Father Browns Einfalt

Gilbert Keith Chesterton
Father Browns Einfalt

(Father Brown, Bd. 1)

(sfbentry)
Originaltitel: The Innocence of Father Brown (London : Cassell 1911)
Dt. Erstausgabe: 1927 [in zwei Teilen; Teil 1: Die verdächtigen Schritte, Teil 2: Die Sünden des Prinzen Saradin] : Kösel & Pustet Verlag
Übersetzung: H. M. von Lama
175/158 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1991(Haffmans Verlag)
Übersetzung: Hanswilhelm Haefs
296 S.
ISBN-10: 3-251-20116-6
Neuausgabe: 1999 (Haffmans Verlag)
Übersetzung: Hanswilhelm Haefs
296 S.
ISBN-10: 3-251-20294-4
Neuausgabe: März 2008 (Suhrkamp Verlag/Insel TB Nr. 3328)
Übersetzung: Hanswilhelm Haefs
355 S.
ISBN-13: 978-3-458-35028-6

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Inhalt:

Die erste Sammlung der berühmten Father-Brown-Geschichten:

Das blaue Kreuz (The Blue Cross): Hercule Flambeau, König der Diebe, mischt sich in London unter die Teilnehmer eines Kirchenkongresses; Valentin, Chef der Pariser Polizei, ist ihm hart auf den Fersen, um eine wertvolle Reliquie zu retten, deren Hüter, ein kleiner Geistlicher namens Brown, freilich sehr gut selbst auf sich und seinen Schatz aufpassen kann.

Der verborgene Garten (The Secret Garden): Ausgerechnet im Garten des berühmten Polizeichefs Valentin verliert ein amerikanischer Nabob seinen Kopf; er wird nicht der einzige bleiben.

Die sonderbaren Schritte (The Queer Feet): Meisterdieb Flambeau sucht sich für seinen neuen Fischzug einen sehr elitären englischen Club aus, in dessen Mauern sich auch Father Brown aufhält.

Die Flüchtigen Sterne (The Flying Stars): Unter die Gäste einer prominenten Weihnachtsgesellschaft mischen sich ein Sozialist, ein katholischer Priester – und Meisterdieb Flambeau.

Der unsichtbare Mann (The Invisible Man): Ein echter Niemand, von aller Welt übersehen, müsste prinzipiell der perfekte Mörder sein, doch Father Brown blickt wieder einmal genauer hin.

Die Ehre des Israel Gow (The Honor of Israel Gow): Im wilden schottischen Hochland verschwand der exzentrische Earl of Glendyle; in seinem verfallenen Schloss finden Father Brown und der inzwischen zum Detektiv konvertierte Flambeau Spuren, die eine makabre Geschichte erzählen.

Die falsche Form (The Wrong Shape): „Ich sterbe von eigener Hand, und dennoch sterbe ich ermordet“, lauten die letzten Worte des Schriftstellers, doch zwei kleine Striche lassen Father Brown glauben, dass die Wahrheit wesentlich profaner ist.

Die Sünden des Prinzen Saradine (The Sins of Prince Saradine): Flambeau und sein Freund Father Brown unternehmen eine Flusspartie; sie landen in einem Märchenland und geraten in eine sizilianische Blutrache.

Der Hammer Gottes (The Hammer of God): Den alten Wüstling ereilt das Schicksal, das ihm der fromme Bruder stets prophezeite – mit zertrümmertem Schädel liegt er vor dem Kirchturm, nachdem er offenbar eine fremde Ehefrau zu viel entehrt hatte.

Das Auge Apollos (The Eye of Apollo): Brandneu ist das Haus, in dem Detektiv Flambeau sein neues Büro eröffnet, doch jemand stürzt in den Fahrstuhlschacht, als Father Brown seinen Freund besuchen möchte.

Das Zeichen des zerbrochenen Säbels (The Sign of the Broken Sword): Wo versteckt man ein Blatt? In einem Wald natürlich, doch Father Brown entdeckt, dass sich dieses Prinzip auch auf einen Mord anwenden lässt.

Die drei Werkzeuge des Todes (The Three Tools of Death): Wurde Sir Aaron Armstrong erschossen, gehängt oder erdolcht?, fragt sich die Polizei; weder noch, meint Father Brown, und setzt aus den Indizien seine Lösung des Falles zusammen.

Die nur scheinbar kleine Welt des Father Brown

Gilbert Keith Chesterton (1874-1936), Literat, Sozialreformer, kritischer Mahner seiner korrupt verbrüderten Regierung, Menschenfreund – und geistiger Vater eines klein gewachsenen, aber großköpfigen Männleins, das strikt gegen jedes gängige Detektiv-Klischee gebürstet wurde und trotzdem – oder gerade deshalb – literarische Unsterblichkeit erlangte: Father Brown (den nur die allzu saumseligen Übersetzer der Vergangenheit zum „Pater“ machten, obwohl dieser Titel doch einem Ordensgeistlichen zukommt, während Brown eindeutig dem Weltklerus angehört; welcher Laie kennt freilich den Unterschied?).

Er wurde mit Bedacht bar jedes äußerliche Zuges geschaffen, der ihn als heldenhaften Verteidiger von Recht & Ordnung charakterisieren könnte, denn Chesterton hatte Größeres mit ihm vor: Father Brown ist nichts weniger als ein Sendbote, der auf Erden dem Bösen in seinen mannigfaltigen Gestalten nachspürt, um es im Wissen um die göttliche Kraft des Guten in seine Schranken zu weisen. Das muss nicht zwangsläufig mit der Entlarvung eines Schurken enden; recht oft entkommen der Strolch der irdischen Gerechtigkeit, was ihn allerdings nicht – da gibt es weder für Brown noch für Chesterton den Hauch eines Zweifels – vor dem Jüngsten Gerichts retten wird.

Weil er offenen Auges durch diese Welt geht, hat Father Brown viel gelernt über das Wesen des Bösen. Er erkennt es deshalb eher als seine Zeitgenossen, die meist gefangen sind in gesellschaftlichen Konventionen und Denkmustern, die sie schwerfällig und angreifbar werden lassen. Wenn ein Verbrechen geschieht, stürzen sich auch jene, die redlich um Aufklärung und Begründung bestrebt sind, stets auf das allzu Offensichtliche. Genau damit rechnet das Böse, und im Windschatten solcher menschlichen Blindheit wächst und gedeiht es.

Kirche statt Kulisse

Father Brown aber blickt tiefer und hinter die Kulissen. Er bringt dafür die besten Voraussetzungen mit, denn er ist Katholik und Priester. In der zynischen Gegenwart des 21. Jahrhunderts verbindet man mit beidem längst nicht mehr Weisheit und Vorbildcharakter, aber Chesterton schuf seinen unheldischen Helden (um einen der Stabreime zu bemühen, die dieser Schriftsteller so liebte) schließlich in einer ganz anderen Epoche. Einer der hier besprochenen Sammlung dankenswerter Weise angefügten biografischen Skizze können wir entnehmen, dass Chesterton im Katholizismus die beste Möglichkeit sah, die engen geistigen Fesseln jener Epoche zu sprengen, die man die „viktorianische“ nennt.

Die englische Staatskirche sah Chesterton dagegen als integrales Element des Establishments, dessen politischen und sozialen Ungerechtigkeiten und Korruptionen er erkannte, verachtete und bekämpfte. Chesterton trat aktiv, unermüdlich und ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit ein für Gerechtigkeit, Chancengleichheit, Nächstenliebe – nicht zwangsläufig kirchliche, sondern christliche Werte, ohne dass ihm dies den scharfen Blick für die Realitäten des Lebens vernebelte.

Selbst ist Chesterton übrigens erst 1922 zum Katholizismus übergetreten – da schrieb er schon seit 13 Jahren Father Brown-Geschichten. Die wurden zwar schon früh und dann immer wieder auch in Deutschland gedruckt, aber das Vergnügen hält sich in der Rückschau in Grenzen.

Vom „Father“ zum „Pater“

Seit jeher klafft zwischen dem Father Brown, wie Chesterton ihn sah, und dem Pater Brown, der dem deutschen Publikum präsentiert und von ihm angenommen wurde, ein breiter Riss. Brown ist eben nicht das pfiffig-fromme Pfäfflein, das zum Wohle des Herrn und zum eigenen kriminalistischen Vergnügen Verbrechen aufklärt, wobei immer genug Zeit bleibt, der überschlauen Polizei oder allzu selbstzufriedenen Kirchenvorderen eine Nase zu drehen – in allen bescheidenen Ehren natürlich, denn Autorität durfte niemals ernsthaft angezweifelt werden.

In dieser Hinsicht wurde das Brown-Bild sehr zu seinem Nachteil von zwei ungemein erfolgreichen Kinofilmen geprägt, in denen Heinz Rühmann die Hauptrolle gab; das öffentlich-rechtliche Fernsehen gestaltet noch heute an kirchlichen Feiertagen gern sein Nachmittagsprogramm damit. Noch 2003 (und bis 2013) trat Ottfried Fischer als „Pfarrer Braun“ sehr erfolgreich in diese Fußstapfen.

Ähnlich verfälschend sollen auch die älteren Eindeutschungen mit dem Father umgesprungen sein, so der strenge Hanswilhelm Haefs in seinen Anmerkungen zur Neuübersetzung, die nicht nur ob ihrer Originaltreue bis auf weiteres als Referenzwerk gelten muss. Wie wir erfahren, befleißigte sich Chesterton eines sehr eigenwilligen Stils, den die Thomas-Mann-geschulten Teutonen in der Übersetzung ‚korrigierten‘ und ‚aufwerteten‘. Haefs rang dagegen mit jedem Wort, ohne freilich dabei zu merken, dass er auf seine Art genauso verbissen wie seine gescholtenen Vorgänger zu Werke geht.

Die (vorläufig) ultimative Fassung

Immerhin gibt hier keine Kompromisse mehr: Die fünf Haffmans-Bände um Father Brown sammeln erstmals und in chronologischer Reihenfolge alle Geschichten, die guten wie die weniger guten, die lehrreich-frommen wie die hauptsächlich unterhaltsamen. Das macht es möglich nachzuvollziehen, wie Chesterton erst allmählich begriff, welche Figur ihm da gelungen war und wie man sie am effektvollsten auftreten ließ.

Bis einschließlich „Die Sünden des Prinzen Saradine“ findet man die Stories altbacken, steif, übertrieben gleichnishaft und höchstens unter nostalgischen Gesichtspunkten fesselnd. Das ändert sich mit „Der Hammer Gottes“. Nun erzählt Chesterton tatsächlich Kriminalgeschichten, in die er seine Lehre behutsam einfließen lässt. Endlich vermag der Leser nachzuvollziehen, was Father Brown zum Klassiker werden ließ, kommt echte Vorfreude bei dem Gedanken auf, auch zu den nächsten vier Sammelbänden zu greifen.

Die kann und muss man antiquarisch erwerben, denn den Haffmans Verlag deckt längst der kühle Rasen. Auch die Taschenbuch-Neuausgaben sind vergriffen. Stattdessen gehört das Feld wieder anderen Verlagen sowie dem Pater Brown, welchen wir mit Haefscher Unterstützung klug Gewordenen nun gar nicht mehr mögen.

Anmerkung

Die übliche Autoren-Biografie fehlt? Über G. K. Chesterton haben sich wahrlich klügere Geister als dieser Rezensent ausgelassen, der es für überflüssig hält nachzubeten, was nur einen Mausklick (z. B. hier) entfernt ist.

Kurzkritik für Ungeduldige: Die erste Sammlung der berühmten Father-Brown-Geschichten bilden eine Mischung aus moralischer Erbaulichkeit und klassischer Kriminalliteratur, sehr merkwürdig im Duktus aber durchaus lesbar, weil mit skurrilen Plots und ungewöhnlichen Wendungen nicht geizend; Chestertons Plädoyer für das letztlich Gute im Menschen bleibt in der Regel erträglich, zumal in den späteren Geschichten der kriminalistische Faktor wohltuend zunimmt.

[md]

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