Pale Rider – Der namenlose Reiter

Alan Dean Foster
Pale Rider – Der namenlose Reiter

Originaltitel: Pale Rider (New York : Warner Books 1985)
Übersetzung: Joachim Honnef
Deutsche Erstausgabe: Januar 1985 (Wilhelm Heyne Verlag/Heyne Allgemeine Reihe 01/6596)
224 S.
ISBN-13: 978-3-453-02275-1

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Das geschieht:

Kalifornien um 1860: Im Carbon Creek, einem der vielen Flussläufe, die sich in die Hänge der Sierra Nevada eingegraben haben, sucht eine verschworene Schar von Glücksrittern nach Gold. Bisher sind große Funde ausgeblieben, doch man harrt in Armut aus, zumal Hull Barrett, der Sprecher der Gruppe, immer wieder den Gemeinschaftsgeist beschwört und zum Durchhalten aufruft.

Zusätzlich werden die Männer und ihre Familien hart vom Unternehmer Coy Lahood bedrängt, Der hat die Canyons der Region mit seiner hydraulischen Wasserkanone ausgebeutet und dabei zerstört. Nun denkt die Regierung darüber nach, solchen Raubbau zu verbieten. Bevor ein entsprechendes Gesetz erlassen wird, will Lahood noch den Carbon Canyon ‚ausräumen‘. Zuvor müssten die Digger ihre Claims räumen, wobei Lahood nachzuhelfen gedenkt. Er lässt seine Schläger die Goldwäscher terrorisieren, die schon aufgeben wollen, als ein Wunder geschieht.

Ausgelöst hat es die 15-jährige Megan Wheeler. Nachdem ihr Lahoods Leute den Hund erschossen hatten, betete sie um einen Retter. Er erscheint in Gestalt des namenlosen „Predigers“, der sich den Strolchen in den Weg und Barrett an die Seite stellt. Die Goldsucher schöpfen neuen Mut. Lahood läuft die Zeit davon. Er heuert „Marshall“ Stockburn an, der sich und seine sechs Revolvermänner als rechtlich legitimierte Mietmörder vermarktet.

Im Carbon Creek scheint alles verloren, zumal der „Prediger“ plötzlich spurlos verschwindet. Aber Lahood und Stockburn haben die Rechnung trotzdem ohne ihn gemacht, der noch eine ganz besondere Rechnung mit dem „Marshall“ offen hat und zum rechten Zeitpunkt zurückkehren wird …

Erfreuliche Ausnahme von einer unschönen Regel

Bücher zum Film sind dem Leser selten eine Freude. Wer darauf hofft, die Stimmung eines unterhaltsamen Kinobesuches wieder aufleben zu lassen oder offene Fragen beantwortet zu bekommen, wird viel zu oft mit dem lieblos zum Roman umgemodelten Drehbuch abgespeist. Diese Arbeit übernehmen meist minder begabte aber schnell und billig arbeitende Autoren, deren Namen das Merken nicht wert sind.

Alan Dean Foster gehört nicht zu ihnen. Er ist ein Schriftsteller, der auf ein umfangreiches und eigenständiges Werk blicken kann. Große Literatur ist dabei nie entstanden, doch Science Fiction und Fantasy verdanken ihm viele lesenswerte und erfolgreiche Titel.

Als Verfasser von „tie-ins“, wie Filmromane genannt werden, beschränkt sich Foster nicht auf „Dienst nach Vorschrift“. „Pale Rider“ ist ein Roman, der auch ohne Kenntnis der Filmvorlage mit Genuss gelesen werden kann. Die Story wird dort durch flüssig in das Geschehen eingebaute Passagen erweitert, wo das nun fehlende Bild keine Klärung bringen kann. Sparsam setzt Foster historische Fakten als Pfosten ein, an denen er die Geschichte verankert. Die Schürfer vom Carbon Creek werden auf diese Weise in den historischen Goldrausch eingebunden, der Kalifornien vor allem zwischen 1849 und 1854 erfasste.

In der doch recht eindimensionalen Figurenzeichnung des Films weiß Foster Akzente zu setzen. Die Fronten zwischen „Gut“ und „Böse“ sind zwar deutlich sichtbar, aber manchmal verschwimmen sie. Sogar der redliche Hull Barrett kann der Versuchung nicht widerstehen, sein Charisma einzusetzen, um die friedfertigen Schürfer in einen Kampf zu treiben, den sie ohne den „Prediger“ niemals überleben könnten.

Rächer mit sozialpädagogischer und ökologischer Mission

„Pale Rider“, der Film, gilt als Spätwestern. Tatsächlich ist er das in Kulisse und einer Dramaturgie, die den Sieg des idealistischen Pioniers gegen die Mächte des Chaos‘ widerspiegelt. Die nehmen hier nicht die Gestalt von Wirbelstürmen oder Indianern an, sondern kommen – politisch aber auch historisch korrekt – als Repräsentanten eines brutal profitorientierten Industrialismus‘ daher, der sowohl der Natur als auch dem Menschen Schaden zufügt. Coy Lahood ist nicht der übliche Bösewicht des klassischen Westerns. Er wird zum übermächtigen, gierigen Kraken, gegen den nurmehr eine überirdische Kraft einschreiten kann.

In den 1980er Jahren hatte der ökologische Gedanke auf seinem langen Weg durch die Instanzen auch Hollywood erreicht. „Pale Rider“ ist deshalb außerdem ein ‚grüner‘ Western, wobei dieser Aspekt nicht über Gebühr strapaziert, d. h. dem Publikum nicht mit dem Zaunpfahl eingehämmert wird. Film und Buch schildern eindringlich den Einsatz der hydraulischen Wasserkanone, die anders als das Goldschürfen per Hand die Landschaft in eine von Erde und Vegetation ‚befreite‘ Wüste verwandelt. Sie wird zum Symbol dessen, was korrigiert werden muss, um die Welt gesunden zu lassen. Das mag naiv klingen, aber da Clint Eastwood diese Botschaft verkündet, ist u. a. viel Dynamit dabei im Spiel.

Manchmal kehren sie wieder …

Clint Eastwood hatte schon einmal einen Geist gespielt. 1973 suchte er in „High Plains Drifter“ (dt. „Ein Fremder ohne Namen“) die Bewohner einer Western-Stadt heim, die ihn feige einen grausamen Tod hatten erleiden lassen. Nach getaner Arbeit kehrte der während der gesamten Handlung namenlos bleibende Rache-Engel zurück ins mystische Nichts und vermutlich in das Grab, aus dem er anfänglich erschienen war.

Zwölf Jahre später kommt er offensichtlich zurück. Die Umstände sind jedenfalls fast deckungsgleich: Er materialisiert quasi aus der Luft, bleibt ohne Namen, bläst einer Meute übler Schurken die Lebenslichter aus und verschwindet anschließend wieder. Nur ein wenig freundlicher ist er geworden, hat seinen Zynismus verloren und Menschen gefunden, denen er in Not und Bedrängnis hilft. Auch seinen Gegnern begegnet er zunächst als Prediger. Erst als das Wort nutzlos bleibt, schnallt er seinen Colt um: Sie hatten die Wahl!

Dass der „Prediger“ kein Mensch ist, gab Regisseur und Hauptdarsteller Eastwood im Interview offen zu. Der Film geizt nicht mit entsprechenden spirituellen Andeutungen, die Foster in seinem Roman noch ein wenig deutlicher ausführt. Schon der Titel ist Programm: „Und ich sah …ein fahles Pferd. Und der darauf saß, dessen Name war: der Tod”, heißt es im 6. Kapitel der biblischen Offenbarungen des Johannes, der hier über die vier Reiter der Apokalypse spricht, die den Weltuntergang ankündigen werden. Diese Apokalypse bleibt zumindest dieses Mal aus; Pferd und Reiter kehren ins Geisterreich zurück.

Aber er wird Augen und Ohren offenhalten, weiß Megan Wheeler, die das Schlusswort sprechen darf: „Wenn ich darum bete, wird er wiederkommen. Wenn ich ihn jemals wieder brauche, werde ich einfach um ein Wunder beten.“ Glücklicherweise trägt Autor Foster (unter dem Zwang der Drehbuch-Vorlage) sonst nicht so dick auf, was die Lektürefreude insgesamt fördert …

Autor

Alan Dean Foster wurde am 18. November 1946 in New York City geboren, wuchs jedoch in der Filmstadt Los Angeles auf. Dort studierte er Politikwissenschaften und Film und arbeitete für eine kleine Werbeagentur. Als Schriftsteller erlebte Foster seine erste Veröffentlichung bereits 1968 mit einer Kurzgeschichte. 1972 erschien ein erster Roman („The Tar-Aiym Krang“), gleichzeitig der Auftakt zu einer inzwischen quantitativ eindrucksvollen Reihe von Romanen, die in Fosters ureigenem literarischem Kosmos, dem „Homanx Commonwealth“, spielen: einem Sternenreich, das gemeinschaftlich von den Erdmenschen und den Thranx, intelligenten Großinsekten, regiert wird.

Mit einer Veröffentlichungsrate von zwei bis drei Büchern pro Jahr gehört Foster zu den Handwerkern der Unterhaltungsliteratur. Er ist in zahlreichen Genres zu Hause und schrieb außer Science Fiction auch Fantasy-, Horror-, Kriminal-, Western oder Historienromane. Hinzu kommen zahlreiche Kurzgeschichten sowie Drehbücher für Film & Fernsehen, Scripts für Hörspiele, Computerspiele und andere Unterhaltungsmedien.

Fosters Arbeitstempo sowie seine Entscheidung für die eher kommerzielle Seite der Schriftstellerei ließen bisher kein Werk entstehen, das den Rang eines literarischen Klassikers beanspruchen könnte. Generell dominieren anspruchslose, allerdings sauber geplottete, mit lebendigen Figuren besetzte und flott geschriebene Geschichten, wobei der Anteil missratener und langweiliger Werke angesichts des Ausstoßes erstaunlich gering ist.

Privat liebt Alan Dean Foster ausgedehnte Reisen in entlegene Winkel der Welt. Er ist Sporttaucher und schreibt auch Artikel darüber. Mit seiner Familie lebt Foster in Prescott im US-Staat Arizona. Über sein Leben und Werk informiert er auf seiner lobenswert aktuell gehaltenen Website.

Copyright © 2009/2017 by Michael Drewniok (md)

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