13 Millionen Tonnen, 2500 Schiffe, 50000 Leben

J. Revell Carr
13 Millionen Tonnen, 2500 Schiffe, 50000 Leben

(sfbentry)
Originaltitel: All Brave Sailors. The Sinking of the „Anglo-Saxon” (New York : Simon & Schuster 2004)
Übersetzung: Peter Torberg
Deutsche Erstausgabe (geb.): 2004 (Marebuchverlag)
478 S.
ISBN-13: 978-3-936384-90-1

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Inhalt:

Im August des Jahres 1940 gelingen der deutschen Kriegsmaschine auf dem europäischen Kontinent erschreckende Fortschritte. Niemand kann die Nazis offenbar aufhalten. Auch auf den Meeren versuchen sie die Oberhand zu gewinnen. Vor allem die Nachschubtransporte zwischen den noch neutralen USA und dem hartnäckigen Kriegsgegner Großbritannien sind ihnen ein Dorn im Auge. Deshalb haben deutsche Kreuzer und U-Boote die Anweisung, britische Frachter mit ihrer Ladung zu versenken.

Das Trampschiff „Anglo-Saxon“, 130 Meter lang, ist im Nordatlantik unterwegs, als ein gefährlicher Gegner seinen Kurs kreuzt. Hellmuth von Ruckteschell, der ehrgeizige Kommandant des Hilfskreuzers „Widder“, hat schon im I. Weltkrieg Feindschiffe gejagt und ist Marinesoldat bis ins Mark. Seinen Auftrag verfolgt er unerbittlich. Ohne 41 ahnungslosen Seeleuten eine Warnung zukommen zu lassen, schießt die „Widder“ die fast wehrlose „Anglo-Saxon“ und ihre Besatzung zusammen.

Nur sieben zum Teil schwer verletzte Briten entkommen in einem angeschlagenen Beiboot dem Gemetzel. Ohne Lebensmittel und Wasser treiben sie zehn Wochen hilflos im Nordatlantik. Grauenvolle Szenen spielen sich an Bord ab. Als die Jolle endlich entdeckt wird, stehen die Retter vor nur noch zwei Männern, welche die Entbehrungen fast wahnsinnig werden ließ.

Damit ist die Geschichte der „Anglo-Saxon“ nicht zu Ende. Roy Widdicombe und Robert Tapscott, die beiden Überlebenden, werden zu Schlüsselfiguren eines Prozesses, der nach dem II. Weltkrieg geführt wird. Angeklagt ist Hellmuth von Ruckteschell. Ist er ein Kriegsverbrecher, oder hat er einfach nur seine Pflicht erfüllt? Gerechtigkeit ist ein Geschäft, das von jenen betrieben wird, die selbst nie betroffen sind. Ein Happy-End gibt es ohnehin nicht – die unfreiwilligen ‚Helden‘ der „Anglo-Saxon“ nehmen ein trauriges Ende. Zurück bleiben zerstörte Familien, für welche die Ereignisse von 1940 noch heute Auswirkungen haben …

Vernichtungskrieg: Ein Begriff wird begreifbar

Namenloses Grauen bekommt man in den Griff, indem man es auf Einzelschicksale verdichtet: Dies ist ein probates Mittel, was vor allem dann gilt, wenn sich jemand seiner bedient, der sein Handwerk versteht. Der Marinehistoriker J. Revell Carr gehört ganz sicher in diesen Kreis. Seit 1945 sind unzählige Bücher erschienen, die sich mit dem II. Weltkrieg im Atlantik beschäftigen. Selten gelang es, die menschliche Tragödie hinter den belegten Fakten so sachlich und gleichzeitig eindringlich zu verdeutlichen wie Carr.

Das Geschehen an sich ist denkbar leicht verständlich: Um jeden Preis versuchte Nazideutschland die Nachschublinien zwischen den USA und Großbritannien zu kappen. Was das im Detail bedeutete, gerät im großen Zusammenhang leicht außer Sicht: Vor allem in den ersten Kriegsjahren attackierten gut ausgebildete deutsche Soldaten mit schwer bewaffneten Schiffen und U-Booten über und unter Wasser simple Handelsschiffe, die sich kaum oder überhaupt nicht wehren konnten. Entschlossen, sich von Hitlers Truppen nicht in die Knie zwingen zu lassen, harrten ihre Besatzungen trotzdem an Bord ihrer dünnhäutigen Frachter aus, die ihnen vom Feind unweigerlich „unter dem Hintern weggeschossen“ wurden, wie ein zeitgenössischer Spruch es drastisch verdeutlicht.

Wenn sie Glück hatten, gerieten die Handelsschiffer an einen Gegner, der ihnen die Flucht in die Rettungsboote ermöglichte, bevor er das Feuer eröffnete. Hatten sie Pech, trafen sie Männer wie Hellmuth von Ruckteschell, der seine persönliche, aber beileibe nicht untypische Auffassung von Pflicht und Kriegführung besaß.

Dämonen der Seele, Dämon auf See

Wobei dieser von Ruckteschell keinesfalls der gerade von den Briten gern verteufelte ‚typische‘ Deutsche der Nazi-Ära ist. Bemerkenswert wertneutral bemüht sich Verfasser Carr, die Biografie dieses Mannes zu rekonstruieren. Er fördert Erstaunliches zu Tage: die schwer verständliche Geschichte eines Mannes von hoher Intelligenz, der überaus gläubig und künstlerisch hoch begabt ist, zwischen den Kriegen als Handwerker arbeitet – und sehr wahrscheinlich psychisch krank durch den Stress wurde, dem er auf See während des I. Weltkriegs ausgesetzt war.

Dies leitet über zur düsteren Seite des Hellmuth von Ruckteschell, der seine inneren Sorgen und Ängste hinter einer Maske cholerischer Unnahbarkeit zu verstecken versuchte, mehr als einmal hilflose Kriegsgefangene ermorden ließ und auf See eine völlig andere Persönlichkeit zu entwickeln schien. Diese Ambivalenz und die daraus entstehende Unberechenbarkeit macht von Ruckteschell zur eigentlichen Zentralfigur dieses Buches, wie Verfasser Carr selbst rasch erkannt hat.

Die Männer der „Anglo-Saxon“ sind dagegen längst nicht so interessant. Man begreift sie als die „brave sailors“, die tapferen Seeleute des Originaltitels. Als Gruppe bewundert man sie, die im vollen Wissen um die ständige Gefahr den zivilen Dienst für ihr Land leisten. Man ist entsetzt über die unsäglichen Leiden, denen die Männer ausgesetzt sind. Aber obwohl Carr sich bemüht, jedem Mann an Bord der Jolle ein Gesicht zu geben, bleiben die Überlebenden Menschen, die man vergisst, sobald sie nicht mehr im Brennpunkt einer an sich faszinierenden Geschichte stehen. Deshalb ist es erneut Hellmuth von Ruckteschell, dessen Schicksal den Leser fesselt, als er vor Gericht steht: Wie im Film ist es halt auch im Leben des Bösewichts, der die Aufmerksamkeit des Publikums erregt.

Die Vergangenheit ist hartnäckig

„13 Millionen Tonnen, 2500 Schiffe, 50000 Leben“ – der sperrige deutsche Titel, der die alliierten Verluste an Fracht, Schiffen und Menschenleben im Verlauf des II. Weltkriegs beschreibt, soll offenbar Leser abschrecken statt sie zu locken … – ist ein musterhaftes Sachbuch. Minuziös hat Verfasser Carr die letzte Fahrt der „Anglo Saxon“ recherchiert. Er bleibt auch nach der Rettung „dran“. Die Nachgeschichte bildet hier keinen knappen Epilog („Was machen sie heute …“), sondern ist untrennbar mit dem Geschehen von 1940 verbunden.

Überzeugend legt Carr dar, wie der Untergang der „Anglo-Saxon“ die Leben vieler Menschen auf Jahrzehnte prägte. Damit sind durchaus nicht nur die unmittelbar Beteiligten gemeint. Ob auf der britischen oder auf der deutschen Seite: Die Seeleute hatten Familien und Freunde, die sich mit dem Verlust geliebter Menschen oder mit der Tatsache vertraut machen mussten, einen Kriegsverbrecher und Mörder zum Ehegatten, Sohn, Bruder etc. zu haben.

Am Beispiel des Seemanns Robert Tapscott rekonstruiert Carr die psychischen Folgeschäden eines einschneidenden krisenhaften Erlebnisses. Dieser Mann, der bitter entschlossen entsetzliche körperliche Qualen erlitten und überlebt hatte, brachte sich zwanzig Jahre später um. Er überlebte von Ruckteschell, dem die eigenen Kriegserlebnisse seine Gesundheit geraubt hatten, nur um wenige Jahre.

Geschichte ist spannend

So wird aus einer Episode des Seekriegs ein Panorama, das sich nicht auf die Aufzählung von Schlachten, Schiffen und Verlusten beschränkt, sondern dem Krieg Gesichter gibt. Noch einmal sei die Objektivität betont, mit welcher sich der Verfasser seinem Thema nähert. „All Brave Sailors“ nennt er sein Buch im Original. Er spielt damit nicht primär auf die unglücklichen Männer in der „Anglo-Saxon“-Jolle an, sondern erinnert an alle mutigen Seeleute, die trotz aller Gefahr und Furcht freiwillig ihrem Job nachgingen.

Dass einem die beschriebenen Schicksale so nahe gehen, liegt an J. Revell Carrs Talent, sie uns literarisch nahe zu bringen. In der deutschen Übersetzung ist der Verfasser verständlicherweise auf seinen Übersetzer angewiesen, der diese Qualität zu wahren versuchen muss. Mit Peter Torberg hat der Marebuchverlag erfreulicherweise einen Mann gefunden, der sein Handwerk vorzüglich beherrscht.

Autor

J. Revell Carr (geboren 1939 in Pennsylvania) lernte das Meer als Leutnant in der US-Navy kennen. Im Zivilleben wurde er Historiker mit dem Spezialgebiet Marine. Hier entwickelte er sich zu einem der weltweit wichtigsten Vertreter dieses Fachbereichs. Sein Wissen brachte ihn auf die Leiterstelle des größten Marinemuseums der Welt. Mehr als zwei Jahrzehnte leitete Carr das „Mystic Seaport“ in Connecticut. Heute lebt er als Privatgelehrter und Autor in Maine.

[md]

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