CSI Las Vegas: Tödlicher Irrtum

Max Allan Collins
CSI Las Vegas: Tödlicher Irrtum

Originaltitel: CSI Las Vegas: Grave Matter (New York : Pocket Books/Simon & Schuster, Inc. 2004)
Übersetzung: Frauke Meier
Deutsche Erstausgabe (geb.): Mai 2005 (Vgs Verlagsgesellschaft)
308 S.
ISBN-13: 978-3-8025-3346-4

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Das geschieht:

Zwei Fällen beschäftigen das bewährte „Crime-Scene-Investigation“-Team (CSI) dieses Mal. Gil Grissom, der Chef, und seine Kollegen Sara Sidle und Nick Stokes bearbeiten gemeinsam mit Captain Jim Brass vom Las Vegas Police Department das seltsame Verschwinden der Rita Bennett. Die reiche Autohändlerin ist vor einem Vierteljahr gestorben und wurde nach Ansicht der Tochter von ihrem Lottergatten umgebracht. Eine Exhumierung sollte Klärung bringen. Stattdessen findet sich in Ritas Sarg eine fremde Leiche: Kathy Dean, gerade 19 Jahre alt, wurde ganz sicher ermordet, denn in ihrem Hinterkopf findet der aufmerksame CSI-Pathologe Robbins ein Einschussloch.

Wie wurden die Leichen vertauscht? Die Vorschriften für das Bestattungswesen sind in Las Vegas streng. Entweder ist die Tat auf dem Friedhof oder im Bestattungsinstitut begangen worden. Dort streitet man eine Schuld natürlich energisch ab. Doch die CSI-Mannschaft erkennt eine Verbindung zwischen der verstorbenen Kathy Dean und dem aalglatten Dustin Black, dem Leiter der „Desert Haven Mortuary“. Mann und Mädchen kannten sich, was Black den Ermittlern verschwieg. Nachdem eine Untersuchung der Leiche ergab, dass Kathy zum Zeitpunkt ihres Todes schwanger war, erregt dieses Verhalten Verdacht und bedingt intensive Nachforschungen.

Catherine Willows und Warrick Brown werden ins „Sunny-Day“-Alten- und Pflegeheim gerufen. Dort ist die 71-jährige Vivian Elliott einem Herzanfall zum Opfer gefallen. Dem Leichenbeschauer David Phillips kommt dies seltsam vor, denn Vivian befand sich nach gar nicht so schwerer Krankheit auf dem Weg der Besserung. Doch im „Sunny Day“ hat sich die Sterblichkeitsrate unter den Insassen nach Phillips‘ Ansicht seit einigen Monaten ohnehin allzu drastisch erhöht. Geht etwa ein „barmherziger Engel“ um, der die Alten und Kranken von ihren Leiden ‚erlösen‘ will? Diese Frage gilt es dringend zu klären, denn genaue Nachforschungen ergeben, dass bisher mehr als zwanzig alte Männer und Frauen unter verdächtigen Umständen zu Tode kamen …

Kein Blutstropfen verspritzt unerforscht

Eine unverzichtbare Eigenschaft moderner TV-Erfolgskrimis scheint die liebevoll geschilderte Detailarbeit von Pathologen, Forensikern und das Skalpell schwingenden Ermittlern zu sein, die jene Lücke füllen, die ihnen der keuchende Durchschnittsplattfuß mit oder ohne Uniform, einst unumstrittener Held des Genres, inzwischen räumen musste. Neben dem Grauen durchschnittener Hälse und säuregetränkter Moorleichen ist aber auch der Geist noch geil. Also verbindet man das eine mit dem anderen und erhält: die Männer & Frauen vom CSI, die zwischen 2000 und 2015 in der Wüstenstadt Las Vegas ihrem Job nachgingen.

Zum flankierenden Marketing des CSI-Franchises gehören die Romane zur Serie, die kurioserweise nicht wiederholen, was über den Bildschirm läuft, sondern gänzlich neue Fälle bieten. Die bewegen sich ein gutes Stück über dem generell niedrigen Niveau des „tie-in“-Romans, der normalerweise als reines Zusatzgeschäft betrachtet wird. Mit Max Allan Collins hat man sich außerdem einen echten Profi ins Boot geholt, der sowohl als Verfasser sehr guter Krimis als auch als Unterhaltungsveteran für Film, Fernsehen und Comic Talent und Arbeitstempo unter Beweis gestellt hat. Folgerichtig lassen sich Collins‘ CSI-Romane gut lesen. Noch besser: Die Ausnahme von dieser Regel sind Werke wie dieses, die das vorgegebene Korsett der TV-Vorlage sowohl beachten als auch erweitern: „Tödlicher Irrtum“ ist beinahe ein ‚richtiger‘ Kriminalroman.

Das liegt an Collins‘ Entscheidung, auf vordergründige Action bis zur obligatorischen Schlussabrechnung fast vollständig zu verzichten. Stattdessen wählt er (buchstäblich) eher ruhige Handlungsorte: einen Friedhof, ein Bestattungsinstitut, ein Altenheim. Die Art der hier begangenen Verbrechen ist anders als die Untaten im sonst gern ins Visier genommenen Rotlichtmilieu von Las Vegas mit seinen Dealern, Nutten und anderen kriminellen Paradiesvögeln.

Totenstille ist keine Ruhe

Anders aber nicht weniger brutal, denn hier trifft es diejenigen, die sich nicht mehr wehren können. Im Altenheim sind die hilflosen Bewohner einem skrupellosen Killer ausgeliefert. Weil er kontrolliert vorgeht, merkt allzu lange niemand, was vorgeht, denn in einem Altenheim – das hört das CSI-Team immer wieder – ist es schließlich normal, dass die Leute sterben. Das Bestattungswesen profitiert wiederum vom Tabu, das den Tod umgibt. Im Umfeld von Trauer und weihevoller Bestattungsrituale  traut man sich nicht unbequeme Fragen zu stellen. Mögliche Verbrechen werden im wahrsten Sinn des Wortes begraben.

Die weitgehende Abwesenheit von Verfolgungsjagden und ausgewalzter Gewalt bekommt der Story erstaunlich gut. Da ist zum einen ein Ausgleich in Gestalt sorgfältig recherchierter Tatort- und Laborermittlungen, die auch ein Standbein der TV-Fassung bilden. Collins verfügt darüber hinaus als Schriftsteller über das Format, Hauptfiguren zu schildern, welche die Story tragen. Wir erleben das CSI-Team dieses Mal deutlich privater als sonst; sie geben mehr von sich preis, bleiben aber jederzeit in ihren ‚Rollen‘, die man aus dem Fernsehen kennt, schätzt und nicht grundlegend verändert sehen möchte.

Natürlich dominiert über weite Strecken die Routine; ein Autor, der so fleißig schreibt wie Collins, muss zu den Tricks seines Handwerks greifen. Auch in diesem Punkt ist er freilich geschickter als die Mehrzahl seiner Kolleginnen und Kollegen. Nur manchmal übertreibt er es: mit dem als Zynismus getarnten Weltschmerz, der wie eine Wolke über Captain Brass hängt; mit der permanenten Arbeitsüberlastung, welche Grissom & Co. im düsteren Hightech-Festung der CSI-Zentrale hält, wo immer neues Spielzeug darauf wartet ausprobiert zu werden; mit dem ewigen Konflikt mit den hehren Anwälten der mysteriös zu Tode Gekommenen und den publicitygeilen Vorgesetzten, die ihnen fast reflexartig Knüppel zwischen die Beine werfen; mit theatralisch leidenden Angehörigen, Freunden und Arbeitskollegen, die nie etwas wissen, und Zeugen, die nie etwas bemerkt haben.

Routine muss kein Fluch sein

Besonders dankbar muss Collins für die Figur des Gil Grissom sein. Sie lässt sich ohne großen Aufwand pflegen. Grissom muss kühl und undurchschaubar bleiben, obskure aber geniale Ermittlerschlichen ausbrüten und sich hin & wieder in kryptischen Andeutungen ergehen. Erstaunlicherweise führt diese Beschränkung dazu, dass Grissom von allen auftauchenden Figuren am besten funktioniert. Was ihn – möglicherweise – umtreibt, muss sich der Leser selbst vorstellen; ein altes literarisches Prinzip, das weiterhin seine Geltung behalten hat.

Insgesamt schafft es Collins einmal mehr einem Produkt für die Unterhaltungsindustrie ein Profil aufzuprägen. „Tödlicher Irrtum“ ist federleichte Kriminallektüre mit einigen gut geplanten, tückischen Untiefen, auf denen der allzu arglose Leser auflaufen kann. Das Buch stellt nichtsdestotrotz alle zufrieden – die Unglücklichen, denen die TV-Serie unbekannt ist, und die Kenner, welche die Augen schließen und die beschriebenen Szenen vor dem inneren Auge ablaufen lassen können.

Autor

Max Allan Collins wurde 1948 in Muscatine, US-Staat Iowa, geboren. Er entwickelte als Kind ein ausgeprägtes Interesse an Comics, entdeckte aber auch generell seine Liebe zur Populärkultur: zum Thriller, zur Musik, zum Fernsehen und zum Film. In den ersten beiden Jahren als Student arbeitete Collins als Reporter. Ab 1971 unterrichtete er Englisch an einem College. 1977 gab er dies auf und etablierte sich als freier Schriftsteller. Sechs Jahre zuvor hatte er seinen ersten Roman verkaufen können: „Bait Money“ (dt. „Köder für Nolan“) wurde zugleich das Debüt seines ersten Serienhelden Nolan, der als professioneller Dieb ständig mit der Polizei wie mit der Unterwelt in Konflikt gerät.

1975 schuf Collins seine bisher bekannteste und erfolgreichste Figur. Ursprünglich war der Privatdetektiv Nathan Heller als Held einer Comic-Serie geplant, die jedoch ihre Premiere nicht erlebte. Die aufwändigen Recherchen versetzten den Schriftsteller in die Lage, Heller 1983 mit „True Detective“ (dt. „Chicago 1933“) einen ebenso voluminösen wie eindrucksvollen ersten Auftritt zu verschaffen. Wie selten zuvor im Genre gelang Collins die Einbettung des klassischen Schnüfflers in das historische Umfeld der frühen 1930er Jahre.

Im Comic-Bereich feierte Collins erste Erfolge als Texter für den Klassiker „Dick Tracy“, der seit 1931 läuft. Collins führte die Serie an ihre Ursprünge zurück und zu neuem Ansehen. Er textete auch für „Batman“ und schuf mit dem Zeichner Terry Beatty die erfolgreiche Comic-Serie „Ms. Tree“ um eine weibliche Privatdetektivin.

1990 entdeckte Collins ein neues Betätigungsfeld: Als Dick-Tracy-Spezialist wurde er engagiert, das Buch zum Film von und mit Warren Beatty zu verfassen. Auch zwei Fortsetzungen flossen aus seiner Feder. Seitdem schreibt Collins immer wieder „tie-ins“ – u. a. für alle „CSI“-TV-Serien –, die durch ihre sorgfältige Machart und ihre Lesbarkeit auffallen.

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