Der Tod im Theater

Georgius Jo Barnais
Der Tod im Theater


(sfbentry)
Originaltitel: Mort aux ténors (Paris : Librairie Gallimard 1956)
Übersetzung: Maria Lampus
Deutsche Erstveröffentlichung: 1958 (Verlag Kurt Desch/Die Mitternachtsbücher 5)
205 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1969 (Arthur Moewig Verlag/Moewig Taschenbuch = Kriminalroman 48)
157 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

Hart ist das angeblich so schöne Künstlerleben im Paris der 1950er Jahre, weil die Konkurrenz groß ist. Es  gibt nur wenige Gewinner, die von den nicht vom Glück Begünstigten beneidet und gehasst werden. Der junge Bariton Jo Barnais ist so ein Pechvogel, der sich mehr schlecht als recht von Auftritt zu Auftritt durchschlägt, obwohl er die Szene genau kennt.

Der Tenor Camille Manola steht hingegen auf dem Zenit seiner Karriere, wird ständig gebucht, ist reich und ein Idol der Massen. Nach zwei Jahren Abstinenz kehrt er unter großem Medienrummel auf die Bühne zurück. Ob seine Sangeskunst gelitten hat, kann nicht festgestellt werden, denn noch vor dem ersten Ton trifft ihn eine Kugel in die Kehle.

Unter den entsetzten Zuschauern ist auch Jo Barnais. Er wird direkt in die Ermittlungen einbezogen, denn sein ‚Freund‘, der rücksichtslose Kommissar Lambert, bedient sich seiner als Laufbursche und Spitzel, der sich hinter den Kulissen der Pariser Bühnenwelt umschauen soll. Dass es dort gärt, wird definitiv klar, als es kurz darauf Manolas Nachfolger einem Sprengstoffanschlag zum Opfer fällt.

Verdächtige gibt es viele, denn niemand konnte die Verstorbenen leiden. Intrigen und verwickelte Liebschaften erschweren den Versuch, ein Motiv und damit den Täter zu finden. Mögliche Spuren erweisen sich als Sackgassen, obwohl sich der Mörder bald nicht mehr zurückhält und sogar anonyme Botschaften verschickt. Er weiß um die Ratlosigkeit der Polizei – und seine Mission ist noch nicht beendet, wie schon bald ein weiterer Tenor feststellen muss …

Künstlerwelt im künstlichen Zwielicht

Mord in der Pariser Theaterwelt: Dies bedeutet hier weniger das kriminalistische Spiel, die Suche nach Indizien, die Jagd nach dem Mörder, sondern die Reise in Spießers Wunderland – das Halbwelt- und Rotlicht-Milieu, welches der Boheme seit jeher gleichgestellt wird. O-la-la-Anzüglichkeiten, die aufgrund des Erscheinungsdatums erwartungsgemäß ziemlich verdruckst ausfallen, sollen für einen frivolen Grundton sorgen, der heute ranzig wirkt.

Unterstützung sucht der Verfasser in einer höchst blumigen Sprache, die ebenfalls irritiert, aber dem Szene-Jargon der Zeit entsprochen haben mag. Heute möchte man den Ich-Erzähler ob seiner im Übermaß eingesetzten, neckisch-kindischen Verniedlichungen und barocken Zuckergusses aber lieber ausgiebig beuteln.

Die Handlung selbst tritt besonders zwischen den Morden arg auf der Stelle. Nur locker scheint der Verfasser mit den Methoden der Polizeiarbeit vertraut. Stattdessen setzt er auf einen energischen Kommissar mit genialen Einfällen, die allerdings nur deshalb so wirken mögen, weil er sich die meiste Zeit mit Andeutungen begnügt oder gänzlich in geheimnisvolles Schweigen hüllt.

Sie fallen wie die Fliegen

Dem Leser fällt etwas Eigentümliches auf: Sämtliche Figuren dieses Romans wirken außerordentlich unsympathisch. Das kann vom Verfasser so nicht gewollt sein. Fragt sich also, was da geschehen ist. Einfach ist die Ablehnung an der Figur des Kommissars Lambert zu begründen. Den will Barnais als harten, vom Job geprägten Bullen charakterisieren, den längst nichts mehr überraschen kann. Tatsächlich erleben wir einen selbstherrlichen und herablassend jovialen, das Gesetz nach Belieben brechenden Miniatur-Diktator, der mit den Bürgern, die er schützen soll, wie mit Leibeigenen umspringt.

Auch der legendäre Maigret ist ein Patriarch, nach dessen Pfeife man zu tanzen hat, aber er ist keineswegs so ein Kotzbrocken wie Lambert. Man fragt sich, ob da nicht einschlägige und unerfreuliche Erfahrungen den Verfasser inspirierten. Belegt ist in der Tat, dass die Pariser Polizei nicht zimperlich war oder ist. Dennoch nervt die Servilität des Sängers Jo Barnais, der sich ohne Widerstand von Kommissar Lambert in eine gar nicht ungefährliche Rolle zwingen lässt. Auch sonst ist er ein flatterhafter Zeitgenosse, der hinter einer Fassade aus Selbstbetrug und vorgespieltem Zynismus nicht halb so schick und unkonventionell wirkt, wie das sein geistiger Vater wohl geplant hat.

Eher kurioses Cover der Neuausgabe

Spießer kriegt Stilaugen

Frauen sind in der Pariser Künstlerwelt hübsch, aber entweder falsch, weil lotterhaft und stets auf ihren Vorteil bedacht, oder naiv bis dumm, aber auf jeden Fall für den raschen Verbrauch geschaffen. Das gilt auch für die „hübschen Milchmädchen“, die „jungen Fleischwarenverkäuferinnen“, die „kleinen Modistinnen“ (S. 80), die – da nicht dem eigenen Milieu gehörend – Freiwild und Spottvieh sind. Deshalb muss Barnais auch kein schlechtes Gewissen plagen, wenn er sie nach Kräften belügt und ausnutzt. Ja, so ist er halt, der angeblich liebenswerte Pariser Künstler; die ganze Nacht auf den Beinen, mittags im Bett liegend (möglichst nicht allein), ansonsten im Cafè sitzend, um den neuesten Klatsch auszutauschen. So sahen ihn die zeitgenössischen Medien allzu gern, und der Verfasser sieht keinen Grund, solche Klischees nicht ausgiebig zu bedienen.

Hässlichkeiten verbreitet der Autor – natürlich, muss wohl sagen – gegen homosexuelle Kollegen. Mordopfer Manola ist schwul und wird so dargestellt, dass er sein Schicksal als ‚Strafe‘ mehr oder weniger verdient. Üble Nachrede und ironische Anmerkungen von Kommissar Lambert gibt‘s gratis dazu.

Der Film zum Buch

Ein Erfolg ist „Der Tod im Theater“ zumindest in Deutschland offenbar nicht gewesen, wo uns die übrigen Werke des Jo Barnais erspart blieben. In Frankreich wurde „Mort aux ténores“ dagegen noch 1987 im Rahmen der TV-„Série noir“ verfilmt; die Titelrolle spielte ein Schauspieler mit dem Namen „Lucky Blondo“, was bereits kein Meisterwerk des Kriminalfilms vermuten lässt …

Autor

„(Georgius) Jo Barnais“ ist ein Pseudonym, hinter dem sich ein künstlerisches Multitalent verbirgt: Georges Guibourg, Sänger, Schauspieler, Drehbuch- und Theater-Autor, Komponist, Schlagertexter, Schriftsteller. Auch bekannt als Theodore Crapulet, war Guibourg einer der bekanntesten und beliebtesten Künstler von Paris. Seine Karriere umspannt mehr als ein halbes Jahrhundert.

Geboren wurde Guibourg 1891 in Mantes la Ville, Yveline, Ile de France. Mit 16 Jahren ging er nach Paris, wo seine Laufbahn der seines Helden Jo Barnais glich. Guibourg war allerdings ungleich erfolgreicher, trat auf der Bühne auf, sang Schlager, Operetten und arbeitete sich bis zum Star der Konzerthallen und Kabaretts hoch. In den 1920er und 30er Jahren stellte er seine eigene, ebenfalls sehr erfolgreiche Komikertruppe zusammen, ab 1932 trat er in Kinofilmen auf. Daneben arbeitete er weiter fürs Theater, schrieb Schlager – und Kriminalromane.

Georges Guibourg starb im Januar 1970. Er hinterließ ein reiches künstlerisches Werk; nichts „Unsterbliches“, aber u. a. mehr als 1500 Schlager, die überall in Frankreich zu hören waren.

[md]

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