Die seltsame Geschichte des Mr. C

Richard Matheson
Die seltsame Geschichte des Mr. C

(sfbentry)
Originaltitel: The Shrinking Man (New York : Fawcett Publications 1956)
Dt. Erstausgabe (gekürzt u. unter dem Titel „Die unglaubliche Geschichte des Mr. C“): 1960 (Heyne Verlag/Allgemeine Reihe 58 = 06/3002)
Übersetzung: Werner Gronwald
158 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe (ungekürzt): Juni 1983 (Heyne Verlag/Bibliothek der Science Fiction 06/22)
Übersetzung: Lore Strassl
251 S.
ISBN-13: 978-3-453-30961-6

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Das geschieht:

Ein Mann wird gejagt: Scott Carey, Mann der Mittelklasse wie aus dem Bilderbuch, wollte bei seiner Jagd nach dem American Way of Live nur einen Ruhetag einlegen. Mit seinem Bruder unternahm er einen Bootsausflug – und wurde vom radioaktiven Niederschlag eines Atombomben-Tests getroffen. Seitdem schrumpft Carey jeden Tag konstant um 3,6 Millimeter. Sein Leben hat sich in einen ewigen Albtraum verwandelt. Die Ärzte können ihm nicht helfen, die Medien verfolgen ihn, Ehefrau und Kind werden ihm zusehends fremd: Vater ist nicht mehr der Beste in der Familie Carey, und das bedrückt Scott mindestens ebenso wie sein ungewisses Schicksal.

Mehr als ein Jahr währt der Horror, der Carey Stück für Stück seines normalen Lebens beraubt. Die Menschen betrachten ihn als kuriose Missgeburt, und der zunehmend paranoide Mann wird emotional immer instabiler. Ins gesellschaftliche Abseits gedrängt, leidet Carey unter der Einsamkeit. Er fühlt sich schuldig, als seine Familie in wirtschaftliche Not gerät, weil er, der doch die Position des Oberhauptes und Brötchenverdieners ausfüllen müsste, in seiner Aufgabe ‚versagt‘. Dennoch kommt die finale Krise rascher als befürchtet, als die Hauskatze die Gelegenheit nutzt, sich für einige Unfreundlichkeiten ihres einstigen Herrn zu rächen. Dieser entkommt dem Untier zwar knapp, verirrt sich dabei jedoch in den Keller des Hauses.

Für die Welt ist Scott Carey gestorben. Einsam kämpft er weiter um sein Leben, als er entdeckt, dass er sein Exil mit einem schrecklichen Feind teilt: einer Spinne, die er früher kaum eines Blickes gewürdigt hätte. Heute beherrscht sie als riesenhaftes Monster den Raum, wird auf den Neuankömmling aufmerksam und verfolgt ihn mit unerwartetem Geschick. Der stetig weiter schrumpfende Mann und sein vielbeiniger Gegner belauern einander und liefern sich über Wochen ein Duell, in dem sich der menschliche Geist dem Instinkt und der körperlichen Stärke des Tieres stellt, bis Carey sich eines Tages dem übermächtigen Feind stellen muss, bevor er zu klein geworden ist, um sich seiner erwehren zu können …

Die schwierige Kunst der anspruchsvollen Unterhaltung

Seit jeher liebt der Mensch Listen, die angeblich die Auskunft geben über die Qualität dessen, das die Mehrheit glaubt, isst, sich anschaut oder liest. Stellen wir uns deshalb die Aufgabe, jene phantastischen Filme zusammenzustellen, die uns aus einem Jahrhundert Kinogeschichte im Gedächtnis geblieben sind; eine Aufgabe, die dank zahlreicher TV-Sender, die vor allem durch stetige Wiederholungen existieren, vereinfacht wird.

Eine deutliche Mehrheit dürfte als Aha-Erlebnis die Sichtung des 1957 von Jack Arnold in Szene gesetzten Streifens „The Incredible Shrinking Man“ vermerken. Dieser Film gehört mit Recht zu den absoluten Klassikern der filmischen Science Fiction. Er wurde vor und besonders hinter der Kamera von Männern und Frauen realisiert, die in diesem Genre mehr als das zweifelhafte Freizeitvergnügen sozial gestörter aber immerhin an der (Kino-)Kasse zahlungsfähige Außenseiter sahen, und erzählt eine an sich absurde Geschichte unterhaltsam, sie ernstnehmend, mit psychologischem Tiefgang aber ohne den erhobenen Zeigefinger, den sich Hollywood nicht nur in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts schwer verkneifen konnte.

Dass dies gelang, war zu einem guten Teil dem Verfasser der Drehbuch-Vorlage zu verdanken: Richard Matheson gelang 1956 mit „The Incredible Shrinking Man“ (diesen einleuchtenden Titel, den auch Hollywood übernahm, trägt die Geschichte im Original, während sich in Deutschland wie üblich hohlköpfige Marktschreier aus der Werbung etwas besonders Originelles ausdachten …) nicht nur ein Erfolg als Schriftsteller, sondern ein echter Klassiker, der (zumindest im angelsächsischen Sprachraum) seit mehr als einem halben Jahrhundert immer wieder aufgelegt wird. Wieso dies so ist, wird schon nach der Lektüre weniger Seiten deutlich: „Die seltsame Geschichte …“, das Buch, ist sogar besser als der gleichnamige Film!

Cover der dt. Erstausgabe (Sammlung md)

Was macht einen Menschen aus?

Natürlich war Richard Matheson nicht der erste Science Fiction-Autor, der dem 08/15-Grusel der berüchtigten „Bug Eyed-Monster“ abschwor und stattdessen fantastische Geschichten entwarf, die unterhaltsam waren UND psychologischen Tiefgang aufwiesen. Das ist kein Widerspruch, obwohl dies noch heute die Mehrheit der ‚seriösen‘ Kritiker zu glauben scheint. Trotzdem überrascht bei die Lektüre von „Die seltsame Geschichte …“, wie jung dieser Roman trotz seines Alters geblieben ist.

Bemerkenswert sticht die schlichte Eleganz die Umsetzung ins Auge. Geschickt verliert Matheson über den Auslöser von Scott Careys ‚Problem‘ nur wenige Zeilen. Statt sich (à la „Star Trek“) seitenlang in pseudowissenschaftlichen ‚Erklärungen‘ über die Ursachen zu ergehen, die einen Menschen schrumpfen lassen könnten, dient der „radioaktive Regen“ als reinen Katalysator, der die eigentliche Handlung in Gang bringt, ohne ansonsten von Bedeutung zu sein.

Stattdessen setzt Matheson ein, als es wirklich interessant wird und Carey bereits schrumpft. Meisterhaft spielt er durch, was ein solches Schicksal einem Menschen bescheren würde. Scott Carey ist kein „All American Hero“, der in der Krise über sich selbst hinauswächst. Matheson schildert die Tragödie eines Durchschnitts-Menschen, der nicht weiß, wie ihm geschieht, von seiner Not meist überfordert ist und für den kein Happy-End am Ende seines steinigen Weges winkt.

Lebenskampf und Sinnkrise wirken nie aufgesetzt. Matheson lässt die inneren Kämpfe Scott Careys in ein spannendes Geschehen einfließen. Anders als im Film bricht er mit dem chronologischen Fluss der Handlung: Careys letzte Tage im Keller seines Hauses und an der Schwelle zum Mikrokosmos bilden den Rahmen, in den die Geschichte seines unaufhörlichen Schrumpfens in Rückblenden eingepasst wird. Das funktioniert, weil Matheson nicht nur der Gedankenwelt des Protagonisten, sondern auch Careys Überlebenskampf im düsteren Keller, d. h. dem schnöden, sogar actionbetonten Abenteuer, seine volle schriftstellerische Aufmerksamkeit widmet. Deshalb stört es nicht, dass Carey (und Matheson) die furchtbare Spinne nicht nur als realen Feind, sondern auch als Symbol für sein Ringen um die eigene Menschlichkeit deutet.

Kein Mitleid für den, der stürzt

Matheson ist durchaus deutlich dort, wo er es um der Geschichte willen sein muss. Dabei konnte er 1956 wesentlich unbefangener zu Werke gehen als 1957 in Hollywood. (Matheson schrieb für Jack Arnold das Drehbuch zum Film.) Die Angst, mit dem Verlust seiner Körpergröße gleichzeitig den sozialen Status des „pater familias“ zu verlieren und dadurch quasi ‚entmannt‘ zu werden, durchlebte Scott Carey stellvertretend für seine Geschlechtsgenossen der Eisenhower-Ära im Kino. Weitgehend unter den Tisch fielen freilich seine sexuellen Nöte, die Matheson im Roman erstaunlich offen und unverhohlen anspricht.

Auch sonst spart Matheson nicht an (jederzeit mit der Handlung harmonisierender) Kritik. Die Kälte der US-amerikanischen Gesellschaft, in der wirklich nur Gott selbst demjenigen helfen kann, der unverschuldet durch die Maschen eines kaum vorhandenen sozialen Netzes zu fallen droht, wird mehrfach deutlich offenbart. Dabei ergeht sich Matheson nicht in platter Schwarzweiß-Malerei. Die Menschen, die Scott Carey übel mitspielen, sind nicht absichtlich gemein oder bösartig, sondern in der Regel nur gleichgültig und in den eigenen Sorgen gefangen. Diese Vielschichtigkeit hält Matheson bis in die kleinste Nebenrolle und bis zum abermals vieldeutenden, ‚offenen‘ Ende durch.

Autor

Richard Burton Matheson wurde am 20. Februar 1926 in Allendale (US-Staat New Jersey) geboren. Er studierte Journalismus an der University of Missouri, arbeitete jedoch hauptberuflich als Schriftsteller. Die nach dem II. Weltkrieg erneut boomende Magazin-Szene bot einem schnellen und professionellen Autoren kein üppiges aber ein ausreichendes Auskommen. Matheson lernte rasch, sich diesem Markt anzupassen. Schon 1950 gelang ihm mit der Story „Born of Man and Woman“ (dt. „Menschenkind“), veröffentlicht im „Magazine of Fantasy & Science Fiction“, der Durchbruch. Matheson machte sich einen Namen durch das Geschick, mit dem er die Genres SF und Horror miteinander kombinierte. Sein Romanerstling wurde 1953 jedoch ein Krimi („Fury on Friday“). Auch diverse Western-Storys hat Matheson veröffentlicht.

1954 erschien „I Am Legend“ (dt. „Ich, der letzte Mensch“ bzw. „Ich bin Legende“), 1956 „The Shrinking Man“ (dt. „Die seltsame Geschichte des Mr. C.“), 1958 „A Stir of Echoes“ (dt. „Echos“). Mit diesen drei Romanen zementierte Matheson seinen Ruf. Sie wurden sämtlich verfilmt. Zu „The Shrinking Man“ schrieb er selbst das Drehbuch und fasste auf diese Weise in Hollywood Fuß. In den nächsten Jahrzehnten bereicherte er die Kino- und Fernsehwelt mit innovativen Drehbüchern, für die er zahlreiche Preise einheimsen konnte.

In den 1990er Jahren konzentrierte sich Matheson wieder stärker auf seine schriftstellerische Arbeit. Seit 1951 lebte er in Kalifornien. Dort ist er am 23. Juni 2013 im Alter von 87 Jahren gestorben.

Kurzinfo für Neugierige: Ein ganz normaler Mann beginnt unaufhaltsam zu schrumpfen. Verzweifelt klammert er sich an sein gewohntes Leben, bis er nur mehr wenige Zentimeter misst und endlich erkennt, dass er sich in eine neue Existenz einfügen kann … – Eindrucksvoller und immer noch lesenswerter, weil nicht nur spannender, sondern auch die zwischenmenschliche Problematik der Verwandlung ohne Gefühlsdusel schildernder Klassiker der Science Fiction.

[md]

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