Phantom – Unheil über der Stadt

Dean R. Koontz
Phantom – Unheil über der Stadt

Originaltitel: Phantoms (New York : Putnam/Berkley 1983)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Unheil über der Stadt“): Februar 1986 (Wilhelm Heyne Verlag/Allgemeine Reihe 01/6667)
Übersetzung: Wolfgang Crass
364 S.
ISBN-10: 3-453-02251-3
(Aktualisierte) Neuausgabe: Mai 1998 (Wilhelm Heyne Verlag/Allgemeine Reihe 01/10688)
Übersetzung: Ulrike Laszlo
477 S.
ISBN-13: 978-3-453-13965-7
Neuausgabe: 2002 (Wilhelm Heyne Verlag/Allgemeine Reihe 01/10688)
Übersetzung: Ulrike Laszlo
477 S.
ISBN-13: 978-3-453-21050-9

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Das geschieht:

Snowfield ist ein Städtchen hoch in den Bergen des US-Staates Kalifornien. Hier herrscht im Winter Hochbetrieb, den Einheimischen steht eine zehnfache Übermacht vergnügungssüchtiger Urlauber gegenüber. Noch herrscht jedoch die Ruhe vor dem Sturm an diesem schönen Spätsommertag, den die Ärztin Jennifer Paige, begleitet von ihrer vierzehnjährigen Schwester Lisa, für die Rückkehr nach Snowfield gewählt hat.

Die Straßen des Ortes sind wie ausgestorben. Deputy Paul Henderson liegt  tot in der Polizeistation. Stichprobenartige Exkursionen in die Häuser der Stadt führen entweder in verlassene Räume oder zu weiteren Leichen, die zum Teil grausam verstümmelt wurden. Hilfe von außen wird gerufen. Aus Santa Mira, Sitz der County-Verwaltung, macht sich Sheriff Bryce Hammond mit fünf erfahrenen Deputys auf den Weg nach Snowfield. Als sie dort ankommen, lässt der unsichtbare Gegner die Deckung allmählich fallen und beginnt die Neuankömmlinge brutal zu verfolgen. Während sich die Reihen lichten, igelt man sich ein und hofft auf Rettung durch die örtliche Zivilschutzeinheit. Eine Spur hat man inzwischen auch entdeckt; eine mysteriöse Nachricht, die da lautet „Timothy Flyte. Der Alte Feind“.

Dieser Timothy Flyte lebt im weit entfernten London gerade, ob er wohl endlich wieder auf die Gewinnerseite des Lebens überwechseln kann. Vor Jahren hat er Karriere und Ruf mit der Theorie verspielt, die Menschheit sei weder die einzige noch die erste Intelligenz auf dieser Erde. Seit Urzeiten müsse sie sich den Planeten mit einer protoplasmatischen Riesenamöbe fremd- und bösartigen Charakters teilen, die jedes Lebewesen perfekt zu imitieren weiß, sobald sie es absorbiert und dabei seinen Intellekt und seine Fähigkeiten übernommen hat. In regelmäßigen Zyklen falle dieser quasi unsterbliche „Alte Feind“ über die meist ahnungslosen Menschen her und mäste sich, bevor er sich wieder in eine Art Winterschlaf zurückziehe.

Flyte wird nach Snowfield einfliegen. Im inzwischen abgeriegelten Ort beginnt ein tödliches Katz-und-Maus-Spiel, bei dem die Rollenverteilung wechselt, denn der Alte Feind verliert bald seine Scheu vor einer offenen Konfrontation, und er liebt es, wenn Todesangst seine menschliche Beute würzt, bevor er sie sich schnappt …

Auch ein blinder Koontz …

Würde man diesen Rezensenten, einen Veteranen mit jahrzehntelanger Leseerfahrung auf dem Gebiet der phantastischen Literatur, auffordern, eine Liste derjenigen Autoren aufzustellen, die ihm den meisten Verdruss bereitet haben, so käme Dean Raymond Koontz wohl (wenn auch lange nach John Saul, James Herbert, Anne Rice und dem teutonischen Schreib-Automaten Wolfgang Hohlbein) zuverlässig auf einen der vorderen Plätze. Die Begründung liegt weniger darin, dass dieser Autor nicht zu schreiben vermag – denn das kann er im Gegensatz zu den weiter oben erwähnten Federhaltern –, sondern eher in der Wut darüber, dass er so wenig aus seinem Talent macht.

Der typische Koontz-Bestseller ist eine vielhundertseitige Verfolgungsjagd, hinter der eine notdürftig zusammengezimmerte Allerweltstory und grob geschnitztes Schablonen-Personal zum Vorschein kommen, sobald die Handlung einmal zur Ruhe kommt. Rau und irgendwie unfertig wirken diese Romane, als habe sie ihr Verfasser noch im Entwurfsstadium auf den Buchmarkt geworfen: Wieso sich unnötige Arbeit mit einer Überarbeitung machen, wo doch die Verkaufszahlen stimmen, mag sich Koontz sagen, während er sich dem nächsten Werk zuwendet; möglicherweise spielt auch die Ungeduld des Workaholics, der in schlampiger Hast mindestens zwei voluminöse Titel pro Jahr produziert, wie man es wohl nennen muss, eine gewichtige Rolle.

… findet mal ein Korn

Der Ärger des erfahrenen Lesers wird umso größer, wenn er weiß, dass Koontz viel mehr zu Stande bringt, wenn er gut aufgelegt ist bzw. sich Zeit nimmt, eine Geschichte zu erzählen. „Watchers“ (1987, dt. „Brandzeichen“) war so ein Titel, und auch „Phantom“ gehört dazu. Die Geschichte ist sauber konstruiert, wird spannend und trügerisch einfach erzählt und besticht durch eine kunstvoll geschürte, lange am Leben erhaltene Atmosphäre stetiger Bedrohung. Hier treibt Koontz das Konzept des Monsters, das am intensivsten dort wirkt, wo es sich der Leser im Hinterkopf selbst zusammenbauen muss, fast schon auf die Spitze, aber er kommt durch damit.

1983 war H. P. Lovecrafts Cthulhu-Saga dem Mainstream-Publikum weiterhin unbekannt, und Stephen Kings Brachial-Epos „It“ (1986; dt. „Es“) lag noch in der Zukunft. So konnte Koontz mit dem „Alten Feind“ praktisch Neuland betreten und die Galerie der literarischen Ungeheuer (Frankenstein-Monster, Vampir, Werwolf, Mumie etc.)  mit einem vielleicht letzten Archetypus bereichern: dem urzeitlichen Gestaltwandler – ein Zwischending aus Außerirdischem und Mutanten, wie es kurz zuvor John Carpenter im Film „The Thing“ (1982; dt. „Das Ding aus einer anderen Welt“) ähnlich grandios präsentiert hatte.

Cover der dt. Ausgabe ab 1998 (Sammlung md)

„Phantoms“ – der Film

„Phantoms“, der Film von 1998, prunkt mit einem Drehbuch von Koontz persönlich und einer ebenso hochkarätigen wie interessanten Besetzung, die aktuelle Jungstars vor dem Durchbruch (Ben Affleck, Rose McGowan, Liev Schreiber) und Hollywood-Altstars ohne abgesicherten Rentenanspruch (Peter O‘Toole) vor der Kamera vereint. Die Regie von Horror-Routinier Joe Chappelle („Halloween“ 5 u. 6) ist handwerklich sauber, die Effekte sind sorgfältig (und zum Teil überraschend deftig) in Szene gesetzt, aber der Gruselspaß bleibt trotzdem aus, weil der Zuschauer jedes Bild, jede Figur, jeden Dialog schon aus tausend anderen mittelmäßigen Phantastik-Streifen zur Genüge kennt. Fatal ist zudem die formale Nähe zu den TV-Miniserien, die um die Romane des (angeblichen) Koontz-Konkurrenten Stephen King gesponnen werden. Statt eigene Wege zu gehen, folgte man dem bewährten, aber wenig aufregenden Muster.

Koontz ist nicht von Schuld freizusprechen, denn gar zu offensichtlich treten im Film Sünden zu Tage, die auch das Buch kennzeichnen. Die Figuren werden weniger eingeführt und entwickelt, sondern in ihre literarische Welt geworfen, wo sie primär vor dem Phantom fliehen und sich verstecken müssen. Sobald sie zur Ruhe kommen, wird es heikel, denn realistisch wirken sie nicht. Gänzlich misslungen ist Koontz zum Beispiel die Figur der jungen Lisa Paige. Sie verhält sich wenig kindgerecht, ist stattdessen ihrer mehr als doppelt so alten Schwester ebenbürtig, redet auch so und hält sich im übrigen wie ihre Mitstreiter strikt an das Klischeemuster, das für die Bewohner von Monstern belagerter amerikanischer Kleinstädte obligatorisch zu sein scheint und sie zuverlässig dorthin neugierig ihre Nase stecken lässt, wo es dunkel ist und garantiert das Böse lauert.

Cover der dt. Erstausgabe von 1986 (Sammlung md)

„Phantom“ 2.0?

Dean Koontz hat die Aktualisierung seiner alten Romane (die sich auf diese Weise flugs ein weiteres Mal vermarkten lassen) fast zu einem Markenzeichen erhoben. Mit dieser Praxis bewegt er sich im Einklang mit dem Zeitgeist, für den die Grenzen zwischen Original, Remake oder Reboot sich immer rascher auflösen. Was jedoch verständlich wirkt, wenn z. B. zwischen „Prison of Ice“ von 1976 und „Icebound“ von 1995 (dt. „Eisberg“) die bösen Sowjet-Kommunisten als von der Geschichte aus dem Rennen geworfene Bösewichter weichen mussten, bleibt hier ohne rechten Sinn bzw. unklar.

Stichproben dieses Rezensenten haben ergeben, dass es zwischen „Unheil über der Stadt“ von 1983 und „Phantom“ von 1998 so gut wie keine Unterschiede gibt. Hier und da wurden die Geldausgaben der Protagonisten der Inflation angepasst, die Rechenleistung der eingesetzten Computer-Software oder der Gentechno-Bubble auf den neuesten Stand gebracht. Aber einschneidende Veränderungen sind unterblieben, was das Werk weiterhin anachronistisch wirken lässt: was ist von einer Geschichte zu halten, die jetzt angeblich an der Schwelle zum 21. Jahrhundert spielt, ohne dass jemals ein Handy auftaucht? Kein Wunder, denn in diesem Fall müsste die Phantomjagd ganz anders aussehen!

Genauso seltsam ist das Mysterium der doppelten Übersetzung. Während 1986 Wolfgang Crass „Phantoms“ ins Deutsche übertrug (und dabei gute Arbeit leistete), löste ihn nun Ulrike Laszlo ab. Angeblich stützte sie sich auf Koontzes Neufassung, doch erneut stellt sich heraus, dass die neue Übersetzung der alten praktisch Wort für Wort folgt. Auch Kürzungen oder Auslassungen lassen sich im alten Text nicht feststellen. So bleibt nur die Annahme, dass „Phantom“ 1998 in den USA primär als Buch zum aktuellen Films neu erschien aber nicht wirklich überarbeitet, die 1998er Fassung in Deutschland jedoch neu übersetzt wurde.

Autor

Dean Koontz besitzt eine offizielle Website, die – wie es einem Erfolgsautor seines Kalibers zukommt – opulent gestaltet und mit Inhalten (und Werbung) bestückt wird.

[md]

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