Eine Karte aus Kutsk

James Munro
Eine Karte aus Kutsk

(John-Craig-Serie, Bd. 4)

Originaltitel: The Innocent Bystanders (London : Jenkins 1969)
Übersetzung: Ute Tanner
Deutsche Erstausgabe: 1969 (Ullstein Verlag/Ullstein Kriminalroman 1302)
156 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1986 (Ullstein Verlag/Ullstein Kriminalroman 10385)
156 Seiten
ISBN-13: 978-3-548-10385-3

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Das geschieht:

Aus dem sowjetischen Straflager Wolotschanka in Sibirien fliehen einige politische Häftlinge. Unter ihnen befindet sich der Agronom Aaron Kaplan, an dem man auch westlich des Eisernen Vorhangs sehr interessiert ist, kann er doch Salz- in Süßwasser umwandeln und Wüsten erblühen lassen. Der Flüchtling hält sich jetzt in der Türkei auf sowie sorgsam verborgen, weil ihn die Sowjets eifrig suchen.

Die streng geheime Abteilung K des britischen Geheimdienstes MI 6 setzt John Craig auf den Fall an. Er gehört eigentlich zu den Großen seines heimlichtuerischen Gewerbes. Sein letzter Fall hat ihn allerdings körperlich und vor allem geistig arg gezeichnet. Craig trinkt zu viel und ist außer Form. Sein Chef Loomis, kein Menschenfreund, gedenkt sich seiner als Köder zu bedienen. Während Craig in den USA scheinbar über Kaplans Bruder Marcus den Kontakt zum Flüchtling herstellt, lässt Loomis die eigentliche Agentenarbeit von den beiden Nachwuchskräften Andrew Royce und Joanna Benson erledigen.

In New York gerät Craig in eine Falle. Als Agenten des KGB getarnte ‚Kollegen‘ von Force Three, einer geheimen Kommandotruppe der CIA, verhören ihn: Loomis hat Kaplan im Tausch gegen Geheimdienstinformationen an Force Three verschachert. Craig hat unter Zwang geredet und hält sein Leben für verwirkt, denn Loomis duldet kein Versagen. So setzt sich Craig ab, um Kaplan auf eigene Faust zu finden. Er nimmt Kontakt zu Miriam Loman, Marcus Kaplans Nichte und Pflegetochter, auf. Sie gehört zu den wenigen Personen, denen Aaron Kaplan möglicherweise vertraut.

Außerdem entdeckt Craig, dass auch Miriam zur Force Three gehört und ihn überwachen soll. Er zwingt sie mit ihm in die Türkei zu reisen. In der kleinen Stadt Kutsk finden sie tatsächlich Kaplan. Royce und Benson bleiben ihnen hart auf den Fersen. Man liefert sich manches Feuergefecht. Eine weitere Partei mischt sich ein: Die Israelis Lindemann und Stein forschen ebenfalls nach Kaplan. Craig setzt sich mit Onkel und Nichte nach Zypern ab, doch auch dort bleiben ihnen die Verfolger hart auf den Fersen …

Mr. Bonds zahlreiche Ebenbilder

John Craig, britischer Geheimagent mit der Lizenz zum Töten. Kommt uns das irgendwie bekannt vor? Doch in der Unterhaltung ist es seit jeher üblich, sich von erfolgreichen Vorbildern ‚inspirieren‘ zu lassen. So wundert es nicht, dass in den 1960er Jahren eine Flut von James Bond-Abziehbildern die Buchläden und Kinos stürmten, um die Welt vor diversen Reichen des Bösen zu retten und ihren Auftraggebern ein Stück des 007-Kuchens zu sichern.

Unter diesen Kopisten war James Munro keinesfalls der Schlechteste. Craig ist zwar kaum als innovativer Charakter zu bezeichnen, aber was dem Leser mit den brachialdümmlichen deutschen Titeln (vgl. unten die Liste) einst eingehämmert werden sollte, trifft überraschenderweise tatsächlich zu: Munros Craig-Thriller sind schnell, hart und durchweg unterhaltsam.

Ein Faible für den untergegangenen Spionage-Kosmos des Kalten Krieges muss man freilich mitbringen. Kaum zu fassen, wie sich die politischen Konstellationen binnen weniger Jahre geändert haben. Die Welt des John Craig ist heute untergegangen. Das „Große Spiel“ der Spione hat sich geografisch verlagert und ist technischer geworden aber immerhin schmutzig geblieben. Der fatalistische Grundton scheint dies bereits anzudeuten, aber das ist eine nachträgliche Interpretation, denn die Craig-Romane entstanden zu einer Zeit, als der Kalte Krieg noch bittere Realität war und noch lange bleiben würde.

‚Spiel‘ mit vielen Opfern

Die Frage, wie realistisch das Katz-und-Maus-Spiel um die halbe Welt ist, sollte man lieber nicht stellen. „Eine Karte aus Kutsk“ ist die trivialliterarische Spiegelung einer ohnehin bizarren Welt. MI 6 und CIA werden in Abteilung K und Force Three gespiegelt, deren Angehörige dadurch mehr Spielraum erhalten. Nur der KGB bleibt der KGB, aber den bösen Sowjets durfte man alle Schuftereien dieser Welt unterstellen.

Der Superspion als Übermensch, der allen möglichen, vor allem aber unmöglichen Gefahren trotzt und stets siegreich bleibt: Gibt es etwas Langweiligeres? Kaum, und deshalb präsentiert uns Autor Munro einen knallharten Kerl mit einigen Rissen. John Craig liebt seinen Job, und wo er im Dienst der guten Sache hinschlägt, -sticht oder -schießt, da wächst wahrlich kein Gras mehr. Aber er muss auch ordentlich einstecken. Das tropft nicht an ihm ab wie Wasser am Schwanz einer Ente, sondern bleibt ihm als Seelenpein und Körperwunde erhalten, belastet ihn, treibt ihn einmal fast in den Selbstmord und lässt ihn bei aller für den Action-Thriller typischen Geradlinigkeit menschlicher wirken.

Gleichzeitig ist Craig dem verhassten Loomis ähnlicher als er sich selbst zugeben mag. Im Einsatz ist er kompromisslos und kennt nur Feinde oder Bundesgenossen. Gefühle kann Craig ausschalten und dann wie ein Automat seinen Job erledigen, indem er besser = brutaler ist als seine Konkurrenten: Loomis kann stolz auf ihn sein, und das ist er wohl auch.

Keine Blößen geben!

Scheinbar jenseits aller Menschlichkeit zieht dieser Loomis seine Bahn – der typische Schachspieler, der im „Großen Spiel“ von seinen sowjetischen Widersachern kaum zu unterscheiden und selbst zum Apparatschik geworden ist. Seine Untergebenen sind für Loomis nur Marionetten, die er skrupellos in die Schlacht schickt. Loyalität ist ihm ein Fremdwort, er lebt für seinen Job, aber er regiert primär durch Furcht: Fragt sich, ob Munro die Entartung der westlichen wie der östlichen Geheimdienst-Welt bewusst so drastisch demaskieren wollte.

Aaron Kaplan ist das lebenslange Opfer, ein Jedermann, der „unbeteiligte Zuschauer“ des englischen Originaltitels. Er hat das Pech, in das „Große Spiel“ verwickelt zu werden, ohne dafür gerüstet zu sein. Kaplan will nur seine Ruhe, und er will leben. Dafür geht er über Leichen, aber er zerbricht an seinem Verrat. Sogar Miriam, die eigentlich seine Tochter ist, verachtet ihn schließlich. Aarons Weiterleben ist seine Strafe; Munro weiß dies mit bemerkenswerter Unbarmherzigkeit in Worte zu fassen.

Miriam Loman gleicht ihrem Vater. Als Agentin ist sie untauglich, weil zu weich und voller Skrupel. Anders als Craig oder auch ‚Kollegin‘ Joanna Benson wird Miriam niemals begreifen, dass in dieser Schattenwelt schwer zu identifizierender Feinde nur der oder die Unbarmherzige bestehen kann. Munro gelingt das perfide Kunststück, dass sie sogar der Leser für ihre ‚Schwäche‘, die doch nichts anderes als Menschlichkeit ist, hasst: keine geringe Leistung für eine triviale aber deshalb nicht zwangsläufig schlechte Unterhaltungsserie.

Der Film zum Buch

„The Innocent Bystanders“ wurde 1972 unter der Regie von Peter Collinson nach einem Drehbuch von James Mitchell mit dem stets fabelhaften Stanley Baker in der Rolle des John Craig verfilmt. Es entstand ein mustergültiges, d. h. schnörkelloses, spannendes, dramaturgisch und schauspielerisch untadeliges B-Movie, dem das Alter wenig anhaben konnte.

Autor

James Munro ist das Pseudonym von James William Mitchell, geboren 1926 in South Shields, England. Als ehemaliger Student der Elite-Universität Oxford war Mitchell ein unruhiger Geist, der sich in vielen Jobs vom Schiffsbauer bis zum Lehrer versuchte, bis er 1965 beschloss, die Schriftstellerei zu seinem Beruf zu machen. Er verfasste mehr als 70 leichtgewichtige aber handwerklich kompetente Thriller, für die er sich auch des Pseudonyms Patrick O. McGuire bediente.

Unter seinem richtigen Namen schrieb Mitchell Serien um den S.I.S.-Agenten David Callan (1967-1972 auch als TV-Serie) und den Privatdetektiv Ron Hogget. Außerdem war er ein versierter Drehbuch-Autor, der u. a. für die britische „Avengers“-Serie (dt. „Mit Schirm, Charme und Melone“) arbeitete. James Mitchell starb im September 2002 in Newcastle-Upon-Tyne, nachdem er sich schon in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre zurückgezogen hatte.

Copyright © 2014/2017 by Michael Drewniok (md)

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