Sein letzter Slapstick

Peter Lovesey
Sein letzter Slapstick

Originaltitel: Keystone (London : Macmillan 1983/New York : Pantheon Books 1983)
Übersetzung: Georgette Skalecki
Deutsche Erstausgabe: 1984 (Droemer Knaur Verlag)
308 S.
ISBN-13: 978-3-426-19122-4
Neuausgabe: 1988 (Knaur Taschenbuch Verlag/TB Nr. 1453)
308 S.
ISBN-13: 978-3-426-01453-0

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Das geschieht:

Ohne Job und pleite ist der Varieté-Künstler Warwick Easton in Kalifornien gestrandet. Wir schreiben das Jahr 1915, und wie so viele gescheiterte Existenzen versucht auch Easton sein Glück in Hollywood. Die noch junge Film-Metropole hat freilich nicht auf ihn gewartet. Statt eine ‚ernste‘ Rolle in einem ‚richtigen‘ Film zu übernehmen, reiht sich der junge Mann in die Reihe der „Keystone Cops“ ein. Die beliebte, grotesk überzeichnete Polizisten-Truppe ist eine Schöpfung des Studiobosses Mack Sennett, der mit Slapstick-Filmen berühmt und reich geworden ist.

In diesen frühen Tagen der Filmgeschichte wird noch ohne Netz und doppelten Boden gearbeitet. Die absurden Stunts der Keystone Cops sind gefährlich. Easton kommt zu seinem Job, weil sein Vorgänger bei einem bizarren Unfall sein Leben ließ.

Sennett mag den neuen Cop, den er „Keystone“ nennt. Easton lernt die alltägliche Filmarbeit kennen und seine Kollege zu schätzen. Außerdem freundet er sich mit der hübschen Amber Honeybee an, die gerade zur Hauptdarstellerin des Studios avanciert ist. Zwar wird gemunkelt, dass sie Sennett, der kein Kind von Traurigkeit ist, auf sehr weibliche Weise dazu überreden musste, aber ‚ihr‘ Film wird gedreht, bis Ambers Mutter mit eingeschlagenem Schädel aufgefunden und ihre Tochter als Hauptverdächtige verhaftet wird.

Keystone eilt ihr zur Hilfe, und ungern muss die Polizei Amber aus Mangel an Beweisen freilassen. Dass ihre Bekanntschaft dennoch gefährlich ist, weil sie offenbar etwas verbirgt, das Unbekannte verzweifelt suchen, merkt Keystone, als er niedergeschlagen und seine Wohnung auf den Kopf gestellt wird. Als er seiner Freundin nunmehr energisch auf den Zahn fühlen will, verschwindet diese spurlos. Keystone kann froh sein, dass er auf der verzweifelten Suche nach Amber von illustren Zeitgenossen wie dem Slapstick-Filmstar Fatty Arbuckle tatkräftig unterstützt wird …

Illusionen handgemacht

Das Spektrum der Motive, die den Menschen zum Verbrecher werden lassen, ist vergleichsweise schmal. Dennoch blüht der Kriminalroman, der genau diesen Vorgang immer wieder (sowie mehr oder weniger) literarisch aufgreift. Wenn den Verfasser der Ehrgeiz packt, wird dem Geschehen ein Ambiente geschneidert, das der Untat einen exotischen Anstrich gibt. Der Rückgriff auf die Vergangenheit ist hier besonders beliebt, denn fällt besagtem Verfasser kein besonders raffiniertes Kapitalverbrechen ein, lenkt die ungewöhnliche Umgebung womöglich davon ab.

Glücklicherweise ist Peter Lovesey ein Autor, der sowohl gute Krimi-Plots kreieren kann als auch den historischen (oder besser: historisierenden) Aspekt jederzeit im Griff hat. Die Jahrzehnte vor und nach 1900 sind Loveseys besondere Domäne, wobei diese Krimis meist in der Vergangenheit seines englischen Heimatlandes angesiedelt sind.

„Sein letzter Slapstick“ spielt dagegen in den USA. Allerdings ist Hollywood sicherlich der letzte Ort auf Erden, der fest im Hier & Jetzt verankert war und ist. Kurz vor der Jahrhundertwende quasi aus dem Boden gestampft, wurde Hollywood zur Filmstadt, in der die Realität nur bedingt und durch unzählige Kameras gefiltert und gebrochen zur Geltung kam.

1915 ist Hollywood kaum zwei Jahrzehnte alt und schon das bekannte Film-Mekka, auch wenn es dem heutigen Betrachter sicherlich fremd erscheinen würde. Das Kino ist noch stumm, aber es hat seinen Platz als siebte der großen Künste gefunden. Zahlreiche kleine und kleinste Studios drehen möglichst kostengünstig Filme, die meist nur zwanzig oder dreißig Minuten ‚lang‘ sind; der erste ‚echte‘ Spielfilm ist (in den USA) erst im Vorjahr entstanden.

Illusion mit tödlichem Ausgang

Humor geht gut. In den Jahren nach 1910 werden einige der größten Filmkomiker aller Zeiten aktiv. Sehr subtil ist ihr Humor nicht, aber komisch sind sie zweifellos. Einige besondere Talente sammelt Studioboss Mack Sennett (1880-1960) um sich. Sogar der junge Charles Chaplin dreht und lernt bei ihm. Kernstück von Sennetts kleinen Imperiums bilden die „Keystone Cops“, die nicht nur durch ihre die Uniform scharf kontrastierende Anarchie, sondern auch durch wilde Stunts gefallen.

Von Sicherheitsbestimmungen oder gar Lebensversicherungen hat noch niemand in Hollywood gehört. ‚Spezialeffekte‘ wie der Sturz aus einem fahrenden Wagen oder der Faustkampf auf einem fahrenden Zug sind echt. Die Darsteller begeben sich für solche Szenen regelmäßig in Lebensgefahr. Unfälle sind ständig zu beklagen, auch Todesopfer werden gezählt. Solche Ereignisse werden vertuscht; ohnehin gelten sie als Berufsrisiko.

Lovesey führt als Hauptfigur einen Außenseiter ein, der stellvertretend für den Leser die Hollywood-Welt erkundet. Dabei klebt er nicht an der historischen Realität, die er nur dort heraufbeschwört, wo sie handlungsrelevant ist. Das Ergebnis ist bestechend – ein rasanter Krimi ohne stumpfsinnige Faktenhuberei, sondern mit einem geschichtlichen Umfeld, das zwar präsent ist, ohne sich jemals erstickend über das Geschehen zu legen.

Illusion als Heimat des Verbrechens

Wie muss eine Straftat konstruiert sein, die zu Hollywood ‚passt‘? Schon die Arbeitsbedingungen sind kriminell, sodass die Schrittweite bis zum echten Verbrechen gering ist. Lovesey denkt eine denkbar ‚unterhaltsame‘ Übeltat aus. Natürlich muss der Plot sich um das Phänomen Illusion ranken, deren ‚Realisierung‘ in der Filmstadt das oberste Gebot bildet. „Sein letzter Slapstick“ bietet in dieser Hinsicht keine geniale, aber eine zufriedenstellende Auflösung, wobei das (durch den Verfasser beiläufig einfließende) Wissen hilft, dass des Mörders Motiv, welches dem heutigen Leser nicht unbedingt zwingend erscheint, 1915 eine gänzlich andere, bedrohlichere Dimension besaß.

Während „Keystone“ Easton sich als Detektiv und Film-Polizist versucht, lernen wir nicht nur die Arbeitsabläufe im Sennett-Studio oder ein noch beschauliches Hollywood, sondern auch einige reale Zeitgenossen kennen. Lovesey beschränkt sich nicht auf „name dropping“; ’seine‘ Prominenten sind Teil der Geschichte. Mack Sennett selbst spielt eine kleine aber wichtige Rolle. Seine „leading lady“ Mabel Normand (1892-1930) greift Easton in seiner Anfangszeit hilfreich unter die Arme. Star-Komiker Roscoe „Fatty“ Arbuckle (1887-1933) greift im Finale mit ein. Lovesey stützt sich hier auf einschlägiges biografisches Wissen – und auf die beruhigende Tatsache, dass unter seinen Lesern kaum jemand ist, der mehr als die Namen dieser einst populären Filmstars kennt …

Illusion ist harte Arbeit

Ein Krimi im Slapstick-Milieu kreist zwangsläufig um das Thema Humor. Lovesey vermag sorgfältig zwischen dem ‚Produkt‘ – den auch heute noch amüsanten Keystone-Cop-Faxen – und der ernüchternden Realität seiner Herstellung zu differenzieren. Die harte und gefährliche Arbeit fordert ihren Tribut; die Cops spielen einander Streiche, die bei näherer Betrachtung auch oder vor allem dem Zweck dienen, Dampf abzulassen. „Sein letzter Slapstick“ beginnt mit der minuziösen Beschreibung einer Filmszene, die einem Keystone Cop den Tod bringt. Das Verhalten der Überlebenden wird subtil aber deutlich davon beeinflusst. Dazu kommt das Wissen um die Austauschbarkeit der Cops; sind sie zu alt und den Strapazen ihres Jobs nicht mehr gewachsen, werden sie gefeuert, was dazu führt, dass sie Risiken eingehen, denen sie körperlich eigentlich nicht mehr gewachsen sind.

Die Welt der Stummfilm-Komik ist aber auch für deren Stars kein Paradies. „Sein letzter Slapstick“ spielt in den wenigen ‚wilden‘ Jahren Hollywoods, als nicht nur vor, sondern auch hinter der Kamera eine beinahe uneingeschränkte Freiheit herrschte. Wenig später geriet die Filmstadt als „Hollywood Babylon“ ins Visier von Moralisten, die öffentlichkeitswirksam Anstoß an den lockeren Sitten der gut verdienenden Filmleute nahmen. Lovesey kündigt die Götterdämmerung sacht an. 1933 war Sennett bankrott, und Mabel Normand sowie Roscoe Arbuckle waren tot, nachdem Sex- und Drogenskandale ihre Karrieren ruiniert hatten. Auch die Keystone Cops gab es längst nicht mehr. Aber das ist eine andere, traurige Geschichte, die uns in diesem Zusammenhang glücklicherweise nicht interessieren muss …

Autor

Peter Lovesey (geb. am 10. September 1936 in Whitton, Middlesex) studierte Anglistik und war zunächst als Hochschuldozent und Institutsdirektor des Colleges für Weiterbildung in Hammersmith tätig. Schon sein Debütroman „Wobble to Death“ (1970; dt. „Der Tod hat lange Beine“) war ein gut recherchiertes „period piece“, das Krimi und Historienroman mischte.

Der Erfolg seines Erstlings ermutigte Lovesey, sich hauptberuflich als Schriftsteller zu etablieren. Er baute „Wobble to Death“ zu einer sehr beliebten (und auch verfilmten) Serie um die Polizisten Richard Cribb und Edward Thackeray aus. Dem viktorianischen Zeitalter blieb er mit einer (kurzen) Reihe um den Thronfolger Prince Albert treu, der ab 1987 dreimal als Privatdetektiv ermittelte. In der Gegenwart spielt die noch fortgesetzte Serie um den Ex-Polizeibeamten Peter Diamond. Unter dem Pseudonym Peter Lear verfasste Lovesey außerdem drei eher actionbetonte Thriller.

Website von Peter Lovesey.

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