Fünf schräge Vögel

Donald E. Westlake
Fünf schräge Vögel
(John-Archibald-Dortmunder-Serie, Bd. 1)

Originaltitel: The Hot Rock (New York : Simon & Schuster 1970)
Dt. Erstausgabe (gekürzt u. unter dem Titel „Finger weg von heißem Eis“: 1971 (Ullstein Verlag/Ullstein Kriminalroman 1373)
158 S.
ISBN-10: 3-548-01373-2
Neuausgabe (geb. u. ungekürzt): März 2016 (Atrium Verlag)
Übersetzung: Tim Jung
271 S.
ISBN-13: 978-3-85535-795-6
eBook: März 2016 (Atrium Verlag)
833 KB
ISBN-13: 978-3-03792-082-4

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Das geschieht:

Nach einem misslungenen Coup musste Berufsverbrecher John Archibald Dortmunder für eine Weile einfahren. Als er wieder entlassen wird, ist er pleite aber nicht ohne Freunde: Gaunerkumpel Andy Kelp erwartet ihn am Gefängnistor und weiht ihn in einen neuen Raub ein, den Dortmunder – ein Organisationstalent – planen soll: Im New York Coliseum wird der riesige Balabomo-Smaragd ausgestellt. Er ist ein Zankapfel, um den die beiden noch jungen afrikanischen Staaten Talabwo und Akinzi streiten, denn in beiden Ländern gilt der Edelstein als Symbol der Macht. Da man sich nicht einigen kann, plant nun die Regierung von Talabwo, sich den Smaragd heimlich anzueignen.

Als Mittelsmann fungiert Major Patrick Iko, Talabwos Botschafter in den USA. Er ist bestrebt, die Kosten des heiklen Unternehmens möglichst niedrig zu halten. Trotzdem muss er drei weitere Männer bezahlen: Dortmunder will auch Stan Murch, der jedes Fahrzeug dieser Erde steuern kann, den Meisterschlosser Roger Chefwick und als ‚Mädchen für alles‘ Alan Greenwood an Bord nehmen.

Mit dem üblichen Sinn für das Unkonventionelle setzt Dortmunder einen Museumsraub in Szene, der zunächst tatsächlich gelingt. Der Smaragd kann gestohlen werden. Doch die Polizei ist der Bande zu dicht auf den Fersen. Greenwood wird gefasst, kann aber den Edelstein verschlucken. In der Untersuchungshaft wartet er nun auf die Hilfe seiner Gefährten, die wohl oder übel den Überfall auf ein Polizeirevier in Angriff nehmen.

Auch dieses riskante Unternehmen gelingt, aber leider hat Greenwood den Smaragd längst anderweitig versteckt. Der neue Aufenthaltsort ist bekannt – und abermals müssen Dortmunder & Co. eine eigentlich gaunersichere Festung stürmen. Es wird nicht das letzte Mal sein, denn die Tücke des Objekts bleibt der Bande treu. Während Auftraggeber Iko mit immer grotesker werdenden Materialforderungen konfrontiert wird, verdrängt grimmiger Berufsstolz den Gedanken an das Raubhonorar: Dieser Coup muss gelingen – und wenn es die letzte Straftat sein sollte, die Dortmunder und seine Leute in ihrem Leben begehen werden …

Auch das Verbrechen kennt ein Prekariat

Am Anfang stand ein ganz anderer Berufsganove, wie Autor Donald E. Westlake in einem Vorwort zur Neuauflage von „Fünf schräge Vögel“ erklärt: Ende der 1960er Jahre plante er einen weiteren Band seiner erfolgreichen „Parker“-Serie. Westlake schwebte als Plot ein Raubzug vor, der gänzlich schiefläuft und neu angegangen werden muss. Allerdings erkannte der Autor rasch, dass der eisenharte und absolut humorlose Parker – der nicht einmal einen Vornamen besitzt – als Figur für einen solchen Stoff ungeeignet war: Dem Versagen wohnt eine komische Seite inne, was die daran Beteiligten verständlicherweise nicht unterschreiben würden. Trotzdem trifft es zu, und es lässt sich leicht und zum Nutzen einer Geschichte einsetzen.

Glücklicherweise gehörte Westlake zu jenen Unterhaltungsprofis, die sowohl Entsetzen als auch Gelächter hervorrufen konnten, ohne dabei die Spannung zu vernachlässigen. So ersetzte John Archibald Dortmunder – der Nachname wurde tatsächlich vom deutschen Bier gleichen Namens inspiriert – Parker, und der Grundtenor wurde locker. Geblieben war das Milieu: Westlake-Gauner gehören nie zur Prominenz ihres Standes. Im Grunde wären sie besser mit ‚ehrlicher‘ Arbeit bedient; Dortmunder muss zwischen zwei Fischzügen Lexika verkaufen und stellt fest, dass er als Krimineller nicht so gut verdient hat. Verbrechen ist hier ein harter Job, in den viel Mühe investiert werden muss. Nicht gerade selten steht dem Aufwand kein entsprechender Gewinn entgegen. Sowohl die Polizei als auch die Tücke des Objekts sind natürliche und allgegenwärtige Feinde von Kleinstrolchen à la Dortmunder.

Dazu passt, dass unsere ‚Helden‘ zu allem Überfluss von anderen Ganoven übers Ohr gehauen werden. Gauner-Prominenz würde Major Iko sicher nicht mit Argumenten wie diesem konfrontieren: „Vielleicht ist es ihnen nicht bewusst, aber Talabwo ist kein reiches Land … Wir können ausländische Kriminelle nicht so bezahlen, wie das in anderen Ländern üblich ist.“ (S. 83) Dortmunder sieht sich also gezwungen, mit seinem Auftraggeber erbittert zu feilschen und einen Zusatzverdienst über die Spesenrechnung zu erwirtschaften. Ohnehin reiht sich sein Auftraggeber in die Reihe derer ein, die ihre eigenen Pläne in Sachen Balabomo-Smaragd aushecken.

Der Teufel steckt im Detail

Solidarisch und ehrlich ist nur das Quartett um Dortmunder. Diese kleinen Gauner sind Kummer gewohnt. Allen ist nie der eine Coup gelungen, dessen Erlös es ihnen ermöglichen würde, sich zur Ruhe zu setzen bzw. ehrlich zu werden. Auch dieses Mal dürfen sie sich keineswegs auf einen Anteil freuen, der sich nach dem wahren Wert des Edelsteins bemisst. Iko speist sie mit einem niedrigen fünfstelligen Festhonorar ab und lässt sich jeden Spesen-Cent aus der Nase ziehen. Auf dieser Ebene des Verbrechens ist das trotzdem ein gutes Angebot. Also legt man sich gemeinsam ins Zeug und leistet dabei Beachtliches. Als alles schiefzulaufen beginnt, kann man der Gang theoretisch keinen Vorwurf machen In dieser Welt der Nackenschläge geschieht natürlich das eine so zuverlässig wie das andere. Da Dortmunder & Co. einem schrägen aber soliden Kodex folgen, sind sie bereit, die Verantwortung zu übernehmen und den Raub fortzusetzen. Zuletzt ist es eine Frage der Ehre, den kostbaren Stein zu erwischen: Ein Job ist auch deshalb ein Job, weil er erledigt wird. Das Kapitel Balabomo-Smaragd ist deshalb keineswegs abgeschlossen, als der Roman sein Ende findet. Dortmunder trifft für dessen Zukunft Vorbereitungen, die sein Gesprächspartner bewundernd so kommentiert: „Ich muss mir merken, Sie niemals zu betrügen.“ (S. 269)

Westlake Dortmunder 01 Fuenf schraege Voegel Cover 1971

Cover der dt. Erstausgabe

Zu diesem Zeitpunkt wurden Dortmunder und seine Kumpane von Murphy’s Law so durchgebeutelt, dass man ihren Fatalismus nur bewundern kann. Kleine Ursache – große Wirkung: Westlake füllt dieses Sprichwort mit staunenswertem Leben. Es sind stets nur Kleinigkeiten, die Dortmunders großartige Pläne zunichtemachen. Jeder Schritt wird präzise vorgezeichnet. In der Realität kommt trotzdem der Moment des Stolperns. Schon diese Kettenreaktion sorgt für freudige Unterhaltung. Westlake ist kein Humorist. Er drückt sich nicht absichtlich ‚komisch‘ aus, was ohnehin meist peinlich endet. Faktisch ist ein Dortmunder-Roman so wortknapp, knackig und dabei elegant wie ein Parker-Roman geschrieben. Es fehlen nur die für letzteren typischen brutalen Kampf- und Mordeinlagen. Sie werden ersetzt durch ein Aufschaukeln des Unerwarteten, was Dortmunders Pläne ausdrücklich einschließt. Filigranes Tarnen und Täuschen gipfelt schließlich im Einsatz von Hubschraubern oder Lokomotiven. Selbstverständlich steigt mit dem Risiko das Ausmaß des Scheiterns. Realitätsfern aber tröstlich stellt sich unser Quartett der nächsten Runde.

Westlake hatte ein Erfolgsrezept entdeckt. In den nächsten vier Jahrzehnten verfeinerte es und konnte sich über seine Publikumswirksamkeit freuen. 14 Dortmunder-Romane schrieb Westlake; der letzte erschien nach seinem Tod. In Deutschland konnte sich Dortmunder dagegen nicht durchsetzen. Nur die ersten vier Romane der Serie erschienen – schlimm zusammengekürzt und ihrer Wirksamkeit dadurch beraubt. Nun ist Dortmunder wieder da: endlich komplett, neu und angemessen übersetzt, dazu fest gebunden und mit einem Papierumschlag. Man wagt als Leser kaum zu hoffen, dass Dortmunder hierzulande nunmehr Fuß fasst und weitere Abenteuer korrekt oder gar erstmals erscheinen. Nur so bleibt die Enttäuschung erträglich, wenn es nicht so kommen sollte!

Autor

Donald Edwin Westlake (geb. 1933 in Brooklyn, New York) begann sich in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre als Verfasser von Kurzgeschichten einen Namen zu machen. So hoch war sein literarischer Ausstoß, dass er unter diversen Pseudonymen veröffentlichte. 1960 erschien sein erster Roman. „The Mercenaries“ (dt. „Das Gangstersyndikat“); er ließ Westlakes Talent für harte, schnelle Thriller deutlich erkennen.

1962 betrat Parker, ein eisenharter Berufskrimineller, die Bildfläche. „The Hunter“ (dt. „Jetzt sind wir quitt“/„Payback“) verfasste Westlake als Richard Stark. Bis in die 1970er Jahre veröffentlichte „Richard Stark“ neben vielen anderen Büchern neue Parker-Romane, um sie nach 22-jähriger Pause (!) 1997 wieder aufzunehmen. Wie der bärbeißige ‚Kollege‘ Parker schaffte auch Dortmunder den Sprung ins 21. Jahrhundert.

Neben dem Schriftsteller Westlake gibt es auch den Drehbuchautor Westlake. Nicht nur eine ganze Reihe seiner eigenen Werke wurden inzwischen verfilmt. So inszenierte 1967 Meisterregisseur John Boorman das Parker-Debüt „The Hunter“ als „Point Blank“. 1969 mimte ein noch sehr junger Robert Redford John Dortmunder in „The Hot Rock“ (dt. „Vier schräge Vögel“). 1974 inszenierte Gower Champion „Bank Shot“ (dt. „Klauen wir gleich die ganze Bank!“). Dortmunder spielte – seltsamerweise unter dem neuen Rollennamen „Walter Upjohn Ballentine“ – gewohnt fabelhaft George C. Scott. Paul Le Mat übernahm die Rolle 1982 in „Jimmy the Kid“.

Nach einer fünf Jahrzehnte währenden, höchst produktiven und erfolgreichen Schriftsteller-Karriere dachte Westlake keineswegs an den Ruhestand. Auf einer Ferienreise traf ihn am Silvestertag des Jahres 2008 ein tödlicher Herzschlag. An sein Leben und Werk erinnert diese Website, die in Form und Inhalt an seine Romane erinnert: ohne Schnickschnack, lakonisch und witzig, dazu informativ und insgesamt unterhaltsam.

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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