Quintessenz

Keith R. A. DeCandido
Quintessenz

(Star Trek – The Next Generation, Bd. 3)

Originaltitel: Q & A (New York : Pocket Books 2008)
Dt. Erstausgabe: Januar 2010 (Cross-Cult Verlag/Star Trek – The Next Generation 3)
Übersetzung: Stephanie Pannen
Cover: Martin Frei
274 S.
ISBN-13: 978-3-941248-63-2

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Das geschieht:

Die aktuelle Forschungsmission des Föderations-Raumschiffs „Enterprise“ führt Captain Picard und seine Crew zum Planeten Gorsach IX. Zahlreiche Anomalien deuten auf einen künstlichen Ursprung hin. Die Untersuchung gestaltet sich schwierig, da das Landungsteam weder seinen Augen noch den Instrumenten trauen kann.

Während die „Enterprise“ um Gorsach IX kreist, öffnen sich überall im Universum gewaltige Dimensionsrisse. Man kann sie zwar sehen, doch sämtliche Sensoren fassen ins Leere. Die eigenartigen Erscheinungen breiten sich aus und verschlingen Sterne, Planeten und Raumschiffe, die in ihren Bannkreis geraten.

Dass er dem Rätsel auf der Spur ist, bleibt Picard, der ohnehin nichts von dem Chaos im Kosmos ahnt, verborgen. Ihn plagen andere Sorgen, denn ein alter und wenig geliebter Bekannter sucht die „Enterprise“ heim: Q, das mit gottähnlicher Macht aber nicht mit Manieren ausgestattete Wesen, ist wieder aufgetaucht und ärgert den Captain und seine Besatzung mit Spott und Bosheiten.

Picard fasst sich in Geduld, denn noch nie ist Q grundlos erschienen. Tatsächlich lässt der ungebetene Besucher bald die Katze aus dem Sack: Namenlose Geistwesen haben Gorsach IX präpariert. Sein Betreten setzte den Untergang des Universums in Gang; unabsichtlich wurde das Landungsteam der „Enterprise“ zum Auslöser der Apokalypse. Verzweifelt sucht Picard nach einem Weg, das Verhängnis aufzuhalten. Das ist der Moment, auf den Q gewartet hat, der nun in die Rolle des Retters schlüpft und Picard einen Ausweg weist. Picard traut ihm nicht, zumal der lästige Spötter selbst angesichts des Endes der Welt frivole Scherze treibt. In der Tat wird aus der Mission zur Rettung des Universums eine absurde Höllenfahrt …

Bärendienst am Trekkie-Kunden

In seinem Nachwort (S. 257-262) erinnert sich Autor DeCandido an den Auftrag, dessen Erfüllung wir diesen Roman verdanken: Zum 20-jährigen Jubiläum von „Star Trek – The Next Generation“ wollte das Franchise den (zahlenden) Trekkies nicht das übliche „tie-in“-Einheitsgarn, sondern etwas Besonderes präsentieren. Dabei waren selbstverständlich die Grenzen der „ST“-Bibel zu wahren, deren eng gefasste Regeln dafür sorgen, dass sich in den Quadranten A bis D nie wirklich etwas ändert. Außerdem ging der Job an Keith DeCandido, das menschliche Pendant eines Schreibautomaten, der – mit „Star-Trek“-Fakten gefüttert – erfahrungsgemäß innerhalb der knapp gesetzten Frist präzise so viele Wörter produziert, dass sie sich zu einem Buch fügen. Dieses kommt ex in die Läden und wird hopp verkauft, gelesen und vergessen.

Was dem Franchise in unserem Fall nur lieb sein kann, denn viel Leserärger mischt sich in die Frage, worin denn der Sinn einer Geschichte wie „Quintessenz“ liegen könnte? DeCandido schlägt viel Schaum, indem er seine Story mit unzähligen Zwischenspielen und Zeitsprüngen würzt, aber als der Berg dann kreißt, gebiert er nur ein Mäuslein: „Quintessenz“ wirkt wie die hastige Zusammenfassung einer auf Notizzetteln skizzierten Handlung.

Das Ende des Universums ist wohl selten so eindruckslos wie von DeCandido beschrieben worden. Dies passt gut zu einem Roman, der sich auf recycelte „Star-Trek“-Szenarien und das detailreiche Schwelgen in der Serien-Vergangenheit beschränkt. Der Verfasser will uns dies (siehe ebenfalls Nachwort) allen Ernstes als Konzept verkaufen. Damit dürfte er nicht einmal den langmütigsten Trekkie täuschen können, denn auch er (oder sie) mussten sich ja durch jene ersten einhundert Seiten kämpfen, auf denen DeCandido gänzlich auf eine stringente Handlung verzichtet.

Stillstand im Angesicht der Apokalypse

Stattdessen erzählt er vom Alltag an Bord der „Enterprise“ nach „Nemesis“, dem verhängnisvoll gefloppten Kinofilm. Das Kern-Team hat sich verändert; Riker und Troi haben abgemustert, Data ist tot, und im Hintergrund verteilt jetzt Admiral Janeway im Auftrag der Föderations-Bürokratie Arschtritte, so gut dies über Funk möglich ist. Neue Gesichter mischen sich unter die vertrauten Figuren, und es dauert, bis man sich zusammengerauft hat: Im TV-„Star Trek“ wäre dies der Stoff für jene Zwischenszenen, in denen es kräftig menschelt, wie dies gewiss auch in der Zukunft geschehen dürfte.

Freilich wurden solche Szenen in der Regel gut getimt mit einer ‚richtigen‘ Handlung vermischt präsentiert; kein Drehbuchautor wäre damit durchgekommen, in einer Serienfolge ausschließlich die Seifenoper spielen zu lassen. Außerdem wussten die Darsteller diese Einschübe zu spielen und zur Charaktervertiefung ihrer Figuren zu nutzen. Faktisch schufen sie jenes Repertoire des Zwischenmenschlichen, das DeCandido nur wiederkäut. Sieht man die Schauspieler nicht in ihren Rollen und hört ihre Stimmen nicht, sind solche Szenen nur Zeilenfüller.

DeCandido drischt ohnehin und vor allem in der ersten Hälfte seines Romans Stroh. Mit hohem Aufwand lässt er Picards „Enterprise“, Rikers „Titan“, ein klingonisches sowie ein romulanisches Kriegsschiff oder einen Ferengi-Frachter auf Dimensionsrisse stoßen. Für die eigentliche Handlung sind diese Nebenstränge, die inhaltlich beinahe deckungsgleich ablaufen, völlig belanglos.

Für das Finale wärmt DeCandido die abgestandene Story von den überlappenden Parallel-Universen auf. Plötzlich stehen der ‚echten‘ „Enterprise“ eine vom quicklebendigen Data kommandierte „Enterprise“, eine von Wesley Crusher geführte „Enterprise“, eine von den Klingonen eroberte „Enterprise“, eine „Enterprise“ aus dem bösen Spiegel-Universum, eine „Enterprise“ … ad nauseam. DeCandido würde dies wohl eine „Reminiszenz“ nennen. Tatsächlich ist es die denkfaule Wiederholung einer verbrauchten Idee.

Fäden verknäulen, wo kein Knoten nötig ist

Zu den besseren Einfällen des „Star-Trek“-Universums gehört die Figur Q. In einem Interview, das Julian Wangler mit Keith R. A. DeCandido führte (S. 270-274) stellt dieser sehr richtig fest, dass Qs seinen Aufstieg zum Publikumsliebling der Interpretation des Schauspielers John de Lancie verdankt. Dieser beherrschte die Balance auf den schmalen Graten zwischen Witz und Lächerlichkeit, zwischen Emotion und Gefühlsduseligkeit.

DeCandido hält sich eng an De Lancies Q und tut gut daran. Sobald Q auf der „Enterprise“ erscheint, kommt endlich Dynamik ins Geschehen. Zwar ist es traurig, dass erst kindlich-kindische Herausforderung die pompös würdige „Enterprise“-Crew in Bewegung bringt, doch Q ist immerhin Q geblieben, er bricht nicht unter der Last der eigenen Wichtigkeit beinahe zusammen: Bierernst war und ist noch immer das große Problem von „Star Trek“.

Für sein Auftauchen benötigt Q einen Grund. Selbst DeCandido wagt nicht, das Ende der Welt nur deshalb zu inszenieren. Seine Alternative ist keineswegs besser, weil als reine Schnapsidee allzu deutlich erkennbar: Er zieht mysteriöse Super-Wesen, noch mächtiger als die Q, aus dem Hut, deren Zeitvertreib u. a. aus der regelmäßigen Zerstörung des Universums besteht. Sie haben das derzeitige Ende bereits vor einiger Zeit eingeleitet – und das wird plötzlich zum Grund, weshalb Q seit beinahe zwei Jahrzehnten Picard piesackt. DeCandido erzählt die wichtigsten ihrer Begegnungen nach und konstruiert einen roten Faden, der auf Gorsach IX endet. Das ist weder erforderlich noch überzeugend, DeCandido gibt Antworten auf Fragen, die niemand gestellt hat. (Immerhin springt ein hübscher Originaltitel dabei heraus: „Q & A“ = „Questions & Answers“) Q ist ein Synonym für Unberechenbarkeit, die der Figur erhalten bleiben sollte.

Somit reiht sich „Quintessenz“ unrühmlich in die Reihe der ‚neuen‘ Abenteuer der „Next Generation“ ein. Was in 45 Fernseh-Minuten womöglich unterhalten könnte, langweilt, wenn es auf mehr als 250 Seiten ausgewalzt wird. Die Idee trägt nicht über diese Distanz, und DeCandido dürfte dies wissen. Doch bis der irritierte, vom „Star-Trek“-Gütesiegel gelockte Leser diesen „Jubiläums-Roman“ in der Hand hält, hat der fleißige Verfasser längst zwei, drei weitere „tie-in“-Romane fabriziert. Das Franchise setzt auf Masse statt Klasse, auf die bekannte Trekkie-Treue und auf den Sammeldrang der Fans, die auch Schlapp-SF wie „Quintessenz“ einen Platz in ihrem Bücherregal einräumen – interessant aber traurig, wie gut dieses System funktioniert!

Autor

Keith Robert Andreassi DeCandido wurde am 18. April 1969 in New York City, Stadtteil Bronx, geboren. Er studierte an der Fordham University und fungierte als Herausgeber der Universitäts-Zeitung. Diese Erfahrung war nützlich, denn nach seinem Abschluss arbeitete DeCandido für verschiedene Verlage. Außerdem produzierte er (mit John Drew) Anfang der 1990er Jahre eine TV-Show für das Privatfernsehen von Manhattan. „The Chronic Rift“ beschäftigte sich mit Science Fiction; die Show lebt bis heute als Podcast weiter.

Als Autor wurde DeCandido Ende der 1990er Jahre aktiv. Von Anfang an spezialisierte er sich auf die Produktion von „tie-ins“, Romanen zu und nach Filmen und TV-Serien wie „Buffy“, „Farscape“ oder „Supernatural“. Er schrieb Geschichten, die in den Videogame-Universen von „World of Warcraft“ oder „Resident Evil“ spielten und lieferte Story-Vorlagen für zahlreiche Comics. Die meisten Romane und Storys entstanden ab 2000 für das „Star-Trek“-Franchise; DeCandido trug zu sämtlichen Serien bei. Nicht sein Einfallsreichtum, sondern sein Tempo, seine Zuverlässigkeit sowie die Bereitschaft, sich einem vorgegebenen Handlungs- und Figurenrahmen zu unterwerfen, ließen ihn zu einem der begehrtesten „tie-in“-Autoren überhaupt aufsteigen. Bereits im Alter von 40 Jahren erhielt DeCandido 2009 einen „Lifetime Achievement Award“ der „International Association of Media Tie-in Writers“.

Copyright © 2010/2017 by Michael Drewniok (md)

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