Die Frau in Schwarz

Susan Hill
Die Frau in Schwarz

Originaltitel: The Woman in Black (London : Hamish Hamilton 1983)
Übersetzung: Lore Straßl
Deutsche Erstausgabe: November 1993 (Knaur Verlag/TB Nr. 60200)
190 S.
ISBN-10: 3-426-60200-8
Neuausgabe: März 2012 (Knaur Verlag/TB Nr. 50220)
202 S.
ISBN-13: 978-3-426-50220-4
eBook: März 2012 (Knaur Verlag)
ISBN-13: 978-3-426-41248-0

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Das geschieht:

In den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts wird der junge Anwalt Arthur Kipps von seinem Vorgesetzten in das Dorf Crythin Gifford an der nordostenglischen Küste geschickt. Dort ist in ihrem Heim und im stolzen Alter von 87 Jahren Mrs. Alice Drabbler verstorben. Vor der Testamentsvollstreckung soll Kipps vor Ort die hinterlassenen Papiere durchsehen.

Der junge Mann freut sich auf den Ausflug, obwohl das Novemberwetter ungemütlich und Crythin Gifford sehr abgelegen ist. Eel Marsh House, das Haus der seligen Mrs. Drabbler, liegt sogar ganz besonders einsam auf einem der Küste vorgelagerten, flachen Inselchen, das nur bei Ebbe über den Neunlebendamm erreichbar ist.

Wurde Kipps zunächst freundlich empfangen, werden die Bürger von Crythin Gifford verschlossen, sobald Eel Marsh House zur Sprache kommt. Vor allem leugnen sie, jene unheimliche, bis auf die Knochen abgemagerte Frau in schwarzer Kleidung zu kennen, die Kipps als Gast bei der Beerdigung von Mrs. Drabbler entdeckte und die ihm seither zu folgen scheint.

Ein erster Besuch von Eel Marsh House endet für Kipps nicht nur deshalb unerfreulich, weil er aufgrund dichten Nebels den Abend in dem alten Haus verbringen muss. Was er dort erlebt, erscheint ihm selbst im hellen Licht des nächsten Morgens kaum rational erklärbar. Als mutiger Engländer gedenkt er sich seiner Angst jedoch entschlossen zu stellen, obwohl man dringend davon abrät. Mit Proviant und einem Jagdhund kehrt Kipps ins Eel Marsh House zurück, um dort zu übernachten und dem Spuk auf den Grund zu gehen – eine Entscheidung, die er bald nicht nur bitter bereut, sondern die ihn das Leben kosten könnte …

Kurz & schmerzhaft oder lang & schmerzlos?

Eigentlich ist es nur Arthur Kipps, der keine Ahnung hat, was in Crythin Gifford und im Eel Marsh House vorgeht. Die Dörfler wissen es, und – dies ist noch bedeutungsvoller – der Leser weiß es auch. „Die Frau in Schwarz“ soll eine Hommage an die klassische englische Geistergeschichte sein, die in dem Jahrhundert vor dem II. Weltkrieg in ihrer Mischung aus Spannung, Stil und innerer Logik eine Meisterschaft erreichte, die sie noch heute ihr Publikum finden lässt. Auch als Vorlage für das Kino und Fernsehen des 21. Jahrhunderts werden sie weiterhin herangezogen – kein Wunder, denn alle Voraussetzungen für angenehm grausige Unterhaltung sind enthalten.

So ist es kaum verwunderlich, dass nach 1945 und bis in die Gegenwart neue Geschichten entstehen, die sich an den klassischen Storys orientieren. Susan Hill hat schon mehrfach auf deren Motivschatz zurückgegriffen. Sie nennt vor allem M. R. James (1862-1936), den König der ghost story, als ihren Meister (und zitiert eine seiner besten Geschichten als Kapitelüberschrift: „Pfeif, und ich werde zu dir kommen“). Anders als James erzählt sie ihre Spukstorys jedoch gern in Romanform. Wieso dieser nicht nur aber vor allem die Kurzgeschichte vorzog, macht uns Hill mit „Die Frau in Schwarz“ sicherlich unfreiwillig deutlich.

Mechanische Schrecken

Die klassischen Elemente sind sämtlich vorhanden – sogar dort, wo sie fehl am Platze sind und reiner Selbstzweck bleiben. So beginnt die Geschichte mit einer langen Einleitung, in der ein alter Arthur Kipps seine glückliche Gegenwart schildert. Diverse Figuren werden eingeführt, die spurlos verschwinden, sobald die eigentliche Handlung einsetzt; kein Wunder, denn sie spielt viele Jahre früher.

Schon diese Einleitung leidet unter einem künstlichen Unterton forcierten aber nur angeblichen Grauens. Hill schreibt aufdringlich: Jeder Satz scheint die Ankündigung drohenden Unheils förmlich zu atmen. Tritt es dann ein, kann es der geschürten Erwartungshaltung niemals gerecht werden.

Zudem fällt Hill nichts wirklich Überraschendes ein. „Die Frau in Schwarz“ zerfällt in Episoden, die für sich allein oft besser funktionieren als in der Gesamtheit. Manche Kapitel scheinen die Geschichte nur auf Länge zu bringen; so bleibt der gesamte Handlungsstrang um den Großgrundbesitzer Dailey belanglos: Was geschehen soll, geschieht auch ohne sein Zutun. Dailey bleibt eine überflüssige Randfigur.

Zorn als Dynamo des Schreckens

Der typische Protagonist einer Geistergeschichte ist ein Skeptiker. Es benötigt seine Zeit und eine Reihe eindeutig übernatürlicher Vorgänge, um ihn vom Spuk-Saulus zum Paulus zu bekehren. Arthur Kipps ist nach dem Willen von Susan Hill allerdings kein Fels in der Brandung, sondern eher ein Klotzkopf. Wenn es ganz klassisch umzugehen beginnt, weiß der Leser anders als der notorisch begriffsstutzige Kipps sofort, was geschieht und geschehen wird. Selbst der Grund für den Geisterspuk kann recht problemlos erraten werden. Später wühlt sich Kipps durch Mrs. Drabblers Papiere und enthüllt dabei Hintergründe, die genau dem Erwartungsbild entsprechen. Nur er benötigt wieder erstaunlich viel Zeit, um seine Schlüsse daraus zu ziehen.

Die malerisch unheimlichen Kulissen können nicht verhehlen, dass „Die Frau in Schwarz“ sogar weniger als Grusel-Klassik aus zweiter Hand ist: Hill imitiert und setzt Versatzstücke zusammen, die nicht wirklich zueinander passen. Dazu kommt die widersprüchliche Charakterzeichnung des Helden, der in dem einen Augenblick noch den wackeren Geisterjäger mimt, um im nächsten voller Panik aus Eel Marsh House zu flüchten – dies sogar ohne Sichtung eines Spuks.

Die Frau in Schwarz ist ein Klischee-Gespenst. Sie hat erlittenes und nie gesühntes Unrecht mit in den Tod genommen und rächt sich jetzt dafür. Hill bleibt vage, was die Beziehung zwischen dem Geist und Mrs. Drabbler betrifft. Dafür fädelt sie umständlich eine Rache ein, die nun den armen Kipps trifft. Wieder siegt im Vergleich M. R. James, der präzise begreiflich zu machen verstand, dass Geister prinzipiell böse sind und auch jene heimsuchen, die ihnen einfach nur in die Quere kommen. Bei Hill funktioniert dieser Twist überhaupt nicht, zumal er in Melodramatik ertränkt wird.

Spuk sollte erschrecken

Was dem armen Arthur Kipps im Eel Marsh House zustößt, ist wenig spektakulär. Hill geht sehr richtig davon aus, dass die richtige Grusel-Stimmung dies ausgleichen kann. Sie ist allerdings nicht sehr geschickt, sie entstehen zu lassen, zumal sie auf dem Standpunkt steht, man müsse in einer phantastischen Geschichte nicht alles erklären. Für eine ghost story gilt dies jedoch nicht. Folglich müssten wir Leser u. a. erfahren, wer das lange von Geisterhand behütete Kinderzimmer in Eel Marsh House verwüstet hat und wieso dies geschah.

Ohnehin irritiert es, dass nicht nur die Frau in Schwarz umgeht. Eine Geisterkutsche rattert mehrfach über den Neunlebendamm und versinkt im Meer. Die Frau und die Passagiere der Kutsche ignorieren einander vollständig. Wie lässt sich dies begründen? Wer pfeift und lockt Kipps‘ Hund damit in die sumpfigen Marschen? Die Frau in Schwarz ist es nicht. Warum folgt sie, die ihr Schicksal an Crythin Gifford und Eel Marsh House bindet, plötzlich Kipps nach London? Dies ist ausschließlich dem Finaleffekt geschuldet, dem es auf diese Weise jede Tragik nimmt.

So verbreitet Susan Hill nur oberflächliche Spannung. Allzu behauptet ist das Grauen, allzu gleichgültig lassen die Figuren (was sogar das Gespenst einschließt), allzu lang und mit unnötigen Abschweifungen zieht sich die Handlung hin, die M. R. James um drei Viertel gerafft und in eine richtig gute, böse, witzige Spukgeschichte verwandelt hätte. (Sehr zu empfehlen ist und ebenfalls an der Meeresküste spielt beispielsweise „Eine Warnung für die Neugierigen“ aus dem Jahre 1925.) In der Kürze liegt manchmal eben doch die Würze.

Geisterspuk in Fernsehen und Kino

Eine wiederbelebte Film-Firma brachte „Die Frau ins Schwarz“ 2012 in die Kinos. Das britische Studio „Hammer Films“, dem der Gruselfreund u. a. die zeitlos reizvollen „Dracula“-Filme mit Christopher Lee und Peter Cushing verdankt, hatte seine Pforten 1979 geschlossen. Der Name behielt seinen Wert und wurde 2007 zusammen mit dem Stock der klassischen „Hammer“-Filme vom niederländischen Fernsehmüll-Produzenten John de Mol erworben. Seit 2008 kommen wieder „Hammer“-Filme in die Kinos, die Stil mit Atmosphäre und Spannung verbinden sollen.

Für „Die Frau in Schwarz“ stand ein Budget in Höhe von 13 Mio. Dollar zur Verfügung. Die Hauptrolle übernahm Daniel Radcliffe, der sich nach dem Ende der „Harry-Potter“-Serie in neuen Rollen versucht. Da Susan Hills Vorlage für das 21. Jahrhundert ein wenig zu statisch war, wurde sie mit diversen Geisterattacken aufgepeppt. Allerdings ist „Die Frau in Schwarz“ alles andere als ein Effekt-&-Splatter-Spektakel. Trotzdem – oder gerade deshalb – spielte dieser Film das Vierfache seiner Produktionskosten ein und wurde damit zum bisher größten Erfolg der neuen „Hammer Films“. Die Kritikerstimmen waren verhalten aber überwiegend positiv.

Bevor Daniel Radcliffe von der rachsüchtigen Frau in Schwarz gepiesackt wurde, erlitt Adrian Rawlins als „Arthur Kidd“ erstmals 1989 dieses Schicksal. Zwar wurde „Die Frau in Schwarz“ ‚nur‘ als TV-Film umgesetzt, doch hielten hier die Veteranen Herbert Wise („Tales of the Unexspected“, „Inspector Morse“) als Regisseur und Nigel Kneale („Quatermass“-Serie) als Drehbuchautor die Fäden fest in der Hand. Die Fassung von 1989 hält sich enger an die Vorlage und gilt als moderner Klassiker der Fernseh-Phantastik.

Autorin

Susan Hill wurde 1942 im englischen Scarborough, North Yorkshire, geboren. Die Familie zog Ende der 1950er Jahre nach Coventry um. Hill studierte am King’s College in London Englisch. Noch bevor sie 1963 ihren Abschluss machte, veröffentlichte sie 1961 ihren Roman-Erstling „The Enclosure“, der aufgrund seiner sexuellen Offenheit großes Aufsehen erregte.

Hill arbeitete ab 1963 als Journalistin. In den 1970er Jahren heiratete sie, gründete eine Familie und etablierte sich als Autorin. Ihr mehrfach preisgekröntes Werk schließt ‚hohe‘ Literatur ebenso ein wie Kriminalromane (darunter eine mehrbändige, auch in Deutschland erfolgreiche Serie um den Polizeibeamten Simon Serailler), Geistergeschichten, Kinderbücher oder Autobiografien.

Jährlich erscheint durchschnittlich ein neuer Titel, den Hill seit 1998 meist in ihrem eigenen Verlag „Long Barn Books“ herausbringt. Die Autorin lebt und arbeitet heute in Cotswold, einem Distrikt der englischen Grafschaft Gloucestershire. Über ihre Aktivitäten informiert sie auf dieser Website.

Copyright © 2012/2016 by Michael Drewniok (md)

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