Hannibal Rising

Thomas Harris
Hannibal Rising

(Hannibal-Lecter-Serie, Bd. 4)

Originaltitel: Hannibal Rising (New York : Delacorte Press/Random House, Inc. 2006)
Übersetzung: Sepp Leeb
Deutsche Erstausgabe (geb.): Dezember 2006 (Hoffmann und Campe Verlag)
349 S.
ISBN-13: 978-3-455-40050-2
Neuausgabe: Juli 2013 (Heyne Verlag/TB Nr. 43741)
352 S.
ISBN-13: 978-3-453-43741-8
Hörbuch-Download (gekürzt): April 2007 (Random House Audio)
280 min. (gesprochen von Matthias Koeberlin)
ISBN-13: 978-3-8371-7439-7
Hörbuch-Download (ungekürzt): April 2007 (Random House Audio)
540 min. (gesprochen von Matthias Koeberlin)
ISBN-13: 978-3-8371-8044-2

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Das geschieht:

Litauen im Winter des Jahres 1945: In seinen letzten Wochen erreicht der II. Weltkrieg auch das Jagdhaus, in dem sich die Familie des Grafen Lecter bisher verbergen konnte. Die Eltern und das Gesinde kommen um, nur Sohn Hannibal und seine kleine Schwester Mischa überleben, bis eine versprengte Gruppe litauischer Nazi-Kollaborateure das Jagdhaus entdeckt und besetzt. Als die Lebensmittel knapp werden, schlachten und fressen die Eindringlinge Mischa. Verzweifelt kann Hannibal fliehen; der hochintelligente Junge wird das Erlebte nie vergessen und schwört den Mördern Rache.

Der im Schock stumm gewordene Hannibal kommt in ein Kinderheim. Dort spürt ihn sein in Frankreich lebender Onkel Robert auf. Der berühmte Maler nimmt ihn auf, aber Hannibals Liebe gilt vor allem seiner Gattin, der Japanerin Lady Murasaki, die ihn zum Sprechen bringt, fördert, als der Onkel stirbt und sogar seine Geliebte wird.

Hannibal hat ihre Unterstützung nötig, denn es zeigen sich bereits erste Anzeichen seiner Mordlust. Mit 13 Jahren bringt er einen Wüstling um, der seine Stiefmutter beleidigt, und erregt das Interesse des Polizeiinspektors Popil, der ihn zwar nicht überführen kann, doch von nun an im Auge behält. Lady Murasaki deckt Hannibal, der allerdings außer Kontrolle gerät, als er die Spur der kannibalischen Schwestermörder aufnehmen kann. Sie zu finden und brutal zu strafen, wird zu seinem Lebensinhalt, dem er die Liebe seines Lebens und seine Menschlichkeit opfert, bis er zu dem Hannibal Lecter wird, den die ebenso entsetzte wie entzückt schaudernde Welt Jahre später als „Hannibal the Cannibal“ kennenlernt. Das Abtöten seiner Gefühle ist der Preis, den Lecter gern zahlt, denn es schützt ihn vor der Erkenntnis, in welchem Ausmaß er Mischa wirklich sein Leben verdankt …

Das lange Warten des Publikums

Armer Thomas Harris! Seit er Hannibal Lecter 1988 in „Das Schweigen der Lämmer“ auf die faszinierte Welt losließ (die 1981 „Roter Drache“, den eigentlichen ersten Teil der Serie, weitgehend unbeachtet gelassen hatte) und Anthony Hopkins (unterstützt von Jodie Foster) ihn im gleichnamigen Filmklassiker unvergessen porträtierte, erwarten sowohl seine Kritiker als auch seine Leser nicht nur Fortsetzungen, sondern vor allem eine Fortführung der Lecter-Saga auf dem Niveau, das primär der Film von Jonathan Demme vorgegeben hat. Niemand hat zwar eine Ahnung, wie so eine Fortsetzung aussehen könnte, aber jeder ‚weiß‘, dass „Hannibal“ von 1999 und erst recht „Hannibal Rising“ von 2006 diese hochgesteckten Erwartungen nicht erfüllten.

Hannibal Lecter ist keine simple Romanfigur mehr, sondern ein Franchise, aus dem viel Geld zu schlagen ist, aber Harris kein Schriftsteller, der den Vorab-Tiraden einer hysterisch hochtourig laufenden Werbung Paroli bieten kann oder will. Er schreibt gewissenhaft, aber vor allem schreibt er langsam. Ein ‚unzuverlässiger‘ Buchlieferant ist gefährlich fürs Geschäft, zumal im modernen Buchgeschäft weniger die Qualität des nach Jahren endlich abgelieferten Werkes, sondern folgende Frage von Bedeutung ist: Lässt sich das scheue Wild, das sich „Kunde“ nennt und über eine notorisch kurze Aufmerksamkeitsspanne verfügt, über einen derartig langen Zeitraum bei der Stange halten?

Es klappt, was weniger daran liegt, dass der Verlag sich auf die Argumentation „Lange Wartezeit = groß(artig)es Werk“ verlegt hat, sondern Harris & Demme (und zwar in dieser Doppelung!) mit Hannibal Lecter eine echte Kultfigur schaffen konnten. Dummerweise hat ihn Harris im Finale von „Das Schweigen der Lämmer“ aus der Isolationshaft entkommen lassen – ein toller Schlussgag, doch leider auch der Verzicht auf ein unersetzbares Element der Spannung: Nie war Lecter eindrucksvoller denn als (scheinbar) Gefangener, der jene, die ihn zu kontrollieren glaubten, manipulierte und ihnen seinen Willen aufzwang. Der befreite Lecter aus „Hannibal“ agiert ohne Beschränkungen und wird einer von vielen Serienkillern, auch wenn er weiterhin recht einfallsreich seinem Job nachgeht.

Zu viel Wissen kann schädlich sein

Zu Recht monieren die Kritiker nun, dass Harris Lecter in „Hannibal Rising“ endgültig ‚entzaubert‘, indem er erklärt, was diesen zum Vorzeigemonster werden ließ. Einerseits stimmt es, andererseits hat man wohl nicht aufmerksam genug gelesen, denn Harris stellt klar heraus, dass Hannibal womöglich auch ohne seine grausigen Kriegserlebnisse zum Serienmörder geworden wäre, weil das eigentliche, schwer oder gar nicht zu definierende „Böse“ mit seiner Geburt in ihn gepflanzt wurde – die Geschichte der Lecters deutet an, dass schon früher Angehörige dieser Familie auffällig wurden …

Ohne die von der Werbung zusätzlich gedüngten Vorschusslorbeeren entpuppt sich „Hannibal Rising“ als wenig originelle aber sauber geplottete Rachegeschichte mit jenem Trashfaktor, der sich meist einstellt, wenn US-Schriftsteller die Nazis ins Spiel bringen. Diese sind so teuflisch, dass man sich das Lachen kaum verbeißen kann. Harris wählt als Bösewichte freilich keine lumpigen „Krauts“, sondern kollaborierende „Hilfswillige“ der Nazis, die üblicherweise & politisch korrekt zu den Opfern des Weltkriegs gezählt und entsprechend verklärt werden. Allerdings hat Harris seine eigene Meinung zum Thema Kollaboration und ihre Folgen, die für das Geschehen von zentraler Bedeutung sind und es über weite Strecken erst ermöglichen.

Die wie gesagt simple Story fesselt durch die Harris-typische Eleganz ihrer Darbietung. Der Mann kann schreiben (und Sepp Leeb übersetzen)! „Hannibal Rising“ mag kein Meilenstein seines Genres sein, doch ist dieses Buch keiner jener inhaltlich schlecht kopierten und hölzern heruntergeraspelten Instant-‚Bestseller‘, die uns ebenso häufig wie dreist angedient werden. Dem Verfasser gelingen Szenen mit ausgeprägt bildhafter Wirkung. In Sachen plakativer Gewalt hält sich Harris dieses Mal zurück – es gibt kein detailliert ausgemaltes Mischa-Schlachtfest oder ähnliche Scheußlichkeiten. Harris deutet an oder wird nur dort explizit, wo es seiner Geschichte nützt.

Dass er diese erzählt und enden lässt, als er es für richtig hält, statt sie auf 500 oder mehr Seiten auszuwalzen, ehrt ihn zusätzlich. (Oder hat ihn der Verlag bedrängt, der nicht noch einmal fünf Jahre auf einen wirklich dickleibigen Roman warten wollte?) Ihm bleibt dennoch Raum für ironische und witzige Anmerkungen sogar im Angesicht des Bösen oder vielmehr des banalen Bösen: „Hannibal Rising“ thematisiert auch die Gier der Kriegssieger, die nicht selten mit den Tätern zusammenarbeiteten, um sich die Taschen zu füllen. Der Schmuggel mit Raubkunst, die Verdrängung von Schuld, das eifrige Ausbrüten neuerlichen Unrechts stecken eine Rahmen ab, vor dem Hannibals Untaten klein wirken – zu diesem Schluss kommt er selbst, und sein Gegner Popil – ein Polizist & Vertreter des Gesetzes! – kann ihm da nicht widersprechen.

Hannibal forever!

Auch Zwerge haben einmal klein angefangen. Wieso sollte dies nicht für prominente Serienmörder gelten? Hannibal Lecter war längst entmystifiziert (s. o.), als die Kritiker wegen „Hannibal Rising“ zu zetern begannen. Bei nüchterner Betrachtung wirkt Lecters Weg in den (organisierten) Wahnsinn durchaus überzeugend. Etwas muss ihn ja ‚eingeschaltet‘ haben, und Rache passt zu der theatralisch-überzogenen Figur, die Hannibal Lecter definitiv ist.

Kein echter Serienkiller verfügt über seine Ausstrahlung, seine Bildung, seinen Charme. Die Realität kann nur krankhaft getriebene Menschen bieten, die brutal und schmutzig morden. Lecter wird oberflächlich nach realen Vorbildern modelliert. Sein geistiger Vater sucht sich aus den Erkenntnissen zahlreicher „Profiler“ heraus, was nach der Montage einen Unhold ergibt, dem man die Daumen drückt. Dabei ist ihm neben dem angedichteten Charisma auch das Glück des zur rechten Zeit Gekommenen hold: Mit Hannibal Lecter begann in den 1990er Jahren der Siegeszug der Serienmörder-Figur, die heute aus der Unterhaltungs- wie aus der Sachbuchliteratur, aus Film und Fernsehen sowie anderen Medien nicht mehr wegzudenken ist.

Zu den weniger gelungenen Einfällen des Verfassers gehört es, Hannibal im Rahmen seiner ‚Ausbildung‘ mit dick aufgetragenen Weisheiten des asiatischen Ostens – hier verkörpert durch Lady Murasaki – zu konfrontieren. Das Klischee scheint deutlich durch. (Harris kann auch nicht des Rezensenten Verdacht entkräften, dass die reichlich zitierten Passagen aus altjapanischer Hochliteratur ihre wertvollen Botschaften mit einem dichten Schwall heißer Luft verbreiten.) Andererseits muss es schon eine exotische Gestalt wie unsere Lady sein, die einen Hannibal Lecter in die Geheimnisse der Liebe einführt!

Das Genie und seine Gegner

Zu den vielen bewährten Elementen, die Harris aus seinen früheren Lecter-Romanen aufgreift  – um es neutral in Worte zu fassen -, gehört die Figur eines überdurchschnittlich fähigen Polizisten, der einerseits über den Grips verfügt, Lecter in echte Gefahr zu bringen, während er gleichzeitig das düstere Geheimnis einer persönlichen Verfehlung hütet. Inspektor Popil übernimmt Hannibals Ansicht, er habe im Krieg soviel Schuld auf sich geladen, dass er des Rechts verlustig gegangen sei, über ihn, Lecter, zu Gericht zu sitzen. In seinen daraus resultierenden Handlungen ist Popil zwar nicht konsequent, aber er fällt nicht durch Lecters moralischen Raster. Deshalb bleibt dieser Ermittler wie später Clarice Starling am Leben & ungegessen.

Echte Schufte lassen sich Harris‘ Lecter-Romanen schnell identifizieren. Sie sind in Erscheinung, Wort und Tat grob und hässlich, was sie nur oberflächlich übertünchen können, sollten sie es zu Macht, Geld und Einfluss gebracht haben. Dies ist sicherlich der Hauptgrund, wieso wir Hannibal Lecter so gern bei seiner ‚Arbeit‘ zusehen: Wen er erwischt, der hat es ‚verdient‘, weil er zu den Starken gehört aber die Schwachen schurigelt. Die litauischen Menschenfresser aus „Hannibal Rising“ gehören auf jeden Fall in diese Kategorie, aber auch einen simplen Drecksack kann es erwischen, wenn er gar keine Ruhe geben will. Entsprechende Gedanken gehen uns selbst oft im Kopf herum, und Harris & Hannibal geben uns, was wir wünschen.

„Hannibal Rising“ – der Film

Ein Problem für das Lecter-Franchise, dem Dollarmillionen in dreistelliger Höhe in die Kassen gespült wurden, ist Harris‘ von Schreibblockaden und Langsamkeit gekennzeichnete Autorenpraxis. Stets liegen Jahre zwischen seinen Büchern, was vor allem in Hollywood ungern gesehen wird, da Harris & Hannibal = kalkulierbare Geldeinkünfte bedeuten. Deshalb ging man 2006 einen neuen Weg: Parallel zum Roman „Hannibal Rising“ arbeitete Harris am Drehbuch zum Film, den Peter Webber inszenierte und flankierend zur Buchveröffentlichung präsentieren konnte: ein marketingtechnisches Meisterstück, das es zwei Medien zeitgleich ermöglichte Gewinne einzuheimsen, bevor die recht ungnädigen Kritiken für Buch und Film sich verbreiteten.

Autor

Thomas Harris wurde 1948 in Jackson im US-Staat Tennessee geboren. Er studierte Englisch an der Baylor University in Waco, Texas, arbeitete aber noch vor seinem Abschluss 1964 für eine örtliche Zeitung als Kriminalreporter. Ab 1968 wurde Harris in New York City für Associated Press tätig. Der Terroranschlag auf das israelische Olympiateam in München (1972) wurde zur Inspiration für Harris‘ Romanerstling „Black Sunday“ (1975; dt. „Schwarzer Freitag“). Das Buch wurde zum Bestseller, wobei die ebenfalls erfolgreiche Verfilmung (1977) hilfreich war.

1981 veröffentlichte Harris mit „Red Dragon“ (dt. „Roter Drache“) den ersten Roman um Hannibal Lecter, den genialen Serienmörder, der aus der Haft heraus den Ermittler, der ihn einst fasste, bei der Jagd nach einem anderen Killer unterstützen soll und dabei sein eigenes Spiel treibt. Michael Mann inszenierte 1986 nach diesem Roman den Film „Manhunter“, der zu den sträflich unterschätzten Klassikern des Psychothrillers gehört. 2002 entstand das Remake „Red Dragon“ mit dem ‚echten‘ Lecter-Darsteller Anthony Hopkins. Er hatte 1990 mit „Hannibal the Cannibal“ in Jonathan Demmes Verfilmung des zweiten Lecter-Thrillers „The Silence of the Lamb“ (dt. „Das Schweigen der Lämmer“) die Rolle seines Lebens gefunden, die er 2001 in „Hannibal“ aufleben ließ.

Thomas Harris überlässt die Gestaltung seiner Website seinem Hausverlag. Das Ergebnis lässt sich hier einsehen und liefert hymnisch-hysterische Buchwerbung, aber kaum Informationen.

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