Star Trek DS9: Sektion 31 – Der Abgrund

Jeffrey Lang/David Weddle
Star Trek DS9: Sektion 31 – Der Abgrund

Originaltitel: Section 31 – Abyss (New York : Pocket Books 2001)
Dt. Erstausgabe: 2002 (Wilhelm Heyne Verlag/TB Nr. 06/5729)
Übersetzung: Andreas Brandhorst
312 S.
ISBN-13: 978-3-453-21367-8
Diese Neuausgabe: April 2010 (Cross-Cult Verlag/Star Trek – Deep Space Nine 8.03)
Übersetzung: Christian Humberg
279 S.
ISBN-13: 978-3-941248-53-3

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Das geschieht:

Sektion 31, eine illegale Geheimorganisation innerhalb der Föderation, deren Mitglieder genetisch ‚verbesserte‘ Menschen sind, rekrutiert Dr. Julian Bashir, der ebenfalls ‚aufgerüstet‘ wurde, für einen Einsatz. Bashir, der auf der Raumstation „Deep Space Nine“ als Arzt dient, steht der Organisation ablehnend gegenüber. Dennoch stimmt er zu, als ihm Sektion-31-Agent Cole die Geschichte von Dr. Ethan Locken erzählt. Dieser war von der Organisation zum Planeten Sindorin geschickt worden. Tief in den Badlands existiert dort eine der Föderation unbekannte Brutstation für Jem’Hadar-Soldaten. Statt diese der Sektion 31 zugänglich zu machen, besetzte Locken die Anlage und programmierte die dort hergestellten Jem’Hadar so, dass sie ihm – und nur ihm – bedingungslos gehorchen. Seitdem baut Locken Sindorin zur Keimzelle einer „Neuen Föderation“ aus, über die er im Stil des Diktators Khan Noonien Singh herrschen will.

Bashir soll Locken ausschalten. Mit seiner Gattin Ezri Dax, der „Marquis“-Veteranin Ro Laren und dem Jem’Hadar Taran’atar fliegt der Doktor an Bord eines kleines Raumschiffs Sindorin an. Doch sie werden bereits erwartet. Locken lässt ihr Schiff abschießen und nimmt Bashir und Ezri gefangen, während Ro und Taran’atar unbemerkt abspringen und in den dichten Wäldern des Planeten untertauchen können.

Mit Bashir an seiner Seite will Locken seinen Traum einer durch Supermenschen geführten Galaxis verwirklichen. Zu Ezris Schrecken dringt er mit seinen Argumenten offenbar durch; Bashir droht Lockens Sirenengesängen zu erliegen. Währenddessen nehmen Ro Laren und Taran’atar Kontakt mit den Ingavi, den geheimen Bewohnern von Sindorin, auf. Gemeinsam will man Lockens Festung stürmen und die Brutstation zerstören …

Alte Helden in neuen Rollen

„Star Trek“ existiert seit mehreren Jahrzehnten und ist mit unzähligen Filmen, TV-Episoden, Romanen, Comics, Computerspielen u. a. Produkten nicht nur immens erfolgreich, sondern auch zu einem Synonym für „Wiederholung“ geworden: Wirklich Neues, Originelles hat sich in den Raumquadranten A bis D schon lange nicht mehr ereignet. Dies entspricht primär dem Willen des Franchises, das von der einstigen Erfolgsformel selbst dann nicht lassen wollte, als diese Anfang des 21. Jahrhunderts durch „Enterprise“ und „Star Trek: Nemesis“ eindrucksvoll ihre Wirksamkeit verloren hatte. Erst dann wurde die Konsequenz gezogen und mit dem elften Kinofilm 2009 eine alternative „Star Trek“-Zeitlinie etabliert.

Zumindest in den gedruckten „Star-Trek“-Abenteuern überstanden die bekannten Helden aus fünf Fernseh-Serien den großen Kataklysmus problemlos. Die neuen Romane schließen zum Teil sogar direkt an die Ereignisse der TV-Serien an. Auf diese Weise kam „Deep Space Nine“ 2001 zu einer achten Staffel, deren dritte ‚Episode‘ „Der Abgrund“ darstellt. Gleichzeitig gehört dieser Roman zu einer Mini-Serie, in der die Umtriebe der fragwürdigen Sektion 31 thematisiert werden, deren Tentakeln nicht bis zur DS9, sondern auch in die „Enterprises“ der Kapitäne Kirk und Picard sowie bis zur „Voyager“ von Captain Janeway reichten. (Da diese vierteilige Serie bereits vollständig in Deutschland erschienen ist, kam es 2010 zur kuriosen Neuauflage – samt neuer Übersetzung! – nur dieses dritten Bandes in einem anderen Verlag, der die Kontinuität der achten „DS9“-Staffel wahren möchte.)

Neue Rollen im bekannten Umfeld

Die Kenntnis der beiden „Deep-Space-Nine“-Vorgänger-Romane wird vorausgesetzt, denn die Ereignisse überlappen sich. Die Station wurde wieder einmal heftig gebeutelt, sodass der kurz vor TV-Toresschluss zum Föderations-Teufelspiloten und zur Hauptfigur aufgestiegene Ferengi Nog als Retter erscheinen und durch das Wurmloch über Bajor einen Energiekern aus dem Gamma-Quadranten heranschleppen muss. Für das eigentliche Geschehen sind die sich darum rankenden Ereignisse unwichtig, aber solches Beiwerk ist integrales Element des Serienvorbilds: Nebenhandlungen werden verknüpft, um auf diese Weise den roten Faden der „DS9“-Serie zu verstärken.

Auf diese Weise wird der Leser außerdem über Veränderungen auf dem Laufenden gehalten. Wenig blieb in der Station „Deep Space Nine“ so, wie es uns in sieben Fernseh-Staffeln vertraut geworden ist. Zentrale Figuren wie Benjamin Sisko, Odo oder Worf sind aus dem Geschehen verschwunden, neue Charaktere wurden eingeführt.

Dieser Neubeginn bot eine Chance, die jedoch nicht wirklich genutzt wurde: Die Abenteuer der ‚neuen‘ „DS9“-Crew entsprechen ziemlich genau denen der alten Haudegen. So musste es wohl auch kommen, da die „achte Staffel“ im bekannten „Star-Trek“-Universum spielt und deshalb deren fiktive Historie berücksichtigen muss. Diese ist jedoch Segen und Fluch zugleich.

Alles bleibt, wie es war

Der Trekkie liebt Nachrichten aus der ihm oft bis in ihre Details bekannten „Star-Trek“-Welt. Freilich ist diese nach vier Jahrzehnten in ihren grundsätzlichen Strukturen stark verkrustet, was der Hauptgrund für den Relaunch mit „Star Trek XI“ war. „Der Abgrund“ könnte dagegen die Vorlage für eine TV-(Doppel-) Folge aus jeder der letzten zwei oder drei „DS9“-Staffeln sein. Der Plot ist die x-te Auflage einer vielfach durchgespielten Situation.

In einem Nachwort zur deutschen Ausgabe erläutert Julian Wrangler die Brisanz des Themas „Genetische Aufwertung“ für die „Star-Trek“-Historie, die von den „Eugenischen Kriegen“ und der Tyrannei des Khan Noonien Singh und seiner Spießgesellen geprägt wurde. „Star-Trek“-Übervater Gene Roddenberry, Zeitgenosse der realen Pervertierung des Eugenik-Gedankens durch die Nazis sowie Zeuge einer Naturwissenschaft, die in den 1960er Jahren vor einer Zukunft zu stehen schien, in der auch die Manipulation des menschlichen Genoms möglich wirkte, hatte das allgemeine Unbehagen trivialisiert bzw. ihm mit der „Star-Trek“-Episode „Der schlafende Tiger“ („Space Seed“) eine allgemein verständliche Form verliehen. Die ‚Aufrüstung‘ des Menschen durch die Manipulation seines Genmaterials und vor allem die daraus resultierenden Risiken und Missbräuche wurden Teil des „Star-Trek“-Kanons und in den folgenden Jahrzehnten in allen Serien aufgegriffen.

„Star-Trek“-typisch führte dies zum endlosen Wiederkäuen längst bekannter Argumente vor höchstens variierten Hintergründen. „Der Abgrund“ bildet leider keine Ausnahme. Dass Julian Bashir genetisch getunt ist, wurde bereits in der TV-Ära von „DS9“ umfassend thematisiert. Nun setzt man ihn auf einen Mann an, der sich selbst „Khan“ nennt und bereits auf diese Weise signalisiert, dass mehrfach gedroschenes „Star-Trek“-Stroh noch einmal durchgewalkt wird. Könnte Dr. Bashir schwach werden, wenn Ethan Locken ihn umgarnt? Gattin Ezri Dax mag dies fürchten, der Leser lässt sich jedoch nicht aufs Glatteis führen, zumal Locken zwischendurch allzu leicht in einen TV-typischen, d. h. lächerlich übertriebenen Wahnsinn abgleitet. Die aus der Konfrontation zwischen Meister und Schüler resultierende Spannung wird nicht erzeugt, sondern vor allem behauptet.

Philosophie mit Action-Beiwerk

Im „Star-Trek“-Universum wird gern und viel geredet; „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ dürfte dort als Sprichwort in Vergessenheit geraten sein. Ein Problem taucht auf? Lasst uns darüber sprechen – ausgiebig, lange & am besten mit tragischer Musik im Hintergrund! Unaufhörlich kreist man um sich selbst, um gemäß der Roddenberryschen Zukunftsvision dabei zu reifen und die Schwächen der Vergangenheit zu überwinden.

Diese Haltung ist naiv, überholt und wurde sogar in der „Star-Trek“-Historie vorsichtig außer Kraft gesetzt. Diskutiert oder besser: debattiert wird dennoch mit ungebrochener Energie. Weil dies irgendwann selbst den langmütigsten Trekkie langweilt, wird die Weisheit des Wortes regelmäßig durch Action-Einlagen aufgelockert. Deshalb fliegen die eher handfest als geistreich gepolten Ro Laren und Taran’atar mit nach Sindorin, wo sie sich im Untergrund (aber zunächst ebenfalls ausgiebig redend) mit geknechteten Planetenbewohnern verbünden und eine SF-Standard-Revolte anzetteln, in der die Ingavi die Rolle der Ewoks übernehmen.

Das Geschehen endet in einer Mischung aus Gewalt und Tragik; auch dies ist „Star Trek“: Wenn geschossen und gestorben wird, so soll der Zuschauer/Leser wenigstens dadurch lernen. Die Naivität der auf diese Weise verbreiteten Botschaften hat nicht grundlos den Spott der Nicht-Trekkies beflügelt.

Trekkies in guten Händen

Obwohl „Der Abgrund“ alles andere als gute, d. h. originelle Science Fiction darstellt, gehört der Roman nach „Star-Trek“-Maßstäben zu den gelungenen Serien-Beiträgen. Das Autoren-Duo Lang & Weddle kennt sich perfekt im „Star-Trek“-Kosmos aus, den vor allem Weddle als Autor zahlreicher Drehbuch-Vorlagen für die TV-Serie „Deep Space Nine“ aktiv mitgestaltet hat. Der schematischen Handlung zum Trotz liest sich „Der Abgrund angenehm vertraut, weil der Grundton stimmt: Die bekannten Figuren handeln und denken serienkonform, die „Star-Trek“-Atmosphäre ist spürbar.

Diese Stimmung lässt sich schwer beschwören. Wie der regelmäßig lesende Trekkie aus leidvoller Erfahrung bestätigen kann, begnügen sich die meisten Autoren von „Star-Trek“-Romanen mit dem Versuch der möglichst deckungsgleichen Kopie – und scheitern. In diesem Punkt haben Lang & Weddle gute Arbeit geleistet. Wer also ‚nur‘ einen „Star-Trek“-Roman lesen möchte, der die TV-Ära wieder aufleben lässt, ist mit „Der Abgrund“ gut bedient. Da diese Zufriedenheit in einer Flut drittklassiger „Star-Trek“-Abenteuer keineswegs selbstverständlich ist, wird an dieser Stelle eigens darauf hingewiesen …

Autoren

David Weddle gehört nicht zum Söldner-Heer jener Autoren, die primär „tie-ins“, also Romane zu Filmen und TV-Serien, fabrizieren. Er schreibt vor allem Drehbücher für das Fernsehen. Auf der eindrucksvollen Liste seiner verfilmten Vorlagen finden sich Erfolgsserien wie „Star Trek: Deep Space Nine“, „Kampfstern Galactica“ oder „CSI Las Vegas“.

Sein Handwerk lernte Weddle buchstäblich von der Pike auf. Er besuchte die USC School of Cinematic Arts in Los Angeles. Hier lernte er seinen späteren Autoren-Partner Bradley Thompson kennen. Hilfreich erwies sich zudem die persönliche Bekanntschaft mit dem Regisseur Sam Peckinpah (1925-1984), dessen Autobiografie Weddle 1994 veröffentlichte.

Über Jeffrey Lang, der für einen „tie-in“-Autoren relativ wenig schreibt, ist nur bekannt, dass er mit seiner Familie in Bala Cynwyd im US-Staat Pennsylvania lebt und arbeitet.

[md]

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