CSI New York: Der Tote ohne Gesicht

Stuart M. Kaminsky
CSI New York: Der Tote ohne Gesicht

(sfbentry)
Originaltitel: CSI New York : Dead of Winter (New York : Pocket Books, a division of Simon & Schuster, Inc. 2006)
Übersetzung: Frauke Meier
Deutsche Erstausgabe (geb.): März 2006 (Vgs Verlagsgesellschaft)
304 S.
ISBN-13: 978-3-8025-3533-8

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Das geschieht:

Zwei Fälle fordern die Aufmerksamkeit des CSI-Teams New York um Mac Taylor in diesem besonders eisigen Februar. Im Aufzug eines vornehmen Appartementhauses liegt mit einer Kugel in der Brust die Leiche des Werbetexters Charles Lutnikov. Weder der Pförtner noch die Mitbewohner haben etwas gehört und gesehen. Blutspuren deuten darauf hin, dass der Verstorbene sich in der Wohnung der prominenten Krimi-Autorin Louisa Cormier schreibt aufgehalten hat. Sie weiß etwas, das Taylor und seine Kollegin Aiden Burn gern erfahren würden.

Fall Nr. 2 wirbelt mehr Staub auf. Alberta Spanio, einer wichtigen Kronzeugin, wurde in dem Hotelzimmer, das ihr bis zur Verhandlung als Versteck diente, ein Messer in den Hals gestoßen. Weil der Mann, der ihre Aussage fürchten musste, der gefürchtete Mafiaboss Anthony Marco ist, liegt der Verdacht nahe, dass dieser Spanios Tod angeordnet hat.

Doch wie wurde der Mord realisiert? Alberta hatte sich in ihrem Zimmer eingeschlossen. Vor der Tür hielten zwei Polizeibeamte Wache. Das einzige Fenster liegt so hoch, dass ein Einsteigen unmöglich ist. Die CSI-Spürhunde Danny Messer und Stella Bonasera finden zwar im Todeszimmer verräterische Spuren, die jedoch nicht zu deuten sind, bis der Mörder ein weiteres Mal zuschlägt.

Inzwischen verdichten sich im Lutnikov-Fall die Hinweise auf Louisa Cormier als Täterin. Sie ließ sich offenbar in ihrer schriftstellerischen Arbeit vom Verstorbenen ‚unterstützen‘. Wollte Lutnikov nicht mehr nur Geld, sondern endlich auch seinen Teil des Ruhmes? Hat ihn Cormier, die um ihren Ruf fürchtete, aus dem Weg geräumt? Vielleicht kann die verdächtige Frau nicht wirklich schreiben, doch über die Methoden der Polizei ist sie definitiv gut genug informiert, um Taylor und Burn bei ihren Ermittlungen dicke Knüppel zwischen die Beine zu werfen …

Labor-Spannung als erwünschte Routine

Selbstverständlich klappt das nur bis zu einem gewissen Punkt. Die CSI-Truppe lässt sich auch in New York nicht vorführen, sondern wühlt sich durch staubige Räume, steigt in düstere Fahrstuhlschächte, mustert verdächtige Mehlspuren in einer Mafia-Bäckerei und schafft das dabei Gefundene in Science-Fiction-Labors, wo fachkundige Reagenzglas-Jockeys ihnen ihre Mysterien entlocken. Diese Prozedur macht den Reiz aller „CSI“-TV-Serien aus.

Während Las Vegas und Miami tagsüber sonnig und nachts bonbonbunt gezeigt werden, liegt New York im ständigen Halbschatten. Die Farben sind ausgewaschen und düster: Der „Big Apple“ liegt in einem klimatisch raueren Teil der USA, auch das soziale Umfeld ist kühler temperiert. Von der südländisch anmutenden Lässigkeit in Nevada oder Florida ist hier nichts zu spüren.

So soll es sein, doch ist dieses Konzept im Fernsehen leichter zu vermitteln (weil zu zeigen) als zu beschreiben. Stuart Kaminsky ist ein Veteran der Kriminalschriftstellerei, der außerdem oft als Drehbuchautor arbeitete. Er verfügt über genug Routine, beide Welten zusammenzubringen. Deshalb gelingt ihm das im Filmbuch-Sektor seltene Kunststück, die Atmosphäre des TV-Vorbilds zu treffen, ohne allzu sehr an ihm zu kleben.

Vom Bild zum Buchstaben

Kaminsky weiß, wie man einen Krimi plottet. Auch hier hält er sich an die Vorlage: Wir, die Leser, erfahren bald, wer hinter den beschriebenen Verbrechen steckt. Spannender ist es – und soll es sein – zu beobachten, wie das CSI-Team diesen Vorsprung aufholt. Der Autor geizt mit Indizien bzw. lässt nur finden, was missverständliche Schlüsse provoziert. So wandeln die CSI-Beamten oft auf Fährten, die wir als Sackgassen erkennen. Das schürt die Spannung, zumal jene Schurken, denen Mac Tayler und seine Kollegen auf der Spur sind, die Zeit nutzen, um neues Unheil anzurichten.

Mit großartigen Tricks und unter Nutzung aller dramaturgischen Kniffe verwandelt sich langwierige und – machen wir uns da nichts vor – realiter langweilige Laborarbeit im Fernsehen in ein grandioses Spektakel. Das kleinste Staubkorn speichert wertvolle Hinweise, die man ihm nur entlocken muss, wird und im CSI-Kosmos suggeriert.

Auf die entsprechende Bebilderung muss Kaminsky verzichten. Stattdessen konzentriert er sich auf die Interaktion der Figuren. Hier kann er nutzen, was er dem Fernsehen voraushat: Mit wenigen Sätzen vermag Kaminsky seinen Figuren Erlebnisse und Erfahrungen auf den Leib zu schreiben, die im TV meist nur am Rande berücksichtigt werden oder ganz wegfallen, weil sie aufwändig in Szene gesetzt werden müssten und von der Haupthandlung ablenken würden.

Glatte Figuren mit behaupteten Kanten

„CSI: New York“ war eine erfolgreiche TV-Serie, die allerdings im Schatten von „CSI: Miami“ und „CSI: Las Vegas“ stand. An Form und Inhalt lag es nicht. Die Schauspieler waren die Ursache. Besetzt wurden die Rollen mit hochprofessionellen Darstellern, wie es im US-Fernsehen dieser Qualitätsstufe üblich ist. Doch die Chemie war eine völlig andere. Mac Taylor ist eine komplexe und fast schon verschlossene Figur. Auch Gil Grissom und Horatio Caine waren Außenseiter, doch zu ihnen fand man rasch einen Zugang.

Das New Yorker Team wirkt eher professionell als freundlich oder befreundet, was Kaminsky geschickt ins Geschehen einarbeitet. Taylor & Co. sind nicht sympathisch, sodass uns ihre privaten Probleme und Nöte kaum interessieren. Deshalb bleiben sie als Figuren blass. Erinnern wird man sich dagegen an Figuren wie den 71-jährigen Kraftmenschen und Mafia-Mörder Big Stevie Guista, mit dem Kaminsky daran erinnert, dass er über einen feinen Sinn für absurde Komik verfügt, den er auch in diese Auftragsarbeit einfließen lässt.

Routine bestimmt ansonsten die Figurenzeichnungen. Da haben wir den skrupellosen, aalglatten Mafiaboss, aalglatte Anwälte, eine aalglatte, kriminelle Krimiautorin, ihre aalglatte Agentin, aalglatte jugendliche Straßengangster … Die Liste könnte länger sein, aber der Leser ahnt sicherlich, woran die Handlung krankt. Letztlich ist „Der Tote ohne Gesicht“ doch der Roman zu einer Fernsehserie. Kaminsky bleibt an Vorgaben gebunden, die ihm in der Handlungsführung wenige und in der Darstellung des CSI-Personals keine Freiräume lassen. Wie sein Schriftsteller-Kollege Max Allan Collins, der viele Bücher zu den „CSI“-Serien „Las Vegas“ und „Miami“ verfasste, macht Kaminsky das Beste daraus. Nicht nur die Fans der Serie, sondern auch die ‚normalen‘ Krimi-Leser danken es ihm, denn auch wenn „Der Tote ohne Gesicht“ ein Roman ist, der nicht im Gedächtnis haften bleibt, liest er sich dennoch flüssig: ein Buch für jene Feierabende, an denen das Hirn nicht mehr strapaziert werden kann oder soll.

(Eine Frage bleibt übrigens offen: Wer ist eigentlich „Der Tote ohne Gesicht“, von dem im Titel gefaselt wird? Wer in diesem Buch ein gewaltsames Ende findet, bleibt ausnahmslos unverstümmelt und ist sofort zu identifizieren.)

Autor

Stuart Melvyn Kaminsky, dessen Familie ukrainische und litauische Wurzeln besaß, wurde am 29. September 1934 in Chicago, Illinois, geboren. Er studierte Journalismus, Englische Literatur und Sprachkunde. Bis 1994 lehrte er an der Northwestern University und der Florida State University.

Nach eigener Aussage schrieb Kaminsky bereits mit 12 Jahren – ein Besessener, der sein Hobby nach und nach zum Beruf machte. 1977 erschien sein erster Roman, „Bullet for a Star“ (dt. „Mord im Studio“), gleichzeitig das Debüt des Privatdetektivs Toby Peters, der im Hollywood der 1930er und 40er Jahre für berühmte Schauspieler arbeitet. Die Serie erwies sich als so beliebt und erfolgreich, dass der Autor sie zu seinem Tod fortsetzte.

Weitere langlebige Reihen ließen Kaminskys Werk auf mehr als 60 Kriminalromane anschwellen. Hinzu kamen Kurzgeschichten sowie diverse Arbeiten für Film und Fernsehen; so schrieb er u. a. Dialoge für Sergio Leones Meisterwerk „Once Upon a Time in America“ (1984; dt. „Es war einmal in Amerika“).

Die Erfahrungen aus dem Filmgeschäft nutzte Kaminsky, um Bücher zu TV-Erfolgen wie „The Rockford Files“ (dt. „Detektiv Rockford … Anruf genügt“) und „CSI: New York“ zu verfassen.

Für „A Cold Red Sunrise“ (1988; dt. “Kalte Sonne“), einen Roman der „Inspector- Rostnikov“-Serie, wurde Kaminsky mit einem „Edgar Allan Poe Award“ für den besten Kriminalroman des Jahres ausgezeichnet, nachdem er bereits vier Male nominiert gewesen war. 1998 war Kaminsky Präsident der „Mystery Writers of America“, die ihm für sein Lebenswerk 2006 einen „Grand Master Award“ verliehen.

Stuart Kaminsky starb am 9. Oktober 2009 in St. Louis, Missouri.

Kurzkritik für Ungeduldige: Im winterlichen New York fordern zwei rätselhafte Mordfälle den kreativen Einsatz des CSI-Teams, das sich von irrenden Zeugen, verwischten Spuren und lügenden Verdächtigen ebenso wenig aus dem Konzept bringen lässt wie durch Eiseskälte, Grippe oder amouröse Anwandlungen … – Routiniert spult der Verfasser sein Garn nach dem Vorbild der TV-Serie „CSI New York“ ab. Plot und Figurenzeichnung ‚stimmen‘ und sorgen für nie anspruchsvolles, durchschnittliches Lesevergnügen.

[md]

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