James Bond 007: Diamantenfieber

Ian Fleming
James Bond 007: Diamantenfieber
(James-Bond-007-Serie, Bd. 4)

Originaltitel: Diamonds Are Forever (London : Jonathan Cape 1956)
Deutsche Erstausgabe: 1960 (Ullstein Verlag/Ullstein Krimi 792)
Übersetzung: Günter Eichel
190 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1992 (Scherz Verlag/Scherz-Krimi 1374)
Übersetzung: Günther Eichel
186 S.
ISBN-10 3-502-51374-0
Neuausgabe: 2003 (Heyne Verlag/TB Nr. 87038)
Übersetzung: Günter Eichel
288 S.
ISBN-13: 978-3-453-87038-3
Neuausgabe: Dezember 2012 (Cross-Cult Verlag/Die James-Bond-Bibliothek 04)
Übersetzung: Stephanie Pannen/Anika Klüver
327 S.
ISBN-13: 978-3-86425-076-7

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Das geschieht:

Die Regierung ihrer britischen Majestät registriert schockiert einen enormen Schwund bei der Diamantenförderung in der westafrikanischen Kolonie Sierra Leone. Aus den Minen von Sefadu werden kostbare Steine für viele Millionen Pfund gestohlen. Dahinter steckt eine große Organisation. Das Leck ist so groß geworden, dass nun der Geheimdienst um Unterstützung gebeten wurde: Die „Pipeline“, d. h. der Schmuggel-Weg, den die Diamanten zwischen Förderung und Verkauf im Ausland nehmen, soll geschlossen werden. Im Verdacht sie zu betreiben steht die Handelsgesellschaft „House of Diamonds“. Sie wird mit der US-Mafia und hier mit der Spangled-Bande in Verbindung gebracht, der die Brüder Jack und Seraffino Spangle vorstehen.

James Bond, Agent mit der Dienstnummer 007, ergreift erfreut die Gelegenheit, der ungeliebten Schreibtischarbeit zu entfliehen. Er schlüpft in die Haut eines kleinen Kriminellen, der kürzlich von der Organisation als Kurier angeheuert wurde. In seinen Job eingeführt wird er von der ahnungslosen Spangled-Handlangerin Tiffany Case.

Die Pipeline führt über Afrika, Frankreich und London nach Los Angeles und weiter nach Las Vegas. Bond schmuggelt die ihm zugesteckten Diamanten erfolgreich in die USA ein und dient sich der Bande für weitere Aufgaben an. Man stellt ihn auf die Probe. Als  er endlich Seraffino Spangle kennenlernt, ist Bonds Tarnung längst aufgeflogen. Seraffino lässt seine Killer Wint und Kidd auf ihn los. Gerettet wird Bond von Tiffany Case, die sich (natürlich) in ihn verliebt hat. Den wütenden Gangster-Mob auf den Fersen, flieht das Paar durch die nächtliche Wüste von Nevada …

Diamanten mögen für die Ewigkeit sein …

1956 war James Bond zumindest einem eingeweihten Kreis britischer Thriller-Freunde bekannt. Mit „Diamantenfieber“ legte Autor Ian Fleming bereits den fünften Band seiner 007-Serie vor. Auf den Durchbruch wartete er indes weiterhin. Er stellte sich erst Anfang der 1960er Jahre ein, als James Bond die Kinos der Welt eroberte.

Dieses „Diamantenfieber“ brach also noch vor dem großen Bond-Fieber aus. Der heutige Leser merkt es bald, zumal ihm in Deutschland mit der aktuellen Neuausgabe erstmals eine gänzlich ungekürzte Fassung zur Verfügung steht: Mit dem Film-007 hat dieser James Bond nur marginal zu tun.

Dies ist nicht unbedingt ein Nachteil. Der literarische James Bond ist deutlich ‚realistischer‘ als seine cineastischen Alter-Egos. Er bewegt sich in einer Welt, in der Hightech oder gar die beliebten Q-Gimmicks keine Rollen spielen. Bond ist ein Geheimagent, der Identitäten annimmt und Ermittlungen anstellt. Die Dienstnummer 007 weist auf den einzigen Unterschied zu einem schnöden Polizisten oder Detektiv hin: Bond darf und soll den festgestellten Schurken zum Wohle für Königin & Vaterland buchstäblich eliminieren.

Normalerweise setzt man ihn auf sowjetische oder chinesische Agenten und andere Kommunisten-Knechte an. In diesem Punkt ist Bond bereits bei sich: Den roten Teufeln, die Lenin & Mao in den freien Westen tragen wollen, gilt sein gerechter Zorn. Darüber ist er ein wenig betriebsblind geworden. Über das organisierte Verbrechen in den USA muss er sich erst informieren lassen. Dass er es mit einem Gegner zu tun bekommt, der es mit den Spionen des Ostens durchaus aufnehmen kann, überrascht Bond sehr. Trotzdem muss er erst in Lebensgefahr geraten, um die Gefahr wirklich ernst zu nehmen.

… aber diese Geschichte ist es nicht

Ian Fleming selbst war durch die zeitgenössische Berichterstattung auf das Mafia-Problem aufmerksam geworden. Mehrfach nennt er in „Diamantenfieber“ den „Kefauver-Ausschuss“. US-Senator Estes Kefauver (1903-1963) leitete einen auf sein Bestreben 1950 eingerichteten Ausschuss zur Überprüfung des organisierten Verbrechens und seinen Einfluss auf Politik und Wirtschaft. Die Existenz einer Mafia war von Regierung und FBI bisher geleugnet worden. Kefauver kam zu gänzlich anderen Ergebnissen. Sie wurden in den „Kefauver-Hearings“  1951 öffentlich gemacht und sorgten für ein gewaltiges Medienecho.

Dies griff Fleming auf, ohne recht mit dem Herzen dabei zu sein. Jedenfalls gelingt es ihm nie, die Spangled-Brüder und ihre Lumpenbrut so unterhaltsam zu verteufeln wie die Killer-Agenten der Organisation „SMERSH“. Allzu deutlich wird die Herablassung spürbar, mit der Fleming den teuer aber geschmacklos gekleideten, Spagetti mit Fleischklößchen in sich hinein schaufelnden Mafiosi – das Wort fällt übrigens kein einziges Mal – begegnet. Sie tragen alberne Spitznamen, und das Verbrechen steht ihnen buchstäblich in die groben Gesichter geschrieben. Wirklich gefährlich wirken sie nie. Vor allem sind sie keine Gentlemen, und eine Mission haben sie auch nicht. Selbst verschlagene Spione dienen ihrem Land. Das organisierte Verbrechen scheffelt nur Geld.

Zudem ist Fleming außerstande, eine zündende Geschichte um die aufwändig eingeführte Diamanten-Pipeline zu erzählen. Es bleibt bei einer Reihe gelungener Episoden, die sich nicht zu einer ‚runden‘ Handlung fügen. Sie treiben in einem Meer ausführlicher Reisebeschreibungen. Tatsächlich ist James Bond vor allem damit beschäftigt, Nordamerika zu durchqueren und sich über Land und Leute zu wundern. Dies tut er stellvertretend für seine Landsleute, für die es 1956 mehrheitlich noch nicht üblich war, weite Reisen in oder gar durch die USA zu unternehmen. Dieser Exotik-Faktor ist freilich verflogen.

Wir lernen außerdem (zu) viel über:

– Diamanten und ihren Schmuggel. Seit 1954 recherchierte Fleming über dieses Thema. Er besaß als ehemaliger Geheimdienstmann das Ohr der „International Diamond Security Organisation“ (IDSO), die es sich zum Ziel gesetzt hatte, das organisierte Verbrechen aus dem Diamantenhandel zu drängen. Fleming erschien ihnen als geeigneter Kandidat, über den Arbeitsalltag der IDSO zu berichten. Das Sachbuch „The Diamond Smugglers“ erschien ein Jahr nach dem Roman „Diamantenfieber“, denn 1957 wurde die IDSO aufgelöst.

– Pferderennsport. Fleming liebte das Glückspiel. Schon in „Casino Royale“ (1953), dem ersten Bond-Roman, schilderte er ein monumentales Baccarat-Duell zwischen 007 und dem Bösewicht Le Chiffre, in „Goldfinger“ (1959) erteilte Karten-As Bond dem gleichnamigen Schurken eine teure Lektion im Canasta-Spiel. Für den weniger interessierten Leser erschließt sich die Faszination dieser jeweils seitenstark ausgewalzten Szenen nur bedingt oder gar nicht.

– das Baden in Schlamm und Schwefel. 1954 unternahm Fleming eine ausgedehnte USA-Reise und besuchte u. a. den Kurort Saratoga Springs, der für seine Pferderennbahn (s. o.) und seine natürlichen, vulkanisch bedingten Heilquellen berühmt ist. Diesem Ort verdankt „Diamantenfieber“ immerhin eine der besseren Szenen um einen Mordanschlag mit heißem Schlamm.

Story mit Sand im Getriebe

Dass James Bond als Figur inzwischen weit über ein halbes Jahrhundert alt ist, lässt sich in Flemings Original-Romanen nicht verhehlen. Anders als der Kino-007 bleiben sie ihrer Zeit verhaftet. Das liest sich oft nostalgisch amüsant, ist andererseits jedoch nur noch altmodisch oder sogar politisch unkorrekt. So mag sich Bond im Schlammbad nicht von einem „riesigen Neger“ massieren lassen, und das „Homo-Pärchen“ Wint & Kidd wird nicht nur mit allen einschlägigen Klischees, sondern auch optisch als ‚Fehler der Natur‘ gebrandmarkt.

Mit der Zeichnung der Bösewichte gibt sich Fleming dieses Mal wenig Mühe. Zwar frönt er seinem Faible für überlebensgroße Schurken: Die Spangled-Bande wird von Zwillingsbrüdern geleitet, von denen einer stilecht in einer Wild-West-Geisterstadt residiert. Nichtsdestotrotz leidet die theatralische Wirkung unter der bereits erwähnten Herablassung.

Tiffany Case ist nicht das übliche Bond-Girl der Kino-Filme. Ihre Kindheit und Jugend sind ebenso dramatisch wie tragisch; sie ist aufgrund grausamer Erlebnisse misstrauisch und vor allem mannsscheu, was sich – die Realität muss dem Effekt weichen – selbstverständlich dank und durch James Bond ändert (der ja auch in „Goldfinger“ das Kunststück beherrscht, eine lesbische Schönheit ‚umzupolen‘).

Fleming kehrte mit dem sechsten 007-Roman „From Russia with Love“ (dt. „Liebesgrüße aus Moskau“) in die Welt des Kalten Krieges und der darin verwickelten Geheimdienste und Agenten zurück. Es war der richtige Entschluss, denn was in „Diamantenfieber“ aufgesetzt wirkt, entfaltet in dieser Kulisse die gewünschte Wirkung.

Autor

Ian Fleming (1908-1964) war ein typisches Oberschicht-Gewächs des spätimperialistischen Großbritannien. Erstklassige Schulbildung (Eton) und die sprichwörtliche „steife Oberlippe“ zeichneten ihn aus, gleichzeitig war er ein Individualist, dessen Lebensweg gleich mehrere Skandale säumten. Im II. Weltkrieg lernte Fleming als Mitarbeiter des Marine-Geheimdienstes die geheimnisvolle Halbwelt kennen, die er später so effektvoll zu dramatisieren wusste. Einige wagemutige Kommandounternehmen im Mittelmeer werden ihm zugeschrieben.

Den Globus bereiste Fleming schon vor dem Krieg als Journalist (u. a. in Moskau) und nach 1945 als Auslandskorrespondent der „Sunday Times“. Er zog die Sonne dem englischen Regen vor und ließ sich an der Nordküste der damals noch britischen Inselkolonie Jamaica nieder. Dort begann er ab 1953 die James Bond-Thriller zu schreiben; es wurden bis 1964 insgesamt zwölf (plus zwei Kurzgeschichten-Sammlungen).

Nach 1960 begann Flemings Gesundheit zu verfallen. Er weigerte sich, seinen Lebensstil zu ändern, d. h. seiner Herzkrankheit entsprechend zu leben. Folgerichtig erlag er am 12. August 1964 einem Infarkt, aber immerhin stilvoll auf dem Royal St. George’s Sandwich-Golfplatz in Kent, der schon Goldfinger zum Verhängnis geworden war.

Über Leben und Werk informiert u. a. diese Website.

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