Film. Eine Geschichte aus Hollywood

Lillian Ross
Film. Eine Geschichte aus Hollywood

Originaltitel: Picture (New York : Rinehart 1952)
Übersetzung: Peter de Mendelssohn
Deutsche Erstausgabe (geb): 1953 (Herbig Verlag)
326 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: Juni 1987 (Franz Greno Verlag – Greno 10/20 32)
332 Seiten
ISBN-13: 978-3-89190-832-7

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Ein Mann setzt sich durch

Im Jahre 1950 setzt sich John Huston, der berühmte (und eigensinnige) Filmregisseur (u. a. „The Maltese Falcon“/„Die Spur des Falken“; 1941, „The Treasure of the Sierra Madre“/„Der Schatz der Sierra Madre“; 1948, „African Queen“; 1951) in den Kopf, einen Roman des früh verstorbenen Schriftstellers Stephen Crane (1871-1900) zu verfilmen. „The Red Badge of Courage“ (dt. „Die rote Tapferkeitsmedaille“) entstand 1893 und schildert die Erlebnisse eines jungen Mannes, der in den amerikanischen Bürgerkrieg (1860-1864) zieht und dabei die wenig glanzvolle Realität des Tötens und Sterbens erlebt.

Huston, der als Filmemacher am II. Weltkrieg teilgenommen und die aufsehenerregenden Dokumentationen „The Battle of San Pietro“ (dt. „Die Schlacht um San Pietro“; 1945) und vor allem „Let There Be Light“ (dt. „Es werde Licht“; 1946) über schwerstverletzte und psychisch zerbrochene Soldaten gedreht hat (die ob ihrer grausamen Deutlichkeit schleunigst aus den Kinos verbannt wurde), fasziniert die Gleichzeitigkeit großen Mutes und großer Angst, die Feiglinge ebenso wie Helden hervorbringen kann. Crane hatte diese Dualität mit bemerkenswerter Klarheit dargestellt. Für seinen Film schwebt Huston die ideale Besetzung vor: Audie Murphy war der am höchsten dekorierte US-Soldat des Krieges, ein Mann mit einem Kindergesicht, der Unerhörtes und Schreckliches geleistet hat – und Schauspieler geworden war.

So sehr verbeißt sich Huston in sein Projekt, dass er sogar die Regie des monumentalen Kinofilms „Quo Vadis?“ ausschlägt, den das Metro-Goldwyn-Mayer-Studio 1950 herstellt. Er hat einen mächtigen Gegner: Louis B. Mayer, Chef von MGM, betrachtet das Kino als Spektakel und Zerstreuung und ist strikt gegen Hustons realistischen ‚Kunstfilm‘. Einen Verbündeten findet der Regisseur in Dore Schary, den Produktionschef des Studios. Der listige Mayer gibt nach: Scheitert „Die rote Tapferkeitsmedaille“, wird Schary den Kopf hinhalten müssen, was einen allmählich gefährlich werdenden Konkurrenten für Mayer stoppen könnte.

Schiffbruch eines Films – und einer Ära

John Huston begibt sich mit seinem Team (und unter lockerer Aufsicht des MGM-Produzenten Gottfried Reinhardt) ins heiße Hinterland von Kalifornien. Er liebt Dreharbeiten unter Extrembedingungen, die er als Abenteuerurlaub nutzt. Schwierigkeiten lassen ihn aufblühen – und davon gibt es genug: Das Klima ist mörderisch, das Gelände schwer begehbar. Audie Murphy ist unerfahren, nervös und schwer zugänglich. Das Drehbuch ist nur halb fertig. Im Hintergrund lauert Mayer auf seine Stunde.

Diese kommt, als Huston unter enormen Strapazen seinen Film fertiggestellt hat. Er muss ihn nun dem Studio aushändigen. „Die rote Tapferkeitsmedaille“ wird wie einer von 40 Filmen behandelt, die MGM jährlich in die Kinos bringt. Als der Streifen bei diversen Previews schlecht ankommt, verliert auch Schary das Vertrauen und lässt „Die rote Tapferkeitsmedaille“ auf größte Publikumsresonanz trimmen. Systematisch wird der ursprüngliche Film gekürzt, umgeschnitten, seiner Kritik beraubt und so zerstört, dass er zum Misserfolg werden muss.

Aber Mayers Rechnung geht trotzdem nicht auf. Für die alten Machtspielchen ist es zu spät. In Hollywood bricht die Götterdämmerung an. Vorbei sind die goldenen Jahre, als Männer wie er wie Könige über ‚ihre‘ Studios herrschten und den Filmgeschmack der ganzen Nation bestimmten. Unabsichtlich wird die Produktionsgeschichte der „Tapferkeitsmedaille“ zu einem Stück der Chronik von Hollywood im Umbruch. Nichts wird mehr so sein wie zuvor, als 1952 eine junge Journalistin ein Buch veröffentlicht, die ursprünglich nur die eine typische Hollywood-Geschichte über den 1512. Film erzählen wollte, den MGM produzierte …

Echter Blick hinter die Kulissen

Für die Filmhistorie erwies es sich als Glücksfall, dass besagte Journalistin Lillian Ross hieß. Erst 23 Jahre war sie alt, als ihr die Gelegenheit geboten wurde, „Die Rote Tapferkeitsmedaille“ von den verheißungsvollen Anfängen bis zum traurigen Finale zu begleiten. Sie nutzte ihre Chance, hielt Augen und Ohren offen und schrieb nicht einfach den üblichen „Zauberland-Hollywood“-Lügenartikel, sondern eine Filmchronik mit Romanqualitäten.

Bemerkenswert sachlich, hellsichtig und deutlich zugleich geht die Verfasserin zu Werke. Sie lässt sich nicht vom Mythos Hollywood vereinnahmen. Das ermöglicht ihr, eine erstaunliche, schwer begreifliche Tatsache überzeugend darzustellen: Das Drehen eines Films ist auch das ständige, erbittere Ringen zwischen Kunst und Kommerz. Vor allem ist es harte Arbeit. Dazu kommen machtpolitische Grabenkämpfe. John Huston will den bestmöglichen, Gottfried Reinhard einen erfolgreichen Film drehen. Die beiden Männer sind Partner, aber wenn sie über „Die rote Tapferkeitsmedaille“ sprechen, kann man kaum glauben, dass sie dasselbe Werk meinen.

Es wird noch komplizierter: Film ist ein Gemeinschaftswerk. Das ist den Zuschauern kaum bewusst, die das Kino meist verlassen haben, wenn der Abspann mit vielen, vielen Namen abläuft. Doch diese Männer und Frauen haben ihr eigenes Bild vom zu drehenden Film im Kopf. Zwischen Drehbuch und Kinoeinsatz durchläuft ein Film daher eine unerhörte Metamorphose. „Die rote Tapferkeitsmedaille“ ist in dieser Hinsicht ein Paradebeispiel.

Still aber aufmerksam

Ein Paradebeispiel – und ein Sonderfall. Lillian Ross hatte als Journalistin das Glück, nicht nur die Dreharbeiten zu einem Kinofilm verfolgen zu dürfen. Sie geriet auch in einen der unzähligen Machtkämpfe, die den Alltag der großen Studios prägten. Die Presse erfuhr davon meist nur gefilterte Versionen. Aber „Die rote Tapferkeitsmedaille“ fiel zufällig in eine selbst für Hollywood ungewöhnliche Situation: Der Film lieferte quasi den Schwanengesang für den großen Filmmogul Louis B. Mayer und läutete bereits das gar nicht mehr so ferne Ende des klassischen Hollywood-Kinos ein.

Ross beschreibt die eingeschliffene Maschine eines Studios, das Filme wie Automobile herstellt und präzise entworfene Unterhaltung auf den Markt wirft. Aber die Zeiten ändern sich, die bewährten Verfahren verlieren ihre Wirkung. Angesichts der daraus resultierenden Umwälzungen scheint das traurige Schicksal der „Tapferkeitsmedaille“ von minderer Bedeutung. Doch Fakt ist, dass Huston kaum zehn oder fünfzehn Jahre später statt eines Flops mit einiger Wahrscheinlichkeit ein Publikumserfolg gelungen wäre – nicht nur, weil sich der Publikumsgeschmack verändert, sondern auch, weil das Studio eine gänzlich andere Vermarktungstaktik verfolgt hätte.

Ross konnte die anstehenden Veränderungen in ihrer Gesamtheit nicht ahnen, als sie ihr Buch schrieb. Aber sie ahnte den Epochensprung. Bevor das alte Hollywood unterging, setzte sie ihm ein würdiges Denkmal, ohne seine Schattenseiten zu übersehen. Das Ergebnis ist ein bemerkenswert aktuell gebliebenes Werk, das uns bekannte Figuren der Hollywood-Geschichte ohne klebrigen Zuckerguss bei der Tätigkeit zeigt, die sie mehr als alle andern liebten und beherrschten: das Drehen eines Films, der nur eines nicht sein durfte – langweilig!

Autorin

Lillian Ross wurde 1927 in Syracuse, US-Staat New York, geboren. Schon mit 18 Jahren arbeitete sie für den renommierten „New Yorker“. 42 Jahre schrieb sie für dieses Magazin, 1993 kehrte sie nach einer sechsjährigen Pause dorthin zurück. In diesem halben Jahrhundert verfasste sie außerdem elf Bücher, von denen „Film“ – basierend auf einer Artikelserie – 1952 das erste wurde.

In mehr als siebzig Schriftstellerjahren beschränkte sich Ross keineswegs auf Filmberichte. Sie widmete sich praktisch allen Aspekten des großstädtischen Alltags. Berühmt wurde sie mit ihrem „Talk of the Town“, in dem sie Fakten in erzählender Form präsentierte. „Film“ ist ebenfalls ein Beleg für die bemerkenswerte Wirkung, die dieser ‚literarische‘ Journalismus auf die Lesbarkeit ausüben kann. Dieses Buch zählt zu den besten journalistischen Werken des 20. Jahrhunderts. Ernest Hemingway nannte das Buch „besser als die meisten Romane“. (Ross schrieb später ein Porträt des Schriftstellers und fügte der langen Liste ihrer Meisterwerke einen gewichtigen Eckpfeiler ein.)

Lillian Ross lebt noch immer aktiv in New York City.

Copyright © 2005/2016 by Michael Drewniok (md)

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