Das Ding aus einer anderen Welt

John W. Campbell
Das Ding aus einer anderen Welt

Originaltitel: Who Goes There? (Astounding Science-Fiction, Ausgabe August 1938)
Dt. Erstausgabe: 1958 (Gebrüder Weiss Verlag/Utopische Taschenbücher)
Übersetzung: Margaret Auer
167 S.
[keine ISBN]
Heftausgabe: 1967 (Erich Pabel Verlag/Utopia-Roman 527)
65 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: (unter dem Titel „Wer da?“ als Dreifachband mit Margit Gáspár: „Der schwarze Kaiser“ u. Roger Zelazny: „Fluch der Unsterblichkeit“): 1987 (Heyne Verlag/Heyne SF 06/4463)
Übersetzung: Uwe Anton
444 S.
ISBN-10: 3-453-00982-7
Neuausgabe (als Doppelband mit Shane McKenzie: „Parasite Deep – Parasiten aus der Tiefsee“): März 2016 (Festa Verlag)
Übersetzung: Fabian Dellemann u. Alexander Rösch
Cover: Timo Wuerz
111 S. [+ 223 S.]
ISBN-13: 978-3-86552-432-4

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Das geschieht:

Im ewigen Eis der Antarktis stellt eine Gruppe Naturwissenschaftler Versuche und Nachforschungen an. Dabei stößt man auf ein vor 20 Millionen Jahren abgestürztes Raumschiff, das bei der Bergung Feuer fängt. Immerhin kann man ein tiefgefrorenes Mitglied der Besatzung retten, das man birgt und in die Forschungsstation „Big Magnet“ bringt, wo es buchstäblich unter die Lupe (und das Seziermesser) genommen werden soll.

Zwar werden durchaus Vorsichtsmaßnahmen getroffen, doch das Wesen taut nicht nur auf, sondern erwacht zum Leben! Es hat durch die lange Froststarre weder an Kraft noch an Entschlossenheit verloren und setzt umgehend fort, was offenbar die Mission der Fremdlinge war: die Invasion der Erde.

Nicht Gewalt, sondern Hinterlist ist die Waffe der Kreatur. Sie verfügt über die Gabe, ihre Körperzellen nach Belieben zu manipulieren. Auf diese Weise vermag sie ihre Opfer buchstäblich zu kopieren und sich dabei zu vermehren: Jede ‚Kopie‘ ist selbstständig und in der Lage, neue Wesen in die Welt zu setzen.

Die daraus resultierende Gefahr wird den 37 Männern von „Big Magnet“ rasch bewusst: Wenn es dem Ding gelingt, ihre Gestalten anzunehmen, kann es die Station und die Antarktis in Menschengestalt verlassen und auf die bewohnten Kontinente der Erde gelangen! Dort dürfte es ihr ein Leichtes sein, sich so rasch zu vermehren, dass jede Gegenwehr zu spät kommen würde.

Also riegeln die Männer „Big Magnet“ ab. Doch wer von ihnen ist noch ein Mensch? Wer wurde bereits übernommen? Das Ding hat längst Vorkehrungen getroffen, die eine Identifizierung unmöglich machen. Voller Angst belauern die Männer einander. Sie können einander nicht vertrauen, was Pläne zu einer Gegenwehr erheblich kompliziert. Dennoch hat das Ding seine Opfer unterschätzt. In seiner Tarnkappe gibt eine Schwachstelle. Als diese entdeckt wird, bricht in „Big Magnet“ ein Kampf auf Leben und Tod aus …

Triumph einer simplen aber großartigen Idee

Bekanntlich sind die besten Ideen eher simpel; genau daraus beziehen sie Anziehungskraft und Zeitlosigkeit. Wie sonst ließe sich folgendes Konzept als Dauerbrenner erklären: Eine kleine Gruppe charakterlich unterschiedlicher Menschen wird fern der Außenwelt isoliert und steht dort einer sich außen oder innen manifestierenden Bedrohung gegenüber. Auf Rettung darf man weder hoffen noch warten; Entschlossenheit und Improvisationstalent sind gefragt. Parallel zur Dezimierung besagter Gruppe wird die Zeit knapp, bis alles im finalen vis-à-vis mit dem Gegner mündet.

Selbstverständlich war John W. Campbell 1938 keineswegs der erste Autor, der sich auf dieses Plot-Gerüst stützte. In der Szene der „Pulp“-Magazine, die seit 1926 zum Sammelbecken für junge Schriftsteller wurden, gerieten Menschen sogar recht häufig in scheinbar aussichtslose Nöte, die eher brachial als raffiniert gemeistert wurden. Campbell konnte nicht nur auf ein solides naturwissenschaftliches Wissen zurückgreifen, sondern legte großen Wert darauf, seine Erzählungen physikalisch, biologisch oder chemisch zu erden, ohne darüber den Unterhaltungsaspekt zu vernachlässigen – ein Anliegen, das er auch seinen Autoren zu vermitteln versuchte, als Campbell selbst Herausgeber wurde und in dieser Position zu einer der prägenden Gestalten der Phantastik wurde.

Früher hatte Campbell seine Geschichten wie die meisten seiner schreibenden Kollegen gern in den Fernen eines Alls angesiedelt, dessen Naturgesetze individuell angepasst werden konnten: Niemand wusste genau, wie es in jenseits des Planeten Erde aussah, weshalb der Fantasie keine Grenzen gesetzt waren. Mit „Das Ding aus einer anderen Welt“ blieb Campbell auf festem und vor allem bekanntem Boden. Zwar war die Antarktis Anno 1938 dem durchschnittlichen Leser von „Astounding“ – jenem Magazin, in dem dieser Kurzroman veröffentlicht wurde – ebenso fremd wie der Mond. Dennoch konnte und musste Campbell ein bestimmtes Maß an Wahrscheinlichkeit wahren; eine Pflicht, die er sehr ernst nahm bzw. übertrieb, indem er den auftretenden Forschern lehrreiche Kurzvorträge über südpolare Verhältnisse in die Münder legte.

Harte Wissenschaft trifft auf noch härtere Realität

Andererseits unterstrichen derartige Passagen den Eindruck einer authentischen bzw. dokumentarischen Beschreibung tatsächlicher Ereignisse. Dazu trug bei, dass eben nicht die typischen Granitkinn-Machos auf das Ding trafen, sondern nüchterne Wissenschaftler, denen die Heldenrolle weder lag noch stand. Campbell verzichtete sogar auf die eigentlich obligatorische hübsche aber schwache Frau, die irgendwann gerettet werden musste – ein Faktor, den Hollywood umgehend änderte, als 1951 eine erste Verfilmung anstand. Für Campbell stellt die Bedrohung im Mittelpunkt. Auf tiefschürfende Figurenzeichnungen verzichtet er. Genau das sichert seiner Novelle ihre Zeitlosigkeit: Der Rahmen lässt sich mühelos modernisieren, die Story behält ihr Unterhaltungspotenzial.

Campbell John W Ding Cover 1958

Cover der dt. Erstausgabe

Auf einen Anführer konnten die monsterbelagerten Forscher trotzdem zählen: Campbell präsentierte den Meteorologen McReady, eine bärtige, buchstäblich überlebensgroße Gestalt, die 1982 glaubwürdig von Kurt Russell verkörpert wurde. McReady kanalisiert, was ansonsten zur Krisenstimmung beiträgt: Unter Druck folgt selbst der (aus-) gebildete Mensch keineswegs automatisch der Stimme der Vernunft. Ohne Uneinigkeit kommt keine Wir-gegen-den-Feind-Story aus. Auf diese Weise können Fehlentscheidungen getroffen werden, die zu schockierenden Zwischenfällen und Opfern führen, bis schließlich ein McReady das Ruder übernimmt. In diesem Fall schlägt unser Anführer nicht nur entschlossen auf das Ding ein, sondern findet durchaus wissenschaftlich die Lösung auf die dringlichste Frage: Wie lässt sich eine Kreatur identifizieren, die ihre Opfer noch auf zellulärer Ebene perfekt kopieren kann? Die Antwort ist wiederum genial weil einfach und logisch, weshalb sie auch John Carpenter 1982 für eine ungemein effektvolle Szene seines „Ding“-Films übernahm.

Er konnte dank deutlich fortgeschrittener Filmtechnik einen Aspekt aufgreifen, auf den man 1951 hatte verzichten müssen: Campbell beschreibt, wie das Ding quasi ‚zerläuft‘, wenn es zur Übernahme seiner Opfer ansetzt und dabei zu früh überrascht wird. Dieser amorphe, gefühllose, in jeder Hinsicht fremdartige Gegner ist sehr modern und wesentlich unheimlicher als zeitgenössische Gruselgestalten wie der Vampir, der Werwolf oder das Frankenstein-Monster. Zwei Jahre zuvor hatte Campbell in der Dezember-Nummer des Magazins „Thrilling Wonder Stories“ die Story „The Brain Stealers from Mars“ veröffentlicht. Schon hier kreierte er einen Gestaltwandler, der Gedanken lesen konnte. Der Tenor war humoristisch, aber die Figur besaß so viel Potenzial, dass der Autor noch einmal auf sie zurückgriff.

„Das Ding“ im Kino

„Das Ding …“ genießt nicht ausschließlich aufgrund der gut erdachten und spannend umgesetzten Story Klassikerstatus. Schützenhilfe erhielt dieses Garn durch das Kino. Bisher wurde „Das Ding …“ zweimal verfilmt. Sowohl das Original von 1951 als auch das Remake von 1982 gelten als Meisterwerke der Kino-Geschichte, was eher selten vorkommt. Doch in beiden Fällen fanden sich Filmemacher, die das Potenzial der Story erkannten und fähig waren, es in der Umsetzung auszureizen.

Campbell John W Ding Cover 1967

Cover der Heftausgabe von 1967

Zwar zeichnete 1951 Christian Nyby (1913-1993) als Regisseur, doch war es in Hollywood kein Geheimnis, wer im Hintergrund tatsächlich die Fäden zog: Howard Hawks (1896-1977), der nicht nur der Produzent des Films, sondern selbst ein prominenter Regisseur war, dem wir Klassiker wie „Bringing Up Baby“ (1938; dt. „Leoparden küsst man nicht“), „The Big Sleep“ (1946; dt. „Tote schlafen fest“) oder „Rio Bravo“ (1959) verdanken. Hawks war ein Meister des schnellen, handlungsreichen und trotzdem schauspielbetonten Kinos – Markenzeichen, die „The Thing from Another World“ noch heute auszeichnen; nicht grundlos ist Campbells Geschichte seither primär unter ihrem Filmtitel bekannt.

1982 schuf John Carpenter ein Remake, das aufgrund der seinerzeit in dieser brachialen Perfektion erschreckenden und ekelerregenden „Body-Melting“-Spezialeffekte zunächst durchfiel, allmählich jedoch den ihm zustehenden Rang erreichte: Noch bevor die Filmtricks digital wurden, gelang hier die Einbettung überaus realistisch wirkender Effekte in eine abermals kongenial umgesetzte Story, die von ausgezeichneten Darstellern mitgetragen wurde. (2011 entstand das immerhin unterhaltsame aber ansonsten wenig erinnerungswürdige Prequel „The Thing“, das hier der Vollständigkeit halber erwähnt wird.)

Anmerkung

Die Kürze dieser Geschichte bringt es mit sich, dass sie hierzulande vor allem im Rahmen von Story-Sammlungen erschien. Separat trieb das Ding 1967 im Heftroman sein Unwesen. Die aktuelle, hier vorgestellte Fassung wurde neu (und ein wenig rau) übersetzt und als „Wendebuch“ veröffentlicht: Mit eigenem Cover aber um 180° gedrehtem Text teilt es sich den Buchrücken mit dem modernen „Bizarro-Fiction“-Garn „Parasite Deep – Parasiten aus der Tiefsee“ von Shane McKenzie.

Autor

John Wood Campbell Jr. wurde am 8. Juni 1910 in Newark, US-Staat New Jersey, geboren. Ende der 1920er Jahre studierte er am Massachusetts Institute of Technology (MIT), verbrachte jedoch mehr Zeit damit, Science-Fiction-Storys für die gerade aufkommenden Pulp-Magazine wie „Amazing“ oder „Thrilling Wonder Stories“ zu schreiben. Erst ein zweiter Versuch an der Duke University war erfolgreich. 1932 schloss Campbell ein Physikstudium ab. Parallel dazu war er zu einem regelmäßig veröffentlichten Autor geworden.

Campbell schrieb zeitgenössisch beliebte Space Operas – bunte Weltraum-Abenteuer, die primär auf Handlung sowie (halbwegs logisch wirkende) Technik und Wissenschaft – heute Technobabbel genannt – zentriert waren. Ab 1934 verfasste Campbell als Don A. Stuart Storys, die stärker in die Tiefe gingen und konturierte Figuren präsentierten.

Im Alter von 27 Jahren wurde Campbell Herausgeber des Magazins „Astounding Stories“. Diese Aufgabe nahm ihn fortan so sehr in Anspruch, dass er selbst kaum noch schriftstellerisch tätig wurde. Allerdings verabschiedete sich Campbell mit einem Donnerschlag: In der August-Ausgabe von „Astounding“ erschien sein Kurzroman „Who Goes There“ (dt. „Das Ding aus einer anderen Welt“/„Wer da?“), der zu den bekanntesten und besten SF-Geschichten aller Zeiten zählt und zweimal verfilmt wurde.

Als Herausgeber prägte Campbell das „Golden Age of Science Fiction“. Er veröffentlichte erstmals Autoren wie Robert A. Heinlein, A. E. van Vogt, Lester del Rey, Theodore Sturgeon oder Isaac Asimov, mit denen er eng zusammenarbeitete. In seinen späteren Jahren geriet Campbell, der seine Position durchaus erkannte und manchmal ausnutzte – so rührte er die Werbetrommel für L. Ron Hubbard und dessen Pseudo-Wissenschaft Dianetics, auf die sich die Scientology-Sekte beruft – in die Kritik einer jüngeren Generation von SF-Autoren, die mit seinen Vorgaben brachen. Dennoch blieb Campbell weiterhin Herausgeber des seit 1960 „Analog Science Fact & Fiction“ genannten Magazins, bis er – ein lebenslanger Kettenraucher – am 11. Juli 1971 nur 61-jährig in Mountainside, New Jersey, einem Lungenkrebsleiden zum Opfer fiel.

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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