Trigger Mortis – Der Finger Gottes

Anthony Horowitz
Trigger Mortis – Der Finger Gottes

(James-Bond-007-Serie)

Originaltitel: Trigger Mortis – A James Bond Novel (London : Orion 2015)
Übersetzung: Anika Klüver u. Stephanie Pannen
Deutsche Erstausgabe (Paperback): September 2015 (Cross-Cult Verlag)
367 S.
ISBN-13: 978-3-86425-774-2
eBook: September 2015 (Cross-Cult Verlag)
681 KB
ISBN-13: 978-3-86425-467-3

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Das geschieht:

Wir schreiben das Jahr 1957. Die Welt ist in zweieinhalb Supermacht-Blöcke geteilt, die einander spinnefeind sind. Auf der einen Seite stehen die USA und Großbritannien, auf der anderen Sowjet-Russland und China (das im Bond-Kosmos nur die zweite Geige spielt). Der Kalte Krieg wird mit harten Bandagen ausgefochten; so setzt der britische Geheimdienst in dringenden Fällen gern seinen Agenten James Bond alias 007 ein, der von seiner Lizenz zum Töten oft Gebrauch macht, wenn es gilt, den Feinden der Demokratie westlichen Zuschnitts den Garaus zu machen.

Gerade hat er den irren Auric Goldfinger ausgeschaltet. Dessen dabei gerettete – und wunderschöne – Helfershelferin Pussy Galore hat Bond längst über und ist dankbar, als ihn ein neuer Auftrag nach Deutschland führt: Dort soll auf dem Nürburgring ein englischer Rennfahrer ermordet werden, um der sowjetischen Konkurrenz einen (Propaganda-) Sieg zu ermöglichen. Bond muss an dem Rennen teilnehmen und die Übeltat verhindern.

007 ist nicht nur erfolgreich, sondern entdeckt überdies, dass die sowjetische Spionage- und Mord-Organisation SMERSH in das Unternehmen verwickelt ist. Er findet heraus, dass ein mächtiger, dem Geheimdienst bisher unbekannter Mann mit dem roten Lumpenpack zusammenarbeitet: Sin Jai-Seong, der sich im Westen Jason Sin nennt, ist ein koreanischer Selfmademan, der es bis zum Milliardär gebracht hat. Seine Anwesenheit in Nürburg deutet auf ein weiteres, wesentlich kapitaleres Komplott hin, dem Bond nun nachspürt.

An seiner Seite steht die US-amerikanische Agentin Jeopardy Lane. Gemeinsam gerät man in gruselige Todesfallen, denen man gerade noch entkommt, während Sin einen wahrlich diabolischen Plan in die Tat umzusetzen gedenkt …

Alles (fast) zurück auf Anfang

Seit 2006 der Schauspieler Daniel Craig in die Rolle des Super-Agenten 007 schlüpfte und dessen Abenteuer auf ein (vergleichsweise) realistisches Niveau reduziert wurden, bekam das zuletzt zur eigenen Parodie degenerierte James-Bond-Franchise einen frischen Erfolgsschub, der bis heute anhält.

Selbstverständlich wurde das flankierende Merchandising-Geschäft nicht vernachlässigt. Neue Bond-Romane erschienen, die originalen, von Ian Fleming (1908-1964) geschriebenen Bücher werden ständig neu aufgelegt. Darüber hinaus wird nach weiteren Möglichkeiten gefahndet, den Bond-Fans das Geld aus den Taschen zu ziehen.

Es konnte in diesem Zusammenhang nicht ausbleiben, dass man noch einmal Flemings Schreibtisch auf den Kopf stellte und nach bisher ungenutztem Original-Material fahndete. Dies geschah nicht zum ersten Mal; schon Fleming selbst hatte bei sich geräubert. In den 1950er Jahren und bevor James Bond zum Millionenerfolg und modernen Mythos wurde, hatte er eine Reihe von Drehbuchentwürfen für eine geplante 007-TV-Serie geschrieben, die nie verwirklicht wurde. Einige dieser Skripte schrieb Fleming später zu Bond-Storys um. Noch später wurden zumindest deren Namen für 007-Kinofilme verwendet, die inhaltlich nicht mehr auf Fleming-Material basierten: „For Your Eyes Only“, „Octopussy“, „The Living Daylights“, „Quantum of Solace“ usw.

Ganz tief in Mr. Flemings Mülleimer

Keine Verwendung fanden bisher ein Fragment, das unter dem Titel „Murder on Wheels“ erhalten blieb und schilderte, wie Bond als Rennfahrer eine Attacke der tückischen Sowjet-Teufel durchkreuzte. Dieser Entwurf wurde ‚sensationell wiederentdeckt‘ und unter multimedialem Tamtam dem englischen Schriftsteller Anthony Horowitz übergeben. Der hatte sich durch die von der Kritik und dem Publikum gleichermaßen gefeierte Neubelebung von Sherlock einen Namen gemacht, was ihn nach Ansicht der 007-Rechtsinhaber dafür qualifizierte, einen ‚neuen‘ Bond-Roman alten Stils zu schreiben.

Bisher hatte nur ein Autor einen Beitrag zur ‚offiziellen‘ Bond-Chronik geliefert: Robert Markham alias Kingsley Amis veröffentlichte 1968 „Colonel Sun“ (dt. „James Bond auf der griechischen Spur“/„Liebesgrüße aus Athen“/„Colonel Sun“), der die Abenteuer des Agenten nach dem letzten ‚echten‘, d. h. von Ian Fleming geschriebenen Roman „The Man with the Golden Gun“ (1964; dt. „Der Mann mit dem goldenen Colt“) fortsetzte. Inzwischen war Bond – s. o. der Sprung ins 21. Jahrhundert gelungen. Dennoch sah das Franchise Luft für einen Rücksturz in die klassische 007-Ära.

Die Bond-Romane der 1950er und 60er Jahre profitieren nicht nur von ihrer Spannung – der beste 007-Autor war und ist Ian Fleming. Dies lag allerdings auch an der einerseits geschickten und andererseits unfreiwilligen Einbindung in das zeitgenössische Umfeld. Der Ur-Bond ist eindeutig eine politisch unkorrekte Figur, die sich in einer politisch unkorrekt geschilderten Welt bewegt. Gemeint ist damit keineswegs der enorme Frauenverschleiß, der ohnehin in den Filmen stets stärker in den Vordergrund gerückt wurde als in den Romanen. Gravierender ist Flemings Schwarz-Weiß-Sicht einer Welt, die einerseits durch den Zweiten Weltkrieg und andererseits durch den sich daran anschließenden Kalten Krieg geprägt war.

Stil & Vorurteile

Fleming war ein Snob und stolz darauf. Dies spiegelt sich in seinem Werk wider. So hielt er an Großbritanniens Rolle als Weltmacht fest, obwohl das Land nach 1945 weltpolitisch deutlich an Macht verlor und von den USA abgehängt wurde – für Fleming eine unangenehme Tatsache, die er zwar nicht ignorierte aber abschwächte: Die Geheimdienste der USA und Großbritanniens treten stets gleichberechtigt auf, aber die Engländer sind die erfahrenen Altmeister, denn sie spielen das „Große Spiel“ viel länger als die ehemaligen Rebellen.

Zu Flemings Lebzeiten gehörte es zudem quasi zum guten Ton, die „Kommunisten“ als primitive, brutale, hinterlistige Mordbrenner zu brandmarken, die es verdienten, mit Stumpf und Stiel ausgerottet zu werden. Ganz im Geiste dieses Vorbilds legt sich auch Anthony Horowitz keine Zügel an, wenn er billig gekleidetes, schlecht rasiertes, minderwertigen Tabak rauchendes SMERSH-Gesindel in Szene setzt – ganz sicher keine Gentlemen, womit die Grenze im Geiste Flemings deutlich markiert ist: Bond mag ein Spion und Killer sein, aber gleichzeitig repräsentiert er das Savoir-vivre einer selbst ernannten Elite, die sich nach Stand und Bildung definiert und einem zwar ungeschriebenen aber den Eingeweihten bekannten und akzeptierten Ehrenkodex folgt.

Instinktiv wissen Bonds Gegner, dass sie ihm in dieser Hinsicht nicht das Wasser reichen können. Fleming schuf als Folge ein wahres Panoptikum seelisch und geistig aus der Spur geratener Schurken, die primär durch Minderwertigkeitsgefühle dazu getrieben werden, die Welt entweder zu erobern oder wenigstens zu zerstören. Ihr Außenseiterstatus macht sie wütend, weshalb sich Sin Jai-Seong problemlos in diese Galerie einreiht.

Gut kopiert ist nicht originalgetreu

„Trigger Mortis“ ist ein seltsamer literarischer Zwitter: Wieder einmal beweist Autor Horowitz sein Gespür für einen Stil, der längst von der Zeit eingeholt wurde. Dieses Buch liest sich wie ein ‚richtiger‘ Fleming-Bond. Sorgfältig in Szene gesetzte Action-Szenen wechseln sich ab mit Sequenzen, in denen Bond in seiner Welt und seiner Zeit geschildert wird. Mode, Essen, Hotelqualität, die Wahl des korrekten Zigarettentabaks: Dies sind wichtige Alltagsaspekte für Bond, denen deshalb Fleming wie Horowitz viel Raum geben.

Allzu originalgetreu durfte (und wollte) Horowitz freilich nicht sein: Die Welt hat sich gedreht. Während die Sowjetunion längst Geschichte ist und als fehlgeschlagenes Experiment der Zivilisationsgeschichte problemlos als Schurkenstaat ausgeschlachtet werden darf, musste Bonds urzeitliches Frauenbild behutsam der Gegenwart angepasst werden. Zwar sind die neu aufgelegte Pussy Galore, die Rennfahrerin Logan Fairfax und die US-Agentin Jeopardy Lane vorgeblich selbstbewusst, doch gleichzeitig stellen sie Bond-Beute dar und werden als solche dargestellt. 007-Frauen in wichtigen Nebenrollen tragen stets zweideutige Namen und sind bildhübsch, bleiben aber austauschbar. Es ist deshalb ein Fehler, dass Horowitz Pussy Galore aufleben lässt: Sie hat nach „Goldfinger“ ihren Daseinszweck als aktuelle Frau, die von Bond gerettet wird, erfüllt; kein Wunder, dass sie sich bald sang- und klanglos in die USA absetzt und Platz für Jeopardy Lane macht, die nach „Trigger Mortis“ denselben Weg ins Abseits nehmen wird – ein Weg, den Horowitz beschreibt, ohne dass es die Leser wissen möchten.

Faktisch bietet „Trigger Mortis“ die typische Bond-Hatz rund um die Welt. Bei näherer Betrachtung kann Horowitz keine Höhepunkte setzen: „Trigger Mortis“ ist eine Sammlung mehr oder weniger geschickt variierter Handlungselemente aus Flemings Bond-Romanen und den Filmen. Nostalgie und Stil sollen die Originalitätsarmut des Geschehens ersetzen – eine Rechnung, die nicht wirklich aufgeht. Nach 14 Romanen und Story-Sammlungen, für die Ian Fleming verantwortlich zeichnet, ist ein 15. Bond-Thriller, der im eng gesteckten Rahmen bleibt, kein Lektüre-Muss.

Das Recht des Erfolges

Selbstverständlich ist dies kein Argument, wenn man der Werbung folgt. Die ‚Wiedergeburt‘ des James Bond wurde global zum Ereignis hochstilisiert. Prominente Jubel-Rezensenten ließen sich gut bezahlt leicht finden, und vielen Lesern gefiel „Trigger Mortis“ tatsächlich – kein Wunder, denn dies ist ganz sicher kein schlechtes Buch! Horowitz hat sich wacker geschlagen, was vor allem deshalb bemerkenswert ist, weil er mit einem gewichtigen Manko zu kämpfen hatte: Vorgegeben war ihm die zentrale Einbindung der Nürburg-Sequenz, die Fleming geschrieben hatte. Dieses „Original-Material“ spielte bei der Vermarktung eine große Rolle, so belanglos es quanti- und qualitativ auch war.

In der Tat fällt auf, dass sich die an sich durchaus spannende Rennfahrt nicht in den Hauptplot einfügen will. Für das eigentliche Geschehen spielt sie keine Rolle, sondern dient nur der Einführung von Sin Jai-Seong, der an den bondtypischen und nicht gerade spannend inszenierten Eroberungsfantasien leidet. Wie der Schurke ist auch Jeopardy Lane als Bond-Girl der Stunde eine Kopie ohne selbstständige Existenzberechtigung.

Überhaupt übertreibt es Horowitz oft mit der Nähe zum Original, was vermutlich als Reminiszenz oder Futter für Nitpicker & Bond-Nerds gerechtfertigt wird. („Guck mal, in ‚Feuerball‘ trifft Bond Graf Lippe aus dem westfälischen Detmold, in „Trigger Mortis“ verschlägt es ihn ins westfälische Bad Salzuflen!“) Dank des flüssigen Stils, der seine Übersetzung gut überstanden hat, liest sich „Trigger Mortis“ flott. Dass der Leser bereits Mühe hat, sich an den Inhalt zu erinnern, sobald er das Buch zugeschlagen hat, ist womöglich kein Manko: Der Konsument von heute kennt und schätzt solche Teflon-Lektüre, die umgehend Hirn-Raum für die nächste Hype-Sau schafft, die durch das Medien-Dorf getrieben wird.

Autor

Der am 5. April 1955 in der englischen Grafschaft Middlesex geborene Anthony Horowitz bezeichnet sich als unglückliches (und übergewichtiges) Kind, das die Schule hasste und sich nur in der umfangreichen Bibliothek seines Vaters geborgen fühlte. Seine Mutter unterstützte seine Liebe zur phantastischen Literatur; schon der junge Anthony wollte Schriftsteller werden.

Horowitz studierte Englische Literatur an der Universität von York, die er 1977 mit einem „Batchelor of Arts“ verließ. Bereits zwei Jahre später erschien sein erstes Buch. „The Sinister Secret of Frederick K Bower“ („Das finstere Geheimnis“) war ein humorvoller, spannender Abenteuerroman für Kinder – ein Publikum, das Horowitz in den nächsten Jahrzehnten ausgiebig mit Lesestoff versorgte.

1983 siedelte Horowitz nach Paris um. Hier entstand „The Devil’s Door-Bell“, der erste Teil der „Pentagramm“-Serie. Nach seiner Mitarbeit an der TV-Serie „Robin of Sherwood“ (1984-1986) konzipierte er 1987 die Serie „Crossbow“, deren Held der Schweizer Nationalheld Wilhelm Tell war. 1986 erschien „The Falcon’s Malteser“ („Die Malteser des Falken“), der erste Teil der bis heute lose fortgesetzten Krimi-Komödie um die beiden „Diamond Brothers“ Tim, einen erfolglosen Privatdetektiv, und seinen jüngeren Bruder Nick. Für „Grossham Grange“ („Schule des Grauens“), die Geschichte eines übernatürlich begabten Schülers, wurde Horowitz 1989 mit einem „Lancashire Children’s Book of the Year Award“ ausgezeichnet.

In den 1990er Jahren erweiterte Horowitz sein Schaffensspektrum. Er schrieb nun verstärkt für Fernsehkrimi-Serie wie „Agatha Christie’s Poirot“ (ab 1991), „Anna Lee“ (1994), „Crime Traveller“ (1997) oder „Barnaby“ (ab 1997). Sehr erfolgreich wurde ab 2000 seine Serie um den jugendlichen Geheimagenten Alex Rider, deren erster Band („Das Geheimnis von Port West“/„Stormbreaker“) 2006 nach Horowitz‘ eigenem Drehbuch verfilmt wurde. Ein erster Roman ausdrücklich für ein erwachsenes Publikum war 2004 „The Killing Joke“.

Seit 1988 verheiratet, lebt Horowitz in London. Über sein umfangsreiches Werk informiert diese Website.

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