Das umfassende Sherlock Holmes Handbuch

Zeus Weinstein (Hg.)
Das umfassende Sherlock Holmes Handbuch

(sfbentry)
Originalausgabe
Deutsche Erstausgabe: 1988 (Haffmans Verlag)
243 [+ XVIII] S.
ISBN-13: 978-3-251-20054-2
Diese Ausgabe: Juni 2009 (Kein & Aber Verlag)
246 [+ XVIII] S.
ISBN-13: 978-3-03-695538-4

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Das geschieht:

Sechs Kapitel und ein Anhang führen in die Welt des Meisterdetektivs Sherlock Holmes ein:

Dessen Geschichte(n) ist bzw. sind nicht ohne seinen Freund, Begleiter und Chronisten Dr. John H. Watson denkbar, weshalb dieses Handbuch mit „Mr. Holmes und Dr. Watson“, dem „Portrait einer Freundschaft“ (S. 7-40) einsetzt. Michael (1924-1991) und Mollie (1916-2003) Hardwick, ausgewiesene Holmes-Experten und Verfasser zahlreicher Holmes-Pastiches, zeichnen in ihrem 1962 entstandenen Text das oft missverstandene Verhältnis der beiden Männer nach. Sie arbeiten Watsons unverzichtbare Gegenwart und keinesfalls zu unterschätzende Funktion heraus und illustrieren dies durch zahlreiche Zitate aus den Holmes-Romanen und Kurzgeschichten.

Herausgeber Zeus Weinstein erinnert in „Kleine Conan Doyle Chronik“ (S. 41-68) an den geistigen Vater von Holmes & Watson. Dabei beschränkt er sich nicht auf Doyle als (einen) Vater der modernen Kriminalliteratur, sondern macht deutlich, dass Holmes nur den kleinen Teil eines privat wie literarisch ereignisreichen Lebens darstellt.

Wieder das Ehepaar Hardwick präsentiert ein „Who’s Who“ (S. 69-120) jener Klienten, Bösewichte, Opfer und anderer Figuren, die in den Romanen und Storys auftreten. Einer kurzen ‚Biografie‘ – falls möglich – folgt ein auf die Einzelperson bezogenes Zitat aus dem genannten Werkskanon. Wichtige Figuren wie Mycroft Holmes, Professor Moriarty oder Sebastian Moran werden zusätzlich in Zeichnungen sichtbar, die u. a. Sidney Paget, der berühmteste Illustrator der Holmes-Geschichten, zwischen 1891 und 1905 geschaffen hat.

Es folgen, erneut niedergeschrieben von den Hardwicks, „Die Plots aller Stories“ (S. 121-166); hinzu kommen Handlungsskizzen der vier Romane. Der Titel trifft (erfreulicherweise) nicht ganz zu, da die beiden Verfasser die eigentliche Auflösung jeweils verschweigen, um noch Holmes-unkundigen Lesern das Vergnügen zu bewahren.

Im Kapitel „Sherlock Holmes in Kontur“ (S. 167-194) erläutert Zeus Weinstein, wie das Holmes-Bild durch die Illustrationen der frühen Zeitschriften- und Buchausgaben entscheidend mitgeprägt wurde; so ist der berühmte „Deerstalker“ eine Erfindung von Sidney Paget (1860-1908), der auch die Physiognomie des berühmten Detektivs formte, die Frederic Dorr Steele (1873-1944) in den US-amerikanischen Ausgaben der Holmes-Storys zur Vollendung brachte.

Die weiterhin ungebrochene Präsenz der Holmes-Figur im 21. Jahrhundert ist nicht nur der Qualität der Geschichten, sondern auch ihrer Medientauglichkeit zu verdanken. Zeus Weinstein beschränkt sich auf „Sherlock Holmes im Kino“ (S. 195-245) und greift interessante und kuriose Beispiele aus mehr als einem Jahrhundert Holmes in Film und Fernsehen heraus. (Die ursprünglich 1987 endende Liste wurde von Michael Ross bis 2009 fortgesetzt.)

Am Ende des Handbuches steht ein Kartenanhang. Er zeigt zeitgenössische Karten, in die jene Stätten eingetragen wurden, an denen Holmes und Watson ermittelten, sowie zwei Grundriss der Wohnung Baker Street 221b. Das Handbuch schließt mit einer „Kleine(n) Bibliographie der Doyle-Erstausgaben“ sowie einem Literatur- und Bildnachweis.

Interessante Fakten für Holmes-Nichtkenner

In den 1980er Jahren erschien im (inzwischen eingegangenen) Haffmans Verlag jene neunbändige Ausgabe der vier Romane und 56 Kurzgeschichten, die den klassischen Sherlock-Holmes-Kanon bilden. Zu diesen Büchern, die wohl jeder ‚richtige‘ Holmes-Fan besitzt, hütet (und immer wieder liest), gab es 1984 zwei „Sherlock Holmes Companions“, in denen Zeus Weinstein Hintergrundinformationen zusammenstellte.

Diese „Companions“ wurden 1988 zum „Sherlock Holmes Handbuch“ zusammengefasst. Als 2009 die Haffmans-Ausgabe im Verlag Kein & Aber aufgelegt wurde, erlebte auch der Begleitband seine Neuausgabe. Während sich die Holmes-Aficianados mit Recht über die wohlfeile Wiederkehr der Romane und Story-Bände freuen dürfen, hält sich die Begeisterung über das „Handbuch“ in Grenzen.

Darüber wird weiter unten ausführlich zu berichten sein. Beginnen wir mit den positiven Aspekten: Das doppelte ‚Psychogramm‘ des Duos Holmes & Watson ist eine wunderbare Einleitung, weil inhaltlich kenntnisreich und liebevoll im Stil der ursprünglichen Geschichten formuliert. Kein anderer Text im „Handbuch“ erreicht diese Qualität nur annähernd. Zumindest im Faktengehalt kommt ihm „Sherlock Holmes in Kontur“ nahe. Mit guten Beispielen belegt Herausgeber Weinstein, dass der Kultfaktor der Holmes-Figur sich aus vielen Quellen speist. Es brauchte den ‚richtigen‘ Künstler, um Holmes ein Gesicht zu geben, das Gefallen bei den Lesern fand und sich ins kollektive Gedächtnis ganzer Generationen verankerte.

Handbuch ohne Aktualität

Mit einem Fragezeichen muss man die ‚lexikalischen‘ Kapitel versehen. Ist eine Sammlung sämtlicher Story-Plots wirklich hilfreich? Kurz und knapp kann Holmes nicht wirken, und so kompliziert ist die Handlung einer Holmes-Story nicht, dass ihr Plot aufgedröselt werden müsste. Noch ratloser macht das Personenverzeichnis. Wen interessiert, dass Windigate der Wirt des „Alpha Inn“ in der Geschichte „Der blaue Karfunkel“ ist? Man muss es nicht vor der Lektüre dieser Story wissen, und anschließend ist es ebenso unwichtig. Wieso also keine Beschränkung auf zentrale Figuren, über die es echte Hintergrundinformationen gibt?

Während der Rezensent diesen Standpunkt für diskussionswürdig hält, ist er seiner folgenden Negativkritik sehr sicher. Ein „Handbuch“ muss und kann nicht sämtliche Aspekte eines Themas erfassen. Es sollte aber aktuell sein. Informationen altern nicht nur, sie verändern sich im Lauf der Zeit. Ein Vierteljahrhundert ist auch für Sherlock Holmes eine lange Zeit. Obwohl tief in London der viktorianischen Epoche verwurzelt, ist Holmes längst über seine Vergangenheit hinausgewachsen und hat sich zu einem gegenwärtigen und präsenten Multimedia-Phänomen entwickelt.

Davon erfährt man im „Handbuch“ leider wenig bis nichts. Es wurde für seine Neu-Inkarnation angeblich überarbeitet. Falls überhaupt, merkt man ihm dies nur im Kapitel „Sherlock Holmes im Kino“ an; es wäre in der Tat zu peinlich geworden, den „Sherlock-Holmes“-Blockbuster des Kinojahres 2009 unerwähnt zu lassen.

Lücken und Fehler

Was ist mit den Holmes-Pastiches, d. h. den Romanen und Geschichten, die nach dem Tod von Conan Doyle geschrieben wurden? Sie stellen inzwischen eine üppig mit Titeln gepolsterte Genre-Nische der Kriminalliteratur dar. Nur beiläufig wird William Gilette erwähnt, der für einen Sherlock Holmes im Theater steht, in dem er ebenso präsent war und ist wie im Film. Gänzlich unerwähnt bleibt der digitale Holmes, der längst seine Fälle auch im Video-Game löst. Diese Lücken stehen beispielhaft für Fehlstellen, die sich ein Handbuch nicht leisten darf, das sich nicht auf den literarischen Sherlock Holmes des Conan Doyle – d. h. auf die Jahre bis 1930 – beschränkt.

Nicht verantwortlich ist der Verfasser bzw. Herausgeber für die mindere Qualität des  gedruckten „Handbuchs“ zu machen. Es wurde offenbar vom Original gescannt, was prinzipiell praktikabel ist und ansehnliche Ergebnisse zeitigt. Dies gilt selbstverständlich nur, wenn die Vorlage kopierwürdig ist. Auf den Text trifft dies zu. Die Bildwiedergabe ist dagegen schauderhaft. Aus heutiger Sicht war sie dies schon 1985. Damals waren die technischen Möglichkeiten beschränkt. Heute gilt dies nicht mehr. Auch die besten Scanner müssen jedoch aufgeben, wenn die Vorlage nichts taugt. Das „Handbuch“ bietet zahlreiche Illustrationen. Man könnte meinen, dass die verschwommene, unterbelichtete Darstellung auf die alten Magazin- und Buch-Abbildungen zurückgeht. Dem ist nicht so; so lässt sich im Internet – ein weiteres Medium, in dem Sherlock Holmes heute omnipräsent ist, während es im „Handbuch“ ausgeklammert bleibt – problemlos nachprüfen, wie präzise und klar beispielsweise Sidney Paget gezeichnet hat.

Zeitgenössische Fotos von Conan Doyle oder Ausschnittbilder aus Sherlock-Holmes-Filmen mögen ‚nur‘ schwarzweiß sein; an ihrer Schärfe gibt es nichts auszusetzen. Man darf aber nicht eine bereits minderwertige Kopiervorlage einfach noch einmal kopieren – oder sie zusätzlich auf Streichholzschachtelformat verkleinern, wonach vom Porträt des Sebastian Moran auf S. 99 nur noch ein tintenschwarzes Rechteck bleibt.

Verzichten müssen die Leser auf die Seiten 156 und 178; statt ihrer wurden die Seiten 56 bzw. 78 doppelt einmontiert. Angesichts des durchaus stolzen Preises ist dies ein weiteres Ärgernis, das zur Ablehnung eines ursprünglich nützlichen, nun jedoch veralteten Handbuchs beiträgt: Diese Chance wurde vertan!

Autor

Zeus Weinstein ist ein Pseudonym des Karikaturisten und Schriftstellers Peter Neugebauer. Geboren am 14. Februar 1929 in Hamburg, besuchte er 1948/49 die Werbefachschule Hamburg und studierte zwischen 1951 und 1954 freie Grafik an der Hochschule für bildende Künste ebendort.

Neugebauers berufliche Karriere fand vor allem in der Zeitschrift „Stern“ statt. Hier erschienen bereits 1950 Illustrationen und Karikaturen. 1958 wurde Neugebauer fester Mitarbeiter des „Stern“. Im folgenden Jahr erschien hier die erste Folge von „Zeus Weinsteins Abenteuer“: Ein an Sherlock Holmes angelehnter Detektiv übernimmt Fälle, die er mit allen Indizien vorstellt. Die Auflösung bleibt offen bzw. wird den mitratenden Lesern überlassen. Die ungemein beliebte, von Neugebauer selbst illustrierte Serie wurde bis 1987 fortgesetzt.

Im Zuge der Arbeit an den Zeus-Weinstein-Fällen entwickelte sich Neugebauer zum veritablen Sherlock-Holmes-Experten. 1978 schrieb er ein eigenes Holmes-Abenteuer. Zur neunbändigen Neuausgabe der Holmes-Romane und -Erzählungen im Haffmans-Verlag verfasste er ein begleitendes Handbuch.

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[md]

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