Boardwalk Empire. Aufstieg und Fall von Atlantic City

Nelson Johnson
Boardwalk Empire. Aufstieg und Fall von Atlantic City

(sfbentry)
Originaltitel: Boardwalk Empire: The Birth, High Times, and Corruption of Atlantic City (Medford/New Jersey : Plexus Publishing Inc. 2002/2010)
Übersetzung: Berni Meyer
Deutschsprachige Erstausgabe (Paperback): Oktober 2013 (Heyne Verlag/Heyne Hardcore Nr. 67665)
367 S.
ISBN-13: 978-3-453-67665-7
eBook: Oktober 2013 (Heyne Verlag)
986 KB
ISBN-13: 978-3-641-12050-4

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Inhalt:

„Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe …“ heißt es im biblischen Wort Genesis, Kapitel 1, Vers 2 über die Erschaffung von Himmel und Erde. Vor ein ähnliches Problem – wenn auch in kleinerem Maßstab – sah sich der Landarzt Jonathan Pitney gestellt. Er lebte Mitte des 19. Jahrhunderts im US-Staat New Jersey und wollte endlich zu Ruhm und vor allem Geld kommen, suchte seine Chance jedoch ausgerechnet auf einem Flecken Erde, der außer Sand höchstens Salzsümpfe, Moskitos und Stechfliegen zu bieten hatte.

Doch jeder ist – vor allem in den USA – seines Glückes Schmied, und 1853/54 entstand praktisch auf nacktem Strand die Stadt Atlantic City. Um ihr Gedeihen zu sichern, wurde heftig getrickst – ein Prozedere, das bald zum Normalzustand der örtlichen Kommunalpolitik wurde: Pitney überredete einen Eisenbahnbaron zum Bau einer Bahnstrecke, die Atlantic City mit der Großstadt Philadelphia verband.

„Baue es, und sie werden kommen“, hört man im Film „Feld der Träume“. So geschah es tatsächlich; es erschienen Tages- und Wochenendurlauber aus der genannten Stadt. Sie wurden mit offenen Armen (und Händen) willkommen geheißen. Die Immobilienpreise schossen in die Höhe, und wer sich früh genug und billig mit Grundstücken eingedeckt hatte, konnte sich – wie besagter Eisenbahnbaron – über satte Gewinne freuen.

Atlantic City wurde zum Ferienort des kleinen Mannes, wo man ihn mit US-amerikanischer Gründlichkeit umwarb und ausnahm. Dabei wurden lästige Gesetze ignoriert; man lag weit ab vom Schuss und konnte sich dies erlauben, während eine feste Allianz aus Politikern und Geschäftsleuten entstand. Sie behielt Atlantic City sieben Jahrzehnte fest im Griff. Als Dritter trat diesem Bund in den Jahren der Prohibition (1919-1933) das organisierte Verbrechen bei; es gedieh prächtig in einem Milieu, das Ausnahmegestalten wie den „Commodore“ Louis Kuehnle (1857-1934), den ehemaligen Sheriff Enoch „Nucky“ Johnson (1883-1968) oder dessen sogar noch korrupteren Nachfolger Frank „Hap“ Farley (1901-1977) hervorbrachte: borgiaähnliche Stadtfürsten, die an jedem lukrativen Geschäft beteiligt waren und im Gegenzug dafür sorgten, dass es allen gutging, die das geschmierte Rad am Laufen hielten.

Nach dem II. Weltkrieg ging Atlantic Citys wilde und große Zeit zu Ende. Die Feriengäste blieben aus, die Geschäfte gingen zurück. Neue Gaunereien mussten eingefädelt werden, die in den 1970er Jahren im Gelingen des Plans gipfelten, das Glücksspiel in Atlantic City zu legalisieren. Mit den Casinos kamen die Mafia und zweifelhafte Glücksritter wie Donald Trump in die Stadt, die bald wieder aufblühte – und in alte Sünden zurückfiel …

Auch eine böse Geschichte ist eine gute Geschichte

Die Geschichte von Atlantic City ist selbst in der von Nelson Johnson vorgelegten und selektiv gerafften Fassung filmreif. Deshalb wundert es höchstens, dass es so lange dauerte, bis seine Chronik entsprechend beachtet wurde. Als dann jemand zugriff, war es kein Hollywood-Studio, sondern das Fernsehen: Der wegen seiner hochklassigen Serien renommierte Bezahl-Sender HBO produzierte (unter Mitarbeit von Martin Scorsese) ab 2010 „Boardwalk Empire“, ein Historienkrimi-Spektakel, das sich auf die „Wilden Zwanziger“ von Atlantic City konzentriert und einen von Steve Buscemi gewohnt brillant gespielten „Nucky“ Thompson (nicht Johnson) in den Mittelpunkt stellt. Ohne allzu sehr der Realität verpflichtet zu sein, schwelgt „Boardwalk Empire“ nicht nur im zeitgenössischen Ambiente, sondern auch in Sex & Crime.

Ebenso wichtig wie die Handlung ist die Stimmung – jene für Atlantic City typische Harmonie zwischen Politik, Wirtschaft und Verbrechen. Sieben Jahrzehnte machte die Stadt keinerlei Hehl aus dieser Allianz, die ausgezeichnet funktionierte, solange jeder seinen Schnitt machte. Versuchen von ‚außen‘, das Sündenbabel an der Atlantikküste auszumisten, wurde mit einer schier unglaublichen Mischung aus Gesetzesbruch und Ignoranz begegnet.

Johnsons Buch über Atlantic City fand in den USA viele Leser. Es ist dennoch fraglich, ob es ohne die TV-Serie jemals in Deutschland erschienen wäre. Von diesem Buch verspricht sich das Fernsehen auch hierzulande viele Zuschauer, die wiederum vom Verlag als potenzielle Käuferschicht gesehen werden. „Boardwalk Empire“ erscheint deshalb mit einer Farbbildstrecke, die in die Serie einführt. Die Fotos aus dem realen und historischen Atlantic City müssen sich mit der zweiten Strecke begnügen …

Der amerikanische (Alb-) Traum

Der Titel „Boardwalk Empire“ spielt auf eine örtliche Besonderheit Atlantic Citys an: Um den Gästen etwas Besonderes zu bieten, wurden viele Vergnügungsstätten buchstäblich ins Wasser gebaut: Eine künstliche, bald auf Stelzen gesetzte Promenade zog sich am Strand entlang, Piers ragten weit aufs Meer hinaus, wo sie immer wieder von Fluten fortgespült und unverdrossen neu errichtet wurden. Die Motive für die Gründung einer Stadt dort, wo es der Vernunft deutlich widerspricht, sind so außergewöhnlich, dass Autor Johnson ihr zu Recht das erste Drittel seines Buches widmet. Er bereitet dabei gleichzeitig die Bühne für das Verständnis einer Verwaltungsrealität vor, die Atlantic City in die Nähe einer Wild-West-Stadt rückt.

In der Tat ist es eine unverfälschte Pioniermentalität, die sich hier Bahn bricht. Erlaubt ist, was nicht verboten ist oder sich durchboxen lässt. Die Obrigkeit und vor allem der Staat sind potenzielle Feinde, die dem geschäftstüchtigen Privatmenschen in die Tasche langen wollen und deshalb ohne schlechtes Gewissen ganz im Sinn des „American Way of Life“ ignoriert oder infiltriert werden dürfen.

Wer nicht treten kann, muss buckeln. So beschreibt Johnson das Schicksal der schwarzen Gemeinde, die nach dem Ende der Sklaverei in eine neue Abhängigkeit gezwungen wurde: Die Knechtsdienste in den Hotels, Gaststätten und Bordellen leisteten unterbezahlte Männer und Frauen mit dunkler Hautfarbe. Sie mussten dort schuften, wo sie wegen der Rassentrennung als Gäste keinen Zutritt hatten. Wichtig waren sie höchstens als Stimmvieh für die Republikanische Partei, die ‚ihre‘ Schwarzen an den Wahltagen zu den Urnen karrte und sie vorab ausgefüllte Stimmzettel einwerfen ließ.

Die „Goldenen Zwanziger“

Eindeutig das Sahnestück dieses Buches ist Johnsons Darstellung jener Jahre, die als „Roaring Twenties“ berühmt und berüchtigt wurden. Der „Volstead Act“, eine fatale Fehlentscheidung, brachte dem organisierten Verbrechen den Durchbruch – eine Entwicklung mit verhängnisvollen Folgen, die bis in die Gegenwart wirken. Den Bürgern per Gesetz den Alkoholgenuss zu verbieten, mag theoretisch im Sinn der Volksgesundheit sein. Allerdings widerspricht es dem Volksgeist so vehement, dass das Scheitern der Prohibition vorgezeichnet war.

In Atlantic City kam zur Korruption das Verbrechen. Zwielichtige Prominenz wie Al Capone ließ sich blicken, dunkle Geschäfte erreichten eine nie gekannte Dimension. In Atlantic City wurden keine „Flüsterkneipen“ eingerichtet, in denen man den begehrten Alkohol heimlich ausschenkte, hier konnte man ganz offen in jeder Gaststätte Bier und Schnaps trinken. Die Polizei schaute weg (oder trank mit), denn sie war gut geschmiert. Nicht einmal das FBI bekam einen Fuß in die Tür.

Diese Ära begründete den (inzwischen nostalgisch vergoldeten) Ruf einer Stadt, in der man als Gast neben prominenten Gaunern am Bartresen stehen konnte. Johnson konnte aus dem Vollen schöpfen, was den Darstellungsbruch noch deutlich macht: Als Atlantic City nach dem II. Weltkrieg als Ferienort aus der Mode gerät, beginnt ein Niedergang, der wesentlich weniger faszinierende Geschichten hervorbringt. Die Historie fängt sich, als Atlantic City eine Casino-Stadt wird, weil dies selbstverständlich Mafiosi und ähnliche Schmeißfliegen lockt. Doch die Zeiten haben sich (angeblich) geändert: Die Justiz hat aus ihren Fehlern gelernt und kann die Unterwanderungsversuche des organisierten Verbrechens abwehren.

Wollen wir das glauben?

Das letzte Drittel der Stadtgeschichte deckt jene Zeit ab, in der Autor Johnson selbst als Jurist des Stadtplanungskomitees ein Rädchen der kommunalen Verwaltung war. Wenn man ihm glauben möchte, ist Atlantic City nun weitgehend lumpenfrei. Entweder ist dies Wunschdenken oder der Verfasser vorsichtig, da die Menschen, über die er in diesen Kapitel berichtet, noch leben. Johnson hat sehr präzise über Seilschaften und inoffizielle Bündnisse geschrieben. Falls er wirklich andeuten möchte, dass Politik inzwischen ohne Manipulationen funktioniert, verkauft er seine Leser für dumm.

Ohnehin ist die Darstellung in diesem letzten Drittel sprung- und lückenhaft. Es scheint, als habe Johnson eher lustlos über Atlantic City nach 1980 geschrieben. Meist beschränkt er sich auf die Propagierung von Konzepten, die der schon wieder siechen Stadt zu neuer Gesundung verhelfen sollen. Geholfen hat es nicht; „Boardwalk Empire“ erschien erstmals 2002. Als HBO das Buch acht Jahre später zur Serie herausbringen wollte, schrieb Johnson seine Chronik bis in die Gegenwart fort. Wirklich Essenzielles wusste er nicht zu sagen, sondern spann mühsam und dünn den Faden bis in eine im Vergleich zu Atlantic Citys „High Times“ langweilige Gegenwart weiter. Ob dem tatsächlich so ist, bleibt dem Urteil zukünftiger Geschichtsschreiber überlassen; womöglich setzt sich die „Corruption of Atlantic City“ fort, und die Beteiligten haben aus der Vergangenheit gelernt, dass Diskretion hilfreich sein kann …

Generell stellt sich die Frage, wie tief Johnson eigentlich in den Quellen schürfte. Nach eigener Auskunft hat er zwei Jahrzehnte an seinem Buch gearbeitet. Er gibt aber zu, dass dies aus beruflichen und privaten Gründen nicht kontinuierlich geschah. Betrachtet man die Fußnoten, scheint Johnson primär ältere Buchvorlagen und Zeitungsartikel ausgewertet zu haben; hinzu kommen Polizei- oder Untersuchungsberichte, die allerdings ebenfalls zum Großteil veröffentlicht waren.

Das Fernsehen als Popularitäts-Booster

Wertvoller waren sicher die Interviews, die Johnson mit vielen Zeitgenossen führte. Er schildert einen Wettlauf mit der Zeit, denn die meisten Zeugen waren alt und sind inzwischen verstorben. Johnson hat ausgiebig mit ihnen gesprochen und ihre Erinnerungen bewahrt. Von einer exemplarischen und dichten Darstellung ist er jedoch inhaltlich wie formal weit entfernt. „Boardwalk Empire“ ist das Werk eines Laien-Kochs, der an einen Brei geriet, den man kaum verderben konnte. Es verwundert nicht, dass die gleichnamige TV-Serie das Buch als Bergwerk nutzt: Die spannenden Story-Flöze werden ausgebeutet, das taube Bla-bla ignoriert.

Johnsons sonst wahrscheinlich längst in Vergessenheit geratenes Buch ist als Merchandising-Objekt willkommen. Der Autor ist inzwischen zu einem Richter am Obersten Gericht von New Jersey aufgestiegen, was seinem Werk ein Gewicht verleiht, das es faktisch nicht besitzt. Dazu passt, dass die Neuausgabe von 2010 von Terence Winter eingeleitet wird. Er reiht zwar Banales an Nichtssagendes, ist aber der ausführende Produzent der Fernsehserie. Als solcher bindet er Johnsons Buch in die Vermarktungskette ein. Dies sollte man als Leser im Hinterkopf behalten; es hilft zu erklären, wieso dieses nur phasenweise informative und unterhaltsame Werk so prominent herausgestellt wird.

Es gibt eine eigene Website zum Buch.

Kurzkritik für Ungeduldige: Aus einem verschlafenen Badeort an der Atlantikküste wird eine Goldgrube, nachdem örtliche Politiker und organisierte Gangsterbanden gemeinsam die Stadt regieren. Es dauert sieben Jahrzehnte, bis nicht das Gesetz, sondern die Geschichte dem Treiben ein Ende bereitet … – Interessante aber oberflächliche Darstellung einer turbulenten Stadthistorie, die trockene Fakten und bunte Anekdoten mischt und an Schwung verliert, je näher die langweilige Gegenwart rückt.

[md]

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