Das scharlachrote Evangelium

Clive Barker
Das scharlachrote Evangelium

Originaltitel: The Scarlet Gospels (New York : St. Martin’s Press 2015)
Dt. Erstausgabe: Juni 2015 (Festa Verlag/Horror & Thriller TB 1588)
Übersetzung: Claudia Rapp
Cover: Alejandro Colucci
461 S.
ISBN-13: 978-3-86552-379-2
eBook: Juni 2015 (Festa Verlag)
981 KB
ISBN-13: 978-3-86552-380-8

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Das geschieht:

Seit einigen Jahren werden sämtliche prominenten = tatsächlich mächtigen Schwarzmagier dieser Erde systematisch verfolgt und ausgerottet. Dahinter steckt Pinhead, ein Mitglied des dämonischen Zenobiten-Ordens, der im Dienst des Höllenfürsten Luzifer Menschenseelen fängt und in die Verdammnis zerrt, wo sie in der Festung des Ordens ewigen Qualen ausgesetzt sind.

Doch Luzifers Thron ist seit langem verwaist, der Herr der Hölle verschwunden. Niemand weiß, wo er geblieben ist; es wird gar gemunkelt, er sei tot. Pinhead erkennt die Chance, sich selbst zum neuen Höllen-Herrscher aufzuschwingen. Um sich gegen die Attacken seiner Ordensbrüder und -schwestern zu schützen, die immer noch treu zu Luzifer stehen und den Usurpator niemals anerkennen würden, hat Pinhead die Magie der Menschen studiert und nützliches Wissen angesammelt. Seine unfreiwilligen Lehrmeister hat er anschließend als unnütze Mitwisser umgebracht, ihre magischen Werke zerstört: Nur Pinhead soll wissen, wie man Magie einsetzt.

Auch Harry D’Amour, der sich auf Erden als Privatdetektiv durchschlägt und seine Klienten vor allem unter Geistern findet, steht auf Pinheads Liste, denn Harry ist in seinem Gewerbe überaus erfolgreich. Seine dämonischen, untoten oder anderweitig jenseitigen Gegner konnten ihn nie ausschalten: Harry ist ein Überlebenskünstler, weshalb auch Pinheads erste Anschläge missglücken. Allerdings soll Harry ohnehin nicht sterben, sondern den Triumphzug des Höllenfürsten als Chronist verfolgen.

Denn Pinhead hat in der Hölle seine Revolution begonnen und so viele Zenobiten wie möglich ausgeschaltet. Dank seiner magischen Kräfte konnte sich ihm niemand entgegenstellen. Harry hat er mit einem Trick in die Hölle gelockt, sodass dieser – begleitet von einigen mutigen Gefährten – wie von Pinhead erwünscht anwesend ist, als dieser ins Herz der Hölle vordringt, wo sich Luzifers Turm erhebt. In dessen Gewölben stoßen die Eindringlinge auf den Hausherrn – und entfesseln einen Kampf, der die Hölle in ihren Grundfesten erschüttert …

Gipfeltreffen zweier Genre-Giganten

Nur wenigen Autoren gelingt es, eine Figur zu erschaffen, die einen Kollektiv-Nerv ihres Publikums trifft. Solche Gestalten machen sich quasi selbstständig; auch wenn ihr Schöpfer sie nicht in weiteren Werken einsetzt, stellt ihnen dies längst nicht die Weichen auf das Gleis in die Vergessenheit. Stattdessen entweichen sie in andere Medien und entwickeln eine zähes Eigenleben, das – und hier schließt sich der Kreis – den ursprünglichen geistigen Vater mächtig wurmen kann, der die Kontrolle über sein Geschöpf verloren hat.

So erging es auch Clive Barker mit seinem Zenobiten-Dämon Pinhead. Diesen hatte er als exotische Randfigur in seinem Kurzroman „That Hellbound Heart“ (1986; dt. „Hellraiser“) auftreten lassen. Wesentlich breiteren Raum nahm Pinhead in dem gleichnamigen Film ein, den Barker selbst 1987 inszenierte. Die kompromissarme Wucht der Darstellung blutiger Gewalttätigkeit imponierte dem Publikum, erboste die Zensur und rief ein Franchise ins Leben, das bis 2011 neun „Hellraiser“-Filme hervorbrachte. Die Qualität nahm beständig ab, was jedoch nichts an der Beliebtheit Pinheads änderte, die sich vor allem in der Verkörperung durch den Schauspieler Doug Bradley zur tatsächlichen Hauptfigur mauserte.

Anfang der 1990er Jahre gab der Verlag Marvel eine eigene „Pinhead“-Comicserie heraus. Zwei Jahrzehnte später schrieb Barker selbst die Vorlagen für eine weitere gezeichnete Serie. Bei dieser Gelegenheit rückte er gerade, was ihm in den späteren „Hellraiser“-Filmen – die ohne seine Beteiligung entstanden – missfallen hatte. Dies schloss Pinhead mit ein, der bei Barker nicht die höllische Mutation eines englischen Soldaten des I. Weltkriegs, sondern ein uralter und waschechter Dämon ist. Als solcher und mit entsprechender Macht ausgestattet lässt er ihn in „Das scharlachrote Evangelium“ nach Luzifers Krone greifen.

Ein Mann für die & in der Hölle

Harry D’Amour trat erstmals 1985 in der Story „The Last Illusion“ (dt. „Die letzte Illusion“) auf, enthalten im sechsten Band der „Books of Blood“ (dt. „Das sechste Buch des Blutes“). Einen Gastauftritt absolvierte er vier Jahre später im Roman „The Great and Secret Show“ (dt. „Jenseits des Bösen“). Nach einer weiteren Kurzgeschichte – „The Lost Souls“, enthalten in der von Dennis Etchison herausgegebenen, leider nicht in Deutschland erschienenen Sammlung „Cutting Edge“ – gelang Harry 1995 der Aufstieg zur Hauptfigur in Barkers Opus „Everville“ (dt. „Stadt des Bösen“). Bevor ihn der Autor in „Das Scharlachrote Evangelium“ gegen Pinhead antreten ließ, trafen die beiden bereits 2011 im Rahmen der (im Verlag BOOM! Studios veröffentlichten) „Hellraiser“-Comic-Serie aufeinander.

1995 inszenierte Barker wiederum selbst den Film „Lord of Illusions“, der auf seiner Story „The Last Illusion“ basierte. In die Rolle von Harry D’Amour schlüpfte Scott Bakula („Quantum Leap“/„Zurück in die Vergangenheit“, „Star Trek: Enterprise“). Der Film erfuhr aufgrund seiner harten Horrorszenen vor allem hierzulande viel Gegenwind seitens der Zensur. In der ungekürzten (und seit 2011 sogar ab 16 Jahren freigegebenen) Fassung gelang ihm auch seitens der Kritik eine günstigere Neubewertung.

Nun kommen sie also zusammen bzw. treten gegeneinander an, wobei lange unklar bleibt, was einen Dämon, der ganze Höllen-Heerscharen auszurotten vermag, dazu treiben könnte, einen Menschen mit vergleichsweise bescheidenen Kräften zu verfolgen. Mehrfach lässt Barker Pinhead andeuten, dass D’Amour ihm in der Vergangenheit einige Vorhaben durchkreuzt hat. Tatsächlich geht es um etwas anderes – glücklicherweise, denn so verquer Pinheads eigentliches Motiv auch objektiv sein mag, ergibt es doch eher Sinn.

Die Hölle wirkt heimisch

„Das scharlachrote Evangelium“ ist trotz seines Titels inhaltlich fern jener pseudo-biblischen Horror-Traktate, die weiterhin gern geschrieben werden und den Atem der 1950er Jahre atmen, als Hollywood sich im Breitwandformat fromm gab und vor allem Charlton Heston göttliche Botschaften verkünden ließ. Barker treibt sein Spiel mit entsprechenden Erwartungen, um diese vorsätzlich und einfallsreich zu enttäuschen bzw. sie mit gänzlich unerwartetem Leben zu füllen.

Seine Hölle kein plakativer Ort des Grauens, sondern wirkt wie die mittelalterliche Version eines großstädtischen Slums: kein Platz, an den man verschlagen werden möchte, aber eben auch nicht der Tummelplatz mistgabelbewehrter Teufel, die verdammte Seelen in Feuertümpel tunken. Stattdessen herrscht auch in der Hölle vor allem Alltag. Besagte Seelen werden keineswegs rund um die Uhr malträtiert, sondern meist in Ruhe gelassen; die Dämonen haben in der Regel Besseres zu tun. Sie beschäftigen sich mit Intrigen und Machtspielen oder lassen es ruhig angehen. Umtriebige Peiniger wie Pinhead stellen eher die Ausnahme dar. Barkers pathosfreie Hölle wirkt gerade dadurch ‚realistisch‘. Natürlich ließe sich einwenden, dass er diesem Ort seinen Nimbus raubt. Andererseits ist beinahe jeder Versuch, eine ‚naturalistische‘ Hölle zu beschreiben, peinlich in die sprichwörtliche Hose gegangen.

Auch der Himmel kann Barker keine Ehrfurcht abringen. Seine Bewohner spielen nur Nebenrollen, als im großen Finale die Hölle buchstäblich einstürzt. Dennoch macht der Verfasser deutlich, dass er die Engel der Bibel nicht als Überwesen betrachtet; sie ärgern sich, weil sie den Kollaps nicht beobachten konnten, denn sie langweilen sich – wie weiland der „Münchner im Himmel“ – über den Wolken, wo tagein, tagaus nichts geschieht.

Satan hat die Nase voll

Diese Hölle stellt den geeigneten Hintergrund für einen Machtkampf dar, den Barker ebenso spannend zu entwickeln wie unerwartet aufzulösen vermag. Luzifer tritt recht kurz auf, setzt aber Akzente durch seinen vielschichtigen Charakter, der ihn ganz und gar nicht als Kinderbibel-Bösewicht mit Klumpfuß abwertet, sondern an seinen mythischen Ursprung als rebellischer Engel anknüpft. Dieses Wesen ist frustriert als Herr einer Welt, die nur ein Schatten des verlorenen Himmels ist. Lieber will Luzifer tot sein als weiterhin ein einsamer Verbannter unter Dämonen.

Auch Pinhead kann seinen Herrn nicht wirklich verstehen. Der Usurpator ist schlau aber nicht intelligent und bedient sich deshalb einer Strategie, die letztlich nicht aufgehen kann und in einer Katastrophe mündet. Barker achtet darauf, Pinhead nicht in jene weihevolle Steifheit verfallen zu lassen, die dieser Figur in den Filmen aufgeprägt wurde. Sein Pinhead ist nicht vornehm in seiner Verworfenheit, sondern zielstrebig. Grausamkeit ist Pinheads Arbeitsinstrument; Vergnügen empfindet er längst nicht mehr, wenn er sie ausübt. Er hat einen Plan und setzt ihn um – dies allerdings ohne Rücksicht. Was dies bedeutet, stellt Barker in wenigen aber beachtlichen Szenen dar, deren wortgewaltige Drastik die selbsternannten Meister des zeitgenössischen „Torture Porns“ als spätpubertäre Effekt-Stammler blamiert.

Pinheads Spiel setzt eine Folgenlawine in Gang, die ihn unter sich begräbt und sich weiterwälzt. Der Kampf zwischen Dämon und Luzifer stellt den Höhepunkt aber keineswegs das Finale dieser Geschichte dar. Es folgt eine erstaunlich seitenlange, pinheadlose Coda, die eine Welt schildert, die sich trügerisch beruhigt. Tatsächlich wurden die Karten neu gemischt. Luzifer hat die Hölle verlassen. Der Streit zwischen Gut und Böse geht in die nächste Runde. Der Ausgang ist unsicherer denn je. Für Barker bildet dieses Ende quasi ein Sprungbrett für eine Fortsetzung, die im Vorgeschehen wurzelt und die man deshalb gern lesen möchte – ein Wunsch, der krönend am Ende einer spannenden, dramatischen, durchaus witzigen Lektüre steht, für die sich hierzulande kein ‚großer‘ Verlag fand. Man darf froh darüber sein, denn so klappen wir zufrieden ein gut übersetztes und schön gestaltetes Buch zu.

Autor

Clive Barker wurde am 5. Oktober 1952 im englischen Liverpool geboren. Bereits in jungen Jahren schrieb und inszenierte Barker düstere, surrealistische, überspitzt blutige Stücke im Stil des „Grand Guignol“, eine Arbeit, die er nach seinem Studium (Englische Literatur und Philosophie) professionell fortsetzte.

Noch vor der Literatur entdeckte Barker den Film. Zwischen 1975 und 1978 drehte er als Student den schwarzweißen Kurzfilm „The Forbidden“, der 1987 erneut unter seiner Regie als „The Hellbound Heart“ (dt. „Hellraiser – Das Tor zur Hölle“) ein Remake in Spielfilmlänge erfuhr. 1984 verfasste Barker die sechs legendären „Books of Blood“, die ihm schlagartig den Durchbruch brachten. Klassische Themen (Geister, Vampire, Werwölfe, Spukhäuser etc.) wurden modern und höchst unkonventionell durchgespielt. An Drastik sparte der Verfasser nicht, wofür er als einer der Gründerväter des (kurzlebigen) „Splatterpunks“ gefeiert wurde. Mit eindrucksvollen Romanen wie „The Damnation Game“ (1985, dt. „Spiel der Verdammnis“) oder „Cabal“ (1988, dt. „Cabal – Brut der Nacht“) festigte er seinen Ruf.

Barker ließ sich nicht in eine Schublade zwingen. Geschichten wie „The Great and Secret Show“ (1989, dt. „Jenseits des Bösen“), „Weaveworld“ (1987, dt. „Gyre“), „Imajica“ (1991, dt. „Imagica“) oder „Galilee – A Romance“ (1998, dt. „Galileo“) spielen auf einer parallelen Erde, die der unseren zwar sehr ähnelt, aber gleichzeitig über ‚Tore‘ in eine magisch-mythologische Überwelt verfügt: moderne Fantasy, die überquillt vor faszinierenden Ideen, jedoch leider ein Grundübel des Genres, die auswalzende Geschwätzigkeit, übernimmt und in ganz neue Dimensionen trägt. Mit „The Thief of Always“ (1994, dt. „Das Haus der verschwundenen Jahre“) schrieb der unberechenbare Barker freilich ein hervorragendes Fantasy-Buch für Kinder (aber auch für neugierig gebliebene Erwachsene), dem er ab 2002 die „Abarat“-Trilogie folgen ließ.

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