Die Gangs von New York

Herbert Asbury
Gangs of New York

Originaltitel: The Gangs of New York (New York : Albert A. Knopf, Inc. 1927/28)
Übersetzung: Anja Schünemann
Deutsche Erstveröffentlichung: September 2001 (Wilhelm Heyne Verlag/Allgemeine Reihe 13292)
448 Seiten
ISBN-13: 978-3-453-18682-8
Neuausgabe: April 2003 (Wilhelm Heyne Verlag/TB Nr. 18582)
448 S.
ISBN-13: 978-3-453-18582-1

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Krieg in den Straßen von New York

„Die führenden Köpfe der Aufrührer kamen auf die Idee, dass sie mit Schusswaffen die Polizei außer Gefecht setzen könnten. Dann hätten sie die Möglichkeit, die Stadt in ihre Gewalt zu bringen und zu plündern, bevor genügend Militärtruppen zur Verteidigung anrücken könnten. Zu diesem Zweck planten die Aufrührer nun einen Sturm auf das staatliche Waffenlager … und auf die Union Steam Works …, die zur Munitionsfabrik umfunktioniert worden war … Aber die Polizei bekam Wind von den Plänen … Bereits eine halbe Stunde, nachdem die Polizisten in Stellung gegangen waren, hatten sich schätzungsweise 10000 Männer und Frauen vor dem Gebäude versammelt … Gegen vier Uhr begann der Sturm auf den Haupteingang …Sergeant Burdick musste bald einsehen, dass er das Arsenal nicht würde halten können, und er traf Anstalten, seine Männer hinauszuschleusen … Kaum war der letzte Mann [entkommen], gaben die Türen des Arsenals … nach, und der Pöbel stürmte mit Triumphgeschrei das Gebäude … Während der Pöbel das Waffenlager plünderte, vereinigten sich die Polizeieinheiten, die gegen die Horden auf der 2nd und 3nd Avenue gekämpft hatten, zu einer mehr als 100 Mann starken Truppe und gingen entschlossen gegen den Mob vor … Unterdessen hatten andere Teile des Mobs … Feuer gelegt … Die Menge [im Inneren] hatte kaum eine Chance zu entkommen … Die genaue Zahl der Opfer blieb unbekannt, aber als die Krawalle abgeflaut waren und mit den Aufräumarbeiten begonnen wurde, füllten die menschlichen Knochen, die die Arbeiter in dem Schutt fanden, mehr als 50 Körbe und Fässer.“

Was sich hier wie der Ausschnitt aus einem wüsten Horrorthriller liest, ist tatsächlich geschehen: im Juli des Jahres 1863, aber nicht auf einem der Schlachtfelder des Amerikanischen Bürgerkrieges (1861-1865), sondern fern der Front in den Straßen von New York. Dort tobte über mehrere Tage eine Orgie unvorstellbarer Gewalt und Zerstörung, die von der Armee und nur mit Haubitzen niedergeschlagen werden konnte, mindestens 2000 Menschen das Leben und 8000 die Gesundheit kostete und mehr als einhundert Gebäude in Schutt und Asche legte. Hier entlud sich ganz offensichtlich der Zorn einer rechtlosen Unterschicht, die einmal zu viel mit Füßen getreten worden war.

Die trüben Quellen des organisierten Verbrechens

Von den Volksaufständen der Französischen und der russischen Oktober-Revolution haben wir in der Schule erfahren. Aber wer hätte gedacht, dass sich Vergleichbares ausgerechnet in den Vereinigten Staaten von Amerika abgespielt hat, wo man sich als Wiege der modernen Demokratie gern selbst zu feiern pflegt? Die Krawalle von 1863 sind ein fast vergessenes Kapitel der Weltgeschichte. Dabei bilden sie nur den traurigen, aber eigentlich logischen Höhepunkt einer Entwicklung, die man nur als ungeheuerliches Trauerspiel bezeichnen kann: Die braven Bürger von New York hatten den Mob, der ihnen an die Kehle ging, praktisch selbst und systematisch herangezüchtet! Über ein halbes Jahrhundert brüteten die Slums der Stadt mit ihren Lebensbedingungen, die jeglicher Beschreibung spotteten, ganze Generationen verrohter und brutalisierter Wilder aus, die schließlich ganze Viertel besetzten und sich ihre eigene Welt mit bizarren Regeln schuf, zusammengehalten durch mörderische Gewalt – und die Gangs von New York!

Wenn man heute das Wort „Gang“ hört, beschwört es das Bild jener Gangster-Banden herauf, die im Chicago Al Capones ihr Unwesen trieben. Wer macht sich schon Gedanken darüber, dass diese Verbrecher-‚Kultur‘ der 1920er und 30er Jahre wohl kaum aus dem Nichts entstanden ist, sondern ihre eigenen historischen Wurzeln besitzen muss?

Die Aufdeckung dieser verborgenen Geschichte verdanken wir Martin Scorsese, dem charismatischen Filmemacher abseits des langweiligen Hollywood-Mainstreams. Nachdem er schon mit „Goodfellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia“ (1990) und „Casino“ (1995) Blicke auf das organisierten US-Verbrechen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geworfen hatte, ging er in seinem Epos „Gangs of New York“ (2002) weiter zurück – mehr als ein volles Jahrhundert, um genau zu sein, in jene Phase, als Gangs mit malerischen Namen wie „Dead Rabbits“, „Five Points“ oder „Hell Kitchen Gophers“ ihr gar nicht romantisches Schreckensregiment ausübten.

Ein Bestseller von 1928

„Gangs of New York“, der Film, basiert auf dem gleichnamigen Sachbuch, das in den USA als Klassiker des „True Crime“-Genres gilt. Verfasst wurde es vom zu seiner Zeit sehr populären, heute weitgehend vergessenen Journalisten Herbert Asbury (1889-1963) bereits im Jahre 1928.

„Dieses Buch soll keine soziologische Abhandlung sein und ist nicht als Versuch zu verstehen, Lösungen für die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kriminologischen Probleme aufzuzeigen, die die Bandenkriminalität aufwirft“, schickt Asbury seinem Werk voraus; eine lobenswerte Einschränkung, auf die viele seiner dasselbe Thema wählenden Zeitgenossen lieber verzichteten, um sich mit Wonne zum Sprachrohr für Volkes Stimme zu machen und verlogen in düsteren Schauergeschichten über vertierte Verbrecher als direkte Sendboten der Hölle zu schwelgen.

Asbury kann sich von diesem Klischee nicht völlig trennen: „In der Regel … war der Gangster ein stupider Raufbold, der in Schmutz und Elend geboren und inmitten von Laster und Korruption aufgewachsen war. Er folgte seiner natürlichen Bestimmung“, heißt es im Vorwort. Andererseits wollte Asbury hier vorsorglich dem kritischen Establishment seiner Zeit den Wind aus den Segeln nehmen. Auf mehr als vierhundert Seiten verzichtete er später darauf, dem Publikum die bittere Pille zu versüßen: „Der Urtyp des Gangsters … war im Wesentlichen das Produkt seiner Umwelt: Armut, chaotische Familienverhältnisse und gesellschaftliche Unsicherheit brachten ihn hervor, und die politische Korruption mit all ihren üblen Begleiterscheinungen gab ihm Auftrieb.“

Das Recht ist vor allem das Recht des Stärkeren

Das ist deutlich und klingt recht modern, und Asbury versucht nicht, die echten Ursachen des Bandenunwesens in New York zu verschleiern. Seite um Seite füllt er mit Fakten und Namen und legt Zeugnis ab über die ungeheuerlichen Verbrechen von Politikern, Geschäftsleuten und Kirchenfürsten, die in enger Zusammenarbeit mit dem ‚Gesetz‘ und seinen Vertretern eine ganze Stadt als ihre persönliche Pfründe betrachteten, die zum Himmel schreiende Verelendung ganzer Stadtviertel ignorierten und jene, die sich nicht wehren konnten, mit einer Rücksichtslosigkeit ausbeuteten, die selbst den in punkto soziale Gerechtigkeit seit jeher nicht zimperlichen Amerikanern übel aufstieß: „Im Schlagstock eines Polizisten steckt mehr Recht als in einem Beschluss des Obersten Gerichts.“ (Alexander S. Williams, Kommandant des 29. Polizeireviers von New York)

Die Zeiten waren wohl andere, und auch in Europa gab es so etwas wie verbindliche Regeln zum Schutze derjenigen, mit denen es das Schicksal weniger gut meinte, noch nicht, geschweige denn ein soziales Netz, das diesen Namen verdiente. Aber sogar die Zeitgenossen wussten spätestens 1857, dass die übliche Korruption und Unterdrückung in New York jegliches Maß verloren hatten, als der Staat die gesamte Verwaltung vom Bürgermeister abwärts sowie die gesamte Polizeibehörde ihrer Posten enthob – und diese den Gehorsam verweigerten! Der Bürgermeister verbarrikadierte sich im Rathaus, und über Wochen lieferten sich die ‚alten‘ mit den ‚neuen‘ Polizisten vor den Augen der gleichermaßen fassungslosen Bürger und Verbrecher in den Straßen wilde Schlachten um die Vorherrschaft, bis schließlich wieder einmal die Armee einmarschieren musste.

Pralles Panoptikum einer wilden Vergangenheit

Es fragt sich also, wer die eigentlichen „Gangs von New York“ waren … Asburys Buch platzt geradezu vor Schilderungen absurder Geschehnisse, die den Leser mit offenem Mund zurücklassen. Der Autor beschränkt sich in seiner Skandalchronik mit einer für 1928 erstaunlich anmutenden Konsequenz auf die nüchterne Darstellung. Sofern man das in Unkenntnis der primären Quellen sagen kann, hat Asbury sauber recherchiert. Er nennt geradezu pedantisch Orts- und Personennamen und wartet mit präzisen Zeitangaben auf; kein Wunder, konnte er doch nicht nur auf eine Fülle seither vom sprichwörtlichen Zahn der Zeit vertilgter Akten, Berichte oder Briefe zurückgreifen, sondern selbst noch viele Zeitgenossen befragen.

An dieser Stelle ließe sich noch endlos schwelgen in den (Un-) Taten von Männern mit Namen wie „Eat Em Up“ Jack McManus, Louie the Lump oder Gyp the Blood, in Anekdoten wie der von der wahnwitzigen Entführung des Finanzmagnaten A. T. Stewart 1878 (zwei Jahre nach seinem Tod …) oder in Reminiszenzen an halb verschüttete oder längst vergessene große (noch John Carpenter stützte sich 1987 in „Big Trouble in Little China“ auf die berüchtigten „Tong-Kriege“, die zwischen 1900 und 1912 New Yorks Chinatown verheerten) und kleine Geschichten (Wer hätte gedacht, dass die ersten Polizisten New Yorks keine Uniform trugen, sondern nur einen Stern aus Kupfer – „Copper“ im Englischen; bis zum „Cop“ ist es dann nicht mehr weit.).

Diesem gewiss veralteten aber in jeder Beziehung unterhaltsamen Werk muss nur ein echter Vorwurf gemacht werden, der sich gegen Asburys absurde Behauptung richtet, die Tage des korrupten New Yorker Stadtregiments und des organisierten Verbrechens seien spätestens seit dem I. Weltkrieg Vergangenheit. Auch Asbury hat 1928 gewusst, was sich längst abzeichnete: Korruption und Kriminalität waren virulenter denn je und begannen gerade erst zur Höchstform aufzulaufen.

Die deutsche Ausgabe von „Die Gangs von New York“ ist mit vielen zeitgenössischen Stichen und Fotos schön gestaltet und erfreulich gut übersetzt Das Werk lohnt die Lektüre allemal; man liest es noch mit Freude, während der gleichnamige Film schon fast vergessen ist.

Copyright © 2011/2017 by Michael Drewniok (md)

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