James Bond 007: Leben und sterben lassen

Ian Fleming
James Bond 007: Leben und sterben lassen

(James Bond 007, Bd. 2)

Originaltitel: Live and Let Die (London : Glidrose Productions Ltd. 1955)
Deutsche Erstausgabe: 1961 (Ullstein Verlag/Ullstein Kriminalroman 822)
Übersetzung: Günter Eichel
175 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: Mai 2003 (Wilhelm Heyne Verlag/Allgemeine Reihe 13850)
Übersetzung: Günter Eichel
272 S.
ISBN-10: 3-453-87036-0
Neuausgabe: September 2012 (Cross-Cult Verlag/Die James-Bond-Bibliothek 02)
Übersetzung: Stephanie Pannen/Anika Klüver
352 S.
ISBN-13: 978-3-86425-072-9
eBook: September 2012 (Cross-Cult Verlag)
818 KB
ISBN-13: 978-3-86425-073-6
Hörbuch-Download: November 2012 (Audible Verlag)
286 min. (gekürzt; gelesen von Oliver Siebeck)
Hörbuch-Download: November 2012 (Audible Verlag)
458 min. (ungekürzt; gelesen von Oliver Siebeck)

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Das geschieht:

Buonaparte Ignace Gallia, genannt „Mr. Big“, ist der farbige Al Capone von New York. In Afrika geboren und auf Haiti aufgewachsen, hat sich der charismatische Mann zum Herrn der Unterwelt aufgeschwungen. Handlanger findet er unter der schwarzen Bevölkerung, die er sich mit Terror und Schwarzer Magie gefügig macht. Die Behörden blieben bisher machtlos, aber jetzt mischt sich der Geheimdienst ein: Mr. Big verdingt sich als Agent der Sowjetunion und lässt seine Organisation für die roten Feinde der freien Welt arbeiten.

Außerdem hat Mr. Big, der auch in der Karibik einen Stützpunkt unterhält, auf der Insel Jamaica offenbar den Schatz des Piratenkapitäns Morgan gefunden. Große Mengen wertvoller Goldmünzen aus dem 18. Jahrhundert tauchen seit einiger Zeit in den USA auf; ihr Verkauf mehrt das Kapital, das Mr. Big zur Agitation gegen den Westen einsetzen kann.

Da Jamaica in diesem Jahr 1955 eine britische Kolonie ist, arbeitet der Secret Service mit dem US-Geheimdienst zusammen. „M2 schickt seinen besten Mann: James Bond, Agent 007 mit der Lizenz zum Töten, der nach seiner Genesung darauf brennt, sich an den Sowjet-Schergen für erlittene Qualen (vgl. „Casino Royale“) zu rächen.

In New York trifft Bond seinen amerikanischen Kollegen und Freund Felix Leiter. Das Duo stellt fest, dass Mr. Big längst über seine Gegner informiert ist. Er stellt Bond und Leiter teuflische Fallen, denen diese nur arg lädiert entkommen können. Dabei bedient sich Mr. Big der schönen Simone Latrelle, genannt „Solitaire“, deren Hellsichtigkeit schon viele Attacken auf sein kriminelles Imperium vereitelt hat.

Solitaire hat genug von ihrem finsteren Herrn. Sie lernt Bond kennen, verliebt sich sogleich und flieht mit ihm nach Florida. Der erzürnte Mr. Big lässt Solitaire entführen. Bond will sie befreien und auf Jamaica seinen Feind stellen. Doch Mr. Big verbirgt sich in einer Inselfestung, die von Haifischen, Wilden und Voodoo-Dämonen bewacht wird …

James Bond wächst in 007s Schuhe hinein

„Leben und sterben lassen“ – der Titel zitiert James Bond, der den Umgang mit den Schergen der sowjetischen Terrortruppe „Smersch“ beschreibt – ist das zweite 007-Abenteuer. Zwei Jahre ließ sich Ian Fleming Zeit für die Niederschrift. Wie sich herausstellt, hat er sie gut genutzt. Im Vergleich zum Erstling „Casino Royale“ ist dies das um Längen bessere Buch. Es gibt eine richtige Handlung, zwar schon deutlich überzeichnet und realitätsferner als Bonds Einsatz in Frankreich, dafür aber viel unterhaltsamer. Das ist gut so, denn nicht einmal mit Wohlwollen betrachtet wirkt Mr. Bigs Schreckensregiment glaubhaft. Als theatralische, überlebensgroße Bedrohung erfüllt er aber seinen Zweck.

Das Tempo hat im Vergleich zu „Casino Royale“ angezogen, das Spielfeld hat sich vergrößert. Quer durch Nord- und Mittelamerika geht die wilde Jagd, die immer wieder durch Entführungen, wüste Schießereien und spektakuläre Mordanschläge unterbrochen wird. Fleming ist mutiger geworden, inszeniert nun wirklich Action. Filmreif ist die große nächtliche Schlacht in Mr. Bigs Lagerhaus; zwischen Fischen, Würmern und anderem bissigen oder giftigen Meergetier liefern sich Bond und seine Häscher eine aquarienerschütternde Schlacht auf Leben und Tod. Ähnlich eindrucksvoll schildert Fleming Bonds nächtlichen Tauchgang durch die haifischverseuchten Tropengewässer von Jamaica.

Auch in Sachen Gewalt schaltet „Leben und sterben lassen“ mehrere Gänge hoch. Erneut muss Bond eine detailreich beschriebene Folterung über sich ergehen lassen, die er seinen Gegnern gleich mehrfach sowie mit doppelter Brutalität heimzahlt. Anders als im Film bleibt die Doppelnull-Lizenz kein nebulöses Versprechen: Flemings Bond nutzt sie im Notfall rücksichtslos und ohne Erbarmen (und ohne ‚lustige‘ Witzchen).

Karibische Abenteuer

Sehr ausführlich schildert Fleming wieder Land und Leute. Die Erfahrungen eines Briten in den Vereinigten Staaten, die Bond stellvertretend für seinen geistigen Vater erlebt und manchmal durchleidet, beschreiben die USA vor fast fünf Jahrzehnten und sind oft amüsant, weil Fleming aus einer gewissen Reserviertheit den ‚abtrünnigen Kolonisten‘ gegenüber keinen Hehl macht. Freilich übertreibt er es; manchmal meint man einen Reiseführer zu lesen, was der eigentlichen Geschichte nicht zu Gute kommt.

„Leben und sterben lassen“ lässt nicht mehr los, sobald sich das Gefecht mit Mr. Big nach Jamaica verlagert und unter und auf dem Wasser seinen explosiven Höhepunkt findet. Dass Ian Fleming seine Wahlheimat Jamaica über alles liebte, weiß der Leser, sobald sich die Handlung auf diese Insel verlagert. Sie nimmt vor dem geistigen Auge plastisch Gestalt an. Fleming kannte sich in karibischer Geografie, Geschichte oder Gesellschaft sehr gut aus. Das war nicht nur angelesen, sondern zum großen Teil selbst erlebt.

Der ‚echte‘ James Bond

James Bond bleibt auch in „Leben und sterben lassen“ eine Figur, die sich vom Kino-007 stark unterscheidet. Er ist härter, kühler und rücksichtsloser, kein Abenteurer, sondern ein Profi mit einer Mission – die Jagd auf den sowjetischen Erzfeind, bei der er keinerlei Spaß versteht. Ein paar Ecken und Kanten hat Fleming nichtsdestotrotz abgeschliffen. Der völlige körperliche und geistige Zusammenbruch, den der böse Le Chiffre Bond in „Casino Royale“ bescherte, ist überwunden. 007s Racheschwüre auf den ersten Seiten wirken eher wie eine Pflichtübung. Selbstzweifel oder gar Selbstmordgelüste treiben Bond in „Leben und sterben lassen“ nicht mehr um.

Solitaire übernimmt die in der 007-Welt eher undankbare weibliche Hauptrolle. Ein hirnleeres „Bond-Girl“ wie im Kino ist sie zwar nicht aber dennoch primär schön und ein wenig geheimnisvoll, weil sie in die Zukunft blicken kann. Besondere Vorteile zieht sie daraus indes nicht, sondern bleibt stets passives Opfer ihrer jeweiligen Herren – der bösen wie Mr. Big, aber auch der guten wie James Bond.

Mr. Big selbst gehört zu den megalomanischen Schurken, die Ian Fleming so nachdrücklich in die literarische Welt setzte. „Leben und sterben lassen“ ist ein Roman aus dem Jahre 1955. Nie wird dies so deutlich wie in der Darstellung der farbigen Handlungsträger. Wir wollen an dieser Stelle nicht in das Horn der zwanghaft politisch Korrekten stoßen und darüber wettern, dass der (oder das) Erz-Böse hier schwarz ist. Wieso denn nicht, muss die Antwort darauf lauten, zumal Fleming Mr. Big mit der Intelligenz und dem Charisma ausstattet, die einem Gangster seines Formats zukommen. Auch dass Big merkwürdig anzuschauen ist, sollte Fleming nicht angekreidet werden. Er wollte nicht die Furcht vor dem „bösen schwarzen Mann“ schüren, sondern durch die comichaft verzerrte Überzeichnung einen interessanten Bösewicht schaffen.

Im Stil der Zeit

Nichtsdestotrotz ist Fleming ein Gefangener seiner Epoche, wenn er sich „unter die Schwarzen“ begibt. Diese scheinen in einem abgeschlossenen Kosmos und nach eigenen, archaisch anmutenden Regeln zu leben. Es hat durchaus chauvinistische, womöglich sogar rassistische Züge, wenn Fleming eine amerikaweite schwarze Subkultur konstruiert, deren Mitglieder (per Buschtrommel?) stets über alles informiert ist, was sie betrifft. Mit Voodoo und Aberglauben lassen sie sich disziplinieren und manipulieren und bilden deshalb eine stille Bedrohung für (weißes) Recht und Ordnung.

Zwar betont Fleming gleich mehrfach, dass 9 von 10 „Schwarzen“ anständige Staatsbürger mit den üblichen Hoffnungen und Wünschen seien, aber man meint einen gönnerhaften bzw. patriarchalischen Unterton herauszuhören, zumal für Fleming ganz selbstverständlich zu sein scheint, dass sich seine farbigen Mitmenschen auf dieser Welt mit den untergeordneten Positionen bescheiden: Sämtliche „Neger“ sind Dienstleute, Zugschaffner oder Hotelpagen. Nur Mr. Big und seine Bande bilden eine Ausnahme – und die sind Verbrecher: ein zweifelhafter ‚Ausweg‘.

Autor

Ian Fleming (1908-1964) war ein typisches Oberschicht-Gewächs des spätimperialistischen Großbritannien. Erstklassige Schulbildung (Eton) und die sprichwörtliche „steife Oberlippe“ zeichneten ihn aus, gleichzeitig war er ein Individualist, dessen Lebensweg gleich mehrere Skandale säumten. Im II. Weltkrieg lernte Fleming als Mitarbeiter des Marine-Geheimdienstes die geheimnisvolle Halbwelt kennen, die er später so effektvoll zu dramatisieren wusste. Einige wagemutige Kommandounternehmen im Mittelmeer werden ihm zugeschrieben.

Den Globus bereiste Fleming schon vor dem Krieg als Journalist (u. a. in Moskau) und nach 1945 als Auslandskorrespondent der „Sunday Times“. Er zog die Sonne dem englischen Regen vor und ließ sich an der Nordküste der damals noch britischen Inselkolonie Jamaica nieder. Dort begann er ab 1953 die James Bond-Thriller zu schreiben; es wurden bis 1964 insgesamt zwölf (plus zwei Kurzgeschichten-Sammlungen).

Nach 1960 begann Flemings Gesundheit zu verfallen. Er weigerte sich, seinen Lebensstil zu ändern, d. h. seiner Herzkrankheit entsprechend zu leben. Folgerichtig erlag er am 12. August 1964 einem Infarkt, aber immerhin stilvoll auf dem Royal St. George’s Sandwich-Golfplatz in Kent, der schon Goldfinger zum Verhängnis geworden war.

Über Leben und Werk informiert u. a. diese Website.

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