Tödlicher Ruhm

Ben Elton
Tödlicher Ruhm

(sfbentry)
Originaltitel: Dead Famous (London : Bantam Press/Transworld Publishers 2001)
Übersetzung: Jörn Ingwersen
Deutsche Erstveröffentlichung: September 2003 (Goldmann Verlag/TB Nr. 45442)
381 S.
ISBN-13: 978-3-442-45442-6

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Das geschieht:

Auf BPK-TV, einem erfolgarmen Sender, dümpelte „Hausarrest“, ein Menschenzoo à la „Big Brother“, bisher ohne besondere Zuschauerresonanz dahin. Am 27. Tag ist einer der Insassen durchgedreht und hat eine Mitgefangene erstochen. Leider (und merkwürdigerweise) haben die sonst allgegenwärtigen Kameras zwar die Bluttat, aber nicht das Gesicht des Täters festgehalten.

Der Verdacht liegt nahe, dass es einem der anderen Teilnehmer gehört. Chief Inspector Coleridge von der Mordkommission sieht sich bei seinen Ermittlungen indes vor ein für ihn ganz neues Problem gestellt: Nachdem die Quoten durch die Schreckenstat plötzlich in die Höhe schnellten, wollen die Macher „Hausarrest“ ganz und gar nicht absetzen. Die Show wird weitergehen. Coleridge muss seine Verdächtigen ‚von außerhalb‘ überprüfen.

Das ist einfacher gesagt als getan, weil dem Ermittler jeder Draht zu den „Hausarrest“-Kandidaten fehlt, die er aus tiefstem Herzen verachtet. Wie es üblich ist im TV-Rotlichtgewerbe, hat man durch Herkunft und Charakter möglichst unterschiedliche Männer und Frauen zusammengepfercht. Die räumliche Enge soll Sexeinlagen und quotenförderliche Konflikte provozieren; diese Rechnung ist wunderbar aufgegangen.

Der mürrische Coleridge und seine Kollegen forsten die Videoaufzeichnungen der Show nach Indizien durch. Gleichzeitig gilt es auf Anzeichen einer weiteren Untat zu achten. Obwohl Coleridge sich in der Hölle wähnt, setzt er die Teile dieses Krimipuzzles allmählich zusammen. Derweil steigert der Sender den Druck auf seine Laborratten und hofft auf eine Explosion, die nicht ausbleibt …

Druck auf den Dreck ausüben

Reality-TV und Krimi: eine Kombination, die sich quasi selbst ergibt, ist doch diese Art des Fernsehens eindeutig kriminell – kriminell dumm, kriminell verlogen, kriminell menschenverachtend. Sein Erfolg speist sich aus einem natürlichen Voyeurismus, der von skrupellosen Geschäftemachern systematisch geschürt und gesteuert aber nie wirklich befriedigt wird. Die Kandidaten sind großmäulige Proleten, denen im ‚richtigen‘ Leben nichts gelingt und denen zu Recht niemand zuhört, hohlbirnige Tröpfe, die sich ordentlich vorführen lassen, sowie scheinbar gerissene Karrieristen, die auf eine ‚Karriere‘ in eben dem Fernsehsumpf hoffen, in welchem sie sich exhibitionistisch suhlen.

Sie alle werden buchstäblich aufs Kreuz gelegt von denen, die sie vor die Kameras locken. Manipuliert wie Ratten im Käfig, sollen die Insassen von „Hausarrest“ möglichst publikumstauglich aufeinander losgehen – im Bett oder im Zorn. Dass gleichzeitig noch andere Gefühle aufkochen, ist den Verantwortlichen gleichgültig oder sogar willkommen. So ist es im ‚echten‘ Fernsehen, so ist es in „Tödlicher Ruhm“, wobei der Verfasser die Schraube nur einige Windungen anzieht: Was geschieht, wenn der Druck zu groß wird?

Ein Mord ereignet sich, der indes sogleich ins Reality-Konzept integriert wird; eine bemerkenswert ‚logische‘ Folge, die dem Leser gar nicht seltsam vorkommt. Meisterhaft hat Verfasser Elton das dreckige Geschäft offengelegt, in dem Täter und Opfer nicht mehr zu erkennen sind: Schuldig sind sie letztlich alle, die sich auf dieses Spiel einlassen.

Die Herrschaft der Dummheit

Das Lachen bleibt einem mehr als einmal im Halse stecken. Zu perfekt trifft Elton (ausgezeichnet unterstützt von seinem deutschen Übersetzer Jörn Ingwersen) den Ton der Bunker-Shows. Wie im ‚richtigen‘ Reality-TV löst sich die Grenze zwischen tatsächlichem Geschehen und Fiktion auf. Die Figuren reden exakt den Schwachsinn, den wir aus dem Fernsehen kennen. Die Zynismen hinter der Kamera bleiben uns verborgen, aber wir glauben gern, dass es dort so zugeht wie Elton es – ein wenig überzeichnend – darstellt.

Viele Mahner und Tugendwächter reiben sich am Reality-TV gerieben. Manche meinen es ehrlich, andere suchen nur nach einem Vehikel für die eigene Karriere und einen Weg zu den Medien. Alle scheitern sie vor allem aus einem Grund: Sie nehmen sich und ihre Mission viel zu Ernst. Das macht sie angreifbar für die Fun-Guerillas, jene IQ-Null-Proleten, die sich endlich ernstgenommen fühlen von ‚ihrem‘ Fernsehen.

Ben Elton ist ein gefährlicherer Gegner. Er prangert nicht an, er führt vor. Die fast dokumentarisch anmutende, dem reinen Kriminalroman entliehene Darstellung eignet sich perfekt für diesen Zweck. Als echter Humorist – Elton ist keiner der vom Privatfernsehen geklonten Grimassenschneider – weiß er um die Macht des (britischen) Witzes: Völlig ernsthaft werden ausgefeilte Ungeheuerlichkeiten präsentiert. Zudem macht er sich die Dreistigkeit des Gegners zu Eigen und zeigt weder politisch korrekten Respekt noch Zurückhaltung. Fernsehen à la „Hausarrest“ ist für Elton Dreck. Wenn er sich mit dieser Haltung den Zorn der Balla-Ballermänner und ihrer Kollaborateure zuzieht, so ist ihm das gleichgültig. „Anspruch“ ist für ihn nicht zum Schimpfwort verkommen, Idioten sind und bleiben Idioten, auch wenn sie sich zunehmend erfolgreich in der Öffentlichkeit produzieren dürfen.

Der Krimi-Plot kann mit der Narrenschau scheinbar nicht mithalten. Tatsächlich fügt er sich exakt in die Kulisse ein. Im „Hausarrest“-Ambiente könnte kaum ein raffiniertes Verbrechen geschehen; wer wäre schon in der Lage es auszutüfteln? Der Mord bleibt deshalb so lange ungeklärt, weil er unter einer Lawine von Dummheit begraben zu werden droht. Als Coleridge diese endlich fortgeschaufelt hat, braucht er nur mehr kurze Zeit das Geheimnis zu lüften. Es passt in seiner Absurdität natürlich zum sonstigen Geschehen.

Grauen Mensch – ungefiltert

„[Sie waren alle nervtötend.] Jeder einzelne dieser Leute mit ihren trainierten Bäuchen und den nackten Ärschen, ihren Bizepsen und Trizepsen, ihren Tattoos und Nippelringen, ihrem gemeinsamen Interesse an Sternzeichen, ihren endlosen Umarmungen und Berührungen und vor allem ihrem vollständigen Mangel an echter intellektueller Neugier auf irgendwas auf diesem Planeten, das nicht unmittelbar mit ihnen zu tun hatte.“ (S. 17) Treffender lässt es sich wohl nicht ausdrücken.

Die Stimme der Vernunft gehört ausgerechnet dem knurrigen Inspector Coleridge. Entgeistert verfolgt er, der das klassische Theater verehrt, die ihm bisher unbekannten Possen des modernen Fernsehens. Seine bissigen Kommentare treffen stets auf den Punkt. Andererseits – er merkt es selbst mit Schrecken – brandmarken sie ihn als spielverderbenden Weltverbesserer, den selbst die jüngeren Kolleginnen und Kollegen für wunderlich halten.

Dabei ist Coleridge keinen Deut besser als die meisten Menschen: Als sich ihm die Chance bietet, den Mörder auf offener Bühne und vor zahllosen Fernsehkameras zu entlarven, kann er der Versuchung keineswegs widerstehen. Die ‚Belohnung‘ –  Verfasser Elton kann sehr zynisch sein – folgt auf dem Fuß: Der nun berühmte Coleridge bekommt endlich die Hauptrolle, die er sich so lange gewünscht hatte. Vor einem Publikum, von dem Hercule Poirot und seine Kolleginnen und Kollegen nur träumen durften, hat er ein Mordrätsel gelöst.

Den freiwilligen Teilnehmern von „Hausarrest“ gibt Elton zwar Biografien. Trotzdem bleiben sie ausnahmslos austauschbar. Sie besitzen im Grunde keine Persönlichkeit. Deshalb spürt man auch keinen Moment Mitleid mit ihnen, die versucht haben, das System auszutricksen, um ohne Verstand und Arbeit reich und berühmt zu werden. Anders als in der Realität werden sie für ihre Unerträglichkeit bestraft. Mord, Selbstmordversuch, die Enthüllung hässlicher privater Geheimnisse, Ruin, Gefängnis: Es gibt schließlich keine echten Gewinner, nur Überlebende, auch wenn einige von diesen sogar zu dämlich sind, dies zu begreifen.

Autor

Ben Elton. geboren 1959 in Catford, London, besuchte die Godalming Grammar School und studierte an der Manchester University. Nachdem er diese 1980 verlassen hatte, wurde er Stand-Up-Komiker sowie Comedy-Schreiber und als solcher eine der zentralen Figuren der alternativen Comedy-Szene in den frühen 1980er Jahren. Bereits zu dieser Zeit trat er in diversen TV-Shows auf und verfasste Drehbücher. Sein Durchbruch gelang ihm mit der Sitcom „The Young Ones“. Weitere Erfolge stellten sich ein; so war Elton an der berühmten „Blackadder“-Serie mit Rowan Atkinson beteiligt.

1990 bekam er seine eigene Show. „The Man from Auntie“ („Auntie“ ist ein Spitzname für die BBC) wurde berühmt, mit dem Nachfolger („The Ben Elton Show“) konnte der Komiker daran anknüpfen. Neuere Projekte waren dagegen deutlich weniger erfolgreich. Parallel zur Fernseharbeit begann Elton, Romane und Stücke zu schreiben. Sein Debüt war „Stark“ (1989; in der Verfilmung übernahm Elton selbst eine Rolle). Bei der Verfilmung seines Romans „Inconceivable“ führte er Regie (2000, Filmtitel „Maybe Baby“). Elton schrieb auch mit an den Rockmusicals „We Will Rock You“ (Musik: Queen) und „Tonight’s the Night“ (Musik: Rod Stewart) mit.

Seit 2004 pendelt Ben Elton zwischen Notting Hill, London, und Fremantle in Westaustralien, der Heimat seiner Ehefrau; inzwischen hat er die australische Staatsbürgerschaft angenommen.

Kurzkritik für Ungeduldige: In einer bisher mäßig erfolgreichen englischen „Big Brother“-Variante ereignet sich ein Mord. Der Täter muss unter den miteinander eingesperrten Teilnehmern sein und wird womöglich noch einmal zuschlagen. Der Fernsehsender bricht die TV-Haft nicht ab, sondern fährt Rekordquoten ein … – Vor der der Horrorkulisse einer modernen ‚Reality‘-Shows läuft ein klassisches „Locked-Room“-Mystery ab. Bitterböse und mit knochentrockenem Humor führt der Verfasser das aktuelle Dumpfproll-Fernsehen vor, ohne dessen heuchlerischen Kritiker zu schonen: ein uneingeschränkt empfehlenswerter Lesespaß!

[md]

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