Der Teufel auf Rädern

Dennis Shryack/Michael Butler
Der Teufel auf Rädern

Originaltitel: The Car (New York : MCA Publishing, a division of MCA, Inc. 1977)
Übersetzung: Peter Pape
Deutsche Erstveröffentlichung: 1978 (Bastei-Lübbe-Verlag/Horror-Bibliothek 70005)
174 S.
ISBN-13: 978-3-404-01083-7

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Das geschieht:

Santa Yhaz ist ein winziges Städtchen irgendwo in der wüstentrockenen Bergregion des US-Staats Utah. Schwere Verbrechen sind hier unbekannt; Sheriff Everett Peck und seine Deputys müssen sich höchstens mit Säufern und Radaubrüdern wie dem Sprengmeister Amos Clements herumschlagen.

Die Skepsis ist deshalb groß, als eben dieser Nichtsnutz meldet, vor seinem Haus sei ein Anhalter absichtlich von einem großen, dunklen Wagen überfahren worden. Doch dieses Mal spricht Amos die Wahrheit. Wenig später müssen die Beamten zwei weitere Unglücksorte untersuchen: Susan Pullbrook und ihr Freund Pete Keil wurden offensichtlich von der Straße gedrängt und in eine tiefe Schlucht geschleudert.

Der Sheriff lässt Straßensperren errichten, doch der Todesfahrer bleibt unentdeckt. Als er wieder auftaucht, geschieht dies mitten in der Stadt, wo er Peck über den Haufen fährt. Sein geschockter Stellvertreter Wade Parent übernimmt den Fall. Während ihm Bürgermeister und Stadtrat im Nacken sitzen und endlich Erfolge fordern, erfährt Parent eine Schlappe nach der anderen. Der Mörder spielt mit ihm, fordert ihn heraus und demütigt ihn, indem er die Menschen von Santa Yhaz terrorisiert und tötet.

Als Parent den Wagen endlich finden und stoppen kann, gönnt ihm der Fahrer einen kurzen Blick ins Innere, bevor er erneut durchstartet. Entsetzt erkennt der neue Sheriff, dass kein Mensch das Gefährt steuert, sondern eine dämonische Kreatur, die ihr Schreckensregiment fortzusetzen gedenkt …

Anderthalb Tonnen Stahlblech als Waffe

Das Auto: Segen und Fluch der modernen Zivilisation und ständiger Begleiter des Menschen. Unter diesen Umständen konnte es nicht ausbleiben, dass man sein Potenzial als Waffe entdeckte. Autos sind schnell und nicht unbedingt an feste Straßen gebunden; ihr Gewicht verwandelt sie in tödliche Rammböcke. Nach der Tat kann sich der Mörder mit der Waffe davonmachen – er hat sich nicht einmal die Hände schmutzig gemacht.

Erstaunlich lange hatte es gedauert, bis der Film diesen Plot thematisierte. Natürlich wurde schon früh mancher Mord mit dem Wagen begangen, doch dabei war dieser stets Mittel zum Zweck. Wie erschreckend der Gedanke an ein unkontrolliertes Auto sein kann, demonstrierte Regisseur Steven Spielberg in seinem genialen Frühwerk „Duel“ (1971; dt. „Duell“): Ein gewaltiger Truck jagt einen unbescholtenen Kleinbürger. So muss man das ausdrücken, denn nie zeigte Spielberg, wer hinter dem Steuer des Lastwagens saß. Es gab zudem keinen Grund für die Gewalt, was die Ereignisse noch mysteriöser und furchteinflößender wirken ließ.

1975 ließ Paul Bartel in seinem Trash-Spektakel „Death Race 2000“ (dt. „Frankensteins Todesrennen“) den Aspekt des Rätselhaften fallen. Er inszenierte ein Autorennen der Zukunft, bei dem die Fahrer möglichst viele Fußgänger zu Tode bringen müssen.

Es fehlte noch die übernatürliche Komponente: Das Auto musste eine eigene ‚Seele‘ bekommen und unabhängig von einem Fahrer agieren können. Diesen Plot entwickelten die Autoren Michael Butler und Dennis Shryack 1976 zu einem Drehbuch, das 1977 vom Regisseur-Veteranen Eliott Silverstein als „The Car“ in einen Film verwandelt wurde.

Vom Film zum Buch

„The Car“ (dt. „Der Teufel auf Rädern“) ist ein typisches Genre-B-Movie der 1970er Jahre: handwerklich kompetent aber ideenarm und mutlos in Szene gesetzt, was die Horror-Elemente betrifft. Hinzu kommen erbärmliche schauspielerische ‚Leistungen‘, obwohl die Darsteller durchaus namhaft sowie talentiert sind – ein Indiz für Probleme oder Schwächen bei der Inszenierung. „The Car“ wurde denn auch von der Kritik verrissen und  gehört heute zu den weitgehend vergessenen Genrefilmen.

Dabei hatte Universal, das produzierende Studio, im Zuge der anrollenden Welle phantastischer Filme so hoffnungsfroh auf einen Erfolg gesetzt, dass Butler und Shryack damit beauftragt wurden, ihr Drehbuch zu einem „Buch zum Film“ umzuschreiben, was zu diesem Zeitpunkt noch keine Selbstverständlichkeit war. Sie leisteten gute Arbeit; tatsächlich ist der Roman weitaus besser als der Film geraten.

Sehr geschickt polstert das Autorenduo die auf der Leinwand ärmlich wirkende  Handlung auf. Die Figuren bleiben Klischees, doch sie bekommen zumindest ein wenig Tiefe, diverse Widersprüchlichkeiten im Geschehen werden korrigiert. Auch als Roman kann „Der Teufel auf Rädern“ ganz sicher keine literarischen Qualitäten beanspruchen, doch er liest sich wesentlich dynamischer und flüssiger. Manche Szenen – so die Flucht auf den ‚heiligen‘ Friedhof, dessen Grenzen das Satansauto nicht überfahren kann – lesen sich definitiv besser (oder erträglicher) als gesehen zu werden.

Nostalgisch stimmt der liberale Grundton: Wenn Susan und Pete in freier Natur dem vorehelichen Sex frönen, dann wird das weder als unmoralisch verdammt noch der Tod des Paars durch das Auto als ‚gerechte Strafe‘ hingestellt. Während Wade Parent sich noch fragt, wie er seine Geliebte, die Lehrerin Lauren, bei den beiden Töchtern als neue Lebensgefährtin einführen kann, raten diese ihm endlich zur Tat zu schreiten, zumal sie sehr genau wissen, was es bedeutet, dass Lauren über Nacht im Bett des Sheriffs schläft. Später ist Lauren nur amüsiert, als ein künstlerisch begabter Schüler ein anatomisch sehr korrektes Nacktbild von ihr zeichnet. Von solchem unverkrampften Umgang mit dem Sex ist der moderne US-Horrorfilm – und nicht nur der! – schon längst wieder beängstigend weit entfernt.

Wenn der Teufel Gas gibt

Der Roman glich vor allem ein Manko aus: Im Film wirkt das dämonische Auto nicht nur aufgrund der miserablen Spezialeffekte einfach lächerlich, was 1977 nicht anders als heute gewesen sein dürfte. Wie sieht ein Auto aus, das der Teufel sich baut? Im Film ist dies ein Lincoln Continental Mark III, Baujahr 1971, der dämonisch nur in seiner Eigenschaft als Beispiel für grenzenlos schlechtes Customizing gelten kann.

Zwischen den Buchzeilen konnte der Teufelswagen jedoch so toben, wie sich seine beiden geistigen Väter dies gedacht hatten. Möglich war außerdem ein etwas intensiverer Blick ins Wageninnere. Obwohl Shyrack und Butler klug genug waren, den höllischen Fahrer nicht wirklich zu ‚zeigen‘, ließen sie doch keinen Zweifel an seiner schwefeligen Herkunft. (Im Film beschränken sich entsprechende Hinweise auf tanzende Lichter hinter der ansonsten undurchsichtigen Windschutzscheibe – eine kostengünstige Lösung à la Hollywood.)

Keine bessere Idee fanden die beiden Autoren leider für das Finale. Nachdem das Teufelsauto gleich mehrfach ausdrücklich als unzerstörbar präsentiert wurde, bläst man es nach guter, alter Pionierart mit Dynamit in Stücke. Sehr logisch ist das nicht, zumal sich Shryack und Butler ein Ende nicht verkneifen können, das eine Fortsetzung andeutet. Dazu ist es glücklicherweise nicht gekommen.

1983 zeigte Autor Stephen King mit „Christine“, wie man ein richtig gutes Gruselgarn mit einem Auto in der Hauptrolle schreibt, aber das ist eine andere Geschichte …

Autoren

Michael Philip Butler (geb. 1941) und Dennis Shryack (1936-2016) waren US-amerikanische Drehbuchautoren mit jeweils jahrzehntelanger Erfahrung. Sie arbeiteten oft zusammen – so für die Filme „The Car“ (dt. „Der Teufel auf Rädern“), „The Gauntlet“ (dt. „Der Mann, der niemals aufgibt“), beide 1977, oder „Pale Rider“ (dt. „Pale Rider – Der namenlose Reiter“) –, schrieben aber auch solo zahlreiche TV-Shows, Fernseh- und Kinofilme.

Copyright © 2012/2017 by Michael Drewniok (md)

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