K-19 und die Geschichte der russischen Atom-U-Boote

Peter Huchthausen
K-19 und die Geschichte der russischen Atom-U-Boote

Originaltitel: K 19: The Widowmaker. The Secret Story of the Soviet Nuclear Submarine (Washington, D. C. : National Geographic 2002)
Übersetzung: Christiane Gsänger
Deutsche Erstausgabe (geb.): 2002 (G+J/RBA/National Geographic)
244 S.
ISBN-13: 978-3-934385-88-7

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Inhalt:

Im Juli des Jahres 1961 kommt es auf dem sowjetischen Atom-U-Boot „K-19“ zu einem schweren Reaktorschaden. Die Energiequelle droht sich buchstäblich durch den Rumpf zu schmelzen, massive radioaktive Strahlung tritt aus. Kommandant Nikolai Sarejew muss improvisieren und seine Leute quasi mit bloßen Händen in den verstrahlten Reaktorraum schicken. Die dramatische Rettungsaktion gelingt, doch viele Männer bezahlen dafür mit ihrer Gesundheit oder sogar mit dem Leben. Von Marine und Regierung wird das dramatische Ereignis totgeschwiegen. Sarejews kritische Worte zum Zustand seines Bootes und der sowjetischen Marine werden unterdrückt.

Nach dem Untergang der UdSSR öffneten sich die russischen Archive. Marine-Fachmann Peter Huchthausen, der den Sowjets erst als Gegner gegenüber- und dann als Berater zur Seite stand, hat diese Gelegenheit – Näheres dazu weiter unten – genutzt und die Geschichte der Sowjetmarine unter die Historikerlupe genommen. Dabei dienen ihm Havarien, Unfälle und Katastrophen als Marksteine zur Darstellung historische Entwicklungen.

Huchthausen beginnt mit einem Blick auf die Jahre nach 1945. Den Zweiten Weltkrieg hatten die Sowjets gewonnen, doch die Verheerungen waren gewaltig. Gleichzeitig wuchs der technologische Vorsprung des einstigen Verbündeten USA, der rasch zum militärischen Gegner wurde. Großartige Hafen- und Werftanlagen sollten in Rekordzeit entstehen, eine gewaltige, moderne Schiffs- und U-Boot-Flotte gebaut werden, um Leistungskraft, Überlegenheit und Wehrbereitschaft der Sowjetunion zu demonstrieren. Hastig wurde in Größenordnungen gebaut und geplant, die schlicht realitätsfern waren. Technisch unausgereift und schlecht erprobt waren vor allem die U-Boote, die mit unzureichend ausgebildeten Mannschaften in die Weltmeere geschickt wurden. Hinzu kamen Inkompetenz in den Reihen der Marineführung, Schlendrian in der Fertigung und mangelhafte Fachkompetenz in der Wartung.

Einen Quantensprung in Sachen Risiko & Katastrophen erlebten die Sowjets, nachdem sie mit den USA ein atomares Wettrüsten begannen. Die Atomkraft ist schwer zu entfesseln aber noch schwieriger einzudämmen, wenn sie außer Kontrolle gerät. Huchthausen beschreibt, wie in den 1950er und 60er Jahren eine ganze Flotte eigentlich seeuntüchtiger U-Boote entstand, die mit ähnlich unzuverlässigen Atomraketen bestückt wurden. Folgerichtig kam es zu gefährlichen und tragischen ‚Zwischenfällen‘, nach denen diverse Meeresböden mit verlorenen Superwaffen und geborstenen U-Boot-Rümpfen gepflastert waren. Huchthausen geht in diesem Zusammenhang auf das fahrlässige Verhalten der sowjetischen Schiffbaubehörden und der Marineführung ein, die mit dem starren Blick auf die Fortschritte der westlichen = ‚feindlichen‘ Marine/n die Verluste von Menschen und Maschinen ignorierten und den eingeschlagenen Irrweg beibehielten.

Der Kreis schließt sich mit einem deprimierenden Blick auf das Erbe des Kalten Kriegs. Die sowjetische U-Boot-Flotte wurde drastisch reduziert, aber die alten Schiffe hat man nicht fachmännisch abgewrackt, sondern einfach stillgelegt. Man lässt sie in Nothäfen verrotten, versenkt gar atomaren Müll in der Tiefsee, wo er noch Äonen strahlen wird. Gleichzeitig macht Huchthausen am Beispiel der 2000 versunkenen „Kursk“ deutlich, dass die russische Marine die alten Sünden der Sowjetunion weiterhin pflegt und sich mit weiterhin miserabel konstruierten U-Booten den Anschein einer Weltmacht zu geben versucht.

Lästige Lasten der Vergangenheit

„K-19: The Widowmaker“ (dt. „K-19 – Showdown in der Tiefe“), ein 2002 in die Kinos gebrachter Spielfilm, wurde zum Anlass für dieses Buch. Auf den sonst üblichen „Roman zum Film“ verzichteten Regisseurin Kathryn Bigolow und ihr Studio. Stattdessen erschien ein Sachbuch; eine angenehme Abwechslung zur üblichen & überflüssigen Nacherzählung der Filmhandlung, zumal „K-19“ zwar als gelungener Film gilt, jedoch die historischen Tatsachen dramatisch auf Hollywood-Art überspitzt und damit verwässert.

Huchthausens Buch wurde von der National Geographic Society veröffentlicht. Die unterhaltsame Vermittlung von Wissen wird hier nicht als anrüchig betrachtet. „K-19“, das Buch, wird deshalb mit einem ‚Teaser‘ eingeleitet, der die Leserschaft in seinen Bann ziehen soll. „4. Juli 1961, an Bord der ‚K-19’“, ist das Vorwort betitelt. Huchthausen zwingt sein Publikum sogleich in den Brennpunkt des Geschehens, die Reaktorkrise an Bord des U-Boots. Der Bericht bricht (erst einmal) genau dort ab, wo die Situation für Schiff und Mannschaft unhaltbar geworden scheint.

Dann beginnt Huchthausen mit einem chronologisch gegliederten Rückblick. Das K-19-Geschehen bleibt dabei präsent. Der Verfasser hat sein Buch quasi um die Erinnerungen des Kommandanten Sarejew geschrieben, die er immer wieder in langen Passagen zitiert. Sarejews Aufzeichnungen blieben viele Jahre unbekannt, unterdrückt von der sowjetischen Zensur. Kein Wunder, denn der erfahrene Seemann beschränkte sich nicht auf eine Darstellung des Unfalls, sondern schloss eine ausführliche Analyse an, in welcher er kritisch und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen die Schwachpunkte der Marine und ihre Verursacher beim Namen nannte. Wo es möglich ist, lässt Huchthausen diesen wichtigen Primärzeugen sprechen. Er unterfüttert Sarejews Worte mit selbst recherchierten Informationen. Es entsteht ein Gesamtbild aus (sowjetisch-) russisch/US-amerikanischer Sicht, das zum ersten Mal beide Seiten berücksichtigt.

Der Kalte Krieg ganz heiß

Wenn Huchthausen in zweiten Teil seines Buches auf die U-Boot-Geschichte der UdSSR nach 1961 eingeht, kann er sich auf eigenes Wissen stützen. Er hat in der US-Marine gedient und war als Attaché mehrere Jahre in Moskau stationiert. Interessant ist seine These, hinter dem Kalten Krieg habe auch oder vor allem das US-Konzept gesteckt, die Sowjetunion zu einem Wettrüsten zu zwingen, der diese schließlich in den wirtschaftlichen Ruin und dann in den politischen Zusammenbruch getrieben habe. Falls dies der Wahrheit entspricht, war dieser Plan in Anbetracht der Folgen geradezu kriminell, denn der Kalte Krieg hat ein heißes Erbe hinterlassen.

In einem letzten Buchteil, der an Brisanz die „K-19“-Episode weit übertrifft, erinnert Huchthausen an den laxen Umgang der Sowjets bzw. Russen mit den radioaktiven Resten ihrer gar nicht so glorreichen militärischen Vergangenheit. Verseuchte Reaktoren und Maschinenteile wurden einfach ins Meer gekippt oder vergraben. Geld für eine dringend erforderliche sachgerechte Entsorgung ist nicht vorhanden oder wird nicht freigegeben. Russland spielt auf Zeit; der Westen soll die Zeche zahlen. Ansonsten kümmert man sich nicht um die vielen atomaren Zeitbomben und riskiert achselzuckend mögliche Katastrophen. Hier liest man sehr genau, denn Huchthausen nennt Rösser & Reiter und zerstreut den Schwurbelnebel, den auch westliche Politiker gern über dieser Problematik niedergehen lassen; schließlich will man es sich mit den neuen russischen Machthabern wirtschaftlich nicht verderben!

„K-19“ erschien im Sommer des Jahres 2002. Der Verfasser konnte das „Kursk“-Desaster, das 118 Menschenleben forderte, in seine Darstellung einbeziehen. Geändert hat sich in den seither verstrichenen Jahren nichts. Der Atommüll gammelt weiter, die Verantwortung für seine Entsorgung wird wie gehabt hin- und her geschoben. Im August 2003 sank mit der „K-159“ ein 40 Jahre altes, ausgemustertes Atom-U-Boot mit neun Matrosen an Bord in der Barentssee. Zwei Jahre später wurde die Bergung des Forschungs-U-Bootes „AS-28“ vor der Halbinsel Kamtschatka zu einer peinlichen Blamage für die russische Marine, die Marinekommandeur Admiral Wladimir Kurojedow den Posten kostete. Verdrängen, Vertuschen, Ignorieren: Die Mechanismen, die Peter Huchthausen so plastisch zu beschreiben weiß, sind weiterhin aktiv. Insofern ist sein Buch nicht veraltet, auch wenn man es nur noch antiquarisch erwerben kann. Die Lektüre lohnt, obwohl sie auch deprimiert, belegt sie doch ein weiteres Mal alle geflügelten Worte über die Dummheit des Menschen.

„K-19“ – der Film

Dieses Buch beschließt ein Nachwort der US-amerikanischen Filmemacherin Kathryn Bigelow. Sie stieß Mitte der 1990er Jahre auf die autobiografischen Aufzeichnungen des Nikolai Sarejew und erkannte darin das dramatische Potenzial für einen actionreichen Film mit Botschaft. Bigelow berichtet von umfangreichen Nachforschungen über das eigentliche Geschehen, die sich zu einer Darstellung der sowjetischen Marinegeschichte aus einem bisher kaum bekannten Blickwinkel entwickelte. Bigelow engagierte Peter Huchthausen als technischen Berater für ihren Film „K-19: The Widowmaker“ (dt. K-19: Showdown in der Tiefe“), der 2002 (mit Harrison Film und Liam Neeson in den Hauptrollen) in die Kinos kam.

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Dt. Plakat zum Kinofilm 2002

„K-19“, ein gebundenes Buch mit schmuckem Halbleineneinband und Lesebändchen, präsentiert eine schwarz-weiße Fotostrecke mit zeitgenössischen und seltenen Bildern historischer Sowjet-U-Boote und Mannschaften; für manchen Seemann, der vor Jahrzehnten sein Leben für Schiff & Kameraden opferte, ist dies eine erste öffentliche Anerkennung, denn ‚daheim‘ wurde den strahlenkranken Helden nicht selten eine Geisteskrankheit in ihre Papiere eingetragen; das strahlende Schild der „Atommacht UdSSR“ durfte keine Flecken bekommen.

Eine zweite Fotostrecke präsentiert – in Farbe – Szenenfotos aus dem „K-19“-Film von Kathryn Bigelow. Einen Informationswert besitzen sie nicht; sie sollen vermutlich schwankende Käufer locken, die sich vor einem Sachbuch fürchten und durch den Anblick von Harrison Ford beruhigt werden.

Autor

Peter A. Huchthausen (* 25. September 1939), Captain der US-Navy im Ruhestand, diente in seiner aktiven Zeit im Rahmen der U-Boot-Abwehr auf diversen Zerstörern und war in die Rettung bzw. Bergung des US-Unterseeboots „Thresher“ involviert. Er kommandierte im Vietnamkrieg eine Patrouillenbootflotte auf dem Mekong, arbeitete in verschiedenen Planungsstäben als Spezialist für U-Boot-Fragen. In Jugoslawien und Rumänien sowie Moskau (1987-1990) war er im auswärtigen Dienst. Nachdem Huchthausen 1990 in den Ruhestand getreten war, kehrte er nach Moskau zurück und verfasste unter Nutzung seiner Kontakte und seiner Landeskenntnis diverse Sachbücher, die sich mit der Militärgeschichte des Kalten Kriegs beschäftigten, wobei maritime Themen im Vordergrund standen.

Am 11. Juli 2008 ist Huchthausen in der französischen Normandie gestorben, wo er im Städtchen Amfreville ein „Bed & Breakfast“ führte.

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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