Der Kuss des Todes

Whitley Strieber
Der Kuss des Todes

Originaltitel: The Hunger (New York : Pocket Books/Simon & Schuster, Inc. 1981)
Übersetzung: Ralph Tegtmeier
Deutsche Erstveröffentlichung: 1989 (Heyne Verlag/Allgemeine Reihe 01/7828)
346 S.
ISBN-13: 978-3-453-03236-1
Neuausgabe: August 2002 (Goldmann Verlag/TB Nr. 45225)
414 Seiten
ISBN-13: 978-3-442-45225-5

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Das  geschieht:

John und Miriam Blaylock töten Menschen, saugen ihnen das Blut aus und leben ewig, denn sie sind Vampire. Miriam weilt bereits einige Jahrtausende auf diesem Planeten und hat sich zur echten Überlebenskünstlerin entwickelt. John, der als englischer Lord mit Miriams bissiger Hilfe sein Schattendasein begann, ist gerade einmal zwei Jahrhunderte alt. Trotzdem fühlt er sich seit einiger Zeit müde und abgeschlagen, was einem Vampir eigentlich nicht passieren dürfte.

Miriam weiß mehr darüber, als sie John eingestehen mag. Ihr Blut verlängert das Leben ihrer Partner, aber irgendwann verliert es seine Kraft. Inzwischen sollte die Wissenschaft endlich in der Lage sein, ein Mittel gegen Johns ‚Krankheit‘ zu entwickeln, findet Miriam und nimmt Kontakt zur Medizinerin Sarah Roberts auf, die sich in ihren Forschungen auf das Phänomen des Alters spezialisiert hat.

Doch es ist zu spät. John beginnt rapide zu verfallen. Er wird schwächer aber auch aggressiv; vor allem wächst sein Blutdurst ins Unermessliche. Wie ein reißender Wolf zieht der immer mehr einem Leichnam ähnelnde John eine Mordspur durch die Stadt. Sein Geist verwirrt sich, nur an eines erinnert er sich genau: Für sein Elend ist Miriam verantwortlich, und dafür soll die einst Geliebte bezahlen!

Miriam sind solche Anwandlungen vertraut. Sie lockt John in eine Falle, tötet ihn aber nicht, sondern setzt ihn gefangen: Nie ist es ihr gelungen, ihre Liebhaber gänzlich aufzugeben. Ihre verdorrten Körper schmachten in sorgsam verschlossenen Kisten und Särgen in einer geheimen Kammer – wütend, rachsüchtig, gefährlich.

Da sie ohne Partner nicht sein kann, beginnt Miriam Dr. Roberts zu umgarnen. Ohne deren Wissen verabreicht sie dieser eine Bluttransfusion. Miriams seltsame Gene beginnen zu wirken, aber die transformierte Sarah ist wenig lenkbare Gefährtin, die nicht einsehen mag, dass sie ihre nun (scheinbar) ewige Existenz als jagende Mörderin verbringen soll. Zwischen den beiden Frauen bricht ein mörderischer Machtkampf aus …

Der Tod, die Einsamkeit und der Hunger

„The Hunger“, ein inzwischen etwas angejahrter Gruselroman, ist ein ‚kleiner‘ Klassiker seines Genres. Er interessiert vor allem durch die psychologische Betrachtung des Vampirs, der nicht als umherspukender Untoter mit Knoblauch & Holzpflöcken schwingenden Van Helsings raufen muss, sondern dessen eigentlicher Gegner der Hunger in seinen vielfältigen Erscheinungsformen ist. Der Hunger nach Liebe, nach Macht und nach Rache kann sich in eine reißende, elementare, alles verzehrende Kraft verwandeln.

Hungrig sind sie alle, die sich ein Stelldichein in Striebers Schreckenskabinett geben: Vampire wie Menschen. Daher sollte man die Geschichte von Sarah und ihrem Freund Tom Havers nicht als unwichtigen Nebenstrang der Handlung abqualifizieren, denn hier erleben wir, dass der „Hunger“ (des viel besser gewählten Originaltitels) auch dem Menschen nicht fremd ist. Tom ist auf seine Weise genauso rücksichtslos und manipulativ in seiner (scheinbaren) Liebe zu Sarah wie später Miriam.

Das Ergebnis ist ein wahres Pandämonium – kein mitternächtliches Gemetzel auf dem Friedhof, sondern ein erbittertes, dabei letztlich völlig sinnloses Ringen, bei dem niemand gewinnen kann: Miriam wird auch die neue Partnerin verlieren, der wiederum dasselbe schreckliche Ende bevorsteht wie John, der überhaupt nur noch von Trieben beherrscht wird. Tom ist ein Mensch und schließlich nur noch im Wege, was seinen Auftritt in dieser Geschichte abrupt beendet. Die uralte, nicht weise, sondern nur schlaue Miriam wird sie am Ende alle überleben, wie ihr das immer gelungen ist: Strieber streut Rückblenden ein, die Miriam im antiken Rom, im mittelalterlichen London oder im frühneuzeitlichen Galizien zeigen.

Keine Blutsaugerei von der Stange

Wie wir sehen, wurde Miriams Existenz schon immer ausschließlich vom Überleben bestimmt. Vor diesem unbändigen Drang waren nicht einmal die seltenen Angehörigen ihres eigenen Volkes sicher, von dem wir kaum mehr als die Tatsache erfahren, dass es auf dieser Erde schon immer zwei intelligente Spezies gab, wobei die eine der anderen als Nahrung diente, während letztere, da in der Minderzahl, tunlichst ein Leben im Verborgenen führte. Inzwischen sieht es so aus, als sei Miriam die Letzte ihres vampirischen Stammes, aber der Preis, den sie dafür zahlte, ist hoch: Sie wird letztlich immer einsam sein, zumal ihre Gefährten auf Zeit immer früher verfallen und ihre bizarre, lebensbedrohliche Sammlung untoter Kadaver anschwellen lassen.

Diese gar nicht so faszinierende Vampirwelt weiß Whitley Strieber hervorragend in Szene zu setzen. Wer hasst sie nicht, die malerisch dekadenten, dümmlichen Dracula-Klone, die sich in Literatur, Film etc. aus unerfindlichen Gründen daran machen, „die Welt zu erobern“? Seit einigen Jahren wird der Vampir zudem als erotische Projektionsfigur für pubertierende Leserinnen missbraucht und findet sich in einem eigenen Subgenre, der „urban fantasy“, gefangen.

Demgegenüber ist Miriam Blaylock, wahrhaftig ein Geschöpf der Nacht, wesentlich eindrucksvoller! Strieber weiß, wie ein ‚moderner‘ Vampir leben könnte. Vieles lässt er im Dunkeln, deutet anderes nur an, scheut aber auch nicht davor zurück, für den Vampirismus eine ‚wissenschaftliche‘ Erklärung zu finden. Miriam Blaylock ist weder charismatisch noch ‚böse‘, sondern eine gerissene, von unendlichem Egoismus getriebene Kreatur und als solche eine ausgezeichnete Hauptfigur. Sarah Roberts ist ihr gewachsen, sogar Tom Havers weiß sich in seiner Nebenrolle als gleichzeitig liebender und berechnender Karrierist zu behaupten. Der heimliche Held dieser Geschichte ist aber John Blaylock, eine wahrlich tragische Gestalt, dessen wütende, nutzlose Auflehnung gegen sein grausiges Schicksal gleichermaßen fesselt wie berührt.

Die düstere Seite des Erfolgs

So kommt es, das die einzigen Vorbehalte gegen ‚The Hunger‘ aus ganz anderen Richtungen kommen. Da ist zum einen der gleichnamige Film aus dem Jahre 1982 (dt. „Begierde“), ein eher unfreiwillig schauerlicher Streifen, der vom ebenso erfolgreichen wie maßlos überschätzten Regisseur Tony Scott weniger inszeniert als verbrochen wurde. Die stimmungsvolle Vorlage verwandelte er in die für ihn typische, d. h. dröhnend-leere, pseudo-hippe Mainstream-Clipshow, die schon wenige Jahre später altmodisch und aufdringlich erscheint. Sogar die erlesene Darstellerriege (Catherine Deneuve als Miriam Blaylock! Susan Sarandon als Sarah Roberts! David Bowie als John Blaylock!) vermag dagegen kaum anzuspielen.

Zum anderen ist da Whitley Striebers Lebensgeschichte, die in den frühen 1990er Jahren des vergangenen Jahrhunderts einen irritierenden Bruch erfuhr (s. u. „Autor“). Welchen Knacks Strieber erlebt hat, macht vielleicht der Vergleich zwischen „The Hunger“ und „The Last Vampire“ („Kuss des Vampirs“ – noch  so ein blöder Titel), der seltsamen Fortsetzung von 2001, deutlich. Während „The Hunger“ ein Werk des frühen, noch nicht erleuchteten (oder mental abgedimmten) Strieber ist, zerfällt „The Last Vampire“ zu einer Verfolgungsjagd, die Strieber mit einer Genetik-Mär verschneidet, die auch die „Underworld“-Serie belastet: Vampiren sollte man ihre Geheimnisse lassen, denn sonst werden sie schrecklich: schrecklich banal.

Autor

Louis Whitley Strieber wurde am 13. Juni 1945 in der texanischen Stadt San Antonio geboren. Er studierte an der „University of Texas“ sowie an der „London School of Film Technique“. Nach seinem Abschluss 1968 arbeitete Strieber in der Werbung. 1977 gab er eine durchaus erfolgreiche Karriere auf, um als freier Schriftsteller tätig zu werden.

Strieber schrieb die sofort Aufsehen erregenden, modernen Horrorromane „The Wolfen“ (1978) und „The Hunger“ (1981), die beide (1981 bzw. 1983) ebenso erfolgreich verfilmt wurden. Viel diskutiert wurde sein mit James Kunetka verfasster, tagesaktueller ‚Tatsachenroman‘ „Warday“ (1984), der vor dem Hintergrund des im Vorjahr gegründeten SDI-Programms der USA einen ‚begrenzten‘ nuklearen Weltkrieg und dessen katastrophale Folgen schildert.

Spätere Werke wurden nicht mehr so bekannt, bis Strieber in seinem 1987 veröffentlichten Buch „Communion“ die Behauptung aufstellte, von Aliens entführt und den üblichen Experimenten unterzogen worden zu sein; dies schon seit seiner Kindheit. Seine angeblich verschütteten und nun wieder ins Gedächtnis zurückschwappenden ‚Erinnerungen‘ füllten mehrere seltsame ‚autobiografische‘ Sachbuch-Romane, die Striebers Glauben an ein „Multiversum“ verdeutlichen: Der Kosmos ist eine unendliche Folge paralleler Universen, zwischen denen Kontakte möglich sind; auch die Aliens sind hier zu orten. Dieses Konzept konnte Strieber verfeinern, nachdem ihn 1998 ein Bote aus dem All besucht hatte.

Trotz seiner offensichtlichen psychischen Probleme ist Strieber wieder verstärkt als Schriftsteller aktiv. Über seine ‚Erfahrungen‘ als UFO-Laborratte und damit im Zusammenhang gesehene Phänomene breitet er sich in seinem Podcast „Dreamland“ aus. Einen Einblick in Striebers wirre Welt(en) bietet die Website „Unknown Country – The Edge of the World“.

Copyright © 2014/2017 by Michael Drewniok (md)

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