Hellraiser

Clive Barker
Hellraiser

(sfbentry)
Originaltitel: The Hellbound Heart (London : Century 1986)
Deutsche Erstausgabe: 1992 (Wilhelm Heyne Verlag/Allgemeine Reihe Nr. 8362)
Übersetzung: Ute Thiemann
126 S.
ISBN 3-453-05291-9
Neuausgabe: 2006 (Edition Phantasia/Phantasia Horror 3007)
Übersetzung: Joachim Körber
128 S.
ISBN-13: 978-3-937897-17-2

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Das geschieht:

Die unscheinbare Kirsty liebt den gutmütigen Rory; doch der verehrt nur seine Gattin, die herzlose Julia; diese trauert ihrem Schwager hinterher, dem aufregend-bösem Frank, mit dem sie Rory noch vor der Hochzeit betrog. Wer weiß, was dann geschehen wäre, hätte sich der Schurke nicht aus dem Staub gemacht.

Frank ist freilich gar nicht so weit entfernt von seiner Familie. Seine in Fetzen gerissene Leiche liegt in einer Mauer des großmütterlichen Hauses in der Lodovico Street. Auf einer seiner weiten Reisen entdeckte Frank den Zauberwürfel des Lemarchand, welcher dem, der ihn zu bedienen vermag, den Zugang in eine Welt unbeschreiblicher Lüste öffnet. Dorthin zieht es den verderbten Frank selbstverständlich sehr, doch als er in einer stillen Kammer von Omas Haus besagten Würfel in Gang setzt, finden ihn keine geilen Geister, sondern die dämonischen Zenobiten vom Orden der Wunden, die ihn in ihre Welt ewiger Qualen entführen. Als blutiger Zombie schwebt Frank nun zwischen den Sphären, als ihm wieder einmal unverdient das Glück hold ist.

In das Haus an der Ludovico Street ziehen Rory und Julia Cotton ein. Während der Renovierungsarbeiten verletzt sich der neue Hausherr. Blut sickert durch Ritzen auf die Reste von Franks Leiche. Diese beginnt sich zu regenerieren. Noch ist Frank schwach und abgrundtief hässlich, aber er kann sich Julia erneut unterwerfen. Sie lockt ahnungslose Männer von der Straße in ihr Heim, wo der ghulische Hausgast schon hungrig auf sie wartet.

Allerdings stellten die Zenobiten inzwischen fest, dass Frank ihrer Folterhölle entkommen ist. Sie unterscheiden nicht zwischen Freund und Feind, was für alle Bewohner des Hauses gefährlich wird – den Toten wie die Lebenden …

Sadomaso-Dämonen mit Kultfaktor

In der realen Welt des 21. Jahrhunderts haben die Zenobiten längst ihre mythologische Nische gefunden. Sie wohnen in der Nachbarschaft von Freddy Krueger, Jason Vorhees oder Michael Myers, mit denen sie gewissenhaft zur Nachtschicht ins Filmstudio fahren: Pinhead & Co. gehören zu den viel beschäftigten Serienhelden des modernen Horrorfilms. Neun Teile umfasst der „Hellraiser”-Zyklus inzwischen, und es ist davon auszugehen, dass sich weitere anschließen werden.

Das Fundament dieser blutigen, von wahren Gorehounds heiß geliebten Schlacht- und Folterplatte bildet Clive Barkers schmale Novelle „The Hellbound Heart“, hierzulande erstmals erst fünf Jahre nach dem ersten Film und erst  2006 in ungekürzter Fassung erschienen, was schade ist, denn Barker fand seither selten zur hier bewiesenen Form zurück.

„The Hellbound Heart“ ist noch heute wahrlich alles andere als ein Durchschnitts-Grusler. Das bezieht sich nicht auf die Mord- und Folterszenen; da ist der hartgesottene Fan heute grob Gehacktes gewöhnt. Nein, es ist Barker gelungen, eine gute Idee originell in eine atmosphärisch außerordentlich stimmungsvolle Geschichte umzusetzen. Der vordergründige Horror wird dabei durch die eindringliche Schilderung verlorener, durch ihre unbewältigten Gefühle ins Unglück stürzender Durchschnittsmenschen ergänzt.

Cover der dt. Erstausgabe (Sammlung md)

Figuren jenseits von Gut- und Böse-Klischees

Frank Cotton –  Dreh- und Angelpunkt der Geschichte; einerseits ein Dieb, Lügner, Mörder, andererseits ein Mensch auf der konsequenten Suche nach dem, was er sich wirklich ersehnt: Erfahrungen weit jenseits derer, mit denen der ‚gewöhnliche‘ Zeitgenosse sich bescheidet. Frank ist durch und durch unkonventionell, ein Egoist, aber neugierig und ehrlich bemüht, alles über das Laster zu lernen. Außerdem ist er ein Überlebenskünstler. Selbst in der Vorhölle der Zenobiten gibt er nicht auf, sondern wartet auf seine Chance zu entkommen. Als sie sich ergibt, nutzt er sie konsequent. Wer sollte gegen einen solchen Mann ankommen, selbst wenn er nur aus einem blutigen Knochenhaufen besteht?

Bruder Rory ganz sicher nicht. Er ist einer dieser mit dem Leben zufriedenen Menschen, die Frank so verachtet. Seine geliebte Julia hat ihn geheiratet, im Job läuft es bestens, viele gute Freunde sind da, mit denen man gemütliche Abende verbringt. Der arme Rory hat keine Chance. Bis es zu spät ist, begreift er niemals, was unter seinem eigenen Dach vorgeht.

Kirsty ist sogar noch langweiliger. Sie führt ein graues Leben, leidet unter Minderwertigkeitskomplexen und wohl auch Depressionen. Ihre heimliche Liebe zielt nicht einmal auf den wirklichen Rory, sondern auf das Idealbild, das sie sich von ihm macht. Andererseits überrascht Kirsty als Kämpferin; als sie den Zenobiten in die Hände zu fallen droht, zögert sie keine Sekunde, ihnen stattdessen Frank vorzuwerfen. Sie wird als einzige das finale Massaker überleben und sogar zur Hüterin des Zauberwürfels aufsteigen.

Julia ist sicherlich die interessanteste Person unserer Geschichte. Sie ist weniger kalt als wie Frank unzufrieden: mit dem Leben, vor allem aber mit Rory. Julia hungert nach Aufmerksamkeit und möchte die Fesseln ihrer bürgerlichen Existenz abstreifen, koste es was es wolle, und das lässt sie für Frank zum idealen Opfer werden. Julia wird zur Mörderin, bis sie schließlich wiederum betrogen wird: eine fast tragische Gestalt, wie Frank Cotton eine Gefangene ihrer eigenen Leidenschaften, deren Untergang daher unabwendbar ist.

Noch durch Abwesenheit glänzt übrigens Ober-Zenobit „Pinhead“ alias Captain Elliot Spencer; Barker erwähnt ihn zwar kurz, aber zur Kultfigur machte er ihn erst im „Hellraiser“-Film von 1987.

„Hellraiser“ – die Filme

1987 inszenierte Barker nach eigenem Drehbuch „Hellraiser“ und schuf einen modernen Klassiker des Horrorfilms. Sein handwerkliches Geschick als Regisseur und die weitgehende Kontrolle, die er über sein eigenes Werk ausüben konnte, brachte ein auch heute noch eindrucksvolles Werk zu Stande. Die Story wird spannend erzählt, optisch lässt sich Barker keine Fesseln anlegen. (Achtung: Niemals „Hellraiser“ in der stümperhaft kastrierten Kindergarten-Version deutscher Fernsehsender anschauen!) Sogar die Musik ist keine akustisch-elektronische Belästigung, sondern melodisch und suggestiv. Für den Film verjüngte Barker Kirsty und verwandelte sie in Rorys leibliche Tochter, was wesentlich besser funktioniert.

Natürlich kehrte Frank zurück; „Hellbound: Hellraiser II“ (1988) zeigt seinen neuerlichen Versuch den Zenobiten zu entkommen. Julia schließt sich ihm dabei an. Das Ergebnis ist noch gewalttätiger, noch blutiger als Teil 1, aber – Clive Barker überließ dieses Mal den Regiestuhl Tony Randel und verfasste nicht einmal das Drehbuch – ein Horror-Sequel ohne die Faszination des Originals, wenn auch noch einmal sehr unterhaltsam, bevor mit Teil III der Niedergang der Serie eingeläutet wurde, die nur reine Franchise-Gier am (Schein-) Leben erhält.

Autor

Clive Barker wurde am 5. Oktober 1952 in der Beatles-Stadt Liverpool geboren – offenbar ein Wunderkind, das seinen bürgerlichen Eltern Rätsel aufgab ob seiner Vorliebe für das Theater und die eher Abgründe der menschlichen Existenz. Schon in jungen Jahren schrieb und inszenierte Barker düstere, surrealistische, überspitzt blutige Stücke im Stil des Grand Guignol – eine Arbeit, die er nach seinem Studium (Englische Literatur und Philosophie) professionell fortsetzte.

Noch vor der Literatur entdeckte Barker den Film. „The Hellbound Heart“ basiert auf dem schwarzweißen Kurzfilm „The Forbidden“, den er als Student zwischen 1975 und 1978 drehte. Dann verfasste Barker die 1984 veröffentlichten sechs „Books of Blood“, die ihm schlagartig den Durchbruch brachten. Klassische Themen (Geister, Vampire, Werwölfe, Spukhäuser etc.) wurden modern und höchst unkonventionell durchgespielt. An Drastik sparte der Verfasser nicht, wofür er als einer der Gründerväter des (kurzlebigen) Splatterpunks gefeiert wurde. Mit eindrucksvollen Romanen wie „The Damnation Game“ (1985, dt. „Spiel der Verdammnis“) oder „Cabal“ (1988, dt. „Cabal – Brut der Nacht“) festigte er seinen Ruf.

Aber Barker ließ sich nicht in eine Schublade zwingen. Geschichten wie „The Great and Secret Show“ (1989, dt. „Jenseits des Bösen“), „Weaveworld“ (1987, dt. „Gyre“ bzw. „Gewebte Welt“), „Imajica“ (1991, dt. „Imagica“) oder „Galilee – a Romance“ (1998, dt. „Galileo“) spielen auf einer parallelen Erde, die der unseren zwar sehr ähnelt, aber gleichzeitig über ‚Tore’ in eine magisch-mythologische Überwelt verfügt: moderne Fantasy, die überquillt vor faszinierenden Ideen, jedoch leider ein Grundübel des Genres, die auswalzende Geschwätzigkeit, übernimmt und in ganz neue Dimensionen trägt. Mit „The Thief of Always“ (1994, dt. „Das Haus der verschwundenen Jahre“) und der „Abarat“-Serie (ab 2002) schrieb der weiterhin erfreulich unberechenbare Barker freilich hervorragende Fantasy für Jugendliche (aber auch für neugierig gebliebene Erwachsene).

Clive Barkers Website

[md]

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