Wächter der Nacht

Sergej Lukianenko
Wächter der Nacht

(Wächter-Serie, Bd. 1)

(sfbentry)
Originaltitel: Nochnoi Dozor (Moskau : AST 1998)
Übersetzung: Christiane Pöhlmann
Deutsche Erstausgabe: Oktober 2005 (Heyne Verlag/Paperback Nr. 53080)
527 S.
ISBN-13: 978-3-453-53080-5
Neuausgabe: September 2015 (Heyne Verlag/TB Nr. 31618)
527 S.
ISBN-13: 978-3-453-31618-8
eBook: August 2011 (Heyne Verlag)
719 KB
ISBN-13: 978-3-641-06578-2

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Das geschieht:

Diese Welt ist nicht nur der Ort, den wir ahnungslosen Menschen kennen. Da gibt es auch das „Zwielicht“, eine Sphäre, die nur von den „Anderen“ wahrgenommen und betreten werden kann: gefährliche Wesen, die als Vampire, Werwölfe, Schwarzmagier oder Hexen bekannt sind, aber auch Zauberer und Gestaltwandler, die im Frieden mit den Menschen leben.

Licht und Dunkel wetteifern seit Äonen um die Vormacht. Das Gleichgewicht muss unbedingt gewahrt bleiben, sonst gerät die Welt aus den Angeln. Vor vielen Jahren war es einmal fast soweit. Die Mächte des Lichts und die Mächte der Dunkelheit hätten einander ausgelöscht, wäre nicht in letzter Sekunde ein Waffenstillstand zu Stande gekommen. Seither halten auserwählte „Lichte“ als „Wächter der Nacht“ zwischen Sonnenuntergang bis -aufgang ein Auge auf die Dunklen, während diese folgerichtig einen eigenen Orden, „Wächter des Tages“ genannt, die Aktivitäten der „Lichten“ kontrollieren lassen.

Das System funktioniert, obwohl es immer wieder und vor allem seitens der „Dunklen“ zu Übergriffen kommt. Sorgen bereitet aktuell eine Prophezeiung, welche die Ankunft eines ganz besonderen „Anderen“ ankündigt. Er soll die Macht besitzen, sich über die alte Ordnung zu erheben. Unklar ist, ob dieser mysteriöse Messias – der zwölfjährige Jegor – sich auf die Seite der „Lichten“ oder die der „Dunklen“ schlagen wird.

Da als Ort seiner Ankunft Moskau in Russland gilt, formieren sich dort die „Wächter“ beider Seiten. Zu ihnen gehört Anton Gorodetzki, ein Mensch, der erst spät als „Anderer“ erkannt und in die Reihen der „Lichten“ aufgenommen wurde. Zusammen mit seiner neuen Einsatzpartnerin, der in die Gestalt einer Eule gebannten Zauberfrau Olga, nimmt er Jegors Spur auf. Unter Leitung des finsteren Magiers Sebulon setzen allerdings die „Dunklen“ alles daran, der ‚Konkurrenz‘ zuvorzukommen …

„Gut“ & „Böse“ und viele Schatt(ierung)en

Dies ist Auftakt zu einem epischen Kampf zwischen Gut und Böse, der nicht kontinuierlich, sondern in drei Episoden erzählt wird, die wiederum Teil einer Buchtrilogie sind, die inzwischen fortgesetzt wurde. Die Handlung schreitet unterbrochen durch zwei zeitliche Sprünge voran, was bei der Lektüre zunächst verwirrt: Wieso ist Olga, gerade noch zu einem ewigen Dasein als Eule verdammt, plötzlich wieder Mensch? Was in der Zeit zwischen zwei Großkapiteln bzw. „Geschichten“ geschah ist, fließt später in die Erzählung ein. Man wird auf diese Weise Zeuge eines Geschehens, das viel zu gewaltig scheint, um in seiner Gänze überschaut zu werden.

Zudem spiegelt es die Undurchsichtigkeit der Ereignisse wider. „Wächter der Nacht“ unterscheidet sich von vielen allzu naiv gestrickten Fantasy-Storys durch eine recht komplexe Handlungsstruktur. Faktisch ist der Kampf zwischen „Lichten“ und „Dunklen“ nicht wie erwartet identisch mit dem Kampf zwischen „Gut“ und „Böse“. Die Grenzen sind fließend. Die Organisation der „Wächter der Nacht“ schützt in erster Linie weder die Menschheit noch die „Anderen“, sondern den Status Quo – den Waffenstillstand mit den „Dunklen“.

Dafür müssen immer wieder Kompromisse eingegangen werden, die ‚Neue‘ bei den „Wächtern der Nacht“ aber auch alte Kämpen über Sinn und Berechtigung ihres Tuns grübeln lassen. So ist es Bestandteil des Vertrags, dass die „Dunklen“ Lizenzen erwerben und damit auf Menschenjagd gehen dürfen. Dies geschieht aus der Erkenntnis heraus, dass Vampire, Werwölfe etc. nicht aus reiner Bosheit morden, sondern das Töten von Menschen zu ihrer Natur gehört, gegen die sie nur teilweise ankommen. Die drei Geschichten in „Wächter der Nacht“ (und hier vor allem „Im eigenen Saft“) erzählen von den Problemen, welche die der Vertrag in der alltäglichen Umsetzung mit sich bringt.

Alltag im Jenseits

Lukianenkos Verdienst besteht in der Erschaffung eines in sich logischen Weltkonzepts, in dem die Realität, wie wir sie kennen, nicht nur von Menschen und „Anderen“ bewohnt wird, sondern mit dem „Zwielicht“ eine Einheit bildet. Ebenfalls eine ausgezeichnete Idee ist der Zwang zur gütlichen Gemeinsamkeit: Menschen, „Lichte“ und „Dunkle“ sind aufeinander angewiesen, selbst wenn erstere von der Existenz des „Anderen“ keine Ahnung haben. Man lebt auf einem einzigen Planeten und muss sich arrangieren. Was geschieht, wenn die Balance kippt, hat der große Krieg zwischen den „Lichten“ und „Dunklen“ bewiesen, der auch die Menschheit an den Rand des Untergangs brachte.

Folgerichtig ist sowohl bei den „Wächtern der Nacht“ als auch bei ihren „Kollegen“ von der Tageswache Dienst vor allem Dienst. Es gibt keinen Glamour, statt dessen viele Vorschriften. Argwöhnisch belauern sich die beiden Parteien. Es gibt kaum offene Streitigkeiten. Stattdessen schwärzt man einander lieber bei den Vorgesetzten an, lockt sich in Fallen, stellt immer wieder den Vertrag auf die Probe. Nicht einmal auf die eigenen Leute darf man sich verlassen, muss Anton Gorodetzki, die Hauptfigur, mehr als einmal schmerzlich feststellen: Der von ihm verehrte Chef und Meistermagier Boris Ignatjewitsch opfert ohne zu zögern seine „Wächter“, wenn es die Sache – der Vertrag – erforderlich macht.

„Wächter der Nacht“ erzählt damit auch die Geschichte Gorodetzkis, der aus seinem üblichen Trott gerissen und von Ignatjewitsch in den Außendienst und damit an die Front versetzt wird. Bisher war Gorodetzki mit sich und den „Wächtern“ im Reinen bzw. klammerte das Wissen um die moralischen Schwachstellen des Vertrags aus. Das gelingt ihm nun nicht mehr, zumal zu seinen Freunden – verbotenerweise – ein junger Vampir, d. h. ein „Dunkler“, gehört, der ihn immer wieder in Streitgespräche über seine „Arbeit“ verwickelt und dabei in die Enge treibt. (Dies zu verfolgen ist übrigens interessanter als die Beschreibungen magischer Schlachten, die wie einem PC-Game entnommen wirken.)

Aus dem „Plan“ wird der „Vertrag“

Auch Jegor und Svetlana Nasarowa machen aus ihren Zweifeln keinen Hehl. Sie wählen im Verlauf der Handlung ihre Seite und müssen zukünftig mit deren Gesetzen und Regeln fertig werden. Rebellen gegen das System werden von den „Wächtern der Nacht“ rasch und gnadenlos im angeblichen Dienst der Sache ausgeschaltet. Boris Ignatjewitsch ist ein Meister der Argumentation, wenn man ihn auf die ethische Problematik des Vertrags anspricht. Die leugnet er nicht, erklärt sie jedoch zweitrangig angesichts möglicher Folgen. Er hat den schrecklichen Krieg gegen die „Dunklen“ selbst erlebt und kennt eine Welt ohne Vertrag. Seine Schwierigkeit besteht darin, dies den „Nachgeborenen“ nicht nahebringen zu können. Sie müssen ihm vertrauen, sich als „Wächter“ wie Schachfiguren einsetzen lassen oder auf die Seite der „Dunklen“ schlagen, um zukünftig als Feinde betrachtet zu werden.

Ambivalenz prägt jede Figur in „Wächter der Nacht“. Das lässt die Linie zwischen Freund & Feind verschwimmen und die Szenerie sehr realistisch wirken. Hier gibt es jene kindliche Eindeutigkeit nicht, die oft die moderne Fantasy prägt. Unbequeme Fragen werden gestellt aber nicht immer beantwortet. Die Figuren treffen wiederholt Entscheidungen, die es erschweren die „Guten“ zu lieben und die „Bösen“ zu hassen. Anton Gorodetzki legt den Vertrag nicht nur oft eigenwillig aus, sondern biegt dessen Vorschriften in einem Maße, das sogar eindeutigen Mord „gestattet“. Dies geschieht immer mit Billigung von Boris Ignatjewitsch, dem großen Strippenzieher im Hintergrund.

Die Schwierigkeiten der „Anderen“ sind hausgemacht. Keine böse Macht von außen bedroht sie. Sie machen sich selbst das Leben schwierig. „Dunkle“ wie „Lichte“ können sich einfach nicht zusammenraufen. Das lässt sie sehr menschlich wirken, was „Wächter der Nacht“ ein solides psychologisches Fundament verschafft und neugierig macht, wie weit beide Seiten in ihrem Drang zur Vorherrschaft gehen werden. Ein Sprichwort der “Lichten” fasst die eigentümliche Situation in folgende Worte: „Trau einem Menschen zur Hälfte, einem Lichten zu einem Viertel und einem Dunklen überhaupt nicht.“ (S. 471)

Moskau in den Schatten

Ungeachtet dessen lässt sich nicht sagen, Sergej Lukianenko habe das Genre neu erfunden. Das Geschehen lässt sich auf den uralten Kampf zwischen den Mächten des Guten und des Bösen reduzieren. Reizvoll sind die moralischen Ambivalenzen sowie das Ambiente: Besagter Kampf spielt sich (ähnlich wie in den „Blade“- oder „Underworld“-Filmserien) nicht in einem zeitlich und örtlich unbestimmten, pseudo-mittelalterlichen Fantasy-Universum, sondern mitten im Hier und Jetzt, d. h. in der modernen Gegenwart ab. Die ist zudem in Moskau lokalisiert – einem Moskau, das nicht in westlicher Sicht als von Kommunisten-Zombies bevölkerte Geisterstadt oder Russenmafia-Metropole herhalten muss. Ein russischer Schriftsteller schildert einen russischen Schauplatz. Die Kenntnis der örtlichen Verhältnisse sorgt für einen speziellen Reiz.

Der positive Eindruck, den die Geschichte als solche hinterlässt, wird in der deutschen Fassung leider durch die Übersetzung beeinträchtigt. Betont ‚jugendlich‘ soll der Roman sich lesen – ein Vorhaben, das eigentlich jedes Mal in die Hose geht und Saloppschwafel („Ich sprintete zu einer Bude und knallte dem Verkäufer zwei Münzen hin.“) produziert. Der Rezensent räumt freilich ein, dass womöglich ihn persönlich stört, was heutzutage der Lesermehrheit längst nicht mehr (störend) auffällt.

Autor

Sergej Lukianenko wurde 1968 in der zu diesem Zeitpunkt noch sowjetischen Unionsrepublik Kasachstan geboren. Er studierte in der ehemaligen Hauptstadt Alma-Ata (heute: Almaty) Medizin und war mehrere Jahre als Psychiater.

Im „neuen Russland“ nach dem Zusammenbruch der UdSSR begann Lukianenko zu schreiben. Den Durchbruch brachte ihm 1998 der erste Teil der phantastischen Trilogie um die „Wächter der Nacht“, die eine Millionenauflage erlebte und in Russland sogar erfolgreicher als die Fantasy-Klassiker „Herr der Ringe“ oder „Harry Potter“ wurde.

Lukianenko lebt heute als freier Schriftsteller in Moskau. Mit dem Drehbuchautor und Regisseur Timur Bekmambetov arbeitete er eng während der Dreharbeiten zum „Wächter der Nacht“-Film zusammen und zeigte sich Änderungsvorschlägen, welche die Geschichte filmischer gestalten sollten, durchaus aufgeschlossen.

Website des Verfassers (englisch)

Kurzkritik für Ungeduldige: In Moskau formieren sich die Mächte des Dunkels gegen die Mächte des Lichts; ein Aufmarsch, der den ahnungslosen Menschen verborgen bleiben muss. Heimlich aber heftig wird intrigiert, und wer die Oberhand gewinnt, wird über das Schicksal der Welt entscheiden … – Geschickt gesponnene Unterhaltungsliteratur, die den Nerv der Leserschaft treffen konnte und bis heute fortgesetzt wird. Der Autor spinnt ein spannungsreiches Fantasy-Garn, das im Russland der Gegenwart spielt.

[md]

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