Der letzte Tag

Richard Matheson
Der letzte Tag

Originaltitel: The Shores of Space (New York : Bantam Books, Inc. 1957)
Übersetzung: Tony Westermayr
Deutsche Erstausgabe: 1972 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmann Science Fiction 23146)
Cover: Eyke Volkmer
186 S.
ISBN-13: 978-3-442-23146-1

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Das geschieht:

In 13 gruseligen, witzigen, gruselig-witzige und immer spannenden Kurzgeschichten treibt Verfasser Matheson seine Spiele mit einer Realität:

Das Wesen (Being, 1954), S. 5-35: In der Wüste von Arizona hat ein schiffbrüchiger Außerirdischer eine ausgeklügelte Menschenfalle aufgebaut.

Rezept zum Überleben (Pattern for Survival, 1955), S. 36-39: Nachdem die Welt im atomaren Feuer untergegangen ist, erweist sich die Feder wundersam stärker als das Schwert.

Steel (Steel, 1956), S. 40-62: Die Boxkämpfe der Zukunft werden von Robot-Kämpfern ausgetragen; schlechte Zeiten für Manager und Mechaniker, die nur ein Auslauf-Modell ihr Eigen nennen.

Die Prüfung (The Test, 1954), S. 63-80: Ab dem 65. Lebensjahr muss sich jeder Bürger regelmäßig einem Test unterziehen, ob er oder sie noch nützlich für die Gesellschaft dieser schönen neuen Welt ist.

Eine unmögliche Geschichte (Clothes Make the Man, 1951), S. 81-84: Kleider machen wirklich Leute; manchmal benötigen sie nicht einmal mehr einen Menschen, der sie füllt.

Der Vampir (Blood Son, 1951), S. 85-92: Der junge Jules hasst seine Mitmenschen. Als Vampir will er sich an ihnen rächen, doch es ist schwierig, diesen Status zu erreichen.

Der Fehltritt (Trespas, 1953), S. 93-128: Ann ist schwanger, und der Kindsvater ist offenbar nicht von dieser Welt.

Der Tag ist aus (When Day Is Dun, 1954), S. 129-133: Atomkrieg und Poesie zum Zweiten; allerdings fällt die Wirkung letzterer dieses Mal deutlich tödlicher aus.

Das neugierige Kind (The Curious Child, 1954), S. 134-142: Ein Mann steht auf der Straße und verliert seinen Verstand – wie sonst ist erklärbar, dass ihn Visionen eines fremden Lebens überkommen?

Die Totenfeier (The Funeral, 1955), S. 143-150: Geschäft ist Geschäft, weshalb Bestatter Silkline auch ungewöhnlichen Kunden – Vampire, Zombies, Außerirdische – bedient.

Kleines Mädchen verschwunden (Little Girl Lost, 1953), S. 151-162: Was tun, wenn sich im Kinderzimmer ein Riss im Raum-Zeit-Kontinuum auftut und die kleine Tochter verschluckt?

Die Puppe, die alles kann (The Doll That Does Everything, 1954), S. 163-169: Der ideale Spielkamerad für den hyperaktiven Sprössling scheint ein robuster Roboter zu sein. Aber Junior scheint sogar dieses Wunderwerk zu schaffen.

Der letzte Tag (The Last Day, 1953), S. 170-185: Und ein drittes Mal geht die Welt unter; ein Riesenmeteor aus dem All bringt das Ende, das abermals von tragischen und dramatischen Menschenschicksalen begleitet wird.

Wunder und Schrecken: Entscheidet selbst!

Eine Sammlung von 13 (!) Kurzgeschichten, die mehr als ein halbes Jahrhundert alt sind, was man ihnen teilweise anmerkt, während es andererseits ihre Wirkung überhaupt nicht beeinträchtigt. Denn der Autor ist Richard Matheson, ein Altmeister der Phantastik, der sich hier in der konzentrierten Form als der fabelhafte Geschichtenerzähler erweist, den wir schon durch seine berühmten und bekannten, oft verfilmten Romanen kennen.

Die 1950er Jahre waren eindeutig Mathesons große Zeit. „Der letzte Tag“ steigert die Bewunderung, die man einem Mann zollt, der in den Jahren vor und nach seinem dreißigsten Geburtstag (Matheson ist Jahrgang 1926) scheinbar mühelos phantastische Romane, Kurzgeschichten und Drehbücher schuf, die nicht nur jederzeit unterhalten, sondern durch psychologischen Tiefgang beeindrucken.

Die Storys aus „Der letzte Tag“ belegen darüber hinaus die mühelose Verquickung von Science Fiction und Horror, die ein Markenzeichen Mathesons geworden ist. Die Plots selbst sind von nebensächlicher Bedeutung. Sie greifen auf und spielen durch, womit die zeitgenössische Fantasie (primär US-amerikanischer Provenienz) sich in der Ära des Kalten Krieges beschäftigte.

Phantastik mit Brücke zur Realität

Mit „Rezept zum Überleben“, „Der Tag ist aus“ und „Der letzte Tag“ beschäftigt sich Matheson gleich dreimal mit der drohenden Präsenz der Atombombe. (Auch wenn sie in der Titelgeschichte als Naturkatastrophe auftritt.) Die technische Seite ist ihm völlig gleichgültig; mit „Hard Science Fiction“ hatte Matheson niemals etwas am Hut. Stattdessen steht der Mensch im Mittelpunkt. Anders als viele seiner ungleich berühmter gewordenen Schriftsteller-Kollegen meistert Matheson die schwierige Aufgabe, Figuren zu schaffen, die in einer imaginären Welt nicht nur funktionieren, sondern jederzeit so ‚lebendig‘ wirken, dass man Anteil an ihrem Schicksal nimmt.

Diese besondere Qualität sichert Mathesons Geschichten ihre Wirkung auch dort, wo sie von der Zeit inzwischen definitiv eingeholt wurden. „Steel“ beschreibt beispielsweise eine Zukunft, die in allen Aspekten bereits Vergangenheit ist. Sie überlebt jedoch als intensive Studie eines Mannes, der in einer Traumwelt lebt und bereit ist, dafür buchstäblich sein Leben einzusetzen. Ebenso geht es dem sozial geächteten Vampir-Novizen Jules in „Der Vampir“. Auch „Das neugierige Kind“ ist ‚Realhorror‘ pur; die Brillanz, mit der Matheson in Worte fasst, wie sich der menschliche Verstand Stück für Stück auflösen kann, entschuldigt sogar das völlig missglückte Ende, das offenbar einer Geschichte angeklebt wurde, das sonst die geistig Armen unter den Lesern überfordert hätte.

Unterhaltung mit Nachbrenner

Wohl die beste Erzählung dieser Sammlung ist „Die Prüfung“, eine Geschichte, für die man sich nicht scheuen sollte, das verpönte Adjektiv „ergreifend“ zu verwenden. Ohne Sentimentalität aber auch grimmig und ohne den Leser zu schonen macht Matheson klar, dass Unmenschlichkeit nicht unbedingt als offene Gewalt auftreten muss, sondern sich auch darin manifestiert, wie eine Gesellschaft mit denen umgeht, die ‚überflüssig‘ weil alt geworden sind. Matheson stellt Fragen, die heute womöglich noch aktueller als 1957 sind, er stellt sie offen und lässt bei der Antwort keine Ausflüchte zu!

Diese Kollektion gibt ihren Lesern ohnehin oft Gelegenheit, sich klar zu machen, was Phantastik schon immer sein und leisten konnte, wenn sich Autoren mit Talent und nicht nur Schreibautomaten dem Genre widmeten. „Die Puppe, die alles kann“ ist beispielsweise nur scheinbar eine parodistische Parabel auf die trotz aller Hightech-Wunder sehr vertraute Welt der Zukunft. Im letzten Satz nimmt die Geschichte völlig unerwartet eine Wendung ins Tiefschwarze, die man einem Autor der bleiern-zwangsidyllischen Eisenhower-Epoche nicht zugetraut hätte.

„Das Wesen“ und „Kleines Mädchen verschwunden“ sind routinierte aber spannende Geschichten, wie sie schon eher in die 50er Jahre passen. Sie stützen sich auf eine Idee, weniger auf ihre Figuren, und bieten einfach ‚nur‘ gute Unterhaltung. „Eine unmögliche Geschichte“ und „Die Totenfeier“ sind dagegen formal wie inhaltlich angestaubt und wirken wie nie realisierte, da zu aufwändige Episoden des TV-Klassikers „Twilight Zone“, für den Matheson tatsächlich schrieb.

Die Qualität von Matheson-Storys lässt sich auch daran erkennen, dass sie seit mehr als einem halben Jahrhundert immer wieder Vorlagen für Kino und Fernsehen bilden. Aus dieser Sammlung ist es die Erzählung „Steel“, die (wenn auch arg verfremdet bzw. trivialisiert) 2011 als „Real Steel“ mit Hugh Jackman und Evangeline Lilly verfilmt wurde.

Autor

Richard Burton Matheson wurde am 20. Februar 1926 in Allendale (US-Staat New Jersey). Er studierte Journalismus an der University of Missouri, arbeitete jedoch hauptberuflich als Schriftsteller. Die nach dem II. Weltkrieg erneut boomende Magazin-Szene bot einem schnellen und professionellen Autoren kein üppiges aber ein ausreichendes Auskommen. Matheson lernte rasch, sich diesem Markt anzupassen. Schon 1950 gelang ihm mit der Story „Born of Man and Woman“ (dt. „Menschenkind“), veröffentlicht im „Magazine of Fantasy & Science Fiction“, der Durchbruch. Matheson machte sich einen Namen durch das Geschick, mit dem er die Genres SF und Horror miteinander kombinierte. Sein Romanerstling wurde 1953 jedoch ein Krimi („Fury on Friday“). Auch diverse Western-Storys hat Matheson veröffentlicht.

1954 erschien „I Am Legend“ (dt. „Ich, der letzte Mensch“ bzw. „Ich bin Legende“), 1956 „The Shrinking Man“ (dt. „Die unglaubliche Geschichte des Mr. C.“), 1958 „A Stir of Echoes“ (dt. „Echos“). Mit diesen drei Romanen zementierte Matheson seinen Ruf. Sie wurden sämtlich verfilmt. Zu „The Shrinking Man“ schrieb er selbst das Drehbuch und fasste auf diese Weise auch in Hollywood Fuß. In den nächsten Jahrzehnten bereicherte er die Kino- und Fernsehwelt mit innovativen Drehbüchern, für die er zahlreiche Preise einheimsen konnte. In den 1990er Jahren konzentrierte sich Matheson wieder stärker auf seine schriftstellerische Arbeit. Seit 1951 lebte er in Kalifornien. Dort ist er am 23. Juni 2013 im Alter von 87 Jahren gestorben.

Copyright © 2011/2016 by Michael Drewniok (md)

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