Halloween

Curtis Richards
Halloween
Der Original-Schocker von John Carpenter

(sfbentry)
Originaltitel: Halloween (New York : Bantam Books, Inc. 1979)
Übersetzung: Wolfgang Crass
Deutsche Erstausgabe: 1985 (Wilhelm Heyne Verlag/Die Unheimlichen Bücher 11/21)
191 S.
ISBN-13: 978-3-453-44075-3

Neu veröffentlicht wurde „Halloween“ in dem Vierfachband „Horror pur“
Deutsche Erstausgabe: Februar 1995 (Wilhelm Heyne Verlag/Heyne Jubiläumsband 58)
832 S.
ISBN-13: 978-3-453-05064-8

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Das geschieht:

Haddonfield, ein kleines Städtchen im US-Staat Illinois, ist die Heimstatt braver Bürger, die das Schicksal in der Halloween-Nacht des Jahres 1978 auf eine harte Probe stellt. Schon einmal hat der Schwarze Mann hier eine Kostprobe seines Könnens geliefert: Am 31. Oktober 1963 war das Böse in den sechsjährigen Michael Myers gefahren. In dieser Nacht, in der die Toten ihre Gräber und böse Geister die Hölle verlassen dürfen, übernahm ein uralter, aus Nordirland angereister keltischer Geist das Kommando über sein Hirn und ließ ihn die große Schwester meucheln.

Sein dämonischer Auftrag hilft Michael über die langen, öden Jahre hinweg, die er in Smith’s Grove, der Anstalt für geisteskranke Kriminelle, schmachten muss. Er entwickelt sich zum Lebensinhalt des Psychiaters Sam Loomis, der bis auf den Grund von Michaels Seele schaut und dort unten Satan winken sieht. Auf Lebenszeit will er Michael in Smith’s Grove eingesperrt wissen, doch leider findet er kaum Unterstützung, was auch daran liegen mag, dass Dr. Loomis ein ungehobelter Fanatiker ist, der den Behörden ob seiner ständigen Eingaben und Warnungen vor dem angeblich vom Teufel besessenen Michael Myers als Querulant gilt. Dieser entwickelte sich zu einem schweigsamen Mann mit erstaunlichen Körperkräften aber ohne Moral und Mitgefühl. Nicht lange nach seinem 21. Geburtstag bricht Michael aus und macht sich auf nach Haddonfield.

Dr. Loomis ahnt sogleich, wohin es seinen Schützling zieht. Den begriffsstutzigen Sheriff nur widerwillig an der Seite, streift er durch das nächtliche Haddonfield, wo ein inzwischen maskierter Irrer zwischen den allgegenwärtigen Halloween-Gauklern gar nicht mehr auffällt. Michaels Auge ist inzwischen mit mordlüsternem Wohlgefallen auf Laurie Strode, süße 17, und ihre jugendlichen Freunde gefallen. Auch diese denken leider immer nur an das Eine und müssen daher bestraft werden – eine Aufgabe, der sich unser Irrer mit der ihm eigenen Kompromisslosigkeit zu widmen beginnt …

Ein Film, der keinen Roman benötigt

„Halloween“, der Horrorfilm von 1978, gehört zu den großen Erfolgen der Kinogeschichte. Seit Jahrzehnten spült er viel Geld in diverse Kassen, ist zeitlos spannend und kann mit Fug und Recht als Kultklassiker seines Genres gelten. Dafür ist weniger die schon damals nicht gerade originelle Geschichte vom blutrünstigen Buhmann, der nicht zu stoppen ist, verantwortlich, sondern ein John Carpenter auf dem Gipfel seiner Fähigkeiten, dem es als Drehbuchautor gelang, die Story virtuos auf das Wesentliche zu beschränken, während er als Regisseur alle Register des Filmhandwerks zog.

Was daraus wurde, wissen wir nur zu gut. Maskierte Munkelmänner schwärmten in Legionsstärke aus, um ansehnlichen Teenagern mehr oder weniger einfallsreich das Lebenslicht auszublasen. Auch Michael Myers wurde zum cineastischen Wiedergänger, der inzwischen bereits im Relaunch eine neue Generation von Gruselfans heimsucht.

Die enorme Popularität des ersten „Halloween“-Streifens scheint das eigene Studio überrascht zu haben. Wie sonst lässt sich erklären, dass das unvermeidliche Buch zum Film erst mit einjähriger Verspätung folgte? Geschrieben hat es Curtis Richards aber offensichtlich sehr viel früher, denn es beinhaltet Szenen aus Drehbuchfassungen, die den Weg in das endgültige Script nicht fanden. Hinzu kommen Episoden, die sich Richards selbstständig aus dem Hirn gewrungen hat, um der wie gesagt simplen Story Tiefe zu verleihen.

Keine Idee aber viele weiße Seiten

Freilich ist dieser Curtis Richards ein jämmerlicher Schriftsteller oder besser Schreiberling, der es sich förmlich zur Aufgabe gemacht hat, gegen sämtliche Regeln zu verstoßen, die eine logische oder wenigstens spannende Geschichte entstehen lassen könnten. So ist es zwar verständlich, wenn er Michael Myers als Individuum zeichnet und mit einer Vergangenheit ausstattet, doch er vergisst darüber, dass diese Figur überhaupt nur funktioniert, so lange sie dem Zuschauer oder Leser fremd und rätselhaft und dadurch unheimlich bleibt.

Nun zu lesen, wie Michael sich in seiner Zelle angeregt mit Dr. Loomis unterhält (!) und diesem enthüllt, dass einst der Geist eines pubertierenden Druiden-Jünglings (!!) Gewalt über ihn gewann, zerstört nachhaltig den Eindruck des untoten Bösen, das einfach nur ist und Unheil über die Welt bringt. Wieso setzte Carpenter seinem Film-Michael wohl eine Maske auf und ließ ihn nie ein Wort verlieren? Auf diese Weise wurde die letzte Verbindung zum Menschen Michael Myers gekappt, der sich in eine Unperson verwandelte. Richards scheut dagegen nicht einmal davor zurück, immer wieder hinter diese Maske zu blicken, uns Michaels Gedanken und Gefühle zu schildern und ihn als Ausgeburt der Hölle gründlich zu entzaubern.

„Halloween“ lebt vom Reiz des nicht Erklärten. In Haddonfield haben sich tatsächlich die Pforten der Hölle geöffnet. Die Konsequenzen sind schlicht und ergreifend furchtbar, und im Film kommt dies auch wunderbar über. Bewegung, Licht & Schatten und die geniale Musik (noch einmal Carpenter) lassen vergessen, dass „Halloween“ nichts als eine Hetzjagd über Tisch und Bänke ist. Insofern hatte Richards natürlich einen schweren Stand, denn auf dem Papier wird diese Eindimensionalität gnadenlos offengelegt. Michael Myers darf keine Persönlichkeit besitzen, und seine Gegner und Opfer benötigen sie nicht.

Strafe muss sein – und sei es der Tod

In einem Punkt weichen Carpenter und – auf den Spuren der Vorlage – notgedrungen auch Richards von diesem Muster ab. Schon die zeitgenössische Kritik war erstaunt, welchen konservativen bis reaktionären Ton ‚Halloween‘ anschlägt. Vom „New Cinema“ der 1970er Jahre keine Spur, stattdessen dominieren Wertvorstellungen erkennen, die ungefiltert den Geist der Fünfziger atmen.

Michael Myers jagt und tötet stets die ‚schlechten‘ Jungs und vor allem Mädchen: jene, die nicht auf ihre Eltern, die Lehrer, den Pfarrer, den Sheriff hören, sondern gegen die Regeln verstoßen, ungehorsam sind, nicht fleißig lernen, sich aufreizend kleiden, schminken, rauchen, haschen oder dem Sex vor der Ehe frönen und – das schlimmste Verbrechen – womöglich Vergnügen daran finden: „Während Lauries Reize bescheiden unter unauffälligen Kleidern und einer eigentlich biederen Frisur versteckt waren, trug Linda hautenge Jeans und Pullover, bunte Bänder im Haar und schrie mit ihrem gesamten Erscheinungsbild praktisch jedem, der es sehen wollte, ‚Hier gibt‘s Sex!‘ zu.“ (S. 76)

Das ist anscheinend ein todeswürdiges Verbrechen in Haddonfield. Die angepassten, vernünftigen, langweiligen Kids kommen dagegen durch, um ihre freudlose Existenz fortsetzen zu können. Tritt uns die hölzerne Laurie Strode nicht in Gestalt der fabelhaften Jamie Lee Curtis, sondern als literarische Figur des Curtis Richards entgegen, ist sie einfach nur unerträglich in ihrem selbstgefälligen Puritanismus. Sie überlebt letztlich, weil sie mit dem Höschen auch das Hirn frei hält und ihr daher im entscheidenden Moment einfällt, wie der aufrechte Amerikaner dem Bösen entgegentritt: schwer bewaffnet und noch brutaler als der Gegner nämlich. Sollte Carpenter dies alles ironisch gemeint haben (wofür keine Indizien sprechen), hat sich dieser Ansatz im Buch zum Film in Luft aufgelöst.

Trauriges Tüpfelchen auf sehr kleinem I

Doch selbst dort, wo Richards sich darauf beschränkt, die Filmstory nachzuerzählen, erleidet er kläglich Schiffbruch. Ihm gelingt es, jegliche Spannung zu töten und die wunderbare, gleichermaßen morbide wie kitschig Halloween-Kulisse links liegen zu lassen.

Allerdings wird er dabei hierzulande kräftig unterstützt von einem geradezu Übersetzer, der nie auch nur das geringste Gespür für den Text erkennen lässt, den er anscheinend Wort für Wort in eine dem Deutschen ähnliche Sprache übertragen hat. Eine schauerliches Lese-Erlebnis fürwahr, aber keines, das für den gewünschten Gruselspaß sorgen könnte!

[md]

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