Ein Schritt ins Leere

Agatha Christie
Ein Schritt ins Leere

(sfbentry)
Originaltitel: Why Didn’t They Ask Evans? (London : Collins 1934) aka The Boomerang Clue (New York : Dodd, Mead & Company 1935)
Übersetzung: Otto Albrecht van Bebber
Deutschsprachige Erstausgabe: 1935 (Goldmann Verlag/Goldmanns Roman-Bibliothek 11)
221 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1950 (Goldmann Verlag/Goldmanns Große Kriminalromane 14)
216 S.
[keine ISBN]
Als Taschenbuch: 1955 (Goldmann Verlag/Goldmanns Taschen-Krimi 70)
183 S.
[keine ISBN]
Neu überarbeitete Fassung: 1991 (Scherz Verlag/Scherz-Krimi 1286)
196 S.
ISBN-10: 3-502-51286-8
Neuausgabe: 2002 (Scherz Verlag/Scherz-Krimi 1848)
221 S.
ISBN-10: 3-502-51848-3
Neuausgabe: Dezember 2005 (Fischer Taschenbuchverlag/TB Nr. 16890)
221 S.
ISBN-13: 978-3-596-16890-3

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Das geschieht:

Der Golfplatz des Städtchens Marchbolt, gelegen an der Küste von Wales, ist wegen einer tiefen Schucht gefürchtet, über die der Ball an einer Stelle getrieben werden muss. Eines nebligen aber ansonsten schönen Tages findet Robert „Bobby“ Jones, vierter Sohn des örtlichen Pfarrers, dort beim Spiel einen Mann, der offensichtlich den Klippenrand übersehen und abgestürzt ist. Bevor der Fremde stirbt, spricht er noch diesen Satz: „Warum haben sie Evans nicht informiert?“.

Weder Bobby noch seine Jugendfreundin Frankie – alias Lady Frances Derwent – oder gar die Polizei wissen mit dieser Äußerung etwas anzufangen. So geht es auch Amelia Cayman, die den Verunglückten voller Trauer als ihren Bruder Alexander Pritchard identifiziert, den seine Wanderlust nach Marchbolt getrieben habe.

Zufällig erkennt Bobby, dass Amelia eine Betrügerin und der Tote kein Mr. Pritchard ist. Während die fantasievolle Frankie schon längst an ein Verbrechen dachte, stimmt ihr der bodenständige Bobby erst zu, nachdem man ihn zunächst mit einem fingierten Jobangebot außer Landes locken und nach dem Scheitern dieses Plans vergiften wollte. Da die Polizei den Fall ratlos ad acta legt, beschließt das kriminalistisch eher unerfahrene Paar, sich als Detektive zu versuchen. Die Spur führt in die Grafschaft Hampshire und dort zum Landsitz der Familie Bassington-ffrench. Frankie lädt sich dort quasi selbst ein, während Bobby ihr als Chauffeur verkleidet Rückendeckung gibt.

Während sich Frankie mit Sophia, der Dame des Hauses, rasch anfreundet, gibt das sprunghafte Verhalten des Gatten Henry Rätsel auf. Schwager Roger vermutet eine Morphiumsucht. Eigentlich fände sich eine Lösung für dieses Problems direkt vor der Haustür: Dort hat Arzt Dr. Nicholson eine private Klinik für ‚nervenkranke‘ Angehörige der High Society eingerichtet, die hier unter Ausschluss der Öffentlichkeit ‚ausspannen‘ – oder geht hier deutlich Illegales vor, wie Frankie und Bobby bald zu argwöhnen beginnen …?

Schräger Humor & die Kunst der Andeutung

Ein „screwball“ bezeichnet im Baseball einen Spielball, der angeschnitten wird, um ihm eine unerwartete Flugbahn zu verleihen und den Gegner zu verwirren. Da dieser Sport in den USA einen quasi-religiösen Status einnimmt, ist es nicht verwunderlich, dass der Begriff für eine entsprechende Variante der Hollywood-Filmkomödie adaptiert wurde, die in den frühen 1930er Jahren für frischen Kino-Wind sorgte.

Die „Screwball“-Komödie nimmt keine große Rücksicht auf eine logisch jederzeit nachvollziehbare Handlung. Diese wird ersetzt durch einen humorvollen „Krieg der Geschlechter“, den eine Frau und ein Mann führen, von denen der Zuschauer längst weiß, dass sie füreinander bestimmt sind, während sie durch ein von kurios überdrehten Episoden geprägtes Geschehen stolpern und sich dabei mit rasantem Wortwitz beharken, dem stets ein frivoler Unterton innewohnt. Am Ende steht die erst widerwillig aber dann umso intensiver eingestandene Liebe.

Mit Filmen wie „It Happened One Night“ (1934; dt. „Es geschah in einer Nacht“) oder „Hands Across the Table“ (1935, dt. „Liebe im Handumdrehen“) gewann die „Scewball“-Komödie rasch ihr Publikum – und ihre Nachahmer, denn diese primär auf das Wort setzenden Beziehungskomödien eigneten sich auch für das Theater oder die Unterhaltungsliteratur. Also versuchte auch Agatha Christie, die nicht nur eine fähige, sondern auch eine geschäftstüchtige Autorin war, den „screwball“ zu schlagen. Dabei kam ihr zupass, dass sich die Komödie problemlos ins Krimi-Genre verpflanzen ließ.

Wo die Liebe hinfällt

Alle einschlägigen Elemente sind vorhanden. Schon der (Original-) Titel ist ein absichtlicher Verstoß gegen den heiligen Ernst des klassischen Kriminalromans. Die letzten Worte eines Sterbenden schweben ständig über einem Geschehen, für das sie nur von marginaler Bedeutung sind. Vor allem für ihre Leser löst Christie schließlich das Geheimnis um „Evans“.

Im Mittelpunkt stehen „Bobby“ und „Frankie“ als aus englischer Sicht denkbar ungleiches, weil durch gleich mehrere Gesellschaftsklassen getrenntes Paar. Die stärkere Rolle übernimmt – auch dies typisch für die „Screwball“-Komödie – die weibliche Figur, die hier nicht von ungefähr einen männlichen Spitznamen trägt. Frankie lässt sich keineswegs in den Hintergrund abschieben, sondern wird an der Seite des Mannes aktiv. Sie ist sogar die treibende Kraft, die den sowohl gutmütigen als auch etwas trägen Bobby als Ermittler aktiviert. Als die beiden dann zur Tat schreiten, muss Bobby sich als Chauffeur verkleiden und Frankie unterordnen. Der ebenfalls selbstbewussten und aus eigenem Verdienst erfolgreichen Christie dürfte diese Frauenrolle leicht aus der Feder geflossen sein.

Realismus bleibt reine Behauptung. Zwar versucht sich Bobby als Automechaniker, aber es ist offenbar kein Problem, die Werkstattarbeit ruhen zu lassen, um stattdessen Detektiv zu spielen. Bobbys Kompagnon „Badger“ („Dachs“) Beadon ist gleichzeitig der „screwball“-typische ‚beste Freund‘ der Helden, der stotternd und tölpelhaft für Lacher sorgt aber trotzdem – wen schert die absolute Unglaublichkeit – wie hergezaubert zur Stelle ist, wenn eine helfende Hand nötig wird. Dass darüber die gemeinsame Werkstatt pleitegeht, ist kein Beinbruch – Frankies reicher Lord-Vater sorgt mit einigen nennwerthohen Geldscheinen für Abhilfe.

Frankie ist dem alltäglichen Daseinskampf ohnehin enthoben und kann sich ihren exzentrischen Zeitvertreiben widmen. Als Tochter eines Hochadligen ist sie nicht nur reich, sondern auch hübsch und besitzt deshalb doppelte Narrenfreiheit; etwaige Halb- und Ungesetzlichkeiten werden vom verständnisvollen, gut entlohnten und verschwiegenen Familienanwalt folgenlos unter den Teppich gekehrt.

Cover der TB-Ausgabe von 1955 (Sammlung md)

Auch halbblinder Eifer schadet nur

Christies Verdienst ist es, das „Screwball“-Element kunstvoll in einen Kriminalroman zu integrieren. „Der Schritt ins Leere“ ist trotz der zahlreichen inhaltlichen Hakenschläge und des offensiven Witzes ein ‚richtiger‘ Christie-Krimi. Dem absurden Geschehen liegt ein sauber geplottetes und raffiniertes Verbrechen zugrunde, das keineswegs nur Vorwand ist. Als „Whodunit“ funktioniert „Der Schritt ins Leere“ ganz klassisch, Autorin und Leser liefern sich auf der Suche nach dem Täter ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Als Gewinnerin geht indes und wie üblich Christie ins Ziel; ihr Publikum überlässt ihr den Lorbeer im Tausch gegen die gelungene finale Überraschung gern.

Das „Screwball“-Element passt vorzüglich zur Ermittlung zweier ebenso eifriger wie unerfahrener Hobby-Detektive. Die auffällige Abwesenheit der Polizei ist der Komödie geschuldet, denn Einmischungen von amtlicher Seite sind in dieser Geschichte nicht vorgesehen. Nach Herzenslust können Bobby und Frankie deshalb in immer neue Verkleidungen schlüpfen, lügen oder einbrechen. Selbst als sie in der Todesfalle des Schurken landen, fehlt dieser Situation jeglicher Ernst, weshalb sie problemlos auf denkbar kuriose Weise aufgelöst werden kann. Nicht einmal dem mehrfach mörderisch aktiven Schurken kann man böse sein, weshalb Christie auf die alte Binsenweisheit „Crime doesn’t pay“ verzichtet. Wieso sollte die langweilige Gerechtigkeit in diesem Absurd-Umfeld den Bösewicht ereilen, der sich wie ein Sportsmann in seine Niederlage fügt und letzte offene Fragen in einem ausführlichen Brief beantwortet?

So eine nur locker in der zeitgenössischen Wirklichkeit verankerte Geschichte hält sich frisch. In Deutschland wurde sogar die Übersetzung aus dem Jahre 1935 beibehalten – dank leichter Überarbeitung ist sie noch immer lesenswert, und sie bewahrt den Tonfall dieses Romans, der eine andere, ebenfalls interessante Seite der Agatha Christie präsentiert.

„Der Schritt ins Leere“ im Film

Angesichts der beschriebenen Meriten wundert es, dass es 45 Jahre dauerte, bis „Der Schritt ins Leere“ filmisch aufgegriffen wurde. Agatha Christie, die sehr gut um die Qualitäten ihrer Romane wusste, ärgerte sich vor allem über die minderwertige  Umsetzung, die einige ihrer Krimis im Medium Fernsehen erfahren hatten, und hielt sich deshalb sehr mit der Vergabe von Filmrechten zurück. Dies änderte sich erst nach ihrem Tod, da ihre Erben weniger empfindlich waren. „Why Didn’t They Ask Evans?“ wurde 1980 sehr nah am Werk als dreistündiges TV-Epos umgesetzt. Mit einer eindrucksvollen Reihe berühmter englischer Schauspieler – darunter John Gielgud, Joan Hickson, Bernard Miles oder Eric Porter – wurden noch die Nebenrollen prominent besetzt.

Sehr kurios mutet dagegen die Version von 2009 an: Sie wurde drastisch umgeschrieben, bis sie ins Konzept der seit 2004 erfolgreich laufenden Fernsehserie „Marple“ passte. Also klärt nunmehr Miss Marple das Evans-Rätsel, während Bobby und Frankie im Feld der übrigen Darsteller aufgehen.

Autorin

Agatha Miller wurde am 15. September 1890 in Torquay, England, geboren. Einer für die Zeit vor und nach 1900 typischen Kindheit und Jugend folgte 1914 die Hochzeit mit Colonel Archibald Christie, einem schneidigen Piloten der Königlichen Luftwaffe. Diese Ehe brachte eine Tochter, Rosalind, aber sonst wenig Gutes hervor, da der Colonel seinen Hang zur Untreue nie unter Kontrolle bekam. 1928 folgte die Scheidung.

Da hatte Agatha (die den Nachnamen des Ex Gatten nicht ablegte, da sie inzwischen als „Agatha Christie“ berühmt geworden war) ihre beispiellose Schriftstellerkarriere bereits gestartet. 1920 veröffentlichte sie mit „The Mysterious Affair at Styles“ (dt. „Das fehlende Glied in der Kette“) ihren ersten Roman, dem sie in den nächsten fünfeinhalb Jahrzehnten 79 weitere Bücher folgen ließ, von denen vor allem die Krimis mit Hercule Poirot und Miss Marple weltweite Bestseller wurden.

Ein eigenes Kapitel, das an dieser Stelle nicht vertieft werden kann, bilden die zahlreichen Kino  und TV Filme, die auf Agatha Christie Vorlagen basieren. Sie belegen das außerordentliche handwerkliche Geschick einer Autorin, die den Geschmack eines breiten Publikums über Jahrzehnte zielgerade treffen konnte (und sich auch nicht zu schade war, unter dem Pseudonym Mary Westmacott sechs romantische Schnulzen zu schreiben).

Mit ihrem zweiten Gatten, dem Archäologen Sir Max Mallowan, unternahm Christie zahlreiche Reisen durch den Orient, nahm an Ausgrabungen teil und schrieb auch darüber. 1971 wurde sie geadelt. Dame Agatha Christie starb am 12. Januar 1976 als bekannteste Krimi Schriftstellerin der Welt. (Wer mehr über Leben und Werk der A. C. erfahren möchte, wende sich an diese Website.)

[md]

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