Psycho

Robert Bloch
Psycho

Originalausgabe: Psycho (New York : Simon & Schuster 1959/London : Robert Hale 1960)
Deutsche Erstausgabe [unter dem Titel „Kennwort Psycho“]: 1960 (Kurt Desch Verlag/Die Mitternachtsbücher 51)
Übersetzung: Paul Baudisch
199 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe (Paperback/Klappenbroschur): September 2012 (Golkonda Verlag)
Übersetzung: Hannes Riffel
198 S.
ISBN-13: 978-3-942396-28-8
Neuausgabe: Mai 2014 (Rowohlt Verlag/RoRoRo 23597)
Übersetzung: Hannes Riffel
192 S.
ISBN-13: 978-3-499-23597-9
eBook: September 2012 (Golkonda Verlag)
ISBN-13: 978-3-942396-47-9

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Das geschieht:

In einem Moment der Schwäche stiehlt Mary Crane, Sekretärin eines Immobilienhändlers in Phoenix, US-Staat Arizona, ihrem Chef 40.000 Dollar. Ihr Verlobter, der Eisenwarenhändler Sam Loomis, will sie erst heiraten, wenn er die Schulden getilgt hat, die ihm seine Eltern hinterließen. So lange will Mary nicht mehr warten. Mit dem Geld begibt sie sich auf die weite Fahrt nach Fairvale, wo Sam seinen Laden führt.

Die Reise in den mittleren Westen dauert viele Stunden. Als sie zu allem Überfluss in ein Unwetter gerät, beschließt die erschöpfte Mary, sich für die Nacht ein Zimmer zu nehmen. Sie findet es im Bates-Motel. Seit dem Bau einer Umgehungsstraße kommen nur noch selten Gäste hierher. Norman Bates, dem Inhaber, ist dies recht. Er ist ein Sonderling, meidet die Stadt und geht lieber seinem Hobby, dem Ausstopfen von Tieren, nach. Marys Reizen gegenüber ist er dennoch durchaus aufgeschlossen. Leider gestattet ihm seine Mutter keinerlei Damenbekanntschaften. Seit sie von ihrem untreuen Ehegatten verlassen wurde, pflegt Mrs. Bates einen ungesunden Frauenhass. Als sie merkt, dass Norman auf Marys Reize anspricht, schleicht sie sich in deren Zimmer und schlachtet die Nebenbuhlerin mit einem großen Messer unter der Dusche ab.

Der entsetzte Norman beschließt, alle Spuren zu verwischen; seine alte Mutter mag er nicht in einem Irrenhaus enden sehen. Aber seine Rechnung geht nicht auf. Lila, Marys jüngere Schwester, will deren Verschwinden keinesfalls hinnehmen. Sie fährt nach Fairvale zu einem erstaunten Sam Loomis. Unwillkommen gesellt sich der Versicherungsdetektiv Milton Arbogast zu ihnen, der nach dem in Phoenix verschwundenen Geld und dessen Diebin fahndet. Gemeinsam nimmt man die Suche auf. Die Spuren führen in das Bates-Motel. Vorerst weiß Norman die Eindringlinge abzuwehren, aber sie wollen wiederkommen und auch seine Mutter befragen – eine Ankündigung, die Norman aus gutem Grund in gefährliche Aufregung versetzt …

Eine Geschichte, die das Leben & der Tod schrieben

Wie so viele Unterhaltungsschriftsteller ließ Robert Bloch sich gern vom Tagesgeschehen inspirieren. 1957 fand er quasi in seiner Nachbarschaft die Story für sein bekanntestes Werk. In Plainfield, US-Staat Wisconsin, und damit wenig mehr als 50 km von Blochs Heimatort Weyauwega entfernt, wurde im November des genannten Jahres Edward Gein gefasst. Er hatte eine ortsansässige Händlerin nicht nur ermordet, sondern ihre Leiche wie eine Jagdtrophäe aufgehängt und geköpft. In Geins abseits gelegener Hütte fand die Polizei menschliche Häute und Knochen, die der Bewohner auf Friedhöfen ausgegraben und präpariert hatte. Einige Psychiater, die Gein einer intensiven Untersuchung und Befragung unterzogen, schlossen aus der Tatsache, dass sich dieser u. a. einen ‚Anzug‘ aus Frauenhäuten schneidern wollte, auf einen Versuch, die ebenso gefürchtete wie geliebte Mutter wiederaufleben zu lassen, die Ed zu ihren Lebzeiten dominiert und unterdrückt hatte.

Während Gein für immer in einer Anstalt für psychisch kranke Verbrecher in Madison, Wisconsin, verschwand (wo er, wie Norman Bates ein ruhiger Insasse, 1984 kurz vor Vollendung seines 78. Lebensjahres starb), griff Bloch die Ereignisse auf. Ihn interessierten weniger die bizarren Details des Geschehens, die ohnehin von den zeitgenössischen Medien nur andeutungsweise aufgegriffen werden konnten, weshalb auch „Psycho“ keine in Ekel-Effekten schwelgende ‚Nacherzählung‘ wurde. (Wesentlich drastischer bediente sich 1974 Regisseur Tobe Hooper einschlägiger Gruseleien in seiner Interpretation der Gein-Story. Dennoch gelang auch ihm mit „The Texas Chainsaw Massacre“, dt. „Blutgericht in Texas“, wie Hitchcock ein Klassiker der Filmgeschichte.)

Aus Ed wird Norman

Bloch faszinierte die Figur eines geisteskranken Menschen, der äußerlich absolut unauffällig wirkt und viele Jahre seinem grausigen Treiben nachgehen kann, ohne von den ahnungslosen Mitbürgern und Nachbarn verdächtigt zu werden: „Vielleicht sind wir alle manchmal ein wenig verrückt“, lässt Bloch Norman einmal sagen. Schon 1947 hatte Bloch sich in seinem Romanerstling „The Scarf“ (dt. „Der seidene Schal“ bzw. „Der Schal“) mit dem Grauen, das im Kopf entsteht, beschäftigt, um später immer wieder darauf zurückzukommen.

Ein Buch der Autoren Michael Farin und Hans Schmid über Ed Gein (1996) trägt den Untertitel „A Quiet Man“ – und genau dies war Gein, was Bloch erfolgreich für Norman Bates übernahm: Norman ist kein schäumender Irrer, sondern eine krankhaft gespaltene Persönlichkeit, die lange im Dorf-Alltag ‚funktioniert‘, sich aber allmählich aufzulösen beginnt: Bloch fügt die Persönlichkeit der Mutter hinzu, belässt es aber bis zur Auflösung klug bei wenigen, ohnehin überflüssigen Auftritten: Selbst wenn sie nicht ‚anwesend‘ ist, bestimmt „Mutter“ Normans Denken und Handeln. Er ist „nor man“ – weder Mann noch Frau, und er benutzt sein Hotel als Köder („bait“) für seine Opfer, erläutert Bloch in seiner Autobiografie „Once Around the Bloch“ (1993, S. 229).

Der Mutterkomplex als Auslöser kriminellen Handelns ist keineswegs Blochs Erfindung. Ihm gelang jedoch eine zeitgemäße und schlüssig wirkende Interpretation. Der Erfolg des 1959 von Alfred Hitchcock gedrehten „Psycho“-Films zog den Roman in seinem Sog in Bestseller-Höhen. Doch das Buch kann uneingeschränkt für sich bestehen, weil es zwischen Fakten und Fiktion geschickt die Waage hält.bloch-psycho-cover-2012

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Bloch berücksichtigt medizinisches Wissen zum Thema Geisteskrankheit. Er eliminiert jedoch allzu ‚wissenschaftliche‘ Aspekte, die beim Leser Verständnisschwierigkeiten heraufbeschwören könnten, und beschränkt sich auf jene Elemente, die der Story dienlich sind – ein legitimes Vorgehen, denn „Psycho“ war nie als Bestseller und Kultroman geplant, sondern nur ein weiteres der zahlreichen Bücher, mit denen sich Bloch seinen Lebensunterhalt verdiente. Was ihm mit „Psycho“ gelungen war, war ihm selbst nicht bewusst, weshalb er die aus heutiger Sicht lächerliche Summe von 9.000 Dollar akzeptierte, für die Hitchcock – über einen Strohmann – die Filmrechte erwarb.

Ein Profi schafft Spannung

Mit „Psycho“ wollte Bloch in erster Linie unterhalten, weshalb er sich nicht auf die Geisteskrankheit von Norman Bates verließ, sondern ihr einen spannenden Rahmen gab und mit Überraschungen nicht sparte. So schuf er mit Mary Crane eine Hauptfigur, die bereits in der ersten Handlungshälfte ein plötzliches Ende nimmt. Damit verblüffte er die zeitgenössischen Leser, die es gewohnt waren, dass Hauptfiguren lebendig das Finale erreichten.

„Psycho“ weist überhaupt eine klassische Krimi-Handlung auf. Wenn Sam Loomis, Lila Crane, Milton Arbogast und Sheriff Chambers nach der verschwundenen Mary und ihrer Beute suchen, kreisen sie Norman Bates unerbittlich ein. Indizien werden entdeckt und ausgewertet, aber eine daraus resultierende und damit konsequente Auflösung unterbleibt. Stattdessen setzt Bloch erneut auf die Überraschung sowie auf ein altbewährtes Klischee: Lila Crane bricht ungeduldig aus der Gruppe aus. Sie versucht einen Alleingang und landet erwartungsgemäß im Versteck von Mrs. Bates. Dies ist nicht nur ein äußerst dramatischer Moment, sondern klärt auch auf einen Schlag alle offenen Fragen.

Interessanterweise funktioniert diese Szene bei Hitchcock wesentlich besser als bei Bloch. Der erfahrene „Master of Suspense“ lässt alle Ereignisse darauf zufließen. Bloch deutet schon früher immer deutlicher an, was es mit Mrs. Bates auf sich hat. Damit nimmt er – und dies im Grunde unnötig – viel Spannung aus der Geschichte. Ebenfalls überflüssig ist die umfangreiche Coda mit ihren nun doch ausufernden psychologischen Erklärungen. Der Leser fordert und benötigt sie nicht. Auch Hitchcock mochte nicht darauf verzichtet, aber er verdichtete diesen Schluss auf den Monolog des endgültig wahnsinnig gewordenen Norman Bates.

Entschlossene Frauen – schwache Männer

„Psycho“ ist ein Roman mit drei weiblichen Hauptrollen. Mary Crane nimmt ihr Schicksal in die Hand. Sie bricht mit ihrem alten Leben und aus ihrem tristen Dasein als kleine Sekretärin aus. Als sie verschwindet, ist es ihre Schwester Lila, die jene Initiative zeigt, die eigentlich einem Mann vorbehalten wäre. Doch Sam Loomis ist ein vergleichsweise denkträger Zeitgenosse, und Sheriff Chambers übertrifft ihn in diesem Punkt bei weitem. Der einzige Mann, der aktiv das Geschehen mitbestimmt, ist der Detektiv Arbogast, dem seine berufliche Erfahrung und professionelle Arroganz indes gar nichts nützen, als er Mrs. Bates (und sie ihn – mit der Axt) trifft.

„Mutter“ wirkt bei Bloch erheblich eindrucksvoller als bei Hitchcock. Der Autor konnte sie im Zwiegespräch mit Norman ‚zeigen‘, ohne die gruselige Realität allzu früh aufzudecken. Der Regisseur musste mit Tricks arbeiten und durfte „Mrs. Bates“ nie deutlich aufs Kamera-Korn nehmen. Blochs Mutter ist weniger die böse Hexe, sondern eine Manipulatorin, die ihren Norman mit teuflischem Geschick an der Kandare hält.

Psycho – die Filme

Wie Alfred Hitchcock und sein Drehbuchautor Joseph Stefano Robert Blochs Roman in einen Filmklassiker verwandelten, füllt inzwischen eine eigene Bibliothek. Quasi jedes Bild dieses Films wurde unter die Lupe genommen, sodass ein entsprechender Exkurs hier kurz gehalten werden kann.

Lange hatte Hitchcock behauptet, er habe aus einem minderwertigen Thriller eine Geschichte für die Ewigkeit destilliert. Erst später ließ er der Vorlage Gerechtigkeit widerfahren, die er tatsächlich sehr detailgetreu umgesetzt hatte. Die wichtigste Veränderung bestand in der Neukonzeption der Norman-Bates-Figur: Aus einem dicklichen, täuschend phlegmatischen Mann schon mittleren Alters wurde ein nervöser Jüngling – Anthony Perkins in der Rolle seines Lebens, in die er drei weitere Male schlüpfen würde.

1998 wagte Regisseur Gus van Sant ein merkwürdiges Experiment: Er verfilmte „Psycho“ neu, nutzte dabei aber nicht nur Stefanos Drehbuch und übernahm Bernhard Herrmanns Musik, sondern kopierte Hitchcock bis in Einstellungsdetails. Hauptdarsteller Vince Vaughn entspricht zwar eher dem Norman Bates, wie Bloch ihn zeichnete, was aber den Misserfolg dieses Remakes nicht verhindern konnte.

Letztlich triumphieren Hitchcock, der Regisseur, und Bloch, der Schriftsteller. Letzterer ließ sich 1981 überreden, eine Fortsetzung zu „Psycho“ zu schreiben. Er bot sie dem Universal-Studio an, wo man sie jedoch ablehnte, die Idee eines Sequels freilich aufgriff und einen völlig eigenständigen Folgefilm drehen ließ. Kurioserweise erschien Blochs Version trotzdem als Buch, das sich sehr gut verkaufte. 1990 verfasste er noch eine weitere eigenständige Fortsetzung („Psycho House“). Die beiden Romane sind interessanter, weil einfallsreicher und mutiger als die drei „Psycho“-Filme von 1983, 1986 und 1990, können aber dennoch die Qualität des Originals nicht erreichen.

Autor

Robert Bloch wurde am 5. April 1917 in Chicago geboren. Früh verfiel er dem Reiz der „Pulp“-Magazine, in denen abenteuerliche, oft wüste aber höchst unterhaltsame Geschichten erzählt wurden. 1934 gelang Bloch mit „Lilies“ eine erste Veröffentlichung, weitere Geschichten für verschiedene Magazine folgten in rascher Folge. Bloch zeigte sich versierter und schneller Handwerker, der für viele Genres schreiben konnte. 1947 erschien „The Scarf“, Blochs Romandebüt, die Geschichte eines Psychopathen. Der Blick auf oder besser in die Hirne von geistesgestörten Serienmördern wurde zu einer besonderen „Spezialität“ des Schriftstellers. 1959 gelang Bloch damit sein wahrer Durchbruch: Norman Bates betrat die Bildfläche in „Psycho“. Das Buch wurde ein Bestseller, Hollywood aufmerksam auf Bloch. Für gerade 9.500 Dollar gingen die Filmrechte an Alfred Hitchcock. „Psycho“, der Film von 1960, wurde nicht nur ein Blockbuster, sondern ein Kultfilm, stilbildend für das Thriller-Genre und ein zeitloses Meisterwerk in seiner düsteren Faszination.

Bloch war berühmt – und im Filmgeschäft. Er zog nach Kalifornien und schrieb für die TV-Serie „Alfred Hitchcock Presents“. Ein bescheidener TV-Erfolg wurde die von Boris Karloff („Frankenstein“) präsentierte „Thriller“-Show (1960), für die Bloch viele seiner eigenen Storys verfilmen lassen konnte. Außerdem verfasste er Drehbücher für Kinofilme wie „The Couch“, ein psychiatrisches Drama, und „The Cabinet of Dr. Caligari“, ein Remake des deutschen Stummfilm-Klassikers (beide 1962).

Am 23. September 1994 ist Robert Bloch im Alter von 77 Jahren gestorben. Er hinterließ ein reiches Werk und das unsterbliche Bonmot: „Trotz meines unappetitlichen Rufes habe ich tatsächlich das Herz eines kleinen Jungen; ich bewahre es in einem Einweckglas auf meinem Schreibtisch auf.“

Der biografische Abriss stützt sich auf „The Bat Is My Brother: The Unofficial Robert Bloch Website“, die außerordentlich informativ ist.

Die Rezension verdankt viele Hintergrundinformationen diesem Aufsatz: Scott D. Briggs: The Keys to the Bates Motel: Robert Bloch’s Psycho-Trilogy, in: Benjamin Szumskyj/Robert Hood: The Man Who Collected Psychos. Critical Essays on Robert Bloch, Jefferson/North Carolina : McFarland & Co. 2009, S. 102-120)

Copyright © 2010/2016 by Michael Drewniok (md)

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Hitchcock und die Geschichte von Psycho

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