Sphere – Die Gedanken des Bösen

Michael Crichton
Sphere – Die Gedanken des Bösen

Originaltitel: Sphere (New York : Alfred A. Knopf 1987)
Übersetzung: Alfred Hans
Deutsche Erstausgabe (geb.): 1988 (Wunderlich Verlag)
442 S.
ISBN-13: 978-3-8052-0457-6
Neuausgabe: September 2005 (Goldmann Verlag/TB Nr. 45854)
442 S.
ISBN-13: 978-3-442-45854-7
eBook: August 2013 (Goldmann Verlag)
1443 KB
ISBN-13: 978-3-641-12802-9

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Das geschieht:

Irgendwo zwischen Samoa und den Fidschi-Inseln wurde es in 300 Metern Tiefe auf dem Grund des Südpazifiks entdeckt: ein Raumschiff, fast einen Kilometer lang und ganz sicher nicht von dieser Welt. Obwohl vor mindestens 300 Jahren niedergegangen, ist es wundersam erhalten, und hält man sein Ohr an die Außenhaut, hört man im Inneren sogar noch Maschinen brummen. Allerdings gehen seine Erforscher etwas professioneller vor. Glücklicherweise haben nicht die finsteren Sowjet-Teufel (die es zum Zeitpunkt unserer Geschichte – 1987 – noch gibt), sondern die US-Amerikaner, das Raumschiff gefunden. Die Navy ließ eine Flotte über der Absturz- oder Landestelle ankern, und nun wartet Projekt-Kommandant Harold Barnes auf die angeforderten Spezialisten, die ihn an Bord des Sternenvehikels begleiten sollen.

Dr. Norman Johnson aus dem sonnigen San Diego über den halben Erdball verschleppt. Er hatte vor Jahren den „ULF“-Bericht für die Regierung verfasst. Darin definierte Johnson Prozeduren, die den Erstkontakt zwischen Menschen und unbekannten Lebensformen regeln sollten. Was für Barnes eine Offenbarung ist, war für Johnson damals reine Spekulation Auch die Zoologin Elizabeth Halpern und der Mathematiker Harold Adams zeigen wenig Begeisterung, als sie quasi ins ULF-Team zwangsverpflichtet werden. Nur der Astrophysiker Theodore Fielding ist sofort bereit in die Tiefsee zu tauchen, denn er brennt darauf, sich in der Fachwelt einen Namen zu machen.

Schon die erste Begehung des Raumschiffs führt zu der sensationellen Erkenntnis, dass es irdischer Herkunft ist und aus der Zukunft stammt. Im Lagerraum findet sich aber doch Außerirdisches: eine silberne Kugel namens „Jerry“, die sich als kindlich neugieriges, überaus mächtiges, aber psychisch labiles Wesen entpuppt; eine explosive Mischung, denn Jerry verfügt über die Fähigkeit Gedanken Wirklichkeit werden zu lassen. Dabei greift er auf geheime Ängste und Alpträume zurück, die sich nun überall in und um DH-8 manifestieren und Tod und Verderben über die rasch zusammenschmelzende Besatzung bringen …

Die Mainstream-Aliens kommen!

Arme Erde! Nachdem erst im Vorjahr (d. h. 1986) Stephen King die fiesen „Tommyknockers“ über die Menschheit kommen ließ, wird hier ein recht ähnliches Riesenraumschiff auf dem Grund des Ozeans entdeckt. Michael Crichton geht allerdings wesentlich eleganter zur Sache als der bodenständige Horror-König aus Maine. Sein Alien ist nicht von Natur aus bösartig, sondern wird von den ahnungslosen und überforderten Erdlingen dazu gemacht.

„Die Gedanken des Bösen“ – ich benutze hier den ursprünglichen deutschen Titel; „Sphere“ kam erst dazu, nachdem der Roman als „Buch zum Film“ gleichen Namens neu vermarktet wurde – ist trotz einiger einschlägiger Szenen weniger Horror als Science Fiction, doch da sein Verfasser Michael Crichton heißt und selbst ein echter Weißkittel war, wurde er dieses literarischen Gettos enthoben und sein Roman zum Mainstream-Bestseller gepusht. Das Ergebnis ist eine teils recht spannende aber insgesamt etwas unglückliche Melange aus diversen Genres, die zumindest regelmäßige SF-Leser nur bedingt überzeugen kann: Die hier ausführlich bis umständlich beschriebenen phantastischen Szenarien kennen sie längst aus vielen anderen (und besseren) Geschichten.Titel bei Amazon.de (eBook)
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„Science“ Fiction ist dieser Roman zudem auch nicht. Selbst der astronomische Laie muss grinsen oder den Kopf schütteln angesichts der dreisten Schlampigkeit, mit der Crichton sein Raumschiff-aus-der-Zukunft-Garn ‚begründen‘ will. Der Flug durch ein Schwarzes Loch ist eine so haltlose Fiktion, dass kein SF-Autor, der sich und sein Werk ernstnimmt, sich ihrer so ungeschickt wie Crichton bedienen würde. Das dürfte 1987 nicht anders als heute gewesen sein.

Viel Rauch und wenig Feuer

Aber Crichton ging es gar nicht um das Raumschiff, sondern um dessen außerirdische Fracht. Eigentlich hätte er es sich sparen können, die eigentliche Handlung mit zweifelhaften ‚Erklärungen‘ zu verwässern: Niemand hätte sie vermisst. Crichton war indes niemals ein wirklich guter oder souveräner Schriftsteller, sondern primär ein kompetenter Handwerker.

„Die Gedanken des Bösen“ ist ihm auf diesem Niveau durchaus gelungen: Die Story hat zwar einen langen Algenbart, wird aber schwungvoll erzählt und das (pseudo-) wissenschaftliche Ambiente stimmig (wenn auch nicht harmonisch – Crichton liebt aufdringliche Exkurs-Vorträge) – eingearbeitet.

Das täuscht nicht darüber hinweg, dass sich Crichton wieder ausgiebig durch sich selbst inspirieren ließ: Der Plot von „Die Gedanken des Bösen“ weist bemerkenswerte Parallelen zum Frühwerk „Andromeda – Tödlicher Staub aus dem All“ („The Andromeda Strain“, 1969) auf: Eine Gruppe kluger Menschen gerät in eine Krise, aus der sie High-Tech-Schnickschnack nicht retten kann. 1980 griff Crichton mit „Congo“ erneut und recht unverfroren auf dieses Drehbuch und seine Darsteller zurück, und in „Jurassic Park“ (1990) oder „Timeline“ (2000) entdecken wir dasselbe Schema.

Forschen & fürchten

Nichtsdestotrotz kann Crichton mit seinen Forscher-Psychogrammen noch am besten punkten. Als ehemaliger Mediziner weiß er gut, wie diese seltsame Kaste fühlt und handelt. Auch Wissenschaftler sind nur Menschen; vielleicht sind sie sogar menschlicher als ihre Zeitgenossen, da sie in einer abgeschotteten Welt leben, die von sachlicher Präzision bestimmt sein soll, es aber nicht ist: Am Beispiel des Ted Fielding führt Crichton anschaulich vor, dass an den Universitäten und in den Labors ein brutaler Kampf um Posten, Ansehen und Geld tobt. Seine Gefährten, ebenfalls in diesem System großgeworden (oder eben nicht), haben eigene seelische Wunden davongetragen.

Sie selbst werden dadurch zur Quelle des Grauens, das aus der Tiefsee über sie kommt; auch dies dramaturgisch ein alter Hut, der seine Story aber immer noch vorzüglich kleidet. Das Katz-und-Maus-Spiel der drei Überlebenden, die einander verdächtigen, von der Kugel besessen zu sein, gehört definitiv zu den gelungenen Passagen dieses Romans.

Wobei Crichton der eigenen Idee nicht wirklich traut. Wie man die Schrecken aus dem eigenen Hirn vorbildlich in Szene setzen kann, demonstrierte schon vor vielen Jahren Stanislaw Lem in seinem Klassiker „Solaris“. Hintergründigkeit ist jedoch Crichtons Sache nicht. Er geht lieber auf Nummer Sicher und lässt allerlei spukhaftes Ungetier und einen Riesenkraken sein Unwesen treiben. Nicht einmal der missglückte Kinofilm von 1998 (s. u.) mochte sich allzu intensiv mit dieser godzillaesken Lächerlichkeit beschäftigen. Aber Crichton mag irgendwann selbst aufgefallen sein, dass seine Geschichte die meiste Zeit auf der Stelle tritt und kaum jemals etwas geschieht, was für einen Thriller nicht als Empfehlung gelten kann.

Vom Buch zum Film

„Sphere“, der Film, pointiert die der Story innewohnenden Schwächen sogar noch, was letztlich zum Misserfolg des Streifens beitrug. Tricktechnisch auf dem aktuellen Stand, d. h. in jeder Sekunde sehenswert, besetzt mit einer erstklassigen Darstellerschar (darunter Dustin Hoffman als Norman Johnson, Sharon Stone als Beth Halpern, Samuel L. Jackson als Harold Adams und Liev Schreiber als Ted Fielding) und in Szene gesetzt von Barry Levinson, der bekanntlich eine ganze Menge von seinem Job versteht, geht dem Streifen in der zweiten Hälfte einfach die Puste aus, weil Crichton nie wirklich wusste, wie er seine zahlreichen Subplots zu einem logischen Finalknoten schürzen konnte.

Er schämte sich nicht, auf diese abgedroschene ‚Lösung‘ zurückzugreifen: Weil die Menschheit noch „nicht reif genug“ ist, wird das Raumschiff gesprengt, während seine überlebenden Besucher beschließen, ihre Erfahrungen einfach zu vergessen. Die „Gedanken des Bösen“ verebben nach allem Getöse im Nichts.

So wie „Sphere“, das Multi-Millionen-Dollar-Spektakel, trotz des Aufwandes nur ein B-Movie ist, bleibt der Roman „Die Gedanken des Bösen“ ausschließlich der vordergründigen Unterhaltung verpflichtet – und selbst da gibt es wesentlich originellere „First Contact“-Geschichten. Möchte man sich allerdings ‚nur‘ spannend belustigen lassen, ohne sich gleichzeitig in dem Wahn zu wiegen, ein „Science- Thriller“ bilde irgendwie die Wirklichkeit ab, ist man mit „Die Gedanken des Bösen“ zweifellos gut bedient.

Copyright © 2015/2017 by Michael Drewniok (md)

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