöhe erreicht, der die übliche, aus Geldgier geborene, miserable Schnellschuss-Fortsetzung folgte, die dem Mythos schon wieder ein Ende bereitete.

Künstlicher Mythos mit hohem Unterhaltungswert

Das ist schade, weil die ursprüngliche Saga nach wie vor ein enormes Unterhaltungspotenzial besitzt. Man hätte sich an die simple „Blair-Witch“-Regel halten sollen, die da lautet: In den Black Hills spukt eine wirklich bösartige Hexe umher, aber was sie dort genau treibt, bleibt ihr Geheimnis. Genau das ist die Quelle ihres Erfolges: Die „Blair-Witch“-Story weist viele Lücken auf, die ihre Bewunderer unter Einsatz der eigenen Vorstellungskraft füllen müssen. Dies ist ein uraltes Rezept, das aber immer noch wunderbar funktioniert.

„Die Bekenntnisse der Rustin Parr“ sind folgerichtig eigentlich keine solchen, sondern eher Andeutungen, die immer neue Fragen aufwerfen und das Rätsel letztlich vertiefen, statt es zu lösen; auch dies ein probates Mittel, das Interesse des Publikums zu fesseln. Wenn man es richtig macht, springen erfolgreiche Klassiker à la „Akte X“ oder „Lost“ dabei heraus.

Dass daraus im Falle der Hexe von Blair nichts wurde, darf jedenfalls nicht Verfasser Stern – sonst eigentlich spezialisiert auf die zügige Produktion zweitklassiger Filmromane – vorgeworfen werden, denn er versteht sein Handwerk. Er ist zudem kein Neuling in den Black Hills; ebenfalls über den großen Teich ins alte Europa haben es sein „Blair Witch Project – Ein Dossier“ und natürlich „Blair Witch 2“, das Buch zum gleichnamigen Kinofilm geschafft.

„Die Bekenntnisse …“ sind im Vergleich mit diesen beiden Werken deutlich konventioneller ausgefallen. Stern erzählt eine „richtige“ Geschichte mit Einleitung, Hauptteil und Finale. Das „Blair-Witch-Feeling“ beschwören dann die dem zweiten Teil – den Cazale-Aufzeichnungen – beigefügte Fotos aus Burkittsville zum Zeitpunkt des Parr-Tragödie.

Von der Blair-Hexe ließe man sich immer noch gern erschrecken, aber ihre Zeit ist vorüber, sodass man antiquarisch auf das umfangreiche Original-Material (mehr als 25 relevante Titel sind in den USA erschienen) zurückgreifen müsste. Ansonsten heißt es warten – ein „Blair-Witch“-Relaunch dürfte eigentlich nicht mehr lange auf sich warten lassen …

[md]

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